Dann hatten sich alle abgewandt. Nachdem sie diesen Satz gesagt hatten, hatten sich alle weggedreht. Wahrscheinlich hatte sie so pathetisch dreingeschaut, und die dachten, sie wäre zerstört und verzweifelt, weil sie das Kind nun nicht bekam. Wie hätte sie denen sagen sollen, dass sie kein Kind verloren hatte, weil sie keines erwartet hatte. Aber, dass das das Rätsel war. Das schreckliche Geheimnis. Ihr schreckliches Geheimnis. Ihr schreckliches Wodkageheimnis, und dass sie froh war. Dieses Geheimnis war aus ihrem Körper verschwunden. Von ihrem Körper abgestoßen. Sie konnte nicht weinen darüber. Irgendjemand hatte ihr geraten zu weinen. Die Frau im anderen Bett. Oder eine Krankenschwester. Die Frau im anderen Bett. Sie drehte sich nach links. Sie bewegte sich vorsichtig. Als wäre ihr der Bauch aufgeschnitten worden. Es tat aber nichts weh. Sie hatte genügend Medikamente bekommen.
Die Frau im anderen Bett schlief. Sie war älter. Wie alt, konnte sie sich nicht vorstellen. Die Frau trug eine Mütze. Wegen der Haare. Wahrscheinlich. Das Gesicht war braunfleckig. Die Frau hatte geschlafen, wie sie nachher ins Zimmer zurückgekommen war, und sie schlief noch immer. Sie setzte sich auf. Die Klimaanlage summte, und ein Lufthauch strich über sie. Im Sitzen konnte sie auf den Wilhelminenberg schauen. Der Wienerwald. Wie die Häuser sich hinauffraßen in die waldigen Kuppen. Straßen. Alles durchsichtig ohne Blätter. Wintergrau und bleich. Hier wäre Schnee schön gewesen. Sie sah die Fuchsspuren im Schnee auf dem Rasenstück in London vor sich. Sie musste ganz still sitzen und sich rechts und links am Bettrand festhalten. Festklammern. Etwas drehte sich rund um sie und wollte sie mitreißen. Sie musste Starre bewahren. Gerade in der Mitte sitzen. Eine Bewegung. Sie hätte erbrechen müssen. Sie hätte einen unendlichen Schwall von sich. Gestoßen. Und sie hatte Angst davor. Als würde sie mit diesem Schwall ihr Innerstes von sich geben und dann nicht mehr sein. Sie riss das Pflaster über dem dünnen Infusionsschlauch in ihrer linken Vene unter dem grünen Plastikdeckel weg. Dann zog sie diesen dünnen Schlauch heraus. Ein kitzelndes Gefühl in der Magengrube. Sie legte diesen Schlauch mit dem Verschluss auf das Nachtkästchen. Kaum Blut.
Sie konnte dann aufstehen. Sie schob erst das linke Bein über den Bettrand. Dann das rechte. Sie ließ die Beine hinunterhängen. Das half. Sie konnte tief Luft holen. Die Angst schien gleich lächerlich. Sie stand auf. Ließ die Füße auf den Boden gleiten und stellte sich auf. Sie hielt sich am Nachtkästchen fest. Es ging. Es war zwar, als wäre sie in ihrem Leben noch nie gegangen. Als lernte sie das gerade. Aber sie würde hier wegkommen. Es war sehr wichtig. Es war dann mit einem Mal das Wichtigste. Sie ging zum Kasten. Der Schlüssel für ihre Kastentür steckte. Sie schlurfte auf den Schrank zu. Es war schwierig, die Füße zu heben. Sie riss ihre Kleider aus dem Kasten und kehrte zum Bett zurück. Sie musste sich hinsetzen und warten. Sich zu bewegen. Das war mühselig. Langsam. Ganz langsam begann sie, sich anzuziehen. Sie ließ die Unterwäsche weg. Sie zog die Strumpfhose über das Netzhöschen mit der dicken Binde. Den Rock. Das dunkle shirt über die nackte Haut. Das Spitalshemd war nach vorne abzustreifen, und sie musste nichts über den Kopf ziehen. Sie war dankbar dafür. Die Vorstellung die Arme in die Höhe und an einem Kleidungsstück zerren. Die Vorstellung ließ ihre Schultern in Erschöpfung sinken. Die Jacke. In Strümpfen ging sie ins Badezimmer. Auf der Toilette. Sie starrte das helle Blut an. Ein langer Streifen dickfeuchter Watte und hellrot. Das Dunkelbraun des Dings in der Glasdose fiel ihr ein, und sie wurde noch müder. Dann nahm sie eine neue Binde. Ein Stapel davon vor dem Badezimmerspiegel. Sie zog sich an. Fuhr sich mit dem Handtuch über das Gesicht. Trocken. Sie konnte sich nicht waschen. Sie hatte einen ungeheuren Abscheu gegen die Nässe davon. Wasser. Auf den Händen. Im Gesicht. Der Abscheu löste ein Schluchzen aus. Einen einzigen Schluchzer. Sie warf die blutige Binde in den Abfallkübel. Sie hob den Deckel mit der Hand und hielt die Binde noch lange. Das war es also, dachte sie. So sah das aus. Der Schneewittchen-Fleck im Schnee. So rot wie Blut. Aber ihre Mutter war nicht gestorben. Ihre Mutter war zu ihrer bösen Stiefmutter geworden. Sie. Sie war nun keine Mutter geworden. Ohne von der Möglichkeit zu wissen. Überhaupt. Das war traurig, wie alles traurig war und wie alles nichts mit ihr zu tun hatte. Mit ihr persönlich. Sie ließ den Kübeldeckel über der Binde zufallen. Sie sah sich kurz im Spiegel. Beim Vorbeigehen. Sie hatte den Kopf gebeugt. Ihr Kopf war gesenkt, und sie sah sich selbst von unten. Darüber hätte sie weinen mögen. Wenn sie die Kraft gehabt hätte.
