• das ständige Bemühen um »neue« individualistische Wortschöpfungen (z. B. »bisubjektives Handeln«), die »alte«, bereits bewährte und allgemein anerkannte Begriffe (»kommunikative Verständigung«) ersetzen sollen (Profilierungsproblem).
Einige Beispiele zu b.) sind
• Entwertungsrituale, die »Methoden« konsequent in Richtung inhumaner technizistischer Funktionalisierung definieren (Entwertungsproblem),
• eine ideologisch verzerrte sog. Methodenkritik, die mit Sozialer Arbeit ausschließlich revolutionäre Gesellschaftsveränderung meint (Ideologieproblem),
• die Unkenntnis konkreter methodischer Arbeit, mit der Folge, die durchaus vorhandenen Gefahren dieser Arbeit zu verallgemeinern und als real existierend zu kritisieren (Verallgemeinerungsproblem),
• Ängste und Unsicherheiten bei Praktikern, die in der Ausbildung methodisches Handeln nur unzureichend erlernt haben, weil das Angebot gefehlt hat oder weil sie es nicht wahrgenommen haben (Ausbildungsproblem) und
• das Theorie-Praxis-Dilemma, die Schwierigkeiten, in Wechselwirkung zwischen Theoretikern und Praktikern sowohl die Theorie wie auch die methodische Umsetzung in die Praxis zu fördern (Theorie-Praxis-Problem).
Die unter a.) benannten Probleme haben natürlich Konsequenzen für den Methodenbereich. Das betrifft vor allem das Theorienproblem, da »Methoden« genau so wenig wie »Bildung«, »Erziehung« oder »Emanzipation« festgelegte Gegenstände sind, sondern ihren Sinn erst durch ihre je unterschiedlichen theoretischen Begründungen erfahren. Als Folge des Allzuständigkeitsproblems ist zudem die Verführung groß, ständig neue »Methoden« zu kreieren, die dieser Breite der Anwendung von Sozialer Arbeit gerecht werden sollen.
Eine weitere Schwierigkeit kommt hinzu: In der Sozialen Arbeit, wie in anderen Humanwissenschaften, die sich keine ausschließende Kunstsprache zugelegt haben, taucht bei der Klärung ihrer Basisbegriffe zusätzlich das Problem der »doppelten Hermeneutik« (Giddens 1997, S. 338) auf, dass ihre Begriffe nämlich weitgehend durch Alltagssprache (auch von SozialpädagogInnen) vor- oder mitdefiniert sind. Umgekehrt wirken sozialpädagogische Begrifflichkeiten austauschend auf die alltäglichen Lebenswelten und Wirklichkeiten zurück. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Bericht in einer Tageszeitung über einen Vortrag zu Ursachen von Gewalt unter Schülern. Da stellt – so berichtet der Journalist – der Referent die Frage: »Warum stellt Karlheinz Annegret in der Schule ein Bein und freut sich, wenn sie hinfällt?« Der Artikel klärt auf: »Für die Antwort benötigt der Praktiker keine psychologischen und sozialpädagogischen Weisheiten. Aus seiner Sicht entsteht Gewaltbereitschaft aus einem Mangel an Liebe zu sich selbst.« Was dann in diesem Artikel weiter folgt sind Aspekte von Selbstwert- und Narzissmustheorien, deren Inhalte offensichtlich so alltagssprachlich geworden sind, dass sie nicht mehr als »psychologisch« oder »sozialpädagogisch« benannt werden.
Von dieser verkürzten und undifferenzierten, aber dennoch zutreffenden Situationsbeschreibung ausgehend, erscheint der Bereich »Methoden in der Sozialen Arbeit« ein durchaus problematischer zu sein, der gerade auch deshalb einer zeitgemäßen Lösung bedarf. Zumindest muss damit begonnen werden. Mit dem zuletzt genannten Satz ist auch zugleich das Ziel dieses Buches umschrieben. Es geht vor allem darum, eine Systematik zu entwickeln, die einerseits subjektorientiertes methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit verstehbarer und überprüfbarer und die Praxis handhabbarer macht und die für weitere Verfeinerungen, Differenzierungen und Modifikationen eine Grundlage bildet. Dabei ist es unabdingbar, zunächst ein ganz allgemeines Modell (Metamodell) zu entwickeln, aus dem sich vor jeglicher Spezifikation und Differenzierung die Basisbegriffe und -variablen ableiten lassen. Dieses Modell kann dann als grundlegendes Raster dienen für weitere Entwicklungen und Modifikationen und eben auch für eine kritische Integration neuer Aspekte, ohne daß jeweils wieder ganz von vorne begonnen werden müsste.
Daraus wird auch deutlich, dass es in diesem Buch nicht darum geht, was die Verwirrung nur noch erhöhen würde, alles zu beschreiben, was heute als »Methoden« praktiziert oder gefordert wird. Das Spezifische des subjekt- bzw. klientenorientierten methodischen Handelns (zum Verständnis dieser Begriffe, die im weiteren Verlauf abwechselnd verwendet werden (
Kap. 4.5)) in der Sozialen Arbeit soll benannt und diskutiert werden, das, was Soziale Arbeit auszeichnet, und nicht jenes, was auch von anderen Professionen kompetent betrieben werden kann oder was die klientenbezogene Arbeit nur randständig (wenn auch vielleicht in der Gesamtheit der Arbeit als durchaus wichtiger Teilbereich) berührt. Öffentlichkeitsarbeit beispielsweise ist eine wichtige Aufgabe für Soziale Einrichtungen, sie muss aber nicht zwingend von Sozialpädagoglnnen geleistet werden. Zwangseinweisungen als weiteres Beispiel sind ärztliche (Feststellung der medizinischen Notwendigkeit) und juristische (Feststellung der gesetzlichen Zulässigkeit) Interventionen, Sozialpädagoglnnen haben dabei eine wichtige begleitende Funktion, die vor, während und nach der Intervention bedeutsam ist, die Intervention selbst ist aber keine per se sozialpädagogische. Ebenso bieten die Sozialplanung und das Sozialmanagement wichtige Voraussetzungen für subjektorientiertes Handeln, sie werden aber auch von anderen Professionen (Soziologen, Ökonomen) durchgeführt, die aufgrund ihrer Ausbildung dafür u. U. qualifizierter sind. Das heißt nicht, dass Sozialpädagoglnnen sich die genannten Gebiete (Öffentlichkeitsarbeit, Sozialplanung, Sozialmanagement) nicht erschließen sollen und können, aber es soll deutlