Sein Vater lag im Morgenrock auf dem Sofa, hustete fürchterlich, als er ihn sah, und konnte sich nur mit Mühe aufsetzen.
„Hätte dich doch abholen lassen, Viktor!“ krächzte der Konsul, der sich zu freuen schien, „kleine Erkältung, nichts weiter Schlimmes. Ich dachte, du kämest erst nächste Woche und würdest dich schon noch melden.“
„Ich wollte keine Umstände machen, Vater“, antwortete Viktor ein wenig steif, „und ich wollte dich überraschen!“
„Das ist dir gelungen“, lachte der Konsul und musste schon wieder husten und fuhr schließlich fort, „ich warte auf Dr. Fellgiebel. Der war zu deiner Zeit noch nicht zugange hier. Ein tüchtiger Arzt.“
„Fellgiebel? Fellgiebel – da gab es einen Schüler bei uns, bei den Kleinen, der hieß so. Ich kann mich nur an den Namen erinnern, ich kannte ihn nicht, ich glaube, er war sogar hier aus der Gegend.“
„Ja, ich bin ganz sicher, das muss Dr. Fellgiebels Sohn sein, Jan mit Vornamen. Wenn ich es richtig weiß, hat er diesen Jan adoptiert. Ich kann ihn nachher ja mal vorsichtig nach Jan fragen.“
Dr. Fellgiebel war dann gar nicht zufrieden gewesen mit dem Zustand des Konsuls und perkutierte ihn minutenlang, während Viktor unschlüssig an der Tür stand. Man mochte kaum glauben, dass ein menschlicher Körper so viel an Resonanz hergeben kann, das fiel selbst Viktor als medizinischem Laien auf, und dass sich offenbar klangliche Unterschiede erkennen lassen. Danach, während sein Patient skeptisch dreinschaute, verkündete Dr. Fellgiebel streng und sachlich das Ergebnis, erteilte fast im Befehlston seine Anweisungen, verschrieb noch ein paar Arzneien und verabschiedete sich schon bald wieder. Die Frage nach dem kleinen Jan hatte sein Vater vergessen.
„Ich glaube, ihr Sohn Jan – ist vielleicht Ihr Sohn Jan ein Schulkamerad von mir gewesen?“, fragte Viktor etwas schüchtern, als er Dr. Fellgiebel nach unten brachte.
„Ja, richtig!“, dröhnte Dr. Fellgiebel doppelt so laut zurück, „Jan kennt Sie sogar! Er hat mir von Ihnen erzählt! Aber, mein Lieber, das war schon immer so, dass die Sextaner eher irgendwelche aus der Oberprima kennen als umgekehrt.“
„Haben Sie denn noch mehr Kinder, Herr Doktor?“, wollte Viktor noch wissen.
„Oh ja, wir haben einen Haufen Kinder – eigene und mitgebrachte, zugeteilte und zugelaufene, ausgeliehene –“, und dann zögerte er für einen Augenblick, „und angenommene.“
Das war eine dieser Übertreibungen Fellgiebels, die ihm selbst am meisten Spaß machten; dabei hatte er überhaupt nur drei Kinder, davon war eines von seiner Frau in die Ehe mitgebracht worden und eines hatte er vor noch nicht allzu langer Zeit adoptiert.
Unten an der Haustür sagte er dann noch: „Ich habe noch einige Hausbesuche zu machen, aber morgen, wenn ich gegen Abend wieder nach Ihrem Herrn Vater sehe, dann erzähle ich Ihnen die Geschichte von Jans Adoption.“ –
Ich sollte erst einmal ein paar alte Freunde von früher aufsuchen, überlegte sich Viktor am nächsten Morgen, was sich jedoch als gar nicht so einfach erwies, denn entweder waren sie fortgezogen, wie er gleich bei zweien hören musste, oder sie waren weg zur Arbeit oder waren überhaupt nicht mehr aufzufinden – er ist einfach zu lange fort gewesen von zu Hause. Dann erst war ihm Bienchen in den Sinn gekommen, was ihn für einen Augenblick glücklich machte. Aber er fand es seltsam, dass ihm Bienchen, wo Straussens doch so nahe wohnten, erst als Letztes eingefallen war. Das kam ihm vor wie ein Verstoß gegen die Regeln familiär begründeter Freundschaften. Ja, wie eine besondere Form der Untreue oder Treulosigkeit, wo doch Familienfreundschaften stets – oder jedenfalls in aller Regel – höher einzustufen waren als gewöhnliche Einzelfreundschaften. Aber Bienchen gehörte für ihn eben nirgendwohin, nicht zu den Klassenkameraden von früher, nicht zum 1846er, dem Sportverein, und schon gar nicht zu seinen Freunden aus dem Internat, dachte Viktor, und zwei Jahre älter als er war sie außerdem … Aber nun machte er sich gleich auf den Weg.