Im Zimmer stand eine Krankenschwester. Sie trug eine Mappe.»Frau Schreiber. «sagte sie. Das wäre ja schön, dass sie schon auf sei. Dann könne sie ihre Abmeldung gleich erledigen. Sie müsse nur hinunterfahren in die Halle und in die Aufnahme gehen und wieder zurückkommen. Die Frau drückte ihr die Mappe in die Hand, warf einen Blick auf die schlafende Frau in dem anderen Bett und ging. Mit einer energischen Drehung rannte sie aus dem Zimmer. Das Frühstück käme dann auch gleich, rief sie noch ins Zimmer zurück. Und die Visite. Die müsse sie abwarten.
Sie zog ihre Handtasche aus dem Fach des Nachtkästchens unter dem heruntergeklappten Tischchen. Das war ihre Sicherheitsmaßnahme gewesen. Sie hatte gedacht, dass sie aufwachen würde, wenn jemand diese Tischplatte hochklappen würde und die Tür des Nachtkästchens aufzerren, um an ihre Handtasche zu kommen. In der Handtasche war der Abholschein für das Kriminallabor. Sonst war da nichts Wertvolles. Aber so weit war die Ausbildung an ihr erfolgreich gewesen. Und es war alles da. Sie stellte die Tasche auf das Bett. Der grüne Zettel war im Seitenfach eingezippt. Dieser grüne Zettel würde sie zum großen bösen Wolf führen.
Sie ging auf den Gang. Das war alles lächerlich. Sie verstand, was Alter war. Erschöpfung. So musste es sein mit 90 Jahren. Geh schneller, sagte sie sich. Und nichts passierte. Der Befehl kam nirgends an. Sie schlurfte nach rechts auf den Gang und in die Halle mit den Liften. Schon auf dem Gang Leute. Vor den Liften. Viele. Sie konnte nicht Lift fahren. Sie konnte Lift fahren, aber sie konnte keine Person nahe haben. Sie konnte niemanden nahe vor ihrem Bauch haben. Sie wollte zu Fuß gehen. Sie schaute sich nach der Stiege um. Sie war im 16. Stock. Ein Lift kam. Der Pfeil über der Lifttür am anderen Ende leuchtete auf. Es ging hinunter. Sie ließ alle Leute einsteigen. Dann schob sie sich in den Lift. Knapp an der Tür. Gleich bei den Schaltknöpfen. Sie drehte sich der Tür zu. Drehte allen Personen in dem Lift den Rücken zu. Der Lift blieb dreimal stehen, und Leute stiegen zu. Sie musste jedes Mal dagegen ankämpfen, auszusteigen. Sich davonzumachen. Und sie fühlte, wie ihr Genick sich zusammenkrampfte und sie den Kopf nicht mehr heben konnte. Den Kopf nicht mehr tragen. Es war dann aber keine Erleichterung, in die Halle zu gehen. Es schienen ihr alle Leute auf sie zuzusteuern. Auf sie zuzulaufen. In sie hineinzulaufen. Sie hielt diese Mappe an sich gepresst. Die Tasche unter den Arm geklemmt.
In der Aufnahme. Sie ging an den Schalter mit der Aufschrift» Entlassung«. Sie schob die Mappe unter dem Glas durch. Die Frau verlangte ihre e-card. Sie suchte die Karte aus dem rotledernen Etui heraus. Schob die e-card unter dem Glas durch. Die Frau steckte die Karte in ein Gerät. Schrieb etwas in ihren Computer. Dann schob die Frau alles unter dem Glas durch zu ihr zurück und wandte sich ab. Die Frau stand auf und ging nach hinten weg. Sie nahm die Mappe und ihre e-card und ging hinaus. In der Halle. Es roch. Es roch nach Kaffee und Kebab und Pommes frites. Es war gerade 8 Uhr. Pommes frites. Vor der Information stand eine lange Schlange Wartender. Menschen kamen durch die Eingangstüren. Kamen von den Liften. Fuhren mit den Rolltreppen in die oberen Stockwerke hinauf. Gingen in den Supermarkt. Standen an der Kassa da an. Ein Getöse. Das Gehen und Sprechen. Ein Summen und Tosen.
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