„Warum hast du mich verlassen?“ fragte sie.
Zärtlich erwiderte er: „Du weißt, Houlun, daß ich dich niemals verlassen habe.“
Da erfaßte sie wieder heiße Erregung. Sie stützte sich auf die Ellbogen. An ihren runden Armen hingen breite chinesische, juwelenbesetzte Armreifen aus Silber. Ihre Brust hob und senkte sich mühsam, ihre Augen blitzten. „Du hast mich verraten und mich in den Händen meines Feindes gelassen!“ rief sie. Um ihren Hals schlang sich eine breite, silberne, chinesische Kette, die mit flachen rosa Steinen besetzt war, die unter ihrem stoßweisen Atem wie Feuer aufglühten. Ihre seidenen Gewänder glitten ihr von Brust und Schenkeln, und Kurelen dachte bei sich, wie schön sie doch ist.
Er antwortete ihr mit zunehmender Sanftheit: „Ich habe dich immer für sehr weise gehalten, Houlun. Nicht kindisch und auch nicht weibisch. Ich dachte, daß du genau wie ich glaubst, daß sich der Mensch dadurch vom Tier unterscheidet, daß er sich nicht wehrt, sondern anpaßt und immer seinen Vorteil zu finden weiß. Nie dachte ich, du könntest dummen Stolz und Mangel an Einsicht zum Opfer fallen. Was hast du dir vom Leben gewünscht? Einen Gemahl? Den hattest du, und er ist fortgerannt, hat dich verlassen, und ein Stärkerer hat dich zu sich genommen. Sind in der Nacht nicht alle Männer gleich? Und ist es nicht besser, einen zu haben, der stark, ehrgeizig und ein großer Jäger ist?“
Er griff nach ihr und ließ die glatte Seide ihres Gewandes durch seine Finger gleiten.
Sie beobachtete ihn. Ihr Atem ging heftig und die Juwelen an ihrem Hals funkelten genauso leidenschaftlich wie ihre Augen. Achselzuckend ließ er die Seide los.
„Früher warst du in derbe Wolle gekleidet. Jetzt trägst du Seidengewänder. Du hast einen kräftigen Gemahl. Du hast weiche Kleider, Nahrung und Truhen voll Silber. Dir gehört die Leidenschaft eines stürmischen Mannes und er behandelt dich gut. Er ist Herr über dreißigtausend Jurten und sein Gefolge vermehrt sich täglich. Er hat dich beschützt. Niemand kann dich ihm entreißen. Was wünschst du dir mehr?“
Sie antwortete nicht. Sie keuchte noch immer erregt und ihr Gesicht war wutentbrannt. Aber sie hatte ihm nichts zu erwidern.
Kurelen lächelte unverändert und seufzte. Er sah sich in der Jurte um. Auf einem geschnitzten und intarsierten chinesischen Hocker aus Teakholz stand eine Silberschüssel voll türkischer Leckereien und Datteln. Er griff zu, kaute das klebrige Zeug und lutschte an den Dattelkernen. Er spuckte sie aus und leckte sich anerkennend die Lippen. Und die ganze Zeit über sah seine Schwester ihm zornerfüllt, aber mit wachsender Beschämung zu.
Er betrachtete sie belustigt und wischte sich die Lippen an seinen Ärmeln. „Sei keine Närrin, Houlun“, sagte er.
Laut und stammelnd brach es aus ihr hervor: „Kurelen, du bist ein Feigling!“
Er sah sie erstaunt an. Das Lächeln verschwand aus seinem schlauen Gesicht. Er schien ehrlich beleidigt und verwundert zu sein.
„Warum? Weil ich, ein auf sich selbst gestellter Krüppel, mich nicht auf einen Kampf mit deinem Mann eingelassen habe? Weil ich mich nicht in grenzenloser Dummheit absichtlich in seinen Säbel oder seinen Dolch gestürzt habe?“
In wütender Verachtung starrte sie ihn an. „Hast du noch nie etwas von Ehre gehört, Kurelen?“
Seine Augen weiteten sich, sein Blick wurde noch verblüffter, noch ungläubiger. „Ehre?“ Er brach in Gelächter aus. Er schaukelte auf der Truhe hin und her. Unbeherrschte Heiterkeit schüttelte ihn. Houlun betrachtete ihn unter zuckenden Wimpern und errötete. Sie lauschte seinem unmäßigen Gelächter. Ihre Wut vertiefte sich, weil sie sich noch nie dümmer vorgekommen war als eben jetzt.
Schließlich wurde er ruhiger, aber er mußte sich die Augen trocknen und hörte nicht auf, den Kopf zu schütteln.