Das Strausssche Anwesen lag in mittäglicher Ruhe und wirkte verlassen; der Garten, obwohl immer noch schön, war nicht mehr so perfekt gepflegt wie in früheren Jahren. Als Viktor fast schon am Gartentor stand, hörte er von drinnen Musik. Das musste Bienchen sein. Das konnte nur Bienchen sein – ja, es war Bienchen! Er ging noch ein paar Schritte am Zaun entlang, um näher unter ihrem Fenster zu stehen, das nur angelehnt war. Bienchen spielte in einem fort immer wieder dieselben paar Takte, aber wie sie diese spielte! Sie variierte sie unausgesetzt, jedes Mal wieder anders, aber nur in Nuancen unterschieden – was sich da doch alles verändern lässt! Und jedes Mal trat ein etwas anderer Charakter zu Tage. So etwas hatte Viktor noch nie gehört, und er lauschte gespannt weiter, wie Bienchen mit dem kurzen Ausschnitt umging und wie sie mit ihm spielte – das war alles andere als langweiliges Wiederholen! Schließlich schien Bienchen die richtige Phrasierung gefunden zu haben und wiederholte die paar Takte noch einige Male mit nun kaum mehr erkennbaren Modifikationen. Dann spielte sie im großen Zusammenhang weiter.
Viktor zögerte zu läuten, er wollte das Spiel nicht stören, läutete dann aber doch, was er im gleichen Augenblick fast schon wieder bereute, aber Bienchen spielte zum Glück weiter. Dafür kam eine ältere Frau in blauer Kittelschürze, die er nicht kannte, aus dem Haus, um ihm das Gartentor zu öffnen. Nach wem sollte er jetzt verlangen? Nach Bienchen? Das ging ja nicht! Oder nach Sabine, das brachte er kaum über die Lippen; oder womöglich nach Fräulein Strauss? Vielleicht am besten ganz offiziell nach ‚Fräulein Sabine Strauss‘ fragen, als ob er es ablese. Aber da nahm ihm die Haushälterin, um die es sich wohl handelte, die Entscheidung schon ab.
„Sie wollen sicherlich zum Fräulein Bienchen. Der Herr Doktor ist nämlich verreist“, rief sie ihm auf den letzten Schritten zu.
Sabine erkannte ihn sofort.
„Der Viktor! Der Viktor!“, rief sie ganz aufgeregt, „wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen!“
Viktor dagegen hatte im ersten Augenblick Schwierigkeiten, er schien verwirrt.
„Du bist, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben, Bienchen, mindestens doppelt so groß geworden!“, sagte er lachend und wie zur Entschuldigung, war doch Sabine, die er als kugeliges Bienchen in Erinnerung hatte, jetzt fast ebenso groß wie er, und der ganze Kälberspeck war verschwunden. Er fand, sie hatte jetzt fast etwas Ätherisches.
Sie tauschten noch lange Erinnerungen aus, doch dann sagte Sabine, dass sie jetzt wieder arbeiten müsse. Viktor fragte, ob er noch eine Weile zuhören dürfe.
„Ja, gerne. Früher habe ich das gar nicht gemocht, dabei tut es mir sogar gut, ich übe konsequenter und ich gewöhne mich an Publikum. Du kannst ja dann einfach raushuschen, wenn du weg musst oder wenn es dir zu viel wird.“
Viktor setzte sich in den dunklen Hintergrund des großen Raumes und lauschte. Es dauerte eine Weile, bis Sabine anfing – was Bienchen da wohl noch gemacht hat die ganze Zeit? Dann spielte sie, sicherlich länger als eine gute Stunde, mit nur kurzen Pausen zwischen den einzelnen Stücken. Viktor kannte nicht ein einziges, aber manche begann er kennenzulernen, weil es häufig genug Wiederholungen gab, oft drei oder vier Mal hintereinander, von dazwischengestreuten Wiederholungen einzelner Passagen ganz abgesehen. Aber die Wiederholungen, auch dieses endlose Wiederholen kurzer Taktfolgen, wieder und wieder, störten ihn nicht – befand er sich doch in der Werkstatt, nicht im Konzertsaal, und da klang alles viel unmittelbarer.
Sabine schien ihn völlig vergessen zu haben. Ob sie bei ihrem Spiel vielleicht manchmal für ein paar Takte an ihn dachte, ob sie ihm dann vorspielte und gar für ihn spielte? Nein, den Gedanken verwarf er sogleich wieder, das sollte sie nicht, und das wollte er auch nicht. Er mochte nur der stille Zuhörer sein; zuhören, nur zuhören, nichts als zuhören wollte er, und dabei nicht einmal anwesend sein. Viktor spürte, wie verzaubert er war. Leise schob er sich dann doch aus seiner dunklen Ecke heraus weiter nach vorn, um Sabine besser sehen zu können. In einem Adagio-Satz schien ihr Gesicht so gelöst, als ob sie schliefe, die Augen waren fast geschlossen, ihr lockerer Mund wirkte träumend und zeigte manchmal, so zart, dass man es nur ahnen konnten, ein verklärtes Lächeln. –
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