Sie suchte in den Schubladen. Sie fand dann eine flache Glasdose mit Plastikdeckel. Zum Aufbewahren von Schinken im Eiskasten. Oder Käse. Geschnittener Käse.
Sie ließ das Ding in diese Glasdose gleiten. Sie rammte die Seifenschale zur Daunendecke in den Plastiksack. Warf das alles in einen riesigen Müllsack aus wasserblauem Plastik. Glänzend. Sie verknotete den Müllsack. Sie öffnete die Sicherung an der Glastür zur Terrasse. Das war eine Einladung an die Einbrecher. Sie wünschte sich, dass jemand einbrechen würde. Am liebsten solche, die in den Häusern wüteten. Die Fäkalien über alles schmierten. Die alles zerschnitten. Die alles zerschlugen. Die Sammlung von Jugendstilvasen. Das kostbare Glasservice. Die Lobmeyr-Gläser. Alles, alles Scherben und ein scharf bitterer Geruch. Und vielleicht kamen dann die Füchse ins Haus und wohnten da. Vielleicht wohnten die Füchse in solchen Häusern wie diesem hier. Die Aunt Marina. Sie war doch fast nie da. Das Haus in Italien. Das Haus in Los Angeles. Der Mann in Stockholm. Töchterchen Selina auf St. Andrews. Studierte. Oder so. Sie nahm die Glasdose und den Müllsack.
Sie ging noch einmal zurück und öffnete die Tür zur Terrasse hinaus. Einen schmalen Spaltbreit ließ sie die Tür offen stehen. Sie wollte nicht feig vor sich dastehen. Dass sie wieder zu höflich gewesen wäre. Das musste Rache sein. Wenn die Marina so einen Fuchs in ihrer Designerküche antreffen würde. Sie stieg zum Salon hinauf. Sammelte ihre Sachen ein. Im Vorzimmer zog sie dann doch ihren alten Dufflecoat an. Sollte sie die Schlüssel zurücklassen oder mitnehmen. Was würde denen mehr Sorge machen. Dass sie in London verloren herumirrte oder dass sie den Schlüssel zum Haus hatte und sie das Schloss ändern mussten, weil sie nicht wussten, wo sie war und was sie vorhatte. Sie steckte den Schlüssel ein. Die Marina würde ohnehin immer glauben, dass sie mit einem Mann zusammen war. Weil die Marina sich das selber wünschte. Sie ging. Sie ließ die Haustür hinter sich ins Schloss fallen. Aber sie versperrte die Tür nicht.
In der underground. Sie fuhr nach Euston Square. Sie hatte oft genug das Spital gezeigt bekommen, in dem ihre Urgroßmutter gestorben war. In dem die Gebärmutter ihrer Urgroßmutter in den Sondermüll geworfen worden war. Es war dann trotzdem nicht genug herausgeschnitten gewesen, und die Metastasen hatten sie noch gelähmt. Vor dem Sterben. Zum Sterben war sie aber in ihr Haus in Golders Green gegangen. Gestorben war sie da nicht. In diesem Spital. Und das hinter Marinas Haus. Royal Hospital. Royal. Das brauchte sie nicht. Das hatte sie auf der Moira House Girls School gelernt. Dazu war sie nicht gestört genug. Sie saß in der Circle Line. Sie war zu Sloane Square geeilt. Schnee war nur noch rund um die wenigen Bäumchen auf King’s Road gelegen. Sonst alles nass und kalt. Mit dieser Kälte, die an die Haut kroch und sich unter der Kleidung einnistete. Sie hätte einen Pelzmantel von Marina anziehen sollen. Aber sie hatte keinen gesehen. Wahrscheinlich waren die beim Pelzhändler und hingen in einem Kühlschrank. Oder sie waren alle mit in Italien. In Italien konnte man ja Pelze tragen. Da waren alle von Pelzen begeistert. In London gab es doch immer noch Widerstand, und es wurde mit Farbbeuteln auf Pelze gezielt. Unter dieser konservativen Regierung verhaftete einen die Polizei sicherlich gleich. Wenn man nur in die Nähe von Pelzen