Es war dann, weil sie erstaunt war. Sie schüttelte den Kopf. Vor Staunen. Was ihr da geschah. Geschehen war. Geschehen würde. Das passierte ihr nicht. Das konnte ihr nicht passieren. So etwas passierte nicht. Ihr nicht. Und beim Schütteln blieb das Leder an der Wange kleben. Sie hob den Kopf. Die Schreibunterlage verrutschte. Papier kam zum Vorschein. Sie schob die Schreibunterlage zur Seite. Sie kannte den Briefkopf. Das war der Anwalt, der die Sammelklage organisiert hatte. Wegen dieser Sammelklage saß sie hier. In London. Weil die Marina ihre Unterschrift brauchte. Weil sonst der österreichische Staat nicht über die Rückgabe des Bilds weiterverhandeln würde. Wenn nicht alle Erben in einer Erbengemeinschaft zusammengefasst aufträten, dann würde es keine Restitutionsverhandlungen geben. Es sollten alle Forderungen gebündelt vertreten werden. Der Anwalt hatte sie mit Briefen verfolgt. Die Marina war sogar zum Mammerl nach Wien gekommen, und die hatte brav unterschrieben. Wie immer. Das Mammerl war der Marina noch nie gewachsen gewesen. Dabei war die Marina die jüngere Halbschwester. Um 15 Jahre jünger, aber trotzdem selber uralt. Sie hatte sich geweigert. Sie hatte sich geweigert, weil die Betsimammi nicht vertreten gewesen wäre. Sie hatte ihrer leiblichen Mutter die Treue gehalten. Ihretwegen konnte die ganze Geschichte mit diesem blöden Bild ins Wasser fallen. Wenn ihre Mutter nicht beteiligt war, dann war das nicht die vollständige Erbengemeinschaft, und das galt alles nicht. Das konnte alles nicht gelten. Aber da war ihre Unterschrift. Sie kannte diese Schrift. Krakelig, eckig. Elisabeth Armbruster, geborene Schreiber. Adresse. 1130 Wien, Auhofstraße 56.
Sie nahm die Papiere. Stapelte sie vorsichtig. Sie öffnete die einzelnen Laden. Sie fand keine Plastikmappe. Kuverts. Aber nur in der halben Größe. Sie faltete die Papiere und steckte sie in ein Kuvert. Sie schob die Schreibunterlage zurecht. Stand auf. Wischte den Sitz des Ledersessels mit der Daunendecke ab. Sie warf sich die Daunendecke über die Schultern und ging in ihr Zimmer. Die einzige freie Zeile war neben ihrem Namen. Sie war die Letzte, die von der Marina eingefangen werden musste.
Im nächsten Stockwerk. Sie stand auf dem dunkelrot-schwarzen Spannteppich und schaute die Stiegen hinauf. Sie rief nach Melvin. Sie schrie» Melvin«. Irgendjemand sollte da sein. Sie wollte ihn auch nur sehen. Sie wollte nur die Gewissheit, dass überhaupt noch jemand anderer existierte. Sie schrie noch einmal und löste wieder einen Schwall Blut aus. Das Blut lief die Beine hinunter. Tropfte auf den Teppich. Es kam keine Antwort. Melvin war nicht da. Es war niemand da. Sie ging in Marinas Schlafzimmer. Auch hier lief die Heizung. Sie ließ sich auf Marinas Bett fallen. In Marinas Schlafzimmer war alles golden und pfirsichfarben mit scharlachroten Akzenten. Sie ließ sich auf das Bett fallen. Auf die Daunendecke und stand dann schnell wieder auf. Sie ging in Marinas Ankleidezimmer und schaute sich um. Sie fand keine Binden oder Tampons. Das würde es bei Selina geben. Sie nahm ein Prada-Wochenendcase aus dem Kasten mit den Koffern und Taschen und einen hellgrauen Schal. Ein spinnwebfeines Gewebe.
Bei Selina versorgte sie sich mit allem. Sie duschte in Selinas Badezimmer. Türkis und dunkelblau. Sie zog ein Paul-Smith-Kleid an und nahm dunkelbraune Stiefel. Mantel. Die Mäntel von Marina und Selina waren alle zu madamig. Wirkten ältlich. Upperclass. Spießig. Sie stieg zu ihrem Zimmer hinauf. Stopfte ihre Sachen in die große Prada-Tasche. Sie rollte die Daunendecke zusammen. So klein es ging, und rammte sie in die Plastiktasche vom Flughafen München, in der sie die Handcreme aus dem duty free transportieren hatte müssen. Die Daunendecke passte nicht ganz hinein. Außerhalb der Plastiktasche sprang sie auf. Braunblutige Schmierer zeigten sich. Sie trug ihre Taschen. Nahm die zusammengerollte Daunendecke unter den Arm. Balancierte die Seifenschale und ging hinunter. Sie ließ alles im Salon zurück und ging in die Küche. Sie hielt die Seifenschale weit von sich weg.
In der Küche musste sie sich setzen. Die Seifenschale stand auf der Frühstückstheke am Fenster. Der Terrassenboden gleich vor der breiten Schiebetür nur noch am Rand feucht und Schneereste. Auf dem Rasenstück bis zur Hecke lag der Schnee nass glänzend und dünn. Spuren im Schnee. Kreuz und quer. Die Füchse.
