Unter diesen Zielvorgaben erfolgte eine Planungsphase, bei der in der Fantasie, auf dem Papier und in Diskussion mit der Ehefrau mögliche Arbeitsformen (Alleinarbeit, Gruppe von Freunden oder Nachbarn, Handwerksbetrieb) unter Berücksichtigung der genannten Bedingungen von Herrn S. durchgespielt wurden, um dann nach Festlegung eines Handlungsleitenden Konzeptes (Bauplan eines Architekten, Pläne aus der Heimwerkerliteratur) einer speziellen Arbeitsform (Einzel- oder Gruppenarbeit), eines Interaktionsmediums – einer Handlungsart – (gleichberechtigte Kooperation, Meister-Lehrlingsverhältnis, Auftraggeber-Auftragnehmer-Verhältnis) und einer entsprechenden spezifischen Methode (Stahlbau, Holzkonstruktion, Zeltbau) den Handlungsplan zu formulieren (Planung).
In diesem Fall hat sich Herr S. für das Arbeitsprinzip »Selbstbau« entschieden (dahinter steht vielleicht ein Prinzip wie »Selbst ist der Mann«), die Problemlöser waren er selbst und ein Bekannter, der einen Plan für den Holzschuppen zeichnete und ihm beim Bau half, was zur Arbeitsform Partnerarbeit führte. Als Interaktionsmedium wählten sie eine gleichberechtigte Kooperation mit manchen Spezialisierungen (Löcher bohren, Nägel einschlagen) und als spezifische Methode den Holzbau. Damit waren auch bestimmte weitere Verfahrensweisen, als Teilschritte innerhalb dieser Methode, festgelegt (Imprägnieren des Holzes, Verbindung von Pfählen mit Balken und Latten in vorher festgelegter Abfolge …) und bestimmte Techniken (Nageln, Bohren, Sägen … mit tauglichem Handwerkszeug) vorgegeben (Arbeitsprinzip, Handlungsleitendes Konzept, Arbeitsform, Interaktionsmedium, Intervention: spezifische Methode, Verfahren, Techniken).
Die Handlungskontrolle, die Erfolgskontrolle (Standfestigkeit, Schutz vor Regen, genügend Raum …) hat das Werk, mit zufriedener Betrachtung des Holzschuppens unter Beteiligung kritischer Blicke von Familienangehörigen und Bekannten, abgeschlossen. Weitere Kontrollen in der kommenden Zeit werden zeigen, ob ein Langzeiterfolg erreicht wurde oder ob weitere Maßnahmen (Modifizierungen), im schlimmsten Fall der Abbruch des Holzschuppens, nötig sind und andere Arbeitsformen, Interaktionsmedien und Methoden in Erwägung gezogen werden müssen (Evaluation).
Im Verlauf des Prozesses des Holzschuppenbaus ergaben sich einerseits die Notwendigkeit von Verfahrenskorrekturen (Veränderung des Dachneigungswinkels, um den Wasserabfluss zu gewährleisten durch Unterlegen eines Klotzes …) und andererseits Zielveränderungen bzw. neue Ziele (Optik des Schuppens, Verschönerungen …). Daraus abgeleitet entstanden weitere Problemlösungsversuche (Zirkulärer Problemlösungsprozess).
Der Soll-Zustand stand anfangs für Herrn S. nur vage fest. Mit der Wahl der Arbeitsform, des Interaktionsmediums und der spezifischen Methode wurde das Basisziel konkretisiert. Die Zieldefinition änderte sich aber mit der Methodenwahl. Es entstanden Teilziele oder Unterziele. Das Basisziel war es, trockenes Holz zu bekommen. Mit der Wahl der Arbeitsform (Selbstbau in Partnerarbeit) und der Wahl des Interaktionsmediums (gleichberechtigte Kooperation) und der Methode mit ihren Verfahren und Techniken (Holzkonstruktion) und den damit verbundenen Möglichkeiten haben sich aber Unterziele ergeben, die plötzlich sehr viel wichtiger wurden, als nur trockenes Holz zu erhalten: Ästhetik des Holzschuppens (hier noch eine Latte, dort noch ein Überstand, vielleicht ein grüner Anstrich), Lob für den Problemlöser (»Das habe ich Dir gar nicht zugetraut!«), gesteigertes Selbstvertrauen, sich nun auf weitere handwerkliche Abenteuer und neue Ziele einzulassen … (Prozessoffenheit).
Die in dem Holzschuppen-Beispiel erwähnten Begriffe bilden die definitorische Grundlage für die weitere Diskussion.
3.1 Methode und methodisches Handeln
Das »wissenschaftliche« an den Wissenschaften ist das methodische Vorgehen als ein der intersubjektiven Überprüfung offener komplexer Prozess mit einer variabel festgelegten Abfolge von einzelnen Phasen (»Problemlösungsphasen«). Begrifflich sind dabei folgende Unterscheidungen zu treffen:
• Methoden (methodos = das Nachgehen, Verfolgen) sind mehr oder weniger differenziert planbare, geregelte und zielorientierte sowie konsequent und reflektierend zu verfolgende »Wege« des Problemlösens.
