Danach sprach Fellgiebel wieder ganz ruhig.
„Das andere, was zur gleichen Zeit geschehen war, betraf Jan. Am gleichen Tage, oder höchstens einen Tag vorher, während sich die ganze Reisegruppe, zum großen Teil zusammen mit den Abschied nehmenden Eltern, schon zur Einschiffung in Bremerhaven zu versammeln begann, wurde bei Jan eine beginnende Diphtherie diagnostiziert, sodass er nicht mit ausreisen konnte. Frau Weimerheimer, die natürlich die Ausreisegenehmigung mit der mühsam ausgehandelten Anzahl der Kinder möglichst ausschöpfen wollte, wandte sich in alter Freundschaft, wie sie sagte, noch einmal an uns, ob wir Siegfried nicht doch mitgeben wollten. Das war für Marianna in ihrer panischen Angst, in die sie durch die Bemerkung dieses Amtsarztes geraten war, ein Zeichen des Himmels, und sie brachte Siegfried unter Tränen noch in der gleichen Nacht nach Bremerhaven.“
„Jetzt hoffen wir nur“, fuhr Dr. Fellgiebel fort, „dass wir ihn eines Tages gesund wiedersehen.“
„Und Jan?“, fragte Viktor. Da leuchteten Fellgiebels Augen leuchteten wieder auf:
„Es erschien uns nur konsequent, ja es war für uns geradezu selbstverständlich, nun den armen zurückgelassenen Jan zu adoptieren. Das war nicht einfach – war es doch für Jan eine nochmalige Adoption und diesmal sogar über eine Staatengrenze hinweg –, aber wir taten alles für ihn, wo er uns doch anstelle von Siegfried in den Schoß gefallen war.“ –
Viktor war von Sabines Geigenspiel so entzückt, ja hingerissen, dass er schon zwei Tage später erneut bei ihr erschien, diesmal mit einem Sträußchen, wie ihm das sein Vater schmunzelnd angeraten hatte.
„Ich hoffe, ich gehe dir nicht auf die Nerven, Bienchen, wenn ich schon wieder frage, ob ich dir zuhören darf.“
Sabine schien sich zu freuen, war aber nicht so ausgelassen froh wie bei seinem letzten Besuch.
„Ich sagte dir doch vorgestern schon, Viktor, es tut mir sogar gut, wenn ich nicht ganz für mich allein üben muss. Aber hast du denn so viel Zeit?“
„Das Semester geht erst in ein paar Wochen los. Ich werde in Erlangen vielleicht Naturwissenschaften studieren. Oder vielleicht doch Geschichte, ich weiß noch nicht so genau.“
„Nun ja, Studium, das habe ich hinter mir.“ Und dann mit einem tiefen Seufzer: „Es hatte sich nach meinen beiden Preisen alles so schön angelassen, meine Agentur schleifte bald mehr Engagements und Konzerte heran, als ich packen konnte. Aber in den letzten Wochen kommt eine Absage nach der anderen. Das sind nicht Absagen auf Anfragen von uns oder auf irgendwelche Bewerbungen, nein, sondern Absagen für schon fest vereinbarte Konzerte – feste Verträge werden einfach annulliert!“
„Das darfst du dir nicht gefallen lassen, Bienchen. Vertrag ist Vertrag!“
„Aber mein Agent meint, übrigens sogar mein Vater als Jurist, dagegen sollte man auf keinen Fall klagen, sonst sei man endgültig draußen. Mich ärgert mehr noch als die Absagen selber die Art und Weise, wie da abgesagt wird! Gestern kam wieder eine.“
Sabine zog einige Briefe hervor, das waren offenbar solche Absagen.
