Marlene Streeruwitz - Die Schmerzmacherin

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Die Schmerzmacherin: краткое содержание, описание и аннотация

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Leute werden verschleppt, verschwinden, werden eingesperrt oder gefoltert. Amy arbeitet für einen privaten Sicherheitsservice, sie kann die Korruption und Gewalt nur ahnen, die sich als Abgrund hinter den geheimen Operationen abzeichnet. Als sie beschließt auszusteigen, gerät sie endgültig in die Fänge einer undurchsichtigen, aber brutalen Organisation.
Amys Verlorenheit korrespondiert mit dem Ringen um die Wahrnehmung der Realität. Was kann sie glauben? Wer ist sie selbst? Und vor allem: Was passierte an dem Tag, an den sie sich nicht erinnern kann?
Marlene Streeruwitz entwirft in ihrem meisterhaften Roman ein unheimliches und unvergessliches Szenario und fragt nach dem Ort des Individuums in einer zunehmend privatisierten Öffentlichkeit.
>Die Schmerzmacherin.< wurde mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet und stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis.

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In der Eingangshalle. Niemand saß mehr in den Sesselreihen. Eine Putzfrau entnestelte das Kabel eines Staubsaugers. Sie stand hinten. Im türkisfarbenen overall. Trat gegen den Staubsauger. Sie ging nach rechts zum Eingang. Was sollte sie jetzt tun. Die Türen glitten auf. Eisig kalte Luft floss herein. Der Mann an der Rezeption rief nach ihr.»Frau Denning. «rief er. Sie ging zu ihm. Es ginge um die Aufnahmeformulare. Ob sie die ausfüllen könne und die Versicherungskarte ihres Mannes. Das wäre wichtig. Sie nahm die Papiere in die Hand. Wäre es nicht am einfachsten, sie nähme das mit. Sie wäre ohnehin auf dem Weg zum Arbeitgeber ihres Mannes. Sie wohnten da. Da könne sie das alles in Ruhe. Sie lächelte den Mann an. Der stand höher und schaute auf sie hinunter. Er setzte sich. Sie konnten einander so in die Augen sehen. Das ginge nicht, sagte er. Wenn es nach ihm ginge, dann wäre das sicher das Einfachste. Sie solle einfach die Unterlagen mitbringen, wenn sie wiederkäme. Er schaute sie prüfend an. Das habe ja alles auch Zeit. Dann hielt der Mann inne. Er schaute auf seinen Bildschirm hinüber. Dann begriff sie. Wenn sie jetzt die echte Ehefrau gewesen wäre. Jetzt hätte sie zu weinen beginnen müssen. Wieder. Dieser Mann hatte gerade gesagt, dass Gino noch lange dableiben würde. Oder sterben. Und dass dann ja alle Zeit der Welt sein würde. Für die Formalitäten. Gino sterben. Das war ihr noch gar nicht eingefallen. Kalte Wut füllte sie aus, und sie musste sich abwenden und weggehen. Wie konnte dieser Mann das andeuten. Wenn sie die wirkliche Frau gewesen wäre. Sie wäre doch zerstört gewesen.

Sie ging mit großen Schritten in die Kälte hinaus. Der Mann rief ihr irgendetwas nach. Sie drehte sich draußen um. Der Mann hatte sich gesetzt und hielt seinen Kopf in beiden Händen. Sie ging zum Auto. Sie hörte eine Autotür schlagen. Ein schwarzer Schatten links weit außen. Sie riss die Autotür auf. Die Tür war angefroren, und sie musste ein zweites Mal an ihr reißen. Dann ließ sie sich auf den Fahrersitz fallen und drehte den Autoschlüssel. Sie hatte ihn stecken lassen. Wer wollte einen uralten Kia, und sie hatte es ja gestern auch so gemacht. Gestern. Das vielleicht Vorgestern gewesen war. Die Tür zum Beifahrersitz wurde aufgerissen. Der Starter gab einen dünnen Ton von sich, und der Keilriemen quietschte. Gregory ließ sich auf den Beifahrersitz fallen. Sie startete wieder. Diesmal funktionierte es. Der Motor sprang an. Sie wollte in den Rückwärtsgang schalten. Sie wollte weg. Ob mit Gregory im Auto oder allein. Sie wollte weg. Gregory lehnte sich gegen sie. Gregory lehnte sich gegen ihre Schulter. Er hielt seinen Arm gegen ihren Arm. Das Kaschmir seines schwarzen Mantels warm wolkig. Gregorys Arm darunter hart gegen ihren. Sie war erstarrt. Sie hatte in der Bewegung innegehalten und war gegen Gregory angelehnt geblieben. Erst ihr Kältezittern gegen ihn machte sie darauf aufmerksam. Gregory sagte nichts. Er schaute nach vorne durch die Windschutzscheibe hinaus. Die Scheibe wieder vereist.

«Would we want to be rid of this ice. «stöhnte er und blieb sitzen. Die Lüftung blies eiskalte Luft gegen die Scheibe. Sie habe das sehr gut gemacht, sagte er dann. Sie ließ den Arm sinken. Er nahm ihre Hand in seine. Er trug Handschuhe. Weiche Sämischlederhandschuhe. Er umschloss ihre Hand. Es wäre genial gewesen von ihr, sich als die Ehefrau auszugeben. Ja. Er habe das alles mitbekommen. Amy habe damit die Aufmerksamkeit von Cindy und ihm abgelenkt. Sie hätte perfekt improvisiert. Wenn sie das geübt hätten, es hätte nicht besser sein können.

Sie wollte protestieren. Sie wollte sagen, dass sie Gino mochte. Dass sie mit Gino so ein Verlorene-Kinder-im-Pfadfinderlager-Verhältnis hatte. Dass sie beide allein da gewesen wären. Die Einzigen ohne Ziel. Dass sie Gino liebte. Aber nicht so, wie Gregory sich das vorstellte. Dass es noch mehr gab als Gregorys einfache Welt von Macht und Ohnmacht. Sie konnte aber nichts sagen. Sie hielt den Kopf gebeugt. Sie hielt das Gesicht in den kalten Luftstrom von vorne. Sie konnte keinen Ton von sich geben. Sie konnte auch nur atmen, weil die Luft so kalt war. Wäre die Luft wärmer gewesen. Sie hätte keine Luft bekommen können. Ihre Brust wie verriegelt. Die Erklärungen. Die Einsprüche. Die Wahrheiten. Ihre Meinung. Es brandete gegen diese Verriegelung an. Und dann gleich die Angst wie vor Erbrechen. Dass diese tobende Masse von Sprechen-Wollen den Riegel durchbrechen und sich in einem Schwall ergießen. Sie spürte es. Sie konnte spüren, wie das sein würde. Schreien. Schreien war das. Alle diese Dinge, die gesagt werden sollten. Die gesagt werden mussten. In einem Schwall. Und Gregory sie einliefern konnte. Würde. Musste. Und sie nie sagen können würde, was geschehen war. Was wirklich geschehen war. Was sie wirklich erlebt hatte. Was die Wahrheit gewesen war. Was die Wahrheit war. Und sie nickte. Sie deutete Gregory zu gehen. Sie spielte eine Rolle und sah sich zu. Sie war die gebrochene überforderte Freundin dieses halbtoten Mannes. Gregory grinste. Sie spürte Gregory grinsen. Das mache sie sehr gut. Selbst wenn jetzt noch jemand zusähe, wäre sie glaubhaft. Sie müsse es für ihn nicht machen, aber wenn sie es für sich bräuchte, die Rolle durchzuhalten, dann solle sie das ruhig tun. Sonst wäre es ja nicht notwendig, für einen solchen toyboy Gefühle zu verschwenden. Es täte ihm ja leid, aber man müsse einfach sehen, dass es besser wäre, dieser kleine Stricher wäre drangekommen als Cindy. Cindy ginge es schlimm genug. Und sie solle diesem Ingotypen ausrichten, dass Allsecura sich erkenntlich zeigen würde. Die Kosten für das Krankenhaus jedenfalls. Sie schaute Gregory fragend an. Der wäre bestimmt nicht versichert. Das würde er jedenfalls annehmen. Aber das wäre ja gleichgültig. Es wäre nichts passiert, was nicht wieder gut werden könne, und sie. Amy. Sie habe sich bestens bewährt. Das freue ihn, dass er der lieben Tante in London Gutes berichten könne. Er habe es ja gewusst. Sie wäre ein Talent. Und wäre es nicht erstaunlich, was eine schöne Frau alles behaupten könne, ohne dass jemand nachfragte. Wie dieser Mann am Eingang ihm gesagt hatte, dass die Ehefrau schon bei Ingo Denning sei und er ihr Auto auf dem Parkplatz gesehen habe.

Gregory war in Hochstimmung. Er wetzte beim Reden und fuchtelte mit den Händen. Er riss ihre rechte Hand in seiner eingefangen mit herum. Sie wurde herumgerissen. Seine Begeisterung riss sie in alle Richtungen. Dann hob Gregory die Hand, um mit ihr abzuklatschen. Sie schaute aber weiter nach vorne. Gregory wurde ruhig und beugte sich vor. Er entließ ihre Hand. Er zog den Handschuh von der rechten Hand. Er legte den Handrücken der rechten Hand gegen ihre linke Wange. Er ließ den Handrücken an ihrer Wange liegen. Dann stieß er sie mit einem kleinen Schubs weg.»Attagirl. «sagte er. Leise. Verschwörerisch. Dann schwang er sich nach rechts und stieg aus. Er schloss die Autotür und schlug mit der flachen Hand auf das Autodach. Zweimal. Sie stieß den Schaltknüppel in den Rückwärtsgang. Stieg auf das Gas. Sie schoss auf den Parkplatz hinaus. Schaltete. Wandte den Wagen und raste davon. Ein großer dunkelgrüner SUV stand links in der Ecke des Parkplatzes. Mit laufendem Motor. Einen Augenblick der Impuls, dagegenzufahren. Einfach auf dieses Auto und hinein. Dann war sie schon auf der Straße. Sie war zu schnell um die Kurve. Sie hatte Mühe, das schleudernde Auto auf der Straße zu halten. Sie fuhr dann langsamer. Davon. Nur davon. Es war wieder dunkel geworden. Es begann zu schneien. Auf dem Weg zurück ins Hotel. Es schneite dicht. Sie fuhr zum Hotel zurück, weil sie zu müde war, gleich nach Wien zu fahren. Zum Mammerl. Oder in ihre Margaretenstraße. Zu den Schottolas konnte sie ja nicht. Die hatten ja jetzt diese Sandra. Noch einmal ein Pflegekind, hatten sie gesagt. Sie hatte nichts sagen können. Was konnte sie, das Pflegekind Nummer 3, schon sagen. Aber es würde nicht gut ausgehen. Das war traurig. Das war sehr traurig. Es war überhaupt das Traurigste, wenn es die Netten traf. Sie. Sie kannte die Welt. Sie hatte eine drogensüchtige Mutter. Mehr musste niemand von der Welt wissen. Aber die Schottolas. Oder Gino.

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