Eben, als er seinen Warnschrei ausstoßen wollte, trat ihm ein anderer Mongole mehrmals mit voller Kraft gegen die Stirn. Der Körper des Sterbenden bäumte sich auf, die Arme tasteten ziellos in die Luft. Ein Stiefel trat ihm energisch ins Gesicht, und der Absatz drückte ihm die Augen ein. Endlich lag er still und bewegte sich nicht mehr.
Die Mongolen sahen einander schwer atmend mit grimmigem Lächeln an. Jetzt ließen sie ihre Mäntel fallen, ohne Rücksicht darauf, ob sie bemerkt wurden oder nicht, und schritten gemeinsam den Abhang zum Lager hinab, denn Temudschin und seine Krieger waren beinahe schon da.
Die Mongolen gaben sich nicht mehr die Mühe, jedes Geräusch zu vermeiden. Sie gaben ihren Pferden die Sporen und stürmten unter Hufgedonner und begeistertem Gebrüll auf das Lager zu.
Der etwas eingedöst gewesene Ung Khan wurde plötzlich vom entsetzten Gekreisch der Mädchen und dem Brüllen seiner Krieger geweckt. Mühsam rappelte er sich auf die Beine und stützte sich am geduckten Körper eines der Weiber ab. Er blickte über die Ebene hinab und sah die Mongolen und die Fahne, die sich im Mondlicht blähte. Entsetzt starrte er um sich und schrie kraftlos auf. Mit erstickter Stimme berief er seine Offiziere, die sich erhoben und im Feuerschein blinzelten.
Sofort bemächtigte sich des Lagers heillose Unordnung. Panik griff um sich. Die Krieger rannten wie blind durcheinander und griffen nach den von der Panik angesteckten Pferden, die an ihnen vorbeipreschten. Die Frauen drängten sich zusammen und erfüllten die Nacht mit ihrem Jammern. Menschen und Tiere rannten durch die Lagerfeuer, daß die roten Funken stoben. Die Offiziere versuchten, die Ordnung wiederherzustellen und die Soldaten zu formieren. Sie schnallten sich die Gürtel zu, die sie im Zuge des üppigen Mahls gelockert hatten, und teilten unter den ratlosen Kriegern brutale Fußtritte aus. Inzwischen liefen Temudschins Khane durch das Lager, machten sich die allgemeine Kopflosigkeit und den Lärm zunutze, um blitzschnell mit ihren Schwertern zuzustoßen und zu morden. Einige von ihnen ließen sich dabei sogar genügend Zeit, um eine Silberschüssel oder einen Pokal an sich zu reißen und ihn geschickt im Gewand zu verbergen. Reiterlose Pferde bäumten sich hoch empor und galoppierten im Kreise, während ihre Besitzer vergebens nach den Zügeln zu fassen versuchten.
In wilder Angst hetzte Ung Khan in seine kostbare Jurte und versuchte, unter die Körper von zwei Mädchen zu schlüpfen, die sich ins Zelt geflüchtet hatten. So sollte Temudschin ihn Sekunden später finden.
So überrumpelt und verstreut die Koraiten auch waren, zeigten sie sich doch tapfer und entschlossen. Die Mongolen brandeten wie eine unbezwingliche Woge ins Lager, hieben ohne Unterschied mit ihren Krummsäbeln nach rechts und links und sprengten auf ihren gewandten Pferden wie rachedurstige Schemen mit den grauenhaften Gesichtern erregter Besessener zwischen den Jurten hindurch. Ihr Weg war von Toten gesäumt. Die unvorbereiteten Koraiten versuchten vergebens, sie abzuwehren. Das Stöhnen und Schreien der Verwundeten und Sterbenden vertiefte das unbeschreibliche Durcheinander. Männer krümmten sich zu Tode getroffen vornüber und versuchten mit den bloßen Händen, ihre blutenden Wunden zu bedecken. Der Mond blickte auf die schwarze, zuckende Verwirrung, die Flucht und die Panik und die mordenden Mongolen hinab, die auf ihren Pferden hin und her ritten. Einige Koraiten wollten den Abhang erklettern und sich so dem Gemetzel entziehen. Jeder einzelne von ihnen aber wurde verfolgt, unbarmherzig niedergestochen und seines Schwertes beraubt.
In unwahrscheinlich kurzer Zeit waren die Koraiten völlig demoralisiert. Trotzdem ging das Gemetzel weiter, bis nicht einer mehr lebte und die weite, weiße Ebene mit den Bergen toter Menschen und Pferde übersät war.
Temudschin sprang schließlich von seinem Pferd. Lachend und blutverschmiert scharten seine Khane sich um ihn. Er beglückwünschte sie und schlug ihnen anerkennend auf Schultern und Rücken. Dabei ging die ganze Zeit über das Jammern und Schluchzen der verängstigten Mädchen weiter.
