Marlene Streeruwitz - Die Schmerzmacherin

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Leute werden verschleppt, verschwinden, werden eingesperrt oder gefoltert. Amy arbeitet für einen privaten Sicherheitsservice, sie kann die Korruption und Gewalt nur ahnen, die sich als Abgrund hinter den geheimen Operationen abzeichnet. Als sie beschließt auszusteigen, gerät sie endgültig in die Fänge einer undurchsichtigen, aber brutalen Organisation.
Amys Verlorenheit korrespondiert mit dem Ringen um die Wahrnehmung der Realität. Was kann sie glauben? Wer ist sie selbst? Und vor allem: Was passierte an dem Tag, an den sie sich nicht erinnern kann?
Marlene Streeruwitz entwirft in ihrem meisterhaften Roman ein unheimliches und unvergessliches Szenario und fragt nach dem Ort des Individuums in einer zunehmend privatisierten Öffentlichkeit.
>Die Schmerzmacherin.< wurde mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet und stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis.

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«Onkel Schottola. «Sie musste lachen. Sie konnte ihre Freude nicht verbergen, obwohl sie wusste, dass ihm das Schwierigkeiten machte. Er schaute auch gleich zu Boden. Das sei doch selbstverständlich, murmelte er. Dann nahm er ihr die Prada-Reisetasche aus der Hand und hängte sich bei ihr ein. Er habe das Auto in der Garage unten. Enge Stellplätze wären das. Und ob sie noch etwas holen musste. Aus ihrer Wohnung. Ein paar von ihren Sachen gäbe es ja im Haus.

Sie lehnte sich in seinen Arm. Sie lächelte ihn an. Das wäre die schönste Überraschung. Sie standen vor dem Lift und warteten. Sie musste sich keine Gedanken machen, wie sie in diesen Lift einsteigen konnte und wo sie stehen musste. Sie lehnte sich gegen den Onkel Schottola. Sie merkte, wie ihre Fassung zerbröselte. Sie musste grinsen. Mit dem Onkel Schottola. Da musste sie es gar nicht so weit kommen lassen. Neben ihm. Da reichte dieses Gefühl aus. Dass sie am Ende war. Das Ende musste dann gar nicht ausbrechen. Sie war sicher vor sich selbst. Bei denen. Und wahrscheinlich war das besser als bei leiblichen Eltern.»Gut, dass du angerufen hast. «sagte er. Sie trat einen kleinen Schritt zur Seite und zog ihren Arm aus seinem. Sie stand neben ihm. Sie stieg in den Lift. Sie fuhr mit ihm in die Garage. Ins zweite Untergeschoss. Es wäre schwierig gewesen, einen Parkplatz zu finden.»Ja, weil du so ein Riesenauto fahren musst. «sagte sie. Sie lachten beide. Er ging an den Kassenautomaten. Sie wartete. Sie gingen zum Auto. Er klickte das Auto von weit weg an, damit sie sahen, wo es stand. Im Auto. Sie schnallte sich an. Die Panik war verschwunden. Diese Welle von Elend und Angst und Schmerzen und Sorgen. Abgeflaut. Abgeklungen. Sie saß im Auto und schnallte sich an. Woher er gewusst habe, dass sie nach Hause gehen könne. Der Onkel steckte gerade die Parkkarte in den Automaten und wartete darauf, dass die Schranke aufging. Man musste aber die Parkkarte erst abziehen. Dann erst öffnete sich die Schranke. Er zog die Karte ab und warf sie in den Papierkorb neben dem Automaten. Die Schranke hob sich. Sie musste an den Arm der anderen Frau im Zimmer oben denken. Das Zimmer war aber schon weit weg. Alles in diesem Gebäude war schon gleich weit weg. Sie lehnte sich zurück. Der Sitz kalt. Das Auto kalt. Das Gebläse voll aufgedreht, aber es kam erst noch eiskalte Luft heraus. Sie steckte die Hände in die Manteltaschen.

Der Onkel fuhr die steile Rampe zur Straße hinauf. Man musste nach rechts einbiegen. Wo sie da herauskämen, fragte er. Sie zuckte mit den Achseln. Sie wusste es nicht. Er beugte sich weit vor und schaute sich um. Dann bog er in die Straße nach rechts. Er habe telefoniert, sagte er dann. Und er habe sich als ihr Vater ausgegeben. Es tue ihm leid, aber diese Lüge sei notwendig gewesen. Er hätte sonst keine Auskunft bekommen. Sie nickte. Das sei schon in Ordnung. Das wäre schon richtig. Sie wäre ja froh. Der Onkel schaute gerade vor sich hin. Lenkte. Bog in den Gürtel ein. Er habe nicht gelogen, sagte sie dann, und er nickte.

Sie fuhren. Währinger Gürtel. Döblinger Gürtel. Brigittenauer Lände. A22. In Richtung Krems. Die Sonne schien. Ein blauer Himmel mit Wölkchen. Die Donau nach rechts. Blau. Nach links hinauf. Dunkelgrau. Der Leopoldsberg. Die Kirche oben thronend. Auf der Nordbrücke. Es war, als würde sie wegfahren. In den Urlaub fahren. In die Ferien. Dann fiel ihr der Abholschein ein. Gleich hier in dem Gewirr von Gewerbebetrieben und Lagerhallen rechts von der Autobahn das Labor.»Unbekannte Substanzen«, fiel ihr ein. Die Prüfung hatte sie schon gemacht. Multiple choice war das gewesen, und sie hatte kaum etwas gelernt. In der Rezeption. Gregory hatte sie in die Rezeption gesetzt, und Gertrud sollte ein Auge auf sie haben. Gertrud hatte nur auf ihr Telefon vor sich gestarrt und sie keines Blickes gewürdigt. Aber die Prüfung war total leicht gewesen. Man musste fast alles trocknen lassen. Unbekannte Substanzen: Flüssigkeiten in einer verschlossenen dunklen Flasche lagern bzw. im Originalgebinde. Feststoffe (Pulver, Pasten) in einer verschlossenen Pulverdose bzw. im Originalgebinde aufbewahren. Speichel, Schweiß, Nasensekret, Sperma, Blut: Mit einem sterilen Tupfer (Wattestäbchen) die Substanz aufnehmen. Die Substanz trocknen lassen und den Tupfer danach in eine Papier- oder Plastiktüte geben. Bei Spuren auf einem größeren Spurenträger (Polster, Leintuch) den betreffenden Teil ausschneiden, ihn gegebenenfalls trocknen lassen und ihn anschließend in einer Papier- oder Plastiktüte lagern. Alles trocknen lassen. Sie fühlte einen Schwall Blut durch ihre Scheide fließen. Ein Ziehen im Bauch. Dann wieder nichts. Die Feuchtigkeit zwischen den Beinen. Die Wattebinden zogen die Feuchtigkeit nicht in sich hinein. Die Feuchtigkeit zwischen den Beinen. Das war o.k. Das war nicht angenehm. Aber es war auch irgendwie gut. Es fühlte sich sauber an. Es wäre jetzt alles draußen, hatte die Ärztin im Aufwachraum gesagt.

Der Onkel fuhr. Der Range Rover surrte dahin. Wie immer fuhr der Onkel Schottola genau so schnell, wie es erlaubt war. Er überholte und ordnete sich ein. Die Donau links. Dann die Auwälder. Die hohen Schallschutzwände. Die Burg Kreuzenstein. Ob man diese Zwillinge gefunden habe, fragte sie. Diese Zwillinge in Italien. Diese 6-jährigen kleinen Mädchen. Der Onkel schüttelte den Kopf.»Es hätte ja sein können. «sagte sie. Während sie auf dem Operationstisch festgeschnallt gewesen war. Während man in ihrem Uterus gewühlt hatte. Gekratzt. Geschabt. Während sie in Lalaland geweilt und von nichts und von sich nichts gewusst hatte. Die beiden kleinen Mädchen hätten hinter einer Hecke hervorkommen können und nach ihrer Mama rufen.»Wie heißen die. «fragte sie.»Livia und Alessia. «sagte der Onkel.»Livia und Alessia. «wiederholte er. Er schaute nach vorne. Er griff unter die Sonnenblende und holte eine Sonnenbrille hervor. Klappte sie auseinander und setzte sie auf.»Livia und Alessia. «murmelte er noch einmal. Er seufzte. Sie schaute zu ihm hinüber.»Warum habt ihr mich eigentlich nicht adoptiert. «sagte sie. Er schaute weiter geradeaus auf die Autobahn.»Du hast eine Familie. «sagte er.»Hättest du dir das gewünscht?«Sie schüttelte den Kopf.»Manchmal schon.«»Ja. «sagte er.»Wenn das Selbstmitleid besonders groß war, dann wahrscheinlich. «Nach langem.»Weißt du. «sagte er.»Ich habe mir immer gedacht. Wir. Wir haben immer gedacht, dass es wertvoller ist, wenn es eine freie Entscheidung bleibt. Auch für dich. Ich hätte auch nicht gewusst, wie das dann mit der Religion sein sollte. Ein Kind. Ein eigenes Kind. Ich wäre verpflichtet gewesen, eine religiöse Erziehung. Zu. Erzwingen. Verstehst du. Es ist eigentlich die Achtung vor dir und was vorher schon war, dass du unser Pflegekind geblieben bist. Glaubst du, wir wären näher. Sonst. Ich kann mir das nicht vorstellen. Und übrigens. Die Sandra haben wir auch nicht. Nicht adoptiert. Ich hätte halt gehofft, dass wir dir genügend Vertrauen. Selbstvertrauen. Aber das läuft nicht immer so. So einfach. Es hat sich viel verändert. Du wirst sehen. Aber wir sind alle die Alten geblieben. Die Trude kommt in ein paar Tagen zurück, und sie freut sich auch, wenn du da bist. Du erholst dich, und dann erzählst du uns alles. Wenn du magst. «Er schaute sie kurz an.»Ich bin froh, wenn die Trude dich zum Reden hat. Du kennst mich ja.«»Werdet ihr jetzt ausziehen. Weil du sagst, es hat sich viel verändert.«

«Nein. Es wäre doch sinnlos. Jetzt. Jetzt sind wir ja schon krank. Aber vielleicht. Wir überlegen, ob wir den oberen Stock vermieten sollen. Wenn sich ein Käufer für das ganze Haus findet. Die Trude will noch immer nach Wien. Fast 50 Jahre war sie jetzt da. In der Uhlandgasse und will immer noch weg.«

«Hast du gewusst, dass die Betsimammi in Hietzing wohnt?«

Der Onkel Schottola verzog den Mund. Er habe vermutet, dass ihre Mutter wieder in Wien lebte. Aber er hätte es nicht genau gewusst. Seit sie, Amalie, 18 Jahre alt geworden wäre, war für das Jugendamt alles vorbei gewesen, und es habe keine Informationen mehr gegeben. Er habe aber seine Vermutungen gehabt, weil die Marina nicht mehr nach Amalies Mutter gefragt habe. Von einem Tag auf den anderen habe es keine Anfragen von Marina mehr gegeben, und das Mammerl habe dann auch einmal eine Bemerkung gemacht. Woher sie das denn wisse.

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