Temudschin spielte mit ihm und schlenkerte ihn hin und her wie einen Sack Kleider. Speichel floß von den flennenden Lippen des Alten, und er verdrehte die Augen. „Schone mich! Schone mich!“ wimmerte er. „Jesus! Allah!“
Da hielt Temudschin Ung Khan ein wenig von sich ab und durchbohrte ihm bedächtig den Leib mit dem Schwert. Immer wieder stieß er die Waffe durch den Bauch des Alten, bis er tot war. Dann ließ Temudschin das Schwert fallen, das schwarz und naß vom Blut im Mondlicht lag. Er schleuderte die Leiche von sich und trat ihr ins Gesicht.
„Ich habe mich gerächt“, sagte er. Aber er sah längst nicht mehr Ung Khan vor sich, sondern Jamuga und Azara.
Die Plünderung ging systematisch vor sich. Als das Morgengrauen heraufzog, traten die Mongolen den Heimritt an. Die eroberten Schätze lagen in ihren Sätteln, und die weinenden Tanzmädchen ritten hinter ihnen.
Als Taliph erfuhr, was sich zugetragen hatte, floh er in den neuen Palast seines Vaters hinter der Großen Mauer.
XXV
Es geschah im Jahre des Leoparden, daß Temudschin Ung Khan besiegte und ihn ermordete und damit, wie er dachte, Azara und Jamuga gerächt hatte.
Aber die Schlacht war damit noch nicht gewonnen.
Jetzt machte er sich daran, den Rest der Koraiten mit unbarmherzigem Fanatismus zu unterwerfen. Niemals gestattete er ihnen eine Ruhepause, sondern verfolgte sie bis in ihre eigene Festung, die Stadt Karakorum in der Wüste. Die Koraiten waren tapfere Krieger und verachteten den ‚Nomadenbettler‘, aber all ihre Tapferkeit und Verachtung vermochte seinen blitzartigen Angriffen, der beinahe übernatürlichen Unermüdlichkeit des Feindes nicht zu trotzen. Und jetzt genügte schon die Nachricht, daß der rothaarige Mongole mit seiner Goldenen Horde im Anmarsch war, um wilde Panik unter den stolzen Koraiten auszulösen. Denn man munkelte, daß die Geister an seiner Seite ritten, daß keiner ihm zu widerstehen vermochte und seine erschlagenen Krieger sich wieder unversehrt erhoben. Temudschins Feinde wurden mehr vom eigenen Aberglauben und von der Angst in die Knie gezwungen als von seinen Horden und unbarmherzigen Kriegern. Unter den muselmanischen Koraiten erhob sich das Gerücht, daß Gott die Menschen mit einem unentrinnbaren Feind heimgesucht hätte.
Die Priester in den Moscheen riefen: „Wir haben gesündigt und Gott und seinen Propheten vergessen! Deshalb bestraft und vernichtet er uns jetzt!“
Und die Priester der Christen riefen aus: „Dies ist die Weissagung vom entfesselten Satan und dem Ende der Welt. Vor der Geißel Gottes sind wir Menschen ohnmächtig.“
Die gnadenlosen Horden preschten wie Donnerschlag einher. Ihnen voran ritt ein Geisterheer, das mit übernatürlichen Kräften ausgestattet war. Es hieß, Temudschin sei allgegenwärtig. Zur gleichen Stunde fiel er an hundert verschiedenen, weit voneinander entfernten Orten über die unbesiegten Merkiten, Koraiten, Uiguren und Naimanen her. Die Menschen raunten sich zu, daß er auf einer Sturmbö angeritten komme. Zügellose Angst und Demoralisierung überschwemmte die Gobi. Zum Schluß waren es nicht mehr Temudschins Horden, die den Feind überwältigten, sondern es war allein sein furchterregender, geheimnisumwitterter Name.
Gegen Menschen kann man ankämpfen, lautete das verängstigte Getuschel, aber wie soll ein armseliger Mensch dem Willen Gottes trotzen?
Ein Volk ums andere fiel und ergab sich und sah seiner Ausrottung entgegen. Aber wieder ließ Temudschin große Weisheit walten. So oft ein Volk sich ihm ergab, sagte er: „Ihr seid Helden, denn ihr habt wie die Teufel gekämpft, wie es treuen Männern zukommt. Ich brauche euch. Kommt zu mir, verbindet euch mit meinem Volke und dient mir. Vor langer Zeit waren die Jakka-Mongolen ein Stamm. Jetzt sind wir eine Nation, und ihr könnt ein Teil von ihr werden, ihren Ruhm und ihre Siege mit ihr teilen und unbesiegbar wie der Schatten Gottes mit uns reiten.“
Von seiner Macht, seiner Kraft, seiner Großzügigkeit und schon allein seinem Aussehen wie hypnotisiert, lehnte es kein einziger Stamm ab, sich seinem Volk anzugliedern. Und sie taten es mit Begeisterung, denn der geheimnisvolle Zauber hatte auch sie erfaßt, und sie waren bereit, für ihn zu sterben. Sie hoben die Augen zu ihm empor wie zu einer Gottheit. Der Mörder der Steppe schien tatsächlich mit dem Blitz des Himmels ausgerüstet zu sein. Schließlieh streckten andere Völkerstämme kampflos die Waffen und drängten sich um die Fahne der neun Jakschwänze.