„Ihr habt euch ausgezeichnet geschlagen“, sagte Temudschin, und seine grünen Augen und das Raubtiergebiß funkelten im Mondlicht. „Ich habe kaum ein Viertel meiner Krieger verloren, aber ohne eure Hilfe hätte ich niemals siegen können.“
Subodai kam mit Chepe Noyon angeritten und meldete Temudschin, daß die Koraiten völlig aufgerieben seien. Temudschin nickte und wischte sich das blutnasse Schwert an seinen Stiefeln blank. Dann runzelte er die Stirn.
„Bringt die Weiber zum Schweigen“, befahl er. Er blickte um sich. „Aber wo sind mein Pflegevater und sein Sohn?“
Alle schrien durcheinander, daß der alte Koraite verschwunden und sein Sohn tot sei. Wütend stampfte Temudschin auf.
„Ich muß ihn haben. Mit ihm rechne ich persönlich ab. Wenn einer von euch ihn getötet haben sollte, soll er es mir bitter büßen, denn ich habe ausdrücklich befohlen, daß er mir vorbehalten werden muß.“
Sie begannen, unter den Toten zu suchen, schoben Arme und Mäntel beiseite, um in weiße, starre Gesichter zu blicken. Dann fiel Temudschins Blick auf das Zelt aus Goldbrokat, und er schritt darauf zu und steckte den Kopf durch die Eingangsklappe.
Hier bot sich ihm ein ungemein lächerliches Bild. Drei Mädchen saßen auf dem bäuchlings daliegenden alten Prinzen und bemühten sich krampfhaft, ihn mit ihren Beinen und ihrem Haar zu verdecken. Sie sahen Temudschin mit den weit aufgerissenen Augen gehetzter Tiere an, ließen nicht von ihren hohen Klagetönen ab, rangen die Hände und bejammerten laut den Tod ihres Gebieters.
Temudschin brach in schallendes Gelächter aus, und die anderen kamen, wahllos aufgegriffene Beutestücke in den Händen haltend, angerannt. Unfähig, vor Lachen zu sprechen, zeigte Temudschin auf die Mädchen. Dann schleuderte er sie beiseite wie Hunde und trat sie während ihres Sturzes in den Leib. Er packte Ung Khan beim Nacken und zerrte ihn ins Mondlicht hinaus.
Der alte Mann war außer sich. Er fiel auf die Knie und umklammerte Temudschins Beine.
„Ich beschwöre dich, verschone deinen alten Vater, mein Sohn!“ jammerte er. „Ich beschwöre dich, an deinen alten Treueeid zu denken! Töte mich nicht! Ich bin alt, und die Last vieler Jahre liegt auf mir. Meine Tage sind gezählt, und meine Sorgen sind zahlreich wie die Fliegenschwärme. Wenn du mich jemals geliebt hast, dann verschone mich und schicke mich fort.“
Temudschin sah seine Offiziere und Krieger an und grinste.
„Hört euch das Blöken dieser alten Ziege genau an! Gestern noch hat er seinen Sieg ausposaunt und konnte sich des Prahlens und der Drohungen gegen mich nicht genug tun! Heute kriecht er vor mir und bettelt mich an, sein erbärmliches Leben zu verschonen und ihn zurück zu seinen Lämmern zu schicken!“
Die anderen brüllten in heiserem Gelächter. Temudschin neigte sich über den winselnden alten Mann und versetzte ihm eine schallende Ohrfeige. Ung Khan fiel aufs Gesicht. In seiner grenzenlosen Todesangst blieb er demütig so liegen, ohne aufzuhören, um Gnade zu betteln. Er versuchte, Temudschins Füße zu küssen und stammelte dabei seine schluchzenden Bitten. Mit breitem Grinsen betrachtete Temudschin den alten Mann. Sein Gesicht war finster und tückisch.
„Mir ist die Geschichte zu Ohren gekommen“, sagte er. „Ich habe erfahren, daß du deinen Sohn Taliph zu meinem Blutsbruder Jamuga geschickt hast, damit er ihn zur Abtrünnigkeit verführen sollte. Jamuga hat seinen Verrat mit dem Leben bezahlt. Jetzt aber will ich ihn rächen.“
Wieder packte er den Alten beim Nacken, zog ihn hoch, hielt ihn fest in der Hand und ließ ihn in der Luft baumeln wie ein beim Kragen gefaßtes Kaninchen. Die golden schimmernden Stiefel hingen schlaff zu Boden. Aber Ung sah Temudschin feige an und hielt die Hände in stummer, verächtlicher Bettelei gefaltet. Seine Haltung und sein Aussehen reizten die Mongolen neuerlich zu brüllendem Lachen.
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