Freundlich und doch mit leiser, eiskalter Verachtung sagte er zu ihr: „Ich sah das Zeltlager deines Gemahls Jesukai, meine Schwester. Ich bin durch das Dorf gegangen. Bleibe hier und sei Jesukai ein treu ergebenes Weib. Sein Volk stinkt weniger als unseres.“
Die Mongolen, die trotz ihres entbehrungsreichen Lebens gerne lustig waren, rissen bei dieser erstaunlichen Rede zuerst die Augen groß auf, aber dann brachen sie in dröhnendes Gelächter aus. Jesukai lachte, bis ihm die Tränen über die Wangen in den Schnurrbart liefen. Die Krieger fielen einander in die Arme. Die Kinder kreischten, die Frauen quietschten. Die Rinder brüllten, die Pferde wieherten und die Hunde bellten wie verrückt. Viehtreiber und Schafhirten stampften, bis dicke Staubwolken die klare, strahlende Wüstenluft erfüllten, daß sie husten mußten.
Houlun aber lachte nicht. Sie stand vor der Jurte und sah auf ihren Bruder hinab. Ihr Gesicht war so weiß wie der Gebirgsschnee. Ihre bleichen Lippen bebten und verzerrten sich. Ihre Augen begannen verächtlich zu funkeln. Und Kurelen stand unter ihr und lächelte schlitzäugig zu ihr empor. Schließlich drehte sie sich wortlos um und ging stolz erhobenen Hauptes in die Jurte zurück.
Nachdem das Gelächter sich so weit beruhigt hatte, daß er sich Gehör verschaffen konnte, sagte Kurelen zu Jesukai, der sich ganz offen die Augen trockenwischte: „Alle Männer stinken, aber deine am wenigsten von allen, die ich gesehen habe. Laß mich in deinem Lager leben und deinem Stamm angehören. Ich spreche die Sprache Kathais. Ich verstehe besser zu stehlen als ein Türke aus Bagdad und listiger zu feilschen als ein Naimane. Ich kann Schilde und Rüstungen anfertigen und Metall in viele nützliche Formen hämmern. Ich kann in der Sprache Kathais und der Uiguren schreiben und bin in vielem bewandert. Wenn auch mein Körper schief ist, kann ich dir unzählige Dienste erweisen.“
Jesukai und seine Horde sahen ihn erstaunt an. Hier stand kein fordernder und drohender Feind. Den Schamanen erfaßte zornige Enttäuschung und er trat neben Jesukai, der unschlüssig an seinen Lippen kaute. Er flüsterte ihm zu: „Das Vieh stirbt an einer geheimnisvollen Seuche. Die Geister des blauen Himmels verlangen ein Opfer. Hier hast du eines vor dir, o Herr. Den Sohn eines Häuptlings, den Bruder deiner Gemahlin. Die Geister dürsten nach einem hochgeborenen Opfer.“
Der abergläubische Mongole war unglücklich. Er brauchte Handwerker und hatte sehr wohl den Funken der Zuneigung und Freude im Auge seiner schönen und spröden Gemahlin Houlun beim Anblick ihres Bruders bemerkt. Er hatte überlegt, daß sie gefügiger sein könnte, wenn er ihren Bruder hochherzig und gütig behandelte, und daß sie sich inmitten der Fremden wohler fühlen würde, wenn sie einen Blutsverwandten um sich hatte. Aber der oberste Schamane, der Priester, flüsterte ihm ins Ohr und er hörte auf seine Worte.
Kurelen, der Priester haßte, wußte, was hier vorging. Er sah das unentschlossene Auge des Khans funkeln und sich verdunkeln, als sein Blick auf ihm ruhte. Er sah das bösartige Profil des Schamanen, die feige und grausam herabhängende Lippe. Er bemerkte die verschlagenen und feindseligen Blicke, die gierig auf Folter und Blut warteten, sah die plötzlich geblähten Nüstern der Krieger, die nicht länger lächelten, sondern ihn von allen Seiten umzingelten. Er wußte, daß er keine Furcht zeigen durfte.
Belustigt sagte er: „Großer Schamane, ich weiß nicht, was du flüsterst, aber ich weiß, daß es Unsinn ist. Die Priester machen die Männer zu Weibern. Sie haben die Seelen von Schakalen und müssen zu törichter Magie flüchten, weil sie das Schwert fürchten. Sie füllen sich die Bäuche mit dem Fleisch der Tiere, die sie nicht erlegt haben. Sie trinken Milch von Stuten, die sie nicht gemolken haben. Sie schlafen mit Frauen, die sie weder gekauft noch entführt noch im Kampf erbeutet haben. Da sie die Herzen von Kamelen haben, müßten sie ohne ihre Schlauheit sterben. Sie machen die Männer mit ihrem Geschwätz zu Sklaven, damit sie ihnen weiterhin dienen.“
Die Krieger mochten den obersten Schamanen nicht, den sie im Verdacht hatten, ihre Frauen mit lüsternen Augen zu betrachten, und grinsten. Der Schamane musterte Kurelen haßerfüllt und sein verschlagenes Gesicht lief blutrot an. Trotz seiner Unentschlossenheit begann Jesukai zu lächeln. Kurelen wandte sich an ihn.
