Ich hätte nie nach Kathai wandern dürfen, dachte er, niemals sehen sollen, welche Fähigkeiten der Mensch entwickeln kann, wenn er sich nur bemüht. Hat man erst vom brennenden Becher der Erkenntnis getrunken, dann gibt es keinen Frieden mehr, sondern nur mehr Einsamkeit und Sehnsucht, Haß und Betrübnis. Gleich einem aussätzigen Hund muß ein Sehendgewordener sich zwischen seinen Mitmenschen bewegen. Gehaßt und hassend zugleich und doch von Mitleid und Wut erfüllt, weiß er viel und verzweifelt wenig und kann nur begreifen, daß er niemals etwas wissen kann. Er erkennt, daß er zu einem Nichts zusammenschrumpft und doch quält ihn das Bewußtsein der Unendlichkeit.
Leise klagte die Flöte, aber die Klage schwang sich auf und wurde zum Triumph. Ihre dünne Flammenzunge griff nach dem Himmel, durchtrennte ihn, ohne ihn zu versengen, und erzwang sich ihren Einlaß in die unergründliche Ewigkeit. Dort brannte sie abseits, schön, traurig und trotzig, ohne ihre Finsternis erhellen zu können. Es war die Seele des Menschen, bedrängt und fremd, verirrt, klein und leuchtend, die von allen Winden des Himmels und der Hölle bestürmt wurde, die das Zerbrechliche, Lebendige suchten. Ihre zitternde Stimme sprach von Liebe zu Gott, von Unzulänglichkeit und Schmerz, und selbst noch in der Verzweiflung von unerschütterlicher Hoffnung.
Als das Flötenspiel endete, überwältigte Kurelen der Kummer. Er begab sich zur Jurte seiner Schwester. Sobald er den Kopf gesenkt hatte, um die Jurte zu betreten, lächelte er aber bereits wieder ironisch und seine schrägen Augen waren voll Schabernack.
Die kuppelförmige Jurte bestand aus dickem schwarzem Filz, der über ein Gerüst von geflochtenen Ruten gezogen war. Oben war ein Loch, durch das der Rauch abziehen konnte. Darunter stand ein Kohlenbecken, dessen Flammen die einzige Lichtquelle bildeten. Die geschwungenen Wände der Jurte waren mit weißem Kalk angeworfen, und ein talentierter chinesischer Freund Jesukais hatte darauf in Pastellfarben kunstvolle, dekadente Gestalten gepinselt. Diese lasziven Stellungen, die schwer deutbaren Gesichter, die zarten Farben bildeten einen starken Kontrast zu den barbarischen Mongolen, die aus der Gegenüberstellung mit diesen Figuren an Kraft, Männlichkeit und Macht zu gewinnen schienen. Seidenteppiche aus Kabul und Bokhara verliehen dem Holzboden der Jurte Farbe und der warme Ton der Teppiche schimmerte durchs Halbdunkel. Auf diesen Teppichen standen drei Teakholztruhen, die einer chinesischen Karawane geraubt worden waren. Ihre kunstreichen, unheimlichen Schnitzereien zeigten Bambuswälder, Grotten, durchbrochene, geschwungene Brücken, Fischreiher und Kröten, buddhistische Mönche mit langen Ärmeln und spitzen Hüten, Liebende und Blumen, und wirkten in dieser Jurte eines Barbaren fremd und aufreizend. In einer der offenen Truhen lagen seidene, gestickte Frauengewänder, die ebenfalls von Karawanen erbeutet oder schlauen arabischen Händlern abgehandelt worden waren, und kleine Schmuckschatullen, Dolche und Becher aus eingelegtem Silber. An einer Seite der Filzwand, die der chinesische Künstler nicht verziert hatte, hingen zwei oder drei runde, vergoldete, geharzte bunte Schilde, Köcher aus Bambus und Elfenbein, Krummsäbel, die wie der Blitzstrahl funkelten, Pfeile und kurze, chinesische Schwerter und zwei breite türkisbesetzte Silbergürtel, deren komplizierte, spitzenähnliche Arbeit die Geschicklichkeit bester chinesischer Künstler verrieten.
Houlun lag inmitten von bestickten Chinaseiden und weichen Pelzen auf einem breiten Bett. Rund um das Bett hockten mehrere Frauen auf den Teppichen, schaukelten mit fest geschlossenen Augen hin und her und murmelten Gebete zu den Geistern. Sie hatten die Hände in den weiten Ärmeln gefaltet. Ihre langen Baumwollgewänder fielen in starren Falten über Hüften, Arme und Schultern. Als Kurelen eintrat, starrten sie ihn aus feindseligen Augen an, ohne sich zu erheben, obwohl er der Bruder der Häuptlingsfrau und der Sohn eines Häuptlings war. Houlun reckte bei seinem Kommen leicht den Kopf und blickte ihm stumm und ohne Lächeln entgegen.