„Entweder sind sie kurz und schroff, ohne jede Begründung oder Entschuldigung oder gar Bedauern, gewöhnlich mit ‚Heil Hitler!‘ drunter. Oder es werden irgendwelche windigen Vorwände ins Feld geführt und eine Verschiebung bis auf Weiteres angekündigt. Besonders schäbig die scheinheilige Anfrage, ob eine Mitgliedschaft in der neu geschaffenen Reichskulturkammer respektive in der Reichsmusikkammer besteht, um dann fortzufahren“, Sabine beugte sich vorlesend über den Brief, „‚wobei wir darauf aufmerksam machen möchten, dass wir andernfalls das Konzert nicht durchführen können resp. nicht durchführen dürfen‘ . Ein aufrichtiges Bedauern, Viktor, war eigentlich nur in einer einzige Absage zu spüren, und da merkte man auch, welch rücksichtsloser Druck von oben auf die Veranstalter ausgeübt wird. Und meinen Mendelssohn darf ich schon gar nicht mehr spielen!“
Viktor schaute sich die Absagebriefe an, dann fuhr Sabine fort: „Ich habe eigentlich nur noch im Ausland Chancen. Mein Agent ist Österreicher, das ist schon mal gut, und ein Konzert in Graz ist bereits unter Dach und Fach, und eines in Genf und Zürich ist fest abgesprochen und muss nur noch unterschrieben werden. ‚Dich bring ich ganz groß raus!‘, hat mein Agent gesagt, und er hat ja schon damit angefangen. Vater wollte mir von nun an sogar die Guarneri geben, wenn sie demnächst wieder zurück ist. Die habe ich ja bisher nur zu Hause gelegentlich mal spielen dürfen – einfach unerreicht! Da bin ich inzwischen schon voll drin! Aber das ist jetzt in diesen unruhigen Zeiten einfach zu gefährlich, die kommt hier in den Tresor.“
„Ist es für dich nicht ein bisschen – wie könnte man sagen? – schmerzlich, oder ein enttäuschend vielleicht, wenn du jetzt, wo du die Guarneri schon so gut kennst, bei Konzerten auf deinem Instrument spielen musst?“
„Nein, meine Geige ist ja nicht schlecht, da ist alles da – es fehlt nur dieses ganz Besondere, was die Guarneri ausmacht. Vom Ansprechverhalten mal abgesehen, sind die beiden im Grunde ja sehr ähnlich. Nur liegt bei der Guarneri eben noch dieses unbeschreibliche Flair darüber. Aber ich bin mit der Guarneri inzwischen so vertraut, dass ich bei jeden Ton, den ich auf meiner Geige spiele, nicht nur genau weiß, wie er auf der Guarneri klingen würde, sondern ihn buchstäblich höre – ich höre die Guarneri bei jedem Ton mit.“
„Wenn du dich auf einen bestimmten Ton konzentrierst?“
„Nein, nein, das gilt ja nicht nur für einzelne Töne, sondern für ganze Passagen, da erst recht. Das gilt überhaupt!“, sagte Sabine langsam, als ob sie sich erst erinnernd vergewissern müsse, aber dann richtete sie ihren Blick auf die Zukunft und fuhr energisch fort: „Graz, Genf, Zürich – da kommt jetzt alles drauf an! Ich werde noch mehr üben. Und noch etwas werde ich tun, Viktor, – Fremdsprachen büffeln!“
Viktor freute sich darüber, wie Bienchen sich nicht unterkriegen lassen wollte und von den Absagen eher angefeuert als entmutigt schien. Das waren offenbar die Früchte der Erziehung durch ihren greisen Lehrmeisters am Konservatorium, der ihr in allen schwierigen Situationen immer wieder abverlangt hatte: ‚gegenhalten!‘ – nicht nachgeben bei allen möglichen Widrigkeiten, die sich beim Üben einstellen können, aber gegenhalten auch gegenüber eigenen Stimmungen und dem momentanen Befinden. Nichts sei wichtiger für einen professionellen Musiker – und auch für jeden, der ein solcher werden wolle, so fügte er meistens noch hinzu –, auch dann, gerade dann, unerbittlich weiterzuüben, ja die Anstrengungen sogar noch zu verstärken, eben gegenzuhalten, wenn man nicht die geringste Lust dazu verspüre und man sich vielleicht miserabel, ungerecht behandelt oder gar gedemütigt fühle. Denn später werde es so manchen Auftritt geben, wo sie, obwohl sie sich elend fühle, einfach spielen muss, ob sie will oder nicht, und wenn sie das Spielen unter solch niederdrückenden Bedingungen nicht geübt hat und sie zum Beispiel nur dann auf ihrem Instrument jubilieren kann, wenn ihr zum Jubeln zu Mute ist, dann wird das nie befriedigend funktionieren. Alles andere sei bloß ein Musizieren von Amateuren, reine Gelegenheitsmusik.
Dann schickte sich Sabine an, mit dem Üben zu beginnen.
„Das ist ja geradezu ein Training!“, meinte Viktor. Sabine war über diesen Vergleich nicht im Geringsten überrascht und sagte nur: „Natürlich – was dachtest du?“, war aber schon ganz bei ihrer Violine.
Viktor setzte sich wieder brav in seine Ecke und hörte zu. Schon nach wenigen Takten fühlte er – er spürte es mehr, als dass er es gehört oder gesehen hätte –, wie sich die Violine zu einem Teil von Sabine verwandelte. Das war seltsam, aber jeder Takt bestätigte ihm aufs Neue, dass es wirklich so war. Begann nach einer kurzen Pause der nächste Satz oder ein neues Stück, so dauerte es oft nur die ersten zwei, drei Töne, und schon trat dieses eigentümliche Phänomen wieder auf: Was da spielte, das war mehr als ein Mensch und eine Violine, die sich zusammengetan hatten. Es war eine neue Einheit, die unauflösbar und untrennbar geworden zu sein schien. Viktor sprach in einer Pause mit Sabine darüber.
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