„Die Toten“, bemerkte er, „brauchen weder Ehre noch Schande. Ich aber, Kurelen, brauche mein Leben. Wäre ich gestorben, hätte Jesukai dich unverändert bei sich behalten. Allerdings hättest du meinen ‚ehrenvollen‘ Tod wie eine Narrentresse an deiner Brust getragen. Ich habe dich verkannt, Houlun. Du bist beschränkt.“
Er erhob sich, schüttelte sein wollenes Gewand zurecht und schob die Hände in seine Ärmel. Groß, verwachsen und krumm stand er mit hintergründigem Lächeln und spöttischen Augen neben ihr. Seine weißen Zähne blitzten im Licht der Kohlenpfanne. Er verneigte sich hämisch und trat auf den Zelteingang zu, als wollte er gehen.
Sie sah ihm nach, bis er die Zeltklappe erreicht hatte und zurückschlagen wollte. Dann rief sie ihm mit unglücklicher Stimme nach: „Kurelen, mein Bruder, verlaß mich nicht!“
Er blieb stehen, aber wandte sich nicht um. Mühsam schwang sie die Beine über die Bettkante. Sie stöhnte und taumelte ihm entgegen. Er drehte sich um und sie stolperte in seine Arme. Das schwarze Haar fiel ihr über Hände und Brust, als sie sich zitternd und schluchzend von ihm festhalten ließ. Er spürte ihre atmende Brust gegen seine, fühlte den Druck ihrer Glieder. Er drückte ihr den Mund auf den Scheitel und zog sie fester an sich. Sein Lächeln war von wunderlicher Leidenschaft und Zärtlichkeit, wie sie noch keiner auf seinen Lippen gesehen hatte.
„Ich habe dich nie verlassen, Houlun“, wiederholte er unendlich sanft. „Ich habe dich immer und überall geliebt!“
„Und ich liebe nur dich“, schluchzte sie.
Trotz seiner Verunstaltung war er ein kräftiger Mann, und er hob sie hoch und trug sie aufs Bett zurück. Er strich die seidenen Decken und die Felle zurecht, glättete ihr langes Haar und schob es aus ihrem tränennassen Gesicht. Er legte ihr einen Rotfuchspelz über die Füße. Sie gestattete ihm diese Liebesdienste und sah ihn aus überquellenden, demütigen und anbetenden Augen an. Und dann saß er neuerlich neben ihr und ergriff ihre Hand. Er lächelte ihr zu, aber sein Lächeln war seltsam trocken und bitter.
„Es war ein böser Tag, an dem die Götter uns den gleichen Vater zugedacht haben“, sagte er.
Sie antwortete nicht, sondern schmiegte ihre blasse Wange gegen seinen Handrücken. Er seufzte und legte ihr die freie Hand aufs Haupt, und so verharrten sie reglos und sahen einander nur tief in die Augen und wagten nicht auszusprechen, was sie dachten.
Der Nachtwind erhob sich zum Rollen des Donners. Der Zeltboden erbebte, die Wände zitterten und bauschten und höhlten sich im Luftzug. Selbst die Teppiche auf dem Boden schimmerten so farbenprächtig, als lebten sie. Die geflochtenen Ruten des Zeltes ächzten und quietschten. Das verängstigte Vieh brüllte auf und seine tiefen Stimmen mischten sich mit dem Wind. In der Ferne wieherte ein Pferd und andere Hengste antworteten ihm verschreckt und beunruhigt. Kurelen und Houlun aber waren in einer kummerbeladenen und leidenschaftlichen Welt gefangen und sahen einander nur tief in die Augen.
Dann befreite Kurelen unendlich sanft seine Hand, die unter Houluns Wange lag. Bei dieser Bewegung zuckte sie krampfhaft zusammen, weil die Schmerzen neuerlich eingesetzt hatten. Mit geweiteten Nasenflügeln, die schmale, hohe Stirn gerunzelt, beobachtete er sie.
„Das dauert zu lange“, sagte er laut, als spräche er zu sich selbst.
Houlun preßte die Hände über ihren schmerzenden Leib. Sie biß sich auf die Lippen, konnte aber ihr Stöhnen nicht unterdrücken. Ungestüm streckte sie die Beine aus. Die Zeltklappe wurde hochgehoben und eine Dienerin blinzelte ins Innere.
„Herrin, der Schamane ist wieder hier“, meldete sie.
Kurelen machte eine einladende Geste, und im nächsten Augenblick trat sein Feind, der Schamane, trotzig ein. Sein Gewand aus grauer Wolle wallte ihm um die hageren Beine, sein dunkles, böses Gesicht drückte seine grimmige Feindschaft gegen Kurelen aus. Seine Nase erinnerte an einen Geierschnabel und er hatte brennende, glitzernde Augen. Kurelen lächelte ihm naiv zu.
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