• Methodisches Handeln ist sowohl das Planen der einzelne Schritte des Weges von der Idee bis zu den notwendigen Techniken als auch die konkrete Umsetzung – das Gehen auf diesen Wegen –, also das kunstfertige und kreative Anwenden von spezifischen Methoden und Verfahren im Rahmen der gegebenen Problemstellung. Davon zu unterscheiden sind quasi automatisch ablaufende Routineaufgaben.
• Die Methodologie i. e. S. ist die Lehre vom methodischen Handeln, also die Lehre, die Rede vom »Richtigen-Weg-entlang-Gehen« (Methodenkonzept, Handlungsmodell).
• In den Methodenkonzepten/Methodologien werden programmatisch die jeweiligen Wege beschrieben und eventuell auch forschungsmethodisch untermauert. Vor dem Hintergrund dieses Anspruchs lässt sich leicht einsehen, dass die Präzision der Formulierungen je nach Wissenschaft bzw. Handlungsfeld recht unterschiedlich ausfallen können (z. B. Sozialpädagogik vs. Brückenbau). Die Gesamtheit der Methodenkonzepte/Methodologien in einer Wissenschaft ist deren Methodenlehre (oder Methodologie i.w.S.).
Als Titel des Buches wurde bewusst nicht »Methoden der Sozialen Arbeit« gewählt, auch nicht »Methoden in der Sozialen Arbeit«, sondern »Grundlagen des Methodischen Handelns in der Sozialen Arbeit« bzw. im Text auch »methodisch handeln in der Sozialen Arbeit«, um den (begrenzten) Rahmen, vor allem aber, um den Prozesscharakter dieser Tätigkeit deutlich zu machen. Methodisches Handeln in der Praxis Sozialer Arbeit bezieht sich – außer auf forschungsmethodisches Handeln, natürlich nur analytisch getrennt – vor allem auf zwei Bereiche:
• erstens auf die antizipatorische Festlegung des Weges (»Landkarte«, »Tourenbeschreibung«) und zwar
− von einer problematischen Situation ausgehend, die es zu lösen gilt,
− über die Wahl theoretischer Konzepte, die operatives Hintergrundwissen vermitteln,
− bis zur Ermittlung Handlungsleitender Konzepte, Handlungsformen, Interaktionsmedien und spezifischen Methoden, Verfahren und Techniken (Planungsphase anhand des Orientierungsrasters ( Abb. 3), die das konkrete methodische Handeln vorbereitet) und
• zweitens auf die Durchführung mit dem gewählten spezifischen Methodeninstrumentarium (»Bewegen im Gelände«) (Handlungsphase).
Methodisches Handeln (methodisches Vorgehen) ist damit die zirkulär orientierte Planung des Handelns und das konkrete Handeln selbst mit spezifischen Methoden der Situationsanalyse, Intervention und Evaluation. Beim ersten Beispiel (Nachsorge Kap. 2.1) war die Planung im Vordergrund, beim zweiten (Straßensozialarbeit Kap. 2.2) das konkrete Handeln. Die Erfahrungen im Handeln machen u. U. eine Neuplanung oder Modifizierung des alten Plans notwendig. Ebenso müssen aber auch, wenn zunächst »planlos« gehandelt wird, was mehr oder weniger ausgeprägt häufig geschieht, auch diese Erfahrungen, wenn sie reflektiert werden, in eine weiterführende handlungsleitende Planung einfließen, immer unter der Voraussetzung, dass dieses Tun als methodisches Handeln qualifiziert sein soll.
Da methodisches Handeln im wesentlichen auch Problemlösungshandeln ist, hängt die besondere Weise des Vorgehens von der Art des Problems und den speziellen Kompetenzen der Problemlöser ab. Für einen Architekten, der sich vor den neugierigen Augen der Nachbarschaft schützen möchte und deswegen eine Mauer am Rande seiner Terrasse in Wochenendarbeit mit einem Freund, der Polier ist, errichten möchte, stellt diese Arbeit kaum ein Problem dar, höchstens vielleicht ein zeitliches und finanzielles, vielleicht auch ein juristisches, je nach den örtlichen Bauvorschriften. Für einen Sozialpädagogen, der den Unterschied zwischen Mörtel und Beton und den zwischen Sandstein und Klinker nicht so genau kennt und der von Statik keine Ahnung hat, ist der Bau der gleichen Mauer ein großes Problem, das, u. U. über Zuhilfenahme von Heimwerkerliteratur und Erkundigungen bei erfahreneren Bekannten, einer genauen Planung, eines differenzierten methodischen Vorgehens bedarf, soll das Ziel erreicht werden. Natürlich könnte er sich auch im Sinne von Versuch und Irrtum langsam vorantasten, all die Erfahrungen, die über Jahrtausende mit Mauerbau gemacht wurden vernachlässigend, um vielleicht sein Ziel zu erreichen. Was für den Sozialarbeiter also ein schwieriges Problem darstellt, ist für den Architekten eine Routineaufgabe. Wenn es aber darum geht, für einen hochverschuldeten Familienvater einen Weg zu finden, innerhalb einer gewissen Zeitspanne eine Lösung für dieses belastende Problem zu finden, wäre dies u. U. genau umgekehrt. Hier schließt sich auch, was bei der Mauer noch erlaubt sein mag, eine eventuelle Problemlösung nach Versuch und Irrtum aus.
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