Man sah ihr an, daß sie litt. Das rote, zuckende Licht des Kohlenbeckens zeigte ihr blasses, angespanntes Gesicht, ihre grauen, gequälten Augen. Selbst ihre Lippen waren bleifarben. Das lange schwarze Haar fiel ihr wie schimmernde Seide über die Arme und hing übers Bett zu Boden. Ihre vollen Brüste hoben sich wie Hügel unter ihrem dünnen Gewand aus schimmernder weißer Seide, auf die purpurrote, grüne und gelbe chinesische Figuren gestickt waren. Ihr Leib war unförmig angeschwollen und sie hatte die langen, wohlgeformten Beine im Schmerz hochgezogen.
Sie musterte ihren Bruder mit hoheitsvollem, eiskaltem Blick. Sie hatten seit dem Tag, an dem er sie verraten hatte, nicht mehr miteinander gesprochen, obwohl er sie aus der Ferne gesehen hatte und sie ein oder zweimal stolz und unnahbar an ihm vorbeigekommen und ihr schönes Gesicht starr vor Ablehnung gewesen war. Als er jetzt mit spöttischem Grinsen neben ihrem Bett stand und sie mit unergründlichem Blick anfunkelte, schossen ihr die Zornestränen in die Augen und sie wandte das Gesicht ab.
Kurelen lächelte. „Du hast mich rufen lassen, Houlun?“ fragte er sanft.
Sie hielt ihr Gesicht starr abgewandt. Die Tränen drängten sich an ihre Wimpern, aber trotz ihrer Schmerzen war ihre Miene stolzer und kälter denn je. Sie zog die Beine höher und spannte die Muskel an. Kurelen biß sich nachdenklich auf die Oberlippe, wie es seine sonderbare Gewohnheit war. Er blickte auf die feindseligen Frauen, die an Houluns Bett hockten, und sie wandten verächtlich die Augen von ihm. Er rieb sich das Kinn mit dem Daumen und wandte seine Aufmerksamkeit wieder seiner Schwester zu. Er sah, daß ihr der Schmerz die Schweißperlen auf die Stirn trieb und sah die blutunterlaufenen Spuren an ihren zerbissenen Lippen.
„Hast du nach dem Schamanen geschickt?“ fragte er und lächelte wieder teuflisch.
Sie drehte den Kopf in den Kissen und finstere Wut erfüllte ihre Augen. „Du verhöhnst mich, selbst wenn ich leide!“ rief sie.
Die Frauen murmelten. Sie rückten unschlüssig von ihm ab. Eine zischte Kurelen zwischen zusammengepreßten Lippen zu: „Sie will den Schamanen nicht empfangen, obwohl er den ganzen Tag am Eingang der Jurte stand.“
„Oh“, sagte Kurelen sinnend. Houlun begann zu weinen, und das ärgerte und beschämte sie. Sie wandte ihr Gesicht von ihm und dem Licht des Kohlenbeckens weg und war zu stolz, um sich die Tränen abzuwischen. Er hob den Zipfel eines dünnen Seidentuches und betupfte damit zart ihre Wangen und die Augen. Sie wies ihn nicht zurück, sondern fing unvermittelt laut zu schluchzen an, als hätte seine Berührung ihre Selbstbeherrschung vernichtet.
„Laß mich allein“, stammelte sie. Aber er wußte, daß sie es nicht ernst meinte. Er kehrte sich den Frauen zu. „Ihr habt eure Herrin vernommen“, sagte er. Sie standen vollends verblüfft und ratlos auf und glotzten Houlun an. Aber die weinte und beachtete sie nicht. Langsam verließen sie unter Gemurmel hintereinander die Jurte und schlossen die Eingangsklappe. Die Geschwister waren allein.
Die Holzkohle im chinesischen Becken knisterte. Das trübe rote Licht flammte auf und verglühte. Die verzierten Wände der Jurte wölbten sich unter dem schrecklichen Wind, der um die Zelte fegte. Die bunten Gestalten an den Wänden bebten, bauschten sich ins Innere der Jurte, wurden nach außen gesaugt. Manche der lasterhaften, feinen Gesichter schienen hämisch und bösartig zu lächeln. Die große Frau auf dem Bett krümmte sich und weinte vor Schmerz und Verlassenheit. Die Krummsäbel glitzerten an den schwankenden Wänden.
Kurelen nahm auf einer Truhe neben seiner Schwester Platz und wartete. Schließlich wischte sie sich mit kindlicher Gebärde die Tränen mit dem Handrücken ab und kehrte ihm das Gesicht zu. Noch immer war es stolz und kalt, aber ihre grauen Augen blickten weich und gequält.
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