„Das wundert mich, Viktor, dass man das hört –“
„– nein, ich höre es nicht eigentlich, ich spüre es irgendwie.“
Es dauere immer erst einen Moment, meinte Sabine, bis diese Veränderung eintrete. Manchmal geschehe es fast augenblicklich, manchmal mit Verzögerung. Sie müsse da gewissermaßen erst in die Violine hineinfließen – nein, nicht in das Innere der Geige natürlich; man könne es vielleicht besser umgekehrt beschreiben, die Violine gehöre dann plötzlich mit zu ihr, sie sei dann plötzlich zu einem Teil ihrer selbst geworden.
In den ersten Jahren, als sie noch in die üblichen Geigenstunden gegangen sei, hätte sie dieses Erlebnis überhaupt nicht gekannt. Eines Tages aber, zu Hause beim Üben, sei dieser seltsame Zustand eingetreten, das sei für sie geradezu eine Offenbarung gewesen. Die Violine sei plötzlich kein Gegenstand mehr gewesen und habe angefangen zu singen, als sei sie körperlos.
„Erst von da an bin ich wirklich eine Geigerin gewesen. Vorher habe ich nicht einmal geahnt, was mir da noch gefehlt hat, aber von da an habe ich gewusst, wo ich hinmuss.“
Sabine entfernte ein gerissenes Haar aus ihrem Bogen.
„Mein Gott, Viktor, darüber habe ich mit noch keinem Menschen auf der Welt gesprochen!“, sagte Sabine plötzlich und sah Viktor nachdenklich an. „Ich wüsste auch nicht, mit wem ich mich sonst darüber unterhalten könnte. Weißt du, man spürt, dass wir uns schon als Kinder gut kannten …“
Je besser trainiert sie sei, fuhr sie fort (und sie hatte tatsächlich ‚trainiert‘ gesagt), desto schneller trete dieser Zustand ein, zum Beispiel wenn sie sich vor Konzertbeginn erst mal einspiele, und umso leichter sei er zu erlangen. Bevor man ihn erreicht habe – in der Ausbildung dauere das wohl Jahre, wenn man sich dagegen vor einem Konzert einspiele, vielleicht nicht einmal eine halbe Minute –, bevor man also diesen Zustand erreicht habe, sei es so, als antworte die Violine dem Spieler; sei es so, als würde der Spieler irgendeinen bestimmten Ton oder eine Tonfolge in einer ganz bestimmten Art und Weise bloß anregen, und die Violine würde dann das singen, was der Spieler ihr vorgegeben habe. Das geschehe natürlich nicht nacheinander, sondern ‚Vorgabe‘ und ‚Antwort‘ fänden absolut gleichzeit statt. Natürlich sei diese ‚Antwort‘ bei einem eher durchschnittlichen Geiger nie wirklich haargenau das, was er erwartet habe; und wahrscheinlich würde er auch gar nicht etwas so Genaues erwarten. Aber diese Abweichungen zwischen ‚Vorgabe‘ und ‚Antwort‘ würden allmählich immer geringer, und eines Tages seien ‚Vorgabe‘ und ‚Antwort‘ ineinander aufgegangen und so jede Abweichungen voneinander verschwunden. Die Geige sage dann wirklich haargenau das, was auch der Geiger sagen wolle, denn die Geige sei dann der Geiger selbst und der Geiger sei die Geige – erst wenn das, was das Instrument da sagt oder singt, keine ‚Antworten‘ mehr seien, sei aus den beiden eine wirklich vollkommene Einheit geworden.
„Und das spürt dann der Geiger?“
„Ja, sofort, und zwar verbunden mit einem großen Glücksgefühl, so ist es jedenfalls bei mir. Nicht nur ich stelle mich auf die Violine ein, sondern, umgekehrt, die Violine auch auf mich – darum würde ich es ja auch sofort merken, wenn zufällig jemand anderes auf meinem Instrument gespielt hätte.“
Der höchste Grad eines solchen Einswerdens sei bei ihr übrigens erreicht gewesen, fuhr Sabine nach einer kleinen Pause fort, als sie eines Tages während eines Konzerts gespürt habe, dass nicht nur die Violine mit ihr, sondern ebenso auch sie mit dem ganzen Orchester verschmolzen gewesen sei und es nur noch ein einziges gemeinsames Tun gegeben habe. Dieses gemeinsame Tun habe nicht nur darin bestanden, dass die Handlungen jedes einzelnen Mitglieds genauestens gleichgerichtet gewesen seien – das erreiche jedes ordentliche Orchester –, sondern dass die ganzen Einzelhandlungen bei all ihrer Verschiedenartigkeit nur noch eine einzige gemeinsame Handlung darstellten, wenngleich sie auf viele Personen verteilt gewesen sei.