Auch in diesen Tagen seines berauschenden Triumphes bewies Temudschin seine tiefe Einsicht, denn er stellte an die Spitze eines jeden besiegten Volkes einen Herrscher aus ihren eigenen Reihen, dem sie vertrauten und dem er vertrauen durfte. Auf diese Weise führte er jeden unterworfenen Stamm zu Ruhe und Ordnung zurück und konnte sich in neue Eroberungen stürzen. Mit jedem Sieg schwoll seine Macht weiter an. Nie gönnte er sich Ruhe. Zu seinen Paladinen sagte er: „Der Erfolg einer Schlacht liegt darin, daß man sie zu Ende führt und das Ergebnis sicherstellt. Gebt niemals eine Stellung auf, ehe ihr überzeugt davon seid, daß sie euch für alle Zeiten gehört.“
Stadt um Stadt fiel in seine Hände, oft ohne auch nur den Versuch eines Widerstandes zu machen. Bei kampfloser Übergabe durften die Krieger plündern, nicht aber die Einwohner behelligen oder sie gänzlich enteignen. Temudschin brauchte in erster Linie Untertanen. Durch seine Großzügigkeit verwandelte er verschreckte Feinde in leidenschaftliche Freunde.
Innerhalb von drei Jahren eroberten seine Horden die Täler und Städte der Osttürkei, die Städte, Weiden, Ländereien und Flüsse der Taijuten, Naimanen, Uiguren und Merkiten. Längs der zuckenden Flanke der Großen Mauer von Kathai ritten seine Krieger und durchbohrten längs der niedrigen, sonnenbleichen Gebirgskette im Norden wie lebende Rammpfähle die alten Städte Khoten und Bischbalik, preschten wie der Wirbelwind dahin, ließen völlige Unterwerfung und Demoralisierung hinter sich und pflanzten ihre Standarten in den Palästen von Sultanen und Prinzen, in Moscheen, Tempeln und Kirchen auf.
Die wunderbarsten Fabeln wurden von seinen grauen Augen und seinem roten Haar, seinem strahlenden Lächeln, seiner Großmut, seiner Tapferkeit und Unbezwinglichkeit erzählt. Durchtrieben wie immer, machte er zuerst Regierende und Priester zu seinen Untertanen und Freunden und überließ ihnen den Rest.
Er wußte, daß neben einem vielköpfigen Heer der Aberglaube und Schrecken Macht bedeuteten. Er versuchte, Unterwerfung mit Versprechen zu erzielen, die er immer hielt. Hatte er damit keinen Erfolg, dann kannte er kein Erbarmen. Die Männer wurden erschlagen, die Frauen versklavt, die Kinder von den Mongolinnen adoptiert und Weiden und Städte den Eroberern zugeteilt.
Er hatte eine geheimnisvolle Begabung dafür, das Richtige zu tun, und beging niemals einen Fehler. Dadurch häuften sich die Erzählungen von seinen übernatürlichen Kräften, und oft brauchte er nur auf einen Landstrich oder eine Stadt zuzureiten, damit ihm die dort Regierenden schon entgegeneilten und ihm völlige Unterwerfung anboten.
Schon längst ordneten sich nicht nur Nomadenhorden seinem Reich unter. Reiche Kaufleute, Händler und Adelige unterwarfen sich ihm, und selbst Philosophen und Lehrer von Hochschulen schlossen sich ihm voll Verehrung an. Selbst die Bildung wappnete sich nicht gegen seine Macht. Jene, die ihre Schüler über Menschenwürde aufgeklärt und ihnen das Wissen von Generationen vermittelt hatten, waren oft die ersten, die von ‚der Hand Gottes und dem Ruhme Temudschins‘ faselten. Er ergänzte sein Gefolge mit Gelehrten, Astrologen, Wissenschaftlern und Ärzten, die ihn in ihren Sänften begleiteten und mit ihm ums Lagerfeuer saßen, wenn Rat gehalten wurde. Zu seinen Günstlingen zählte ein Arzt, der sich um sein Wohlergehen kümmerte. Chepe Noyon und Subodai lächelten insgeheim und sprachen von der sonderbaren Ähnlichkeit dieses Arztes mit dem toten Kurelen.
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