Der Schreibtisch stand an den französischen Fenstern zu Wellington Square. Die grünen Samtvorhänge mit Goldkordeln zusammengerafft. Draußen. Grau. Die Häuser gegenüber. Weiß. Alle gleich. Die Geländer an den Stufen zu den Türen. Goldglänzend. Die Türen. Schwarz und weiß. Die Säulen neben den Aufgängen. Weiß kanneliert. Und sie starb jetzt. Starb. Jetzt gerade. In diesem Augenblick. Und alles war still. Niemand da. Nicht einmal auf der Straße ein Mensch.
Sie zog das Telefon zu sich. Die Daunendecke rutschte davon. Sie zerrte sie wieder hinauf. Sammelte die Wärme um sich. Das Mammerl war nicht da. Oder hob nicht ab. Weil sie an der ID-Kennung gesehen hatte, dass Marina anrief, und sie nicht mit ihr reden wollte. Es kam aber auch kein Anrufbeantworter. Nichts. Nur der Anrufton aus Österreich. Ein schriller Ton. Ausklingend und dann Pause. Sie legte auf und wählte wieder. Der Onkel Schottola war sofort am Telefon, und sie solle sich beruhigen. Sie solle ruhig atmen. Er könne sie nicht verstehen, wenn sie so hastig redete. Wolle sie nicht erst weinen und ihn dann wieder anrufen. Oder wolle sie am Telefon weinen. Das sei doch sicherlich sehr teuer für sie, und dann konnte sie wenigstens sagen, dass sie vom Apparat der Aunt Marina anriefe und dass es sie nichts kosten würde.»Na dann. «sagte er, und sie solle sich Zeit lassen. Solange sie telefonieren könne, würde sie nicht sterben. Sie konnte Luft holen. Sie war gleich böse auf den Onkel Schottola. Es ginge ihr schlecht. Wirklich schlecht. Und nein. Sie wisse auch nicht, was los sei. Das sei jetzt schon länger so. Und nein. Sie tränke keinen Alkohol. Nein. Schon länger nicht. Ganz sicher. Aber sie verstand die Panik schon nicht mehr so gut, während sie mit ihrem Pflegevater sprach. Sie beklagte sich über London und dass sie eingesperrt wäre. Dass sie hier das Wochenende verbringen müsste. Dass das Schlafzimmer nicht geheizt wäre. Dass sie ein schlechtes Gewissen hätte. Weil sie Gino in Cham allein gelassen hätte und nicht da wäre, seine Mutter zu trösten. Dass Melvin kontrolliere, was sie im Haus von der Marina täte. Dass sie nur wegen dieser blöden Restitutionsangelegenheit nach London gekommen wäre, und was solle sie nun tun.
Der Onkel Schottola sagte, sie solle doch im Schlafzimmer von der Marina schlafen. Wenn die nicht da sei. Niemand müsse in einem kalten Zimmer übernachten. Das könne ihr dieser Melvin auch nicht verbieten. Sie solle sich etwas zum Essen besorgen und eine Flasche Wein und dann fernsehen. Natürlich wäre lesen noch besser, aber er wüsste ja, wie wenig sie das interessierte. Und ihn hätte dieses Victoria and Albert Museum sehr interessiert. Das wäre doch etwas für so einen Samstag allein. Ein Museum. Da könne man in Ruhe allein sein, und jeder fände es richtig. Er habe Leute in Museen allein immer beneidet, wenn er mit der Trude da gewesen wäre. Das habe nichts mit Trude zu tun. Es sei ihm immer cooler erschienen, da allein herumzugehen.
Sie saß in die Daunendecke gewickelt. Es blutete nicht weiter. Nicht sehr. Sie redete mit dem alten Mann. Er sei ja auch allein. Er ginge ins Spital und nähme einen kleinen Kuchen dahin mit. Die Trude habe ja Geburtstag. Aber keine Kerzen. Das sei verboten. Er habe einen kleinen, trockenen Kuchen besorgt. Das müsse reichen. Das mit den Geburtstagen. Auch ihr eigener. Das wäre ja alles die Angelegenheit der Trude gewesen. Da habe er keine gute Hand. Sie hatte den Geburtstag von der Tante Schottola vergessen gehabt. Sie wünschte alles Gute. Sie tat so, als wäre der Geburtstag von der Tante Schottola der eigentliche Grund des Anrufs. Sie käme, sobald es ginge. Irgendwann würde ja auch England mit dem Schnee fertig werden und wieder Flugzeuge starten lassen. Sie wollte nicht auflegen. Sie fragte ihn, was er denn als Abendessen haben werde. Was würde er denn essen, wenn er allein wäre. Ja, so wie es gewesen wäre, als sie noch im Haus gewesen war. So würde es nun nicht wieder sein. Wenn sie alle zu faul gewesen waren, etwas zu kochen, und zum Heurigen gegangen waren und sich mit Schweinsbraten vollgestopft hatten. Das könne er doch immer noch machen.»Kind. «sagte er.»Kind. «Sie hasste diese Sandra. Die Sandra hatte diese Personen verletzt. Die Sandra hatte diesen beiden Menschen nachgewiesen, dass sie alt waren und als Pflegeeltern nichts mehr taugten.»Kinderl. «sagte der Onkel Schottola. Es sei nun wirklich an der Zeit, dass sie Hermann und Trude zu ihnen beiden sagte. Dass sie nicht mehr Onkel und Tante Schottola sagen müsse. Sie sei jetzt eine Erwachsene. Er und seine Trude. Sie solle doch wirklich nicht mehr als das kleine Kind auftreten, das sie gewesen war, als sie zu ihnen gekommen sei.»Weißt du. Angesichts der Ereignisse der letzten Zeit. «sagte er. Er musste eine lange Pause machen. Er und die Trude hätten erst jetzt begriffen, was das für eine Leistung gewesen war, die sie da vollbracht habe. Vollbracht. Er sagte, vollbracht.
Sie lehnte sich in dem breiten Lederdrehsessel zurück. Im Haus war es vollkommen still. Von draußen Autos. Aber weit weg. Die Fenster schalldicht. Sie schob das Bronzepferd vorne auf dem Schreibtisch zur Seite. Und wieder zurück.
Er müsse aufhören, sagte der Onkel Schottola. Er müsse noch einkaufen. Milch und Brot. Er habe nichts zu Hause. Und dann wolle er den ganzen Nachmittag bei Trude bleiben. Sie habe heute keine Chemo, und er würde ihr vorlesen. Was er ihr denn vorläse, fragte sie.»Don Quixote. «antwortete er und lachte leise. Ob es ihr wieder gutginge. Und ja. Sie konnte das bejahen. Sie glaubte nicht mehr, dass sie sterben müsse. Das sagte sie aber nicht. Sie schickte ihm Bussis, und dann legten sie auf. Sie wusste jetzt auch, was das war. Sie hatte eine Fehlgeburt.
Das, was sie da in der Seifenschale auf das Fensterbrett in ihrem Zimmer oben gestellt hatte. Das musste eine Fehlgeburt sein. Es gab keine andere Erklärung. So, wie das aussah. Wie sich das angriff. Wie sie sich gefühlt hatte. Das Unmögliche war nur, dass sie mit niemandem geschlafen hatte. Seit dem August in Soulac-sur-Mer hatte es niemanden gegeben. Wenn sie davon schwanger gewesen wäre, dann wäre sie im 5. Monat gewesen, und das war nicht möglich. Sie hatte dazwischen die Regel gehabt. Oder doch. War das doch möglich, und sie würde in der nächsten Stunde einen Blutsturz haben und hier in diesem Haus verbluten. Sie hatte heute noch nichts von Melvin gehört. Der war gar nicht zurückgekommen. In der Nacht. Der feierte durch, und sie war allein. Ganz allein. Allein mit ihrem toten Kind. Schon während sie das zu denken begann. Während sie das Wort» totes Kind «zu denken anfing, musste sie den Kopf auf den Tisch legen. Sie legte die Arme auf den Schreibtisch und den Kopf auf die lederne Schreibunterlage. Sie lag so über den Tisch geworfen und fühlte die Kühle des Leders und die Kälte des Holzes gegen das Pulsieren ihres Blutes unter der Haut. Ihr totes Kind. Das Vorwerfen ihres Körpers hatte einen Schwall Blut austreten lassen. Sie musste zu einem Arzt. Sie musste versuchen, ob etwas zu retten war. Aber was sollte gerettet werden. Es konnte nichts geben. Es konnte kein Kind geben. Es konnte keine Schwangerschaft geben. Aber sie wusste es ganz genau. Während des Gesprächs mit dem Onkel Schottola. Während sie ihn über seine Wochenendpläne ausgefragt hatte. Während er über die Krankheit von der Tante Schottola geredet hatte. Es war aus sich heraus klargeworden. Das war eine Fehlgeburt. Ihr Körper wusste das ganz genau. Sie war unsicher. Es tat nichts weh. Jetzt nicht. Es war leer. Tief im Bauch war es leer. Ihre Wange lag auf dem Leder. Das Leder erwärmte sich, und sie begann zu schwitzen. Sie konnte spüren, wie ihre Haut feucht wurde und das Leder an der Haut zu kleben begann. Klebrig. Die Haut wurde klebrig. Die weitausgestreckten Arme. Das Holz blieb kalt. Unerträglich. Alles unerträglich. Warum war sie nicht gestorben. Sie wollte nicht weiter.
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