kam und einen Plastikbeutel in der Hand trug, wurde man abgeführt. So einen Plastiksack, wie sie neben sich liegen hatte. Wo sollte sie den loswerden. Es gab nirgends Papierkörbe oder Mülltonnen. Nirgends. Wenn sie diesen Sack stehen ließ, wurde sie von einer Kamera sicherlich gefilmt. Sie sah aus wie eine bag lady. Mit diesem Zeug in der Hand. Sie sah sich um. Sie saß allein auf der Bank. Gegenüber ein Paar. Sie hatten Kaffee von» McDonald’s «in der Hand. Sie schauten vor sich hin. Ließen sich schaukeln. Wie spät war es eigentlich. Sie wusste nicht, wie spät es war. Sie hatte das Aufladekabel für ihr handy vergessen, und Uhr trug sie keine. In der underground station. Sie hatte sich nicht umgesehen. Sie versuchte, einen Blick auf die Uhr des Mannes zu werfen. Sie wünschte sich ihr snowboard und einen Hang und lockeren Naturschnee und sonst nichts. Sie sah sich boarden. Weiche lange Bögen. Die Hüften. Das Genick. Die Schultern. Alles gefasst. Alles bereit zu springen und easy. Den Bogen vom Boden in die Luft hinaufziehen und in der Leichtigkeit da den Umschwung. Dann der nächste Hügel.
Sie fuhren zwischen hohen Mauern. Abgebröckelte Ziegelmauern. Drähte und Rohre die Strecke entlang. Die Rohre mürbe und löchrig. Die Drähte rissig. Abgerissen. Und alles schmutzig. Das Paar auf der Bank gegenüber hatte zu schmusen begonnen. Der Ärmel der Daunenjacke des Manns war dabei zurückgeschoben. Er hielt aber den Becher mit dem Kaffee in der Hand. Sein Handgelenk war verdreht, und sie konnte nur das Armband der Rolex sehen. Sie wurde wütend. Sie war mit einem Mal so wütend. Sie hätte diesem Mann seinen Kaffee ins Gesicht schütten mögen und auf ihn eindreschen. Mit dem Plastiksack und der Seifenschale drinnen. Immer und immer wieder. Dreschen.
Sie stand auf und wartete im Stehen auf Euston Square. Sie hielt den Plastiksack an sich gepresst. Die Taschen über die Schultern. Sie kramte ihre oyster card aus der Seitentasche ihrer Handtasche. Wann kam diese Station. Sie musste hier hinaus. Wieder fuhr der Zug solche kaputte Leitungen entlang. Die Kunststoffschienen, hinter denen die Kabel geführt wurden. Sie waren zerbrochen und abgefallen. Die Kabel dahinter schmutzverklebt. Klebriger Dreck. Aus vielen Jahreszeiten. Die Frau auf der Bank kicherte. Sie hatte Kaffee auf den Boden verschüttet. Sie fuhren in Euston Square ein, und sie flüchtete aus dem Zug.
Oben dann. Auf der Straße. Das Spital war ausgeschildert. Angeschrieben. Sie musste nur den Schildern folgen. Kleine Schilder waren das. Diskrete Schilder. Sie ging. Das Gehen leicht. Im Gegensatz. Es war unleicht gewesen. Die letzten Tage und Wochen. Es war eine drückende Unleichtigkeit gewesen. So war das also. Sie konnte nur mit diesem Gehen denken. Entlanggehen. Sie konnte sich nicht hineindenken. In den Inhalt. So wurde gegangen. In diesem Zustand. Taschen. Nicht schwer. Es durfte nichts zu schwer sein. Langsam. Jedenfalls nicht schnell. Sie hätte jetzt wieder laufen können. Sogar hüpfen. Sie hatte einen Tampon in sich hinaufgestopft und eine dicke Nachtbinde. Für die ersten Tage, war auf der Packung gestanden. Sie sprang aber nicht. Sie lief nicht. Sie hielt dem Zustand der letzten Tage und Wochen die Treue. So konnte sie es auch besser glauben. Sie spürte die gläserne Aufbewahrungsbox zwischen ihrem Oberarm und dem Körper. Es war alles außerhalb. Und es tat nichts weh. Obwohl das kommen musste.
