So kniete er vor Kokchu, der bunt wie ein Regenbogen gekleidet war und dessen dicke, alte Hände von Juwelen funkelten. Kokchu hob ernst den Reif hoch und schien die unergründlichen Geister des ewigen blauen Himmels um Rat zu fragen. Seine Lippen bewegten sich, seine Augen wurden groß. Er zitterte, und Tränen liefen ihm übers Gesicht. Temudschin kniete mit gebeugtem Kopf vor ihm, und jetzt schwiegen selbst die ungestümen Khane still.
Dann senkte Kokchu den Blick und betrachtete den knienden Mongolen. Seine Lippen bebten. Mit der erstickten Stimme übermenschlicher Gemütsbewegung rief er aus:
„Die Geister und die Könige der Erde haben gesprochen. Und es wurde bestimmt, daß Temudschin, der Sohn des Jesukai, zum Kaiser aller Menschen, zum Dschingis Kha-Khan, dem allgewaltigen Herrscher, dem Reiter des Himmels ernannt werden soll.“
Und langsam und mit kunstvoller Gebärde drückte er den goldenen Reif auf Temudschins rotes Haar.
XXVII
„Ich stehe erst am Anfang“, sagte Temudschin zu sich. Er saß allein auf seinem Pferd und erwartete den Morgen.
Hinter ihm schliefen die erschöpften Khane in ihren prunkvollen Jurten. Er war völlig allein. Selbst die Pferde und alle anderen Tiere schlummerten in tiefer Reglosigkeit.
Sein Blick wanderte nach dem Osten. Dort erstrahlte der Himmel in bleichem, pulsierendem Silber, aber schon lief an den niedrigeren Rändern das schwache Feuer des Morgenrotes. Die Wüste lag in geheimnisvollem Violett. Die schroffen, gezackten Berge in der Ferne waren noch nachtschwarz, aber schon flammten ihre Gipfel gold und purpurn auf. Der nimmermüde Wind plätscherte wie Wasser über die Welt und blies Temudschin ins Gesicht.
Das gewohnte Lächeln seines finsteren Spotts war verschwunden. Das rote Haar lag auf seinen Schultern. In seinen Augen waren unergründlich tiefe Schatten, und seine Miene war starr und ernst. Die Hände lagen am Hals seines weißen Hengstes, der unbeweglich wie eine Marmorstatue stand. Einzig die schneeweiße Mähne flatterte im Wind.
Temudschin blickte nach Osten, wo die Reiche Kathais lagen. Dann sah er nach dem Westen, in dem sich die Provinzen und Königreiche der Moslems erstreckten, und dahinter nach Europa, das im Nebel des Unbekannten schwamm und das er erobern sollte. Er betrachtete die ganze Welt. Plötzlich erfaßte ihn eine beängstigende Hochstimmung, und seine Seele schien sich zu dehnen, bis sie so groß war wie die Ewigkeit selbst. Er hob die geballte Faust und hielt sie starr in die Luft. Die Nasenflügel seines braunen Gesichts weiteten sich. Seine Augen funkelten wie im Widerschein eines Brandes, und der Schatten eines geheimnisvollen Feuers breitete sich über sein Gesicht. Sein Anblick war grauenhaft und unheimlich. Asien mit seinen unermeßlichen Ausdehnungen schlief noch im Westen, Osten, Norden und Süden. Sein Beherrscher und Zerstörer, sein Erbauer und Vernichter jedoch stand allein mit hocherhobener Faust und entsetzlichem Antlitz, und einzig Gott und der Tod standen ihm gegenüber. „Ich stehe erst am Anfang“, sagte er noch einmal.
Plötzlich wurde er sich einer gräßlichen Gegenwart, eines immer wachen Auges, eines unheimlichen Beobachtetwerdens bewußt. Einen Augenblick setzte sein Herzschlag aus, und seine Hand sank. Dann hob er die Augen und blickte auf die immer heller werdende Unendlichkeit des Firmaments, und sein ganzes Sein wurde von Siegesgewißheit und Trotz, von Ungestüm und wilder Freude erfaßt.
„Die Welt ist mein“, schrie er, und seine Stimme zerschnitt die Stille wie ein Trompetenstoß. „Ich, Dschingis Khan, bin die Welt!“
Nur die Stille Gottes antwortete ihm. Die Sonne erhob sich am zerklüfteten Horizont. Sie fiel mit blutigem Schein auf Gesicht und Gestalt Dschingis Khans. Und plötzlich schien sich rund um ihn eine Geisterhorde zu scharen. Es waren die Schatten der Vergangenheit und der Zukunft, die Schatten aller Feinde der Menschheit.
Stumm und ingrimmig, unsichtbar und doch sehend umstanden sie ihn.
Und die Augen Gottes sahen alles, und die Stille Gottes verschluckte das Universum, und der Geist Gottes schien sich unbezwinglich und in ewiger Sieghaftigkeit über die Erde zu ergießen.