Die schönen Kirschbaummöbel und alles so hell –
Sein Konditormeister, der soll das Café weiterführen –
Das ist eine Goldgrube, man kann hinkommen, wann man will, sind immer Leute da –
Der Herr Mönch, das ist nämlich der Konditormeister, der kommt zum Haarschneiden immer zu uns –
Der hat schon beim Rothenburger gelernt, dazwischen war er dann ein paar Jahre in Zürich in den feinsten Cafés dort –
Das Café Rothenburger ist wirklich eines der schönsten Cafés bei uns hier in Nürnberg.“
Violet traf Rothenburger am Tag darauf auf dem Markt. Der sonst so fröhliche und stattliche Mann wirkte niedergeschlagen und kam armselig gebeugt daher.
„Stimmt es, dass Sie auswandern wollen?“
„Ja, das stimmt schon“, sagte Rothenburger schwer atmend, „nach Österreich. Ich kann ja keine Fremdsprachen.“
„Herr Rothenburger!“, richtete sich Violet auf, „wir dürfen die Flinte nicht so schnell ins Korn werfen! Gut, so schön wie vorher wird’s nimmer, aber das renkt sich wieder ein. Das sind die Auswüchse am Anfang.“
„Ich kann nicht mehr lange warten, ich habe die Verglasung der Terrasse noch nicht ganz bezahlt, und seit dem Boykott-Samstag kommen fast keine Gäste mehr. Ich hätte mich vielleicht früher trauen sollen, den Davidstern gleich wieder wegzumachen, wie der Buchhändler Waldteufel vis-à-vis, de Farbe ging verdammt schlecht wieder runter! Aber auch jetzt noch ist das Café wie ausgestorben. Und wenn halt immer nur so wenig Gäste da sind, kommen bald überhaupt keine mehr. Die Menschen wollen im Kaffeehaus nicht allein sein. Ich brauche gegenwärtig jeden Tag ungefähr das Doppelte von dem, was ich einnehme. Ich kann Ihnen im Kalender fast auf den Tag genau zeigen, wann ich Konkurs mache, wenn ich dableibe.“
Er machte eine Pause, aber dann kehrte schon wieder ein wenig Farbe in sein trauriges Gesicht zurück:
„Ich könnte vielleicht in St. Pölten, das ist ein Stück vor Wien, ein kleines Café am Rathausplatz übernehmen. Ich muss freilich alles wieder neu aufbauen, das sind alte Leute, da war in den letzten Jahren nicht mehr viel los. Wegen der Konditorei mache ich mir keine Sorgen, da kann ich gut mithalten, nur die vielen Kaffeesorten und Zubereitungsarten in Österreich, die muss ich noch studieren. Aber das geht schon. Der Mönch wird das Café hier übernehmen. Das ist ein rechtschaffener Mann und ein ganz ausgezeichneter Konditor. Der hat bei mir gelernt. Der junge Kerl hat natürlich nicht viel Geld, müssen wir mal sehen, wie wir das machen. Aber er hat mir versprochen, wenn es mal wieder besser wird und das alles vorbei ist hier, machen wir’s wieder rückgängig. Dann kriegt er sein Geld von mir zurück und ich werde ihm zum Dank noch obendrauf mein kleines Café in St. Pölten schenken!“, strahlte Rothenburger.
Der Gute, er ist noch nicht richtig abgestürzt, da macht er schon wieder die schönsten Zukunftspläne, dachte Violet, aber sie sagte nur: „Passt mir ja auf, so genannte Scheinübertragungen werden streng bestraft!“ –
3_Ein nationaler Aderlass
Straussens Hände zitterten, als er am Morgen das gerade erlassene ‚Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums‘ las und damit zu Kollege Welde hinüberging.
„Lesen Sie das!“, sagte er mit belegter Stimme und räusperte sich mehrmals vergeblich, während Welde las.
„Das ist also die gesetzliche Grundlage“, brummte der vor sich hin, „haste keine, mach dir eine.“ Und lauter fuhr er fort: „Ich wollte gerade zu Ihnen rüberkommen. Der Amtmann Stoll, diese gute Seele, hat mich eben angerufen, ziemlich verzweifelt: Weyersheimer und Rüsch und noch zwei, drei andere sind heute früh von Lohbrecht im Namen des Ministers suspendiert worden, ‚bis auf Weiteres beurlaubt‘, hätte es geheißen.“
„Denen kann es doch nicht schnell genug gehen!“, empörte sich Strauss.