„Antworte mir aufrichtig, o edler Kahn: Kannst du leichter auf einen Krieger verzichten als auf diesen törichten Priester?“
Der naive Jesukai antwortete ohne zu überlegen: „Ein Krieger ist besser als ein Schamane. Ein Handwerker ist nicht so gut wie ein Krieger, aber immer noch besser als ein Priester. Kurelen, wenn du einer meiner Leute sein willst, heiße ich dich willkommen.“
So wurde Kurelen, der sich in seinem gefährdeten Leben stets auf seinen scharfen Verstand verlassen hatte, zu einem von Jesukais Horde. Da die Krieger jeden Besiegten verachteten, hörten sie nicht länger auf den Schamanen. Einzig die Frauen und Kinder waren ihm ergeben.
Lange Zeit wollte Houlun nichts von ihrem Bruder wissen, der sie verraten und verhöhnt hatte. Sie empfing ein Kind von Jesukai. Sie besorgte seine Jurte und lag in seinem Bett und schien sich abgefunden zu haben, denn sie war eine kluge Frau, die wenig Zeit an Kummer und Selbstbedauern verschwendete. Wie alle weisen Menschen machte sie das Beste aus den gegebenen Umständen, um ihr eigenes Wohlergehen zu fördern. Aber ihren Bruder vermied sie. Erst in der Stunde ihrer Niederkunft schickte sie nach ihm. Sie litt starke Schmerzen, fürchtete sich und wollte das einzige Lebewesen, das sie ehrlich liebte, neben sich haben, selbst wenn er sie verspottet hatte. Ihr Gemahl befand sich auf Jagd- und Raubzug und sie brachte ihm auch keine Liebe entgegen.
Sie wußte, daß die Horde ihres Mannes Kurelen verabscheute und fürchtete. Aber bei seinen eigenen Leuten war es ihm nicht besser ergangen und sie kannte den Grund. Auch sie haßte und verachtete die Menschen. Da sie aber kalt, hochmütig und zurückhaltend war, erzwang sie sich Hochachtung. Bei Kurelen war das etwas anderes, denn er war geschwätzig, freundete sich vorurteilslos mit jedem an und konnte sehr gewinnend sein. Die Folge war, daß man ihn für minderwertig hielt, und selbst die Schafhirten sprachen verächtlich von ihm und lachten über seine Feigheit. Hatte er sich nicht mit dem Raub seiner Schwester abgefunden?
Die alte Dienerin Jasai, die an den offenen Eingang von Kurelens Zelt gekommen war, stand und glotzte ihn an. Er blickte auf, sah sie, dann schlürfte er den letzten Rest Kumyß und bewunderte noch einmal die prächtige Ziselierung des silbernen Bechers. Behutsam stellte er ihn auf den mit Fellen belegten Boden der Jurte, wischte sich den breiten, dünnlippigen, gekrümmten Mund am schmierigen Ärmel ab und lächelte. „Ja, Jasai?“ fragte er liebenswürdig.
Sie sah ihn feindselig an. Er war der Sohn eines Häuptlings und sprach mit ihr wie mit einer Gleichgestellten. Ihre verwelkten Lippen verzogen sich unbehaglich, schürzten sich zum Ausspucken und sie grunzte in ihrer alten Kehle. Kurelen betrachtete sie unverändert freundlich und wartete. Er faltete die Hände in seinen weiten Ärmeln und saß gelassen auf dem Boden. Einzig seine bösen, hämischen Augen funkelten in der stickigen, düsteren Jurte. Seine Liebenswürdigkeit und Leutseligkeit konnten weder die Alte noch sonst jemand täuschen. Niemand glaubte ihm, daß er die Angehörigen von Jesukais Stamm als seinesgleichen betrachtete. Hätte er sich stolz und überlegen und trotzdem von hoheitsvoller Freundlichkeit gezeigt, sie wären geschmeichelt gewesen und hätten ihn bewundert. Daß er aber gar keinen Stolz an den Tag legte und sie als Ebenbürtige behandelte, war, wie sie genau wußten, nur seine spöttische Art, ihre Minderwertigkeit zu verlachen und seine grenzenlose Verachtung für sie zu bemänteln.
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