Sie ging im Strom über die Straßen. Bog in der Richtung der maternity clinic ein. Es war ein schöner Tag geworden. Oder hier. In diesem Teil von London war das Wetter schön. Sonne. Vom Schnee fast nichts mehr. Die Frauen trugen Hüte und Mützen gegen den Wind. Sie ging und konnte sich sehen. Wie sie beim Gehen auf und ab wippte. Wie sie zielsicher nach vorne strebte. Sie sah sich verlangsamt. Sie wurde langsamer. Sie musste einbiegen. Sie glaubte, die Kurve nicht gehen zu können. Sie musste nach rechts einbiegen, und sie hatte das Gefühl, ihre Füße rutschten nach links davon. Als wäre sie zu schnell gelaufen. Pferden passierte das, und in der Sportschau konnte man das dann in Zeitlupe sehen. Wie die 4 Beine des Pferds elegant aneinandergelegt über den Boden schlitterten und dann das schwere Tier auf dem Boden diesen Beinen nachglitt.
Es war aber nur ein leichter Schwindelanfall. Sie hätte wenigstens Wasser trinken sollen. Die Tür zur Klinik war klein. Lächerlich klein. Ein Mauseloch, dachte sie. Ein Mauseloch zu diesem riesig hohen Gebäude. Grüne Fensterscheiben. UCL in Goldbuchstaben auf den Gleittüren. Ein niedriger Gang. Sie ging auf die Rezeption zu. Ein Paar überholte sie. Der Mann schob sie zur Seite. Er trug eine schwere Tasche. Die Frau humpelte ihm nach.»Third floor. «sagte der Mann hinter der Glasscheibe. Die Frau atmete hechelnd. Schweiß auf der Stirn. Der Mann schaute sich suchend um. Die Frau deutete um die Ecke und ging voraus. Der Mann hinter der Glasscheibe schaute sie fragend an.»Miscarriage. «sagte sie.»First floor. «antwortete er. Sie ging der schwangeren Frau nach. Die verschwanden gerade in einem Lift. Sie ging langsamer. Sie wollte nicht mit denen im Lift fahren. Sie wartete. Lange. Dann musste sie mit einer Familie aus einem asiatischen Land den Lift teilen. Sie stieg vor ihnen aus. Sie musste an einer Tür läuten. Es kam niemand. Sie läutete wieder. Sie läutete Sturm. Sie stand vor der beigegelben Doppeltür und schlug dann mit der Faust gegen die Tür. Es geschah aber nichts. Sie lehnte sich gegen die Tür. Lehnte mit dem Rücken dagegen. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Sie hatte bis hierher gedacht. Was jetzt geschehen sollte. Sie hatte keine Ahnung. Sie ließ sich zu Boden rutschen. Sie saß mit dem Rücken gegen die Tür auf dem Boden. Die Beine lang ausgestreckt vor sich. Die Scheide in die Binde gepresst. Ein Ziehen hatte begonnen. Ein ziehender, zerrender Schmerz. Aber leise. Es kam ihr der Gedanke, dass sie jetzt zu weinen beginnen sollte. Dürfte. Dass das jetzt eine Gelegenheit war, bei der sie sich das gestatten sollte. Da fiel sie nach hinten in die Station. Die Tür war aufgemacht worden. Sie lag zu Füßen eines jungen Mannes. Der schaute auf sie hinunter. Was sie da mache. Sie blieb liegen und fragte, wer er wäre. Er sei der diensthabende Arzt hier. Dann wäre sie ja richtig, sagte sie. Sie brauche Hilfe.
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