„Da haben sich die Wogen nach dem Judenboykott noch nicht geglättet, gerade eine Woche ist es jetzt her, da folgt schon der nächste Schlag, übrigens, wie man am Beispiel von Herrn Rüsch sieht, nicht nur gegen nichtarische Beamte, wie sie genannt werden, sondern überhaupt gegen alle, die politisch missliebig sind. Das neue Gesetz ist mal wieder so ein Freibrief für Willkür und ministeriellen Übermut!“
Schon in der irreführenden Benennung des Gesetzes sah Strauss eine Frechheit, aber er klammerte sich an jeden Strohhalm, der Hoffnung versprach, und so hatte er mit Genugtuung gelesen, dass wenigstens für Frontkämpfer eine Ausnahmeregelung vorgesehen sei. –
Das neue Gesetz und seine ersten Folgen hatten für die darauf folgende Samstagsbesprechung natürlich reichlich Gesprächsstoff geliefert, zumal Göring drei Tage nach Erlass des Gesetzes mit seiner berüchtigten Drohrede ‚Ich habe erst damit begonnen zu säubern‘ die Stimmung weiter angeheizt hatte. Fast jeder Teilnehmer am Kolloquium kannte diesen oder jenen der bedrohten oder vielleicht schon geschassten Richter oder Staatsanwälte persönlich, und so schob sich der Beginn des eigentlichen Kolloquiums immer mehr hinaus.
„Mir fällt auf, meine Herren, dass wir diese ‚Säuberung‘, wie das genannt wird, viel lebhafter und ausführlicher diskutieren als den Judenboykott vor einer Woche!“, rief Welde in die Runde, denn er wollte endlich mit dem Kolloquium beginnen.
„Das lässt sich erklären, Herr Dr. Welde“, sagte einer der Referendare, „mit den Kramläden hatten wir natürlich nicht so viel im Sinn, so widerwärtig das Ganze auch war; aber jetzt, die Gerichte, die Verwaltungen und allemal die juristischen Fakultäten, jetzt ist unsere Welt an der Reihe!“
„Der junge Kollege hat völlig recht!“, stimmte Dr. von Marwitz zu. „Der Judenboykott – dafür müssen wir uns vor dem Ausland schämen; pfui Teufel, das war eine Scheußlichkeit! Aber nun diese Vertreibung der Juden aus ihren Ämtern – das ist ein Aderlass, wie er im Buche steht! Und ich stimme dem Kollegen völlig zu, diese ‚Säuberung‘ betrifft ganz besonders die Universitäten und zwar alle Fakultäten. Unter dieser Torheit werden wir noch in Jahrzehnten zu leiden haben.“
„Ja, es ist die Frage, ob das überhaupt je wieder aufzuholen ist“, gab Welde zu bedenken, „denn die Fakultäten ergänzen sich ja selbst, und wenn da durch den Verlust einiger prägender Köpfe das Niveau erst einmal abgesackt ist, dann ist das oftmals der Beginn einer steilen Spirale abwärts. Die Durchschnittlichen oder gar die Schwachen nämlich sind in der Regel nicht so ohne Weiteres gewillt, sich Bessere, womöglich glanzvolle Koryphäen an Bord zu holen, durch die sie in die zweite Reihe gerückt werden könnten.“
„Was da momentan an den Universitäten geschieht“, fügte Welde stöhnend noch hinzu, „ist eine nationale Katastrophe!“
Mack blickte einen Augenblick fragend auf, weil er sich nicht gleich darüber im Klaren war, wo da, bei aller verworfenen Treulosigkeit des neuen Staates gegenüber seinen Dienern, die nationale Katastrophe liegen soll. Dann aber ging ihm auf – ja, so musste es wohl sein! –, dass Welde damit wohl den dauerhaften Verlust hochrangiger Gelehrsamkeit im Auge gehabt hatte, und es fiel ihm eine ziemlich elende Darbietung im Doktorandenseminar kürzlich ein, als der Professor, ein strammer Parteigänger Hitlers, wie er inzwischen erfahren hat, von ihnen unvermittelt hatte wissen wollen, wer aus einer protestantischen Familie stamme – das waren sieben – und wer aus einer katholischen. Es waren nur zwei.
„Sehen Sie“, hatte er fast triumphierend ausgerufen, „es müssten mindestens fünf, wenn nicht sechs sein! Das hat uns Rom beschert! Über Jahrhunderte hinweg sind die Priester, sicherlich nicht die dümmsten unter den Katholiken, von der Fortpflanzung ausgeschlossen worden, mehr oder weniger jedenfalls. Die fehlenden drei oder vier Katholiken konnten sich nicht melden, weil sie erst gar nicht geboren worden sind! Wenn ich die sieben Protestanten jetzt noch fragen würde, ob Geistliche unter ihren direkten Vorfahren sind, dann sähen die meisten von ihnen, was ihnen geblüht hätte, würden sie aus einer katholischen Familie stammen.“
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