Viktor spürte, wie schwer Sabine die Beschreibung dieser subtilen Vorgänge fiel, und versuchte sie zu ermuntern, indem er bestätigte: „Das ist alles sehr schwer in Worte zu fassen.“
„Mit dem ganzen Orchester eine wirkliche Einheit zu bilden, das ist eines der großartigsten Gefühle, die es für einen Solisten gibt! Und doch muss man aufpassen, dass man nicht in der wunderbaren Geborgenheit des Orchesters versinkt. Man muss jedes Mal wieder raus, sonst geht man als Solist im Wohlbehagen unter. Wie schon so mancher.“
„Dieses Entstehen einer Einheit ist wohl bei allen Instrumenten so, meinst du nicht?“
„Sicherlich, aber wahrscheinlich bei den Streichinstrumenten besonders ausgeprägt.“
„Ich erinnere mich, Onkel Max, der Bruder von meinem Vater, war ja ein großer Ruderer vor dem Herrn, und der erzählte von seinem Achter bei der Amicitia etwas ganz Ähnliches –“, Viktor unterbrach sich, „entschuldige, wenn ich dein Violinspiel unpassenderweise mit dem Rudern vergleiche!“
„Nein, nein, ist schon recht, Viktor.“
Sofern die Mannschaft genügend gemeinsam trainiert habe, führte Viktor aus, sei irgendwann nach dem Start das zwingende Erlebnis aufgekommen ‚Jetzt läuft er!‘ , und zwar ganz plötzlich und für alle gleichzeitig und mit dem Gefühl großer Gewissheit. Es sei gewesen, als ob das Boot plötzlich schwebte, fast widerstandslos dahinglitte. Von da an sei auch das Zusammenspiel perfekt gewesen. Die seien also plötzlich eine Einheit geworden, wie Sabine das vorhin genannt habe. Und sie hätten dann plötzlich alle acht nur noch eine einzige, eine gemeinsame Identität besessen und jeder seine Einzelidentität gewissermaßen aufgegeben.
„Du hast da vorhin etwas Ähnliches angedeutet“, fuhr Viktor fort, „nämlich dass der Solist, der in einem ganzen Orchester aufgegangen ist, irgendwie schauen muss – nicht, so war es doch? –, dass er seine Identität wiedererlangt.“
„Viktor!“, rief da Sabine überrascht, „genau das ist es! Denk doch bloß an unsere großen Orchester! Vor allem auch an Dirigent und Orchester, die nicht durch die geringste Ungleichzeitigkeit voneinander getrennt sind – obwohl doch der eine dirigiert, also etwas vorgibt , und die anderen ihm folgen – aber die folgen ihm gar nicht, jedenfalls nicht im Sinne von nachfolgen, sondern beides – vorgegeben und folgen – geschieht gleichzeitig.“
„Mir hat einer beim Zusammensitzen nach einer Probe einmal gesagt, das Gehirn des Geigers nehme das Instrument als einen Teil des eigenen Körpers wahr. Da hatte er mit diesem ‚Teil des eigenen Körpers‘ schon recht, aber erklärt war damit noch überhaupt nichts, es ist nur mit anderen Worten beschrieben und klingt etwas umständlicher, und der Dr. Fellgiebel vom Chor, der auch mit dabeisaß und der ja was vom Gehirn versteht, der hat abgewinkt und ihm gesagt, ‚Das hat dir dein Gehirnforscher da in Heidelberg eingeblasen, aber das Gehirn , das Gehirn, das nimmt überhaupt nichts wahr, genauso wenig wie es friert, wenn mir kalt ist‘. – Find’ ich gut“, meinte Sabine. –
Es war noch viel Zeit bis zum Semesterbeginn, und so übernahm Viktor im Verlauf der folgenden Wochen alle möglichen Aufgaben im Hause Strauss, um Sabine zu helfen, damit sie möglichst viel Zeit für ihr nimmermüdes Üben hatte, Violintraining, wie sie es neuerdings immer öfter nannte.
Das waren Botengänge und Besorgungen, zum Teil auch für Sabines Vater; Literatur- und Notenbeschaffung, manchmal auch in Heidelberg drüben, wozu auch die Beschaffung von Schallplatten gehörte; das Ausschneiden wichtiger Besprechungen aus den Zeitungen; und vor allem ‚Viktors Technischer Dienst‘, wie er vergnügt prahlte, der sich mit allem befasste, was das Instrument selbst betraf. Das war die Beschaffung und die gemeinsame Auswahl von immer wieder neuen Sorten von Kolophonium, worauf Bienchen besonderen Wert zu legen schien, aber dann natürlich auch das Besorgen von allem möglichen Zubehör und die Bereitstellung von Ersatzsaiten verschiedener Beschaffenheit und Herkunft, bei deren geschwindem Austausch Viktor Sabine bald übertraf. Wenn er dann gegen Abend für eine halbe Stunde zuhören konnte, empfand er das wie eine Belohnung, besonders dann, wenn Sabine manchmal die ganzen Stücke, an denen sie den Tag über gearbeitet hatte, noch einmal für ihn ‚aufführungsreif‘ und ganz ohne Korrekturwiederholungen zusammenstellte.
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