Die uralten Fehden der Gobi wurden von den Hufen von Temudschins Horden niedergetrampelt. Die alte Unabhängigkeit und Freiheit des Nomaden waren dahin. Die Völker der Gobi wurden zu einem Feudalsystem verschmolzen, in dem nur ein einziges Gesetz herrschte, nämlich der Wille Temudschins.
Gelehrte aus Kathai hatten behauptet, die Freiheit sei das höchste und liebste Gut der Menschen. Diese Behauptung entpuppte sich als schmähliche Lüge, denn Temudschin wußte, daß der Mensch mehr noch als die Freiheit die Peitsche und das Schwert liebte, mehr als einen selbst gewählten Anführer den Tyrannen bewunderte, der ihm jede Denkfähigkeit absprach und ihm befahl, statt sich mit ihm zu beraten. Er wußte, daß die völlige Unterwerfung den Männern die gleiche Wollust gewährte, wie die Frauen sie heimlich bei den Vergewaltigungen empfanden. Die Verneigung vor dem Stärkeren bedeutete ihnen tiefste Befriedigung. Und je mehr Menschen er besiegte und ihre hündische Bewunderung bemerkte, desto größer wurden sein Haß und seine Verachtung für alle Menschen.
Er dachte bei sich: „Es sind seelenlose Tiere. Wären sie es nicht, würden sie den Tod und endlose Mühsal dieser Speichelleckerei vorziehen.“ Aber diese Einsicht behielt er für sich. Statt dessen sagte er den Besiegten, daß sie Helden seien und er sie nur unterworfen hatte, um ihre eigene Kraft zu stärken und sie als Herrenmenschen über die Welt regieren zu lassen. Immer tiefer verachtete und haßte er die Priester, die mit ihren Überredungskünsten die Menschen dazu brachten, ihre Freiheit und Unabhängigkeit aufzugeben. Ob es sich um Buddhisten, Christen, Schamanen, Muselmanen, um Anhänger Konfuzius' und Taos handelte, er konnte sich darauf verlassen, daß die Priester ihm die Menschen gebunden und hilflos zuspielten. Deshalb war er bis an sein Lebensende davon überzeugt, daß die Priester die Feinde aller Menschen seien, und achtete sorgsam darauf, sich vor ihnen wie vor Schlangen zu hüten.
Jetzt war er der Herr der Gobi. Aber noch war er nicht zufrieden. Er berief einen Rat der Khane, denn er wußte, daß nun die Zeit reif war, ihm die am heißesten ersehnte Ehre zuteil werden zu lassen.
XXVI
Die Khane kamen. Es waren so viele, daß sie allein schon eine Horde bildeten. Sie näherten sich ihm wie die Priester einer Gottheit. Es war eine gewaltige Versammlung, dieser Rat der Wüste.
Zu diesem Zeitpunkt war die Mongolenhorde kein loses Bündnis mehr. Vielmehr besaß sie ein starres Organisationszentrum, das in Einheiten von je zehntausend Mann unterteilt war, denen ein Mongolenoffizier vorstand. Es war eine rein militärische Organisation, in der der Krieger die höchste Autorität besaß. Von dieser Organisation, an deren Spitze Temudschin regierte, gingen sämtliche Befehle und Gesetze des Reichs der Gobi aus. Die Mongolen waren das Herrenvolk, das die Vorrangstellung über alle anderen Stämme und Rassen innehatte.
Trotzdem aber hielten die Völker der Gobi an ihren Bräuchen und Überlieferungen fest. Temudschin war klug genug, das einzusehen. Er wollte als Kaiser der Gobi anerkannt werden, aber er wußte, daß er in dem Augenblick, in dem er sich selbst diesen Titel verlieh, gegen das alte, eifersüchtig gehütete Recht der Khane verstieß, selbst den Führer zu wählen. Diese Tradition wagte er nicht zu verletzen. Sie mußten ihn ganz formell ernennen.
Die Versammlung der Khane war das bedeutendste und glanzvollste Ereignis in der Geschichte Asiens. Inmitten von Ödland, Bergen und Wüste kamen sie strahlend und hochmütig angeritten und kannten sehr wohl den Grund dieser Zusammenkunft. Sie gebärdeten sich wie Unabhängige und kamen in Begleitung von Sklaven und prunkvoll gerüsteten Kriegern. Sie errichteten ihre Jurten rund um die Ratsfeuer. Die Zelte waren mit Gold- und Silberbrokat behängt und bargen reiche Schätze und viele anmutige Tänzerinnen. Die Khane waren längst keine armseligen Häuptlinge mehr. Temudschin hatte sie in arrogante, prunkvoll gekleidete Könige verwandelt, die mit ihrem Gefolge angeritten kamen.
In jener Nacht wurde die Gobi Zeuge eines großartigen Festes. Die erbeuteten Schätze aus tausenden Städten verliehen der Szene zusätzlichen Reichtum. Juwelen glitzerten im roten Licht der Lagerfeuer. Frauen und alte Sänger musizierten, und junge Mädchen tanzten. Und Temudschin saß inmitten dieses Prunkes auf seinem weißen Pferdefell. Er trug einen weißen Wollrock mit einem Silbergürtel. Sein rotes Haar loderte wie Feuer.
Die Khane wußten, weshalb sie herzitiert worden waren, und was sie zu tun hatten. Aber sie spielten die Ahnungslosen. Sie taten, als hielten sie die Zusammenkunft nur für ein von ihrem Anführer für sie veranstaltetes Fest, mit dem er ihre Siege feiern wollte. Sie tranken ausgiebig, sie lachten und brüllten. Sie aßen, bis sie nicht mehr konnten, und dann sahen sie den Tänzerinnen zu und lauschten den Sängern, und ihre dunklen Gesichter glänzten vor Fett und Übersättigung.
Um Mitternacht entstand plötzlich ehrfürchtige Stille. Die Khane saßen in ihren seidenen, goldenen Gewändern wie bronzene Standbilder mit gespannten, reglosen Gesichtern. Jedes Auge sah Temudschin aufmerksam an.
Er ließ den Blick von einem zum anderen schweifen und zog jedes Auge, jeden Gedanken und jede Seele in seinen Bann. Dann erhob er sich. Groß und breit stand er in ihrer Mitte, und seine grünen Augen funkelten im Feuerschein. Ruhig und kraftvoll begann er zu sprechen:
„Der Tag ist herangerückt, an dem wir einen Kaiser, einen Gebieter über alle Menschen nominieren müssen. Unsere Macht ist groß. Unsere Siege blenden das Herz und das Denken der Menschheit. Dennoch müssen wir einen Herrscher erwählen, der die höchste Autorität hat und der Born aller Gesetze ist. Denn wir haben noch größere Aufgaben, noch umfassendere Eroberungen vor uns. Die Welt erstreckt sich von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Um sie in ihrer ganzen Weite zu erfassen, brauchen wir einen Herrn, eine entscheidende Stimme, der alle Khane Untertanentreue und Gehorsam anbieten müssen. Wir sind eine Nation. Die Nation braucht einen Kaiser.“
Die Khane lauschten ihm in ernstem Schweigen. Nachdem Temudschin geendet hatte und wartend zwischen ihnen stand, taten sie, als überlegten sie die folgenschwere Entscheidung. Sie blickten ihre Brüder an, als erwarteten sie von ihnen einen oder mehrere Namen. Aber sie kannten den Namen, sie hatten ihn seit jeher gekannt. Einzig ihr Stolz zwang sie, einen nicht vorhandenen Zweifel vorzutäuschen.
Dann stand ein Khan auf und erwies Temudschin die Reverenz, indem er sich vor ihm niederkniete.
„Meine Wahl lautet, daß unser Herr Temudschin unser Kaiser sein soll.“
Die Anwesenden brachen in wüstes Rufen aus und taten, als beratschlagten sie untereinander. Und Temudschin wartete beobachtend und mit finsterem Lächeln ab. Als rasch entschlossener skrupelloser Mensch erfüllte dieses Spiegelgefecht ihn mit maßloser Verachtung, aber noch immer wagte er nicht, das uralte Gesetz zu brechen.
Dann stand ein Khan nach dem anderen auf, kniete vor ihm nieder und erkannte ihn als Kaiser an. Sie klammerten sich an sein derbes Gewand; sie schluchzten, sie legten ihm ihre Schwerter zu Füßen. Ein ungestümer Schrei brach aus ihren Kehlen, ein jauchzender Beifall, der wie das Gebrüll wilder Tiere klang.
Temudschin tat, als sei er völlig überwältigt und fassungslos. Er neigte das Haupt. Seine Augen, in denen Tränen standen, wanderten von Antlitz zu Antlitz. Seine Brust hob sich schwer. Er mimte den der Worte nicht Mächtigen. Den Khanen behagte das sehr, denn sie liebten Umschweife und Zeremonie und Respekt vor der Tradition. Ihre Liebe und Bewunderung ergoß sich wie Wein aus goldenen Pokalen über ihn.
Kokchu hatte in seiner Jurte gewartet. Der oberste Schamane kannte seine Rolle bereits. Jetzt trat er in den Kreis der Lagerfeuer. Sein junger Schamane begleitete ihn. Kokchu trug einen goldenen Reif, der aus der Plünderung einer reichen Stadt stammte, in Händen. Als Temudschin diesen Reif erblickte, heuchelte er erschrecktes Zurückzucken, als sei er völlig überwältigt und seiner Gefühle nicht mehr Herr. Die Hände der Khane griffen nach ihm und zwangen ihn auf die Knie.
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