Sibylle Biermann-Rau
An Luthers Geburtstag brannten die Synagogen
Eine Anfrage
calwer Paperback
Sibylle Biermann-Rau
An
Luthers Geburtstag
brannten
die Synagogen
Eine Anfrage
Calwer Verlag Stuttgart
Gedruckt mit freundlicher Unterstützung
der Calwer Verlag-Stiftung
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte Daten sind im Internet über
http://dnd.ddb.deabrufbar.
2. Auflage 2014
ISBN (eBook) 978–3–7668–4312–8
ISBN 978–3–7668–4204–6
© 2012 by Calwer Verlag Stuttgart
Alle Rechte vorbehalten. Wiedergabe, auch auszugsweise,
nur mit Genehmigung des Verlags.
Typografie, Satz und Herstellung:
ES Typo-Graphic Ellen Steglich, Stuttgart
Umschlaggestaltung: Karin Sauerbier, Stuttgart
E-Mail: info@calwer.com; Internet: www.calwer.com
eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
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Inhalt
Vorwort
I „Von den Jüden und ihren Lügen …”
(Martin Luther, 1543)
Luthers antijüdische Äußerungen
Exkurs:Begriffsklärung Antijudaismus und Antisemitismus
Die Berufung auf Luthers Judenfeindschaft in der Zeit des Nationalsozialismus
Veröffentlichungen außerhalb der Kirche
Veröffentlichungen innerhalb der Kirche
II „Wir haben von D. Martin Luther gelernt, dass die Kirche der rechtmäßigen staatlichen Gewalt nicht in den Arm fallen darf”
(Generalsuperintendent Otto Dibelius, 1933)
Hitlers Machtübernahme und die evangelische Kirche
Exkurs:Bekennende Kirche im Überblick
Kirchliche Reaktionen auf die Ausgrenzung der Juden (1933–1935: 1. Phase)
Vielfältige Reaktionen aus dem Jahre 1933 – Kirchenleitungen, Deutsche Christen, Vorläufer der Bekennenden Kirche
Bekennende Kirche ab 1934
Kirchliche Reaktionen auf die Entrechtung der Juden (1935–1938: 2. Phase)
Die Denkschrift von Elisabeth Schmitz 1935/1936
Die Denkschrift an den Führer 1936 und die Bekennende Kirche
Exkurs:Zur Biografie von Elisabeth Schmitz
III „An Luthers Geburtstag brennen in Deutschland die Synagogen”
(Landesbischof Martin Sasse, 1938)
Kirchliche Reaktionen auf die Reichspogromnacht 1938
Deutsche Christen und Bekennende Kirche
Proteststimmen einzelner evangelischer Christen – Elisabeth Schmitz, Helmut Gollwitzer und andere Prediger (Immer, von Jan), Karl Barth, Dietrich Bonhoeffer
IV „Gewiss fällt es der Evangelischen Kirche nicht ein, dem Staat bei seinem Kampf gegen den unheilvollen Einfluss des Judentums in die Arme zu fallen …”
(Landesbischof Theophil Wurm, 1939)
Kirchliche Reaktionen auf das Ausstoßen der Juden (1938–1941: 3. Phase)
Äußerungen aus dem Frühjahr 1939
Äußerungen ab Kriegsbeginn, Herbst 1939
Ein Zeichen am Fuße der Wartburg: Institut zur „Entjudung von Kirche und Christentum“
Kirchliche Reaktionen auf die Vernichtung der Juden (1941–1945: 4. Phase)
Deutsche Christen und Deutsche Evangelische Kirche
Bekenntniskreise
„Stunde Null“ 1945: Bilanz und Fragen
V „… nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt”
(Stuttgarter Schuldbekenntnis, 1945)
Die evangelischen Bekenntnisse der unmittelbaren Nachkriegszeit: EKD 1945, Sozietät 1946, Bruderrat 1947
„Nachträge“ zur Judenfrage: Bruderrat 1948, EKD 1950
VI „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich!”(Paulus)
Wegbereiter einer Neuorientierung im Verhältnis zwischen Christen und Juden bis 1978/1980
Personen im Dialog: Albrecht Goes, Martin Buber, Helmut Gollwitzer, Schalom Ben Chorin, Eberhard Bethge, Pinchas Lapide
Initiativen zur Verständigung und Versöhnung
Rheinischer Synodalbeschluss 1980 – Mitverantwortung und Schuld am Holocaust
Umdenkprozess in der evangelischen Kirche bis heute
Konsequenzen für die Gemeindepraxis
Gottesdienst und Bildungsarbeit
Kirchliches Gedenken an die Reichspogromnacht
Umgang mit Synagogen
VII „Luthers Judenfeindschaft ist ein Irrweg” – Ein Beitrag zum Luther-Reformationsjubiläum bis 2017?
Bewertung von Luthers Judenfeindschaft
Kirchliche Ansätze zu einer kritischen Sicht von Luthers Judenfeindschaft
Von der Notwendigkeit einer Absage an Luthers Judenfeindschaft durch die Evangelische Kirche in Deutschland
Nachwort Psalm 126
… in der Übersetzung Martin Luthers
… in der Übersetzung Martin Bubers
Anmerkungen
Literatur
Bildnachweis
Vorwort
zur ersten Auflage
Es begann mit einer Frage nach dem Gottesdienst, den ich am 9. November 2008 in unserer Friedenskirche zum Gedenken an die Reichspogromnacht vor siebzig Jahren gehalten habe. Eine 72-jährige Frau kommt auf mich zu: „Ja, stimmt das wirklich mit dem Judenhass von Luther?“ Und: „Haben Sie mir da etwas zum Nachlesen?“
Ich finde nichts Geeignetes und stelle schließlich ein paar Kopien zusammen. Durch Gespräche mit anderen verstärkt sich mein Eindruck, dass in unseren Gemeinden nicht sehr viel bekannt ist über Luthers Judenfeindschaft und ihre Wirkungsgeschichte im Dritten Reich sowie über die Reaktionen in der evangelischen Kirche auf die Judenpolitik der Nationalsozialisten. Haben die wissenschaftlichen Forschungsergebnisse und die vielen Bücher zu diesem Thema nur wenige Interessierte erreicht?
Dabei geht es um eine zentrale Frage, die für uns als Christen in Deutschland eine brennende bleiben muss, auch wenn wir sie nie abschließend werden beantworten können:
Warum konnte diese Zerstörung jüdischen Lebens geschehen inmitten eines christlichen Kulturvolks, inmitten eines Landes, das sich zugute hält, das Land Luthers und der Reformation zu sein?
Als Nachgeborene – Jahrgang 1955 – steht es mir nicht zu, das Verhalten der Kirchen und vieler Christen im Dritten Reich selbstsicher zu verurteilen. Aber ich frage mit Erschrecken: „Warum?“ Diese „Warum“-Frage bricht immer wieder in mir auf, seit ich 1974 mit Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste zwei Wochen in der heutigen Gedenkstätte von Auschwitz war – und auch dann, als im November 2008 Mieciu Langer in unserem Kirchenraum seine persönliche Geschichte des Holocaust erzählte.
2008 war beim 70-jährigen Gedenken an die Reichspogromnacht viel zu hören vom Schweigen der evangelischen Kirche und vom Widerstand der Bekennenden Kirche gegen den Nationalsozialismus. Wenn man genauer hinschaut, dann kann man aber wahrnehmen, dass es in der evangelischen Kirche insgesamt sogar auch ausdrückliche Zustimmung zur Judenpolitik der Nationalsozialisten gegeben hat, selbst noch zur Reichspogromnacht.
Sicher wurde in der Bekennenden Kirche überwiegend geschwiegen, aber nicht nur aus Angst, sondern auch aus Überzeugung, denn bei den evangelischen Christen in Deutschland bis weit hinein in die Bekennende Kirche gab es eine verbreitete tief sitzende antijüdische Einstellung. Und diese konnte sich unter anderem auf Luther berufen. Er selbst hatte seinerzeit sogar zur Zerstörung der Synagogen geraten.
Auch wenn die Bekennende Kirche nicht in die allgemeine Begeisterung für den nationalsozialistischen Staat eingestimmt hat, richtete sich ihr Widerstand nicht gegen das Unrechtsregime, sondern vor allem gegen nationalsozialistische Übergriffe auf die Freiheit von Kirche und Theologie, und Solidarität gab es nur gegenüber getauften Juden. Nur wenige einzelne Personen aus den Kreisen der Bekennenden Kirche haben gegen die Judenverfolgung protestiert und Juden geholfen, aber sie wurden weitgehend alleingelassen und blieben ohne Rückendeckung in ihrer Kirche. Zu ihnen gehörte auch die bis vor kurzem unbekannte Berliner Studienrätin Elisabeth Schmitz.
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