»Ella. Es war eine Monsterwelle, draußen bei Bodega Head«, erklärte er meinem Rücken. »Sie kam aus dem Nichts.«
Er sagte, Joe hätte das Kliff draußen am First Rock fotografiert. Zeugen hätten berichtet, sie hätten ihn laut schreiend gewarnt, doch er hatte sie nicht gehört – der Wind, das Meer … Die Welle hatte ihn umgeworfen und hinausgetragen. Er war verschwunden, noch bevor irgendjemand zu Hilfe kommen konnte.
»Wo ist er?« Als Frank nicht antwortete, drehte ich mich um und packte ihn am Kragen. »Wo?«
Wieder senkte er den Blick, zwang sich dann aber, mich anzusehen. »Wir wissen es nicht. Er ist noch nicht wieder aufgetaucht.«
Eine kleine Hoffnung keimte in mir auf, begann sofort zu wachsen. »Er lebt noch. Bestimmt! Ich muss dahin. Wir müssen dahin. Ich rufe Marcella an. Wo ist das Telefon? Wo sind meine Schuhe?«
»Lizzie ist schon auf dem Weg hierher, um die Kinder abzuholen.«
Ich lief zum Schlafzimmer, trat auf den Brontosaurus, fiel auf die Knie und stand wieder auf, noch bevor Frank mir helfen konnte.
»El, hör mir zu. Wenn es auch nur die geringste Chance gäbe, dass er noch lebt, würde ich das jetzt nicht sagen. Aber jemand hat sogar Blut gesehen. Wir glauben, er ist mit dem Kopf aufgeschlagen. Er ist nie zum Luftholen aufgetaucht.« Dann sagte er noch, dass so etwas jedes Jahr passiere, als wäre ich irgendeine Touristin. Als wäre Joe nicht von hier.
»Joe passiert so etwas nicht.«
Joe konnte meilenweit schwimmen. Er hatte zwei Kinder, die ihn brauchten. Er hatte mich. Ich wühlte im Schrank nach meinen Wanderstiefeln. Joe lebte, und ich musste ihn finden. »Ein bisschen Blut? Wahrscheinlich hat er sich den Arm aufgeschürft.« Ich fand die Stiefel, zog die warme Decke vom Bett. Er fror bestimmt. Ich riss das Fernglas von der Garderobe, machte die Fliegengittertür auf und trat auf die Veranda, stolperte über die am Boden schleifende Decke. »Soll ich allein fahren? Oder kommst du mit?«, rief ich nach hinten.
Franks Frau, Lizzie, setzte Zach zu ihrer Tochter Molly in den Bollerwagen, während Annie ihren Arm durch den Zuggriff schob, die Hände um den Mund legte und rief: »Wir rudern mit dem Boot an Land. Vorsicht vor Piraten.«
Ich winkte und bemühte mich, fröhlich zu klingen. »Verstanden. Danke, Lizzie.« Sie nickte ernst. Lizzie Civiletti war keineswegs meine Freundin, was sie mir schon bald nach meiner Ankunft in der Stadt klargemacht hatte. Gleichwohl war sie nicht unfreundlich. Sie würde nicht zulassen, dass die Kinder meine Panik spürten. Und so sehr ich zu ihnen gehen und sie an mich drücken wollte, lächelte ich doch nur, winkte noch einmal und pustete ihnen Luftküsschen zu.
Das Blaulicht auf Franks Wagen warf Kreise auf die kurvenreiche Straße. Ich schloss die Augen, wollte die sanft geschwungenen Hügel nicht sehen, die jetzt in der Sonne leuchteten und mit »überaus glücklichen kalifornischen Kühen« gesprenkelt waren, wie Joe immer sagte. Es geht ihm gut. Es geht ihm gut. Er ist bloß desorientiert. Er hat sich den Kopf angeschlagen. Er weiß nicht, wo er ist, hat vielleicht eine Gehirnerschütterung. Er irrt am Strand von Salmon Creek umher. Genau! So ist es! Die Welle hat ihn hinausgetragen und weiter unten an der Küste wieder angespült, und da ist er jetzt. Redet mit irgendwelchen Jungs mit Surfbrettern. Wow, Sie sind auf der Riesenwelle geritten? Die Jungen haben ein Feuer gemacht, obwohl überall Verbotsschilder stehen. Sie geben ihm Bier und Hotdogs. Die Brötchen haben sie vergessen, aber es gibt Senf. Er ist ausgehungert. Erinnerungsfetzen blitzen auf. Nach und nach fällt ihm alles wieder ein.
Wir. Unsere Versöhnung letzte Nacht. Wie wir in der Küche standen und vorsichtig wieder zueinanderfanden, schließlich erleichtert ins Bett fielen. Im Streiten waren wir schlecht, dafür beim Versöhnen medaillenverdächtig. Er hatte mich vom Bauch abwärts geküsst, bis ich stöhnte, meine Schenkel, bis ich wimmerte, und schließlich hatten wir beide der Lust nachgegeben. Später, als ich schon wegdämmerte, hatte er mich auf den Ellbogen gestützt angesehen. »Ich muss dir etwas sagen.«
Ich kämpfte gegen die Müdigkeit an. »Du willst reden? Jetzt?« Natürlich war es lobenswert, dass er offener sein wollte, aber mein Gott, gleich nach dem Sex? War das nicht eine der nervigsten Taktiken des weiblichen Geschlechts? Ich verhielt mich also wie ein Mann und sagte: »Du kannst mir nicht höchste Wonnen schenken und dann sagen, dass wir reden müssen.« Vermutlich ging es wieder um den Laden, um mehr schlechte Nachrichten.
»Also gut«, sagte er. »Dann morgen. Lass uns einen Termin festlegen. Ich frage meine Mutter, ob sie die Kinder nehmen kann.«
»Ohhh. Wir brauchen einen Termin.« Vielleicht ging es ja gar nicht um den Laden, dachte ich, vielleicht gab es ja gute Neuigkeiten.
Er lächelte und tippte mit dem Finger auf meine Nase. Ich hatte nicht Nein, wir müssen gleich reden gesagt. Ich war nicht verärgert. Ich war sofort eingeschlafen.
Joe konnte gar nicht tot sein, nein, unmöglich. Er aß Hotdogs, trank Bier und unterhielt sich übers Surfen. Er hatte noch etwas mit mir zu bereden. Ich öffnete die Augen.
Frank raste durch Bodega Bay, vorbei an Fischrestaurants und Souvenirläden und dem weißrosa gestrichenen Süßwarenladen mit Saltwater-Taffys, an dem die Kinder niemals vorbeikamen, ohne stehenzubleiben, und weiter die kurvenreiche Straße entlang der Bucht, wo handgemalte Schilder den fangfrischen Fisch anpriesen und es nach geräuchertem Lachs und Meer und Wildblumen duftete, dann den geschwungenen Kamm hinauf nach Bodega Head, dem Ort, den Joe auf der ganzen Welt am meisten liebte.
Hier begann der Weg entlang der Klippen, den wir so oft zusammen gegangen waren, auf der einen Seite tief unten das Meer, und auf der anderen die Grasebene mit Küstenblumen – Schafgarbe oder Achillea borealis , Rosafarbene Sandverbene oder Abronia umbellata –, bis zu den grasbewachsenen Dünen. Joe staunte immer wieder, dass ich nicht nur alle Vögel und Wildblumen kannte, sondern auch ihre lateinischen Namen herunterrasseln konnte – eine Fähigkeit, die ich von meinem Vater geerbt hatte.
Der Parkplatz war voller Autos, darunter mehrere Streifenwagen, ein Feuerwehrauto, ein Krankenwagen. Am Beginn des Wanderweges stand Joes alter Pick-up, seine »Grüne Hornisse«. Ich nahm das Fernglas, stieg aus Franks Streifenwagen und schlug die Tür zu. Ein Hubschrauber flog mit dröhnenden Rotoren die Küste entlang Richtung Norden – es klang wie ein donnernder, zu schneller und langsam schwächer werdender Herzschlag.
Ich hatte keine Jacke dabei, und der Wind peitschte gegen meine nackten Arme, trieb mir Tränen in die Augen. Frank legte mir die Decke um die Schultern. »Bitte verlang nicht, dass ich mit jemandem rede«, sagte ich.
»Versprochen.«
»Ich muss allein dahin.« Er legte den Arm um meine Schultern, drückte mich kurz an seine Seite und ließ mich dann los. Ich ging zu Joes Pick-up. Natürlich war er nicht abgeschlossen. Seine blaue Daunenjacke, fleckig und abgetragen, genau wie er es mochte. Ich schlüpfte hinein. Sie war sonnengewärmt. Die Decke ließ ich im Wagen, damit sie warm war, wenn er sie brauchte. Die Thermoskanne lag auf dem Boden. Ich schüttelte sie: leer. Ich hob die Gummimatte hoch. Wie erwartet lagen seine Schlüssel darunter, und ich steckte sie in die Tasche.
Durch das Fernglas sah ich im Wasser zahllose Lichter aufblitzen, als mache das Meer Fotos von seinem eigenen Tatort.
Im März und April hatten wir Picknicksachen eingepackt und waren mit den Kindern hierhergefahren, um Wale zu beobachten. Genau mit diesem Fernglas hatten wir den Horizont abgesucht und die grauen Wale bestaunt, die elegant aus dem Wasser glitten und platschend wieder darin verschwanden. Wir hatten den Kindern die Geschichte von Jonas und dem Wal erzählt, wie er ins Meer geworfen und von einem Wal verschlungen worden war und dann in dessen Bauch mit ihm reiste. Annie hatte die Augen gerollt und gesagt: »Ja, klaaar.« Ich hatte gelacht und ihnen gestanden, dass ich als Kind in der Sonntagsschule auch Mühe gehabt hatte, die Geschichte zu glauben.
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