In seiner Unvollkommenheit war er schön und sexy. Ich strich mit dem Finger über die leicht schiefe Nase, die etwas zu große Ohrmuschel. Als wir uns kennenlernten, hatte ich vermutet, dass er als Teenager unbeholfen war, ein Spätentwickler. Und ich hatte recht gehabt. Noch immer besaß er jene gewinnende Schüchternheit, mit der er schon in der siebten Klasse die Herzen der Mädchen gebrochen hatte und die man einfach nicht vortäuschen konnte. Er war stets ehrlich überrascht, dass Frauen ihn attraktiv fanden.
Ich schob meine Hand unter das Laken und hielt seinen furchtbar kalten Arm, wollte ihn mit meiner Willenskraft dazu bringen, die sehnigen Muskeln anzuspannen, zu lachen und mit dem Akzent seiner Großmutter zu sagen: Dir gefällt, Bella ? Stattdessen glaubte ich fast die Worte Pass gut auf Annie und Zach auf zu hören. Fast, nicht ganz.
Ich nickte trotzdem. »Mach dir keine Sorgen, mein Liebling. Ich will nicht, dass du dir Sorgen machst, okay?«
Ich küsste sein kaltes Gesicht und legte den Kopf auf seine eingefallene Brust, in der seine Lungen sich mit Wasser gefüllt und aus seinem Herz eine Insel gemacht hatten. So verharrte ich für lange Zeit. Die Tür ging auf, aber nicht wieder zu. Jemand wartete, vergewisserte sich, dass ich nicht zusammenbrach. Ich würde nicht zusammenbrechen. Ich musste Annie und Zach helfen, hiermit klarzukommen. Ich flüsterte: »Leb wohl, Liebster, leb wohl.«
Ich habe nicht die geringste Vorstellung davon, was nach dem Tod mit uns passiert, denn es gibt unendlich viele Möglichkeiten. Ich habe Biologie studiert und fühle mich in der Natur zu Hause, und doch verstört mich die menschliche Natur, verwirren mich all die Dinge, die nicht beobachtet, benannt und katalogisiert werden können. Ich bin eine Frau der Wissenschaft, die sich auf einmal mit dem Unerklärlichen und abergläubischen Vorstellungen herumquält. So frage ich mich oft, ob Joe uns an jenem Morgen beim Schiffspielen zugesehen hat, in jener Übergangsphase vom Davor zum Danach. Hat er uns von seinen geliebten Mammutbäumen aus beobachtet, und dann von einer Wolke? Von einem Stern? Seine Fotografenseele hätte die neuen Perspektiven sicher zu schätzen gewusst, diese posthume Chance, einen Blick auf das zu werfen, was zu mächtig und zu groß war, um in ein Bild gezwängt zu werden. Oder war er der männliche Annakolibri mit der purpurroten Kehle gewesen, Calypte anna , der hier tagelang umherflatterte? Einmal, als ich auf der Veranda saß, flog er nur Zentimeter an meiner Nase vorbei, so nahe, dass ich den Luftschlag seiner Flügel an meiner Wange spürte.
»Joe?« Plötzlich schoss er hoch in die Luft, und es war, als schreibe er mit seinem Auf und Ab etwas in den Himmel. Ich weiß, dass solche Sturzflüge zum Balzritual der Kolibris gehören, und doch frage ich mich jetzt, ob es Joe war, der verzweifelt versuchte, mir eine Nachricht zukommen zu lassen. Der mir hektisch seine vielen Geheimnisse mitteilen und mich warnen wollte vor dem, was er mir nie erzählt hatte.
Frank fuhr mich vom Bestattungsinstitut nach Hause und dann weiter, um die Kinder abzuholen. Ich saß am Küchentisch und starrte die Pfeffermühle an, ein Hochzeitsgeschenk von irgendwem, ich glaube, einer Collegefreundin von mir. Joe hatte jede Menge Wind um das Geschenk gemacht, für ihn war es die perfekte Pfeffermühle, worauf ich spöttisch meinte: »Wer hätte jemals geahnt, dass es irgendwo auf der Welt eine perfekte Pfeffermühle gibt und wir die stolzen Besitzer sein würden?«
Zach und Annie kamen hüpfend über die Veranda zur Vordertür herein. Ihr gesungenes Mommymommymommy! drang in meine neue verschwommene und gedämpfte Welt ein und brachte eine schneidende Klarheit mit sich. Ich zwang mich aufzustehen, Rücken gerade, fester Stand. Ich sagte ihre Namen. »Annie. Zach.« Joe hatte mir einmal erzählt, sie wären sein A bis Z, sein Alpha bis Omega. »Kommt zu mir, ihr beiden.« Frank stand hinter ihnen. Ich wusste, was ich zu sagen hatte. Ich würde nichts schönreden, so wie es meine Verwandten mir gegenüber getan hatten, als ich mit acht Jahren meinen Vater verlor. Ich würde nicht sagen, Joe wäre eingeschlafen und würde jetzt bei Jesus wohnen, oder er wäre jetzt ein Engel, weißgekleidet und mit Federflügeln. Es wäre einfacher gewesen, wenn irgendein Glaube mich erfüllt hätte, aber mein Glaube war in einem desolaten Zustand, ein wirrer Haufen, der ständig neue Formen annahm, wie Wäsche in der Waschtrommel.
