Marlene Streeruwitz - Die Schmerzmacherin

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Leute werden verschleppt, verschwinden, werden eingesperrt oder gefoltert. Amy arbeitet für einen privaten Sicherheitsservice, sie kann die Korruption und Gewalt nur ahnen, die sich als Abgrund hinter den geheimen Operationen abzeichnet. Als sie beschließt auszusteigen, gerät sie endgültig in die Fänge einer undurchsichtigen, aber brutalen Organisation.
Amys Verlorenheit korrespondiert mit dem Ringen um die Wahrnehmung der Realität. Was kann sie glauben? Wer ist sie selbst? Und vor allem: Was passierte an dem Tag, an den sie sich nicht erinnern kann?
Marlene Streeruwitz entwirft in ihrem meisterhaften Roman ein unheimliches und unvergessliches Szenario und fragt nach dem Ort des Individuums in einer zunehmend privatisierten Öffentlichkeit.
>Die Schmerzmacherin.< wurde mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet und stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis.

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Sie ging durch den falschen Eingang in die Bäckerei-Konditorei. Sie ging bei der Bäckerei in das Geschäft. Sie war die einzige Kundin, und die Verkäuferin fragte sie schon beim Eintreten, was sie wolle. Sie schaute sich um. Brot und Gebäck. Nein. Sie bräuchte hier nichts. Sie müsse nach rechts. In die Konditorei. Die Frau hatte sich längst abgewandt und leerte Semmeln aus einem Riesenkorb hinter das Glas der Vitrine. Das Geräusch. Ein hohles Reiben und Rascheln. Sie schaute zu. Wie die Semmeln übereinanderpurzelten. Einen spitzen Berg bildeten und dann das Fach ausfüllend auseinanderrutschten. Die Verkäuferin schaute wieder auf. Fragend. Sie ging schnell nach rechts. Der Geruch der Semmeln. Des Brots.

In der Konditorei war sie wieder alleine. Sie schaute die Kuchen und Torten hinter dem Glas der Theke genau an. Würde die Tante Trude wirklich Mandeltüten wollen. Es gab Sachertorte. Haustorte. Trüffeltorte. Esterhazytorte. Dobostorte. Topfentorte. Nusstorte. Schwarzwälder Kirschtorte. Malakofftorte. Wiener-Mädl-Torte. Punschtorte. Schokoladencremetorte und Sacherpunschtorte waren auf einer Werbeschrift abgebildet. Diese Torten gäbe es nur auf Bestellung, stand neben den Bildern.

Was es sein dürfte. Die Verkäuferin war an die Theke gekommen. Oder eigentlich eine Kellnerin. Sie hielt ein Tablett mit einer Melange in der Hand und holte einen vorbereiteten Kuchenteller. Dobostorte. Sie solle sich ruhig Zeit lassen, sagte sie zur Kellnerin. Sie wolle dann 3 Mandeltüten. Wenn es nach ihr gegangen wäre, dann hätte sie 5 Mandeltüten gekauft. Sie war verschwendungssüchtig. Das war sie wirklich. Unbestreitbar war sie eine verschwendungssüchtige Person, die den Umgang mit Geld nicht gemeistert hatte. Die den Umgang mit den Dingen nicht gemeistert hatte. Aber gegen die Schottolas. Wie die ihr Leben führten. Dagegen waren alle anderen verschwendungssüchtig. Jeder. Sie hatte erst sehr spät begriffen, dass die Sparsamkeit der Schottolas. Dass das einfach die Umkehrung gewesen war. Und dass Zieheltern wie alle Eltern waren und wollten, dass die Kinder ihnen ähnlich wurden. Es war schrecklich gewesen. Diese Gespräche über ihre Verschwendungssucht. Und dass das Sucht sei. Dass sie besonders gefährdet wäre. Dass sie suchtgefährdet sei. Wegen ihrer Mutter. Und dass sie sich überwinden musste. Deswegen. Sie musste sich nur in den Griff bekommen und überwinden.

Die Kellnerin kam zurück. Sie bestellte die 3 Mandeltüten. Die Frau zog den Glasteller mit den Mandeltüten aus dem Regal. Ob noch etwas dazukäme. Sie sagte nein. Die Frau hob die 3 Mandeltüten auf einen viereckigen Pappendeckelteller. Legte ein Cellophanblatt auf die Stanitzel. Faltete das Papier darüber. Rollte ein Bändchen ab.

«Das kann ja nicht wahr sein. «Sie wurde von der Seite umarmt. Der Mann umfing sie von der Seite und küsste sie auf die Wange. Er hielt sie fest. Drückte sie an sich. Hob sie kurz vom Boden auf. Er rief der Frau hinter der Theke zu, dass sie diese Mehlspeisen auf seine Rechnung setzen sollte.»Mali Schreiber. Wie kommst du hierher. Ich fass es nicht. Du bist es wirklich. Wir waren in der Schule. Zusammen. «Er erklärte das der Kellnerin und lachte. Die Frau lächelte ihm zu und schüttelte den Kopf. Nachsichtig. Er drehte sie herum und schob sie in das Café.

«Mali. Mali. Mali. «Er sagte das laut. Verwundert. Alle schauten zu ihnen hin. Er deutete auf einen Tisch am Fenster. Sie könne jetzt nicht einfach davon. Sie wollte ablehnen, aber er griff nach ihrem Mantel. Habe sie den nicht schon in der Schule gehabt. Er könne sich an so einen Mantel erinnern. Sie musste lachen. Nein. Das wäre schon ein anderes Modell. Aber es sei richtig. Sie trüge Dufflecoats. Das müsse eine frühe Fixierung auf Paddington Bear sein, sagte er. Das brächte ihre englische Seite zum Ausdruck. Dass er sich daran erinnern könne, sagte sie. Verwundert. Er nahm ihr den Mantel ab, und sie setzte sich. Von ihrem Platz aus konnte sie auf die Straße hinausschauen. Die Stiege zur Stadtpfarrkirche hinauf. Die Buchhandlung an der Ecke gegenüber. Der Platz verparkt. Was sie bestellen wolle, fragte er. Die Kellnerin war an den Tisch gekommen und hatte das Päckchen mit den Mandeltüten gebracht. Sie schaute ihn fragend an. Er würde meinen, dass diese schöne Frau mittlerweile nur noch Espresso trinken würde. Oder lieber etwas Schaumiges. Einen Latte.»Nein. «sagte sie und schaute die Kellnerin an. Sie wolle eine Melange. Die Kellnerin sagte:»Ja. Gerne. «und ging. Er sei hier wohl der Hahn im Korb, meinte sie. Wie sie denn darauf käme. Sie musste lachen. Die Kellnerin habe nur ihn angesehen, während sie bestellt habe. Während sie diese Frau angesprochen hatte. Er lachte verschämt. Das müsse sie verstehen, er sei hier eben Stammgast. Immer wenn er hier bei Gericht zu tun habe, dann käme er hierher. Frühstücken. Und er käme oft hierher, weil er diese Bezirksgerichtssachen erledigen müsse. Als Jüngster in der Kanzlei. Er müsse noch diese Blut-und-Boden-, Butter-und-Brot-Fälle erledigen. Was das sein könnte. Sie schaute ihn an. Er sah gut aus. Dominik Ebner hatte immer gut ausgesehen. Frisch. Sportlich. Groß. Immer gut aufgelegt und sicher. Dominik Ebner hatte nie Zweifel gehabt. An nichts. Er hatte immer gewusst, was richtig war, und sie musste zugeben, dass es auch gestimmt hatte. Sie hatte ihn gehasst. Damals. Sie hatte ihn ziemlich gehasst. Seine Freude über das Wiedersehen. Über dieses zufällige Treffen. Sie konnte es nicht verstehen. Sie hatten nichts gemeinsam gehabt. Nichts. Im Gegenteil.

Er sei also mit dem Studium fertig, stellte sie fest. Und er sei also in die Kanzlei seines Vaters eingetreten.»Meiner Familie. «korrigierte er. Es sei ja seine ganze Familie in dieser Kanzlei. Sein Vater und seine Mutter und er. Sein Onkel und dessen Familie. Ein paar Cousins und Cousinen. Der Großvater und der Großonkel hätten die Sache aber immer noch fest im Griff. Er lächelte. Er wäre da ein kleiner Lehrling. Wie jeder andere Konzipient eben. Was das für Fälle wären, die da anfielen, fragte sie. Die Kellnerin brachte den Kaffee. Ob sie nicht etwas anderes noch haben wolle. Ein Frühstück. Es gäbe hier ein hervorragendes Frühstück. Die Kellnerin schaute sie abschätzig an. Die Kellnerin wusste gleich, dass sie nichts bestellen würde. Sie drehte sich schon weg, bevor sie noch etwas gesagt hatte. Aber sie wollte wirklich nichts. Dominik lächelte die Kellnerin an und hob bedauernd die Schultern.»Scheidungen. Nachbarschaftsstreitereien. Grundstücksangelegenheiten. Erbschaften. Vertragsprobleme. «Er leierte die Aufzählung vor sich hin. Das wären alles Fälle, in denen man die Betroffenen treffen müsste und mit Tränen rechnen. Deshalb würden diese Fälle den Jüngsten in den Kanzleien übertragen. Damit sie hartherzig wurden. Werden mussten. Weil das Elend ja wirklich groß wäre. Und wirklich wirklich. Er schaute sie an. Er war amüsiert. Sie rührte Zucker in die Melange. Das klinge alles so erwachsen. Er sei sicher verheiratet und habe Kinder. Er grinste sie an. Nein. Er sei nicht verheiratet, und er habe eben erst eine eigene Wohnung bezogen. Ein Zimmer. Eigentlich ein Zimmer. Aber er fand es nun mit 25 doch besser, sich von der Familie abzusetzen. Was sie denn mache. Gemacht habe. Machen werde. Sei sie denn verheiratet oder so etwas Ähnliches. Wo lebe sie denn überhaupt. Ihre Pflegeeltern. Ihr Pflegevater. Der hätte ja wirklich Glück gehabt. Dass der den Betrieb noch vor der Krise losgeworden war. Dass der verkauft habe. Damals. Das wäre ja absolut genial gewesen. Denen wäre zu gratulieren gewesen.

Sie lehnte sich zurück. Sie durfte jetzt nichts sagen. Sie wusste ja auch nichts. Aber das Geld war weg. Offenkundig. Wenn die Schottolas überlegten, das obere Stockwerk zu vermieten. An so etwas hatte vor 2 Jahren niemand gedacht. Oder war es die Sorge um die Tante Trude. Und die Kosten. Gab es Kosten, bei so einer Krankheit. Sie hatte gedacht, in Österreich zahle die Krankenkasse die Kosten einer Krebserkrankung. Aber sie wusste nicht, wie das dann wirklich war. Sie überlegte, Dominik zu fragen. Diesen offenen, freundlichen, weltgewandten Dominik, der ihr gegenübersaß. Der offenkundig nicht so viel zu tun hatte. Der dasaß, als würde er noch Stunden mit ihr reden wollen. Seine Ruhe machte sie unruhig. Sie musste zurück. Das Auto.»Nein. Ich will dich nicht ausfragen. «sagte er und legte seine Hand auf ihre. Er wüsste ja von ihrer Pflegemutter. Von deren Krankheit. Und er fände es toll, dass sie die besuche. Sie hätte ja sicherlich andere Möglichkeiten. Andere Gelegenheiten. Eine Frau, die so aussähe wie sie. Die in Kürze auch noch reich sein würde. Man beobachte diese Situation mit der Restitution sehr genau in seiner Familie. Sein Großonkel hätte damit direkt zu tun gehabt. Aber ebendeshalb fände er es großartig von ihr, dass sie bei den Schottolas zu Besuch sei.»Großartig. «Er sagte das dreimal. Großartig. Großartig. Wirklich großartig.

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