Sie saß auf der schwarzgraufleckigen Steinplatte der Frühstückstheke am Fenster und schaute auf die Gärten hinaus. Weiß und schwarz. Der Schnee am Boden. Die nackten Äste der Bäume und Sträucher feucht glänzend. Es war nicht kalt genug. Der Schnee blieb nur auf den Rasenstücken liegen. Die schmalen Gärten. Immer ein kleines Rasenstück und Hecken rundherum. Bäume an der Mittelgrenze. Sie schaute hinaus. Sie wollte wissen, wo die Füchse wohnten. Die Füchse waren in der Nacht zu hören und ihre Schatten zu sehen, wenn sie über die Schneeflecken huschten. Die Füchse husteten. Sie hatte sich gefürchtet. Die ersten beiden Nächte. Dann hatte sie Melvin gefragt. Melvin hatte lachen müssen. Foxes. Das wären die Füchse. Ja. Das klänge, als huste ein Orchester von alten Männern da draußen. Am Tag war nichts zu sehen. Wo lebten die am Tag. Die Hecken waren schmal. Der Rasen glatt. Nirgends eine Ecke, die ein Versteck bot. Nirgends ein Schuppen, hinter dem Platz gewesen wäre. Hier kamen die Gärtner mit ihren Gartengeräten her. Hier war der Grund so teuer, dass niemand den Platz für einen Schuppen verschwendet hätte. Wo lebten also diese Füchse. Kamen die von anderswo hierher. Lebten die auf der Straße. Aber die Gärten dieses Blocks. Es gab nur eine Stelle, an der ein Garten an die Straße reichte. Von Woodfall Street gab es eine Möglichkeit. Sie war eigens um den Block gegangen, um das zu sehen. Kamen diese Füchse als Touristen in der Nacht in die Gärten und husteten da herum.
Ihr war elend gewesen. Wochenlang war ihr elend gewesen. Sie war schwer von diesem Elend gewesen. Sie hatte nie wieder aufstehen wollen und dieses Elend herumtragen. Sie hatte nur Kaffee trinken können und sich Alkohol gewünscht. Sie hatte sich die Schärfe von Whisky gewünscht. Dieses Elend im Leib durchzuschneiden. Whisky nippen. Am Fenster sitzend und in diese Gärten hinausstarrend hatte sie sich gewünscht, Whisky zu nippen und das Elend wegzudrücken und die Weinerlichkeit zu vertreiben. Und die Unruhe. Die Unruhe, die Arme und Beine flattern ließ, obwohl sich nichts bewegte. Die Unruhe hatte vom Bauch aus in den Kopf ausgestrahlt und in die Gliedmaßen. Im Kopf war die Unruhe auf die Weinerlichkeit getroffen und hatte sie stöhnen lassen. Sie war am Fenster gesessen und hatte hinausgestarrt und gestöhnt dabei. Den Whisky hatte sie nicht getrunken. Sie war zu schwer gewesen, hinunterzusteigen und eine Flasche aus dem Salon heraufzutragen. Melvin hätte das sicherlich für sie gemacht. Melvin erkundigte sich alle zwei Stunden, ob sie etwas bräuchte. Sie hatte nichts gebraucht. Und Melvin war ihr auf die Nerven gegangen.
Heute. Jetzt. Es war alles wieder klar. In ihr. Es war alles klar und eindeutig, und sie konnte wieder denken. Selbst das Unglück war scharf umrissen und schattenlos. Die Angst war ungenau geblieben. Aber die Angst war tief unten. Hinter allem. Und eigentlich war sie in der Angst. Sie bewegte sich in Angst. In diesem Haus war es nur besonders deutlich. Sie schaute auf die Fuchsspuren hinaus. Sie hätte sich mit einem Fuchs unterhalten wollen. Sie hätte einem Tiergesicht ihre Geschichte erzählen wollen. Einer Person. Einem Menschengesicht. Sie hatte es ja nicht einmal dem Onkel Schottola erzählen können. Das Ausmaß war zu groß. Oben. In der Brust oben. Da, wo sie noch empfinden konnte. Da war das Wissen ausgebreitet, dass diese Geschichte nicht erzählt werden konnte. Nicht das, was sie von dieser Geschichte selber wusste. Und schon gar nicht, was sie vermuten musste, das geschehen war und woraus sich die Folgen ergeben hatten, mit denen sie. Sie dachte nach. Kämpfte sie mit den Folgen. War das kämpfen. Es schien ihr mehr, dass sie entlanggeführt, wurde. Sie wurde die Folgen entlanggeführt und sie konnte nicht sehen, wer das war, der sie führte. Weil diese Person in ihr innen war. Innen in ihr gewesen war. Das war ja nun nicht mehr so. Sie war leer. Ausgeleert. Und anstelle der Schwangerschaft hatte sie die Adresse ihrer leiblichen Mutter, von der sie angenommen hatte. Alle hatten sie in dem Glauben gelassen. Alle hatten genickt und bejaht. Ihre Mutter lebte in Amsterdam. Sie war Künstlerin und ging in die coffee shops. Sie war eine Künstlerin wie die Urgroßmutter und behandelte ihre Kinder wie die Urgroßmutter. Sie ließ ihre Kinder von anderen aufziehen und lud sie zu den Ferien zu sich ein. Sie war nie eingeladen worden. Sie hatte drei Briefe von ihrer Mutter, und weil die aus Amsterdam waren, hatte sie angenommen, dass. Aber das war alles zu viel. Ein stechender Schmerz im Unterleib.
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