Annie sagte: »Was ist mit deinem Knie passiert?«
Ich berührte es, doch ich konnte den Bluterguss nicht spüren, den ich mir am Vortag bei dem Sturz im Flur zugezogen hatte.
»Da musst du ein Pflaster draufmachen.« Sie sah mich eindringlich an.
Ich kniete mit dem anderen Bein auf dem Boden, zog beide Kinder zu mir heran und hielt sie fest. »Daddy hatte einen Unfall.« Sie warteten, regungslos, stumm. Warteten darauf, dass ich sie beruhigte, ihnen sagte, wo er war, wann sie ihm einen Kuss geben durften. Wann sie ihm eine Gute-Besserung-Karte basteln und aufs Frühstückstablett legen konnten. Sag es. Sie müssen es von dir erfahren. Sag ihnen : »Und er … Daddy … ist gestorben.«
Ihre Gesichter. Meine Worte gruben sich in ihre zarte, makellose Haut. Annie fing an zu weinen. Zach sah sie an, sagte fast belustigt: »Nein, das stimmt nicht!«
Ich strich ihm über den Rücken. »Doch, mein Schatz. Er war am Meer. Er ist ertrunken.«
»Nie im Leben. Daddy schwimmt schnell.« Er lachte.
Ich blickte zu Frank auf, und er kniete sich zu uns nieder. »Du hast recht«, sagte er. »Daddy ist ein guter Schwimmer … war es. Aber hör mir jetzt zu, ja? Eine riesengroße Welle hat ihn überrascht und vom Felsen gestoßen. Vielleicht hat er sich den Kopf angeschlagen, wir wissen es nicht.«
Annie rang die Hände und schluchzte: »Ich will meinen Daddy. Ich will meinen Daddy!«
»Ich weiß, Banannie, ich weiß das doch«, flüsterte ich ihr ins Haar.
Zach sagte zu Frank: »Das stimmt nicht. Er schwimmt bestimmt zurück, nicht wahr, Onkel Frank?«
Frank fuhr sich mit der Hand über den Bürstenschnitt, über die Augen, hockte sich zurück auf die Fersen und nahm Zach auf den Schoß. Drückte ihn an sich. »Nein, mein Kleiner, er kommt nicht zurück.« Zach wimmerte an Franks Brust, dann warf er sich plötzlich nach hinten und stieß einen Schmerzensschrei aus, in dem der ganze unfassbare Verlust zum Ausdruck kam.
Ich habe keine Erinnerung daran, was als Nächstes passierte, oder besser gesagt, an die Abfolge der Ereignisse. Es war, als stünde unsere Einfahrt plötzlich voller Autos, als füllten sich das Haus und der Garten mit Menschen, der Kühlschank mit Chicken Cacciatore, Auberginenauflauf und Lasagne. Joes Familie war überall. Meine Familie bestand nur noch aus meiner Mutter, und die saß gerade im Flugzeug aus Seattle. Auf befremdliche, traurige Weise erinnerte mich der Tag an unsere Hochzeit vor zwei Jahren, das letzte Mal, als alle diese Menschen die Einfahrt mit ihren Autos vollgestellt und sich hier versammelt hatten, Speisen und Getränke im Gepäck.
Joes Familie war laut – wie bei der Hochzeitsfeier, so auch jetzt in ihrer Trauer; und selbst die ersten Stunden der Fassungslosigkeit waren davon nicht ausgenommen. Seine Großtante, schon ganz in Schwarz, sprach als einziges Familienmitglied noch immer italienisch. Sie schlug sich auf die runzlige Brust und wehklagte: »Caro Dio, non Giuseppe.«
Doch es gab auch Phasen ungläubigen Schweigens, wenn alle stumm dasaßen, den Blick auf verschiedene Objekte geheftet – eine Lampe, einen Untersetzer, einen Schuh –, als suchte man bei den Dingen die Antwort auf die Frage: Warum Joe ?
Sein Onkel Rick schenkte hochprozentige Getränke aus. Sein Vater, Joe senior, trank viel und fing an, Gott zu verfluchen. Seine Mutter, Marcella, mit Annie und Zach rechts und links auf ihren mächtigen Schenkeln, sagte zu ihrem Mann: »Hüte deine Zunge, Joseph. Deine Enkel sind in diesem Zimmer, und Pfarrer Mike wird jeden verdammten Moment zur Tür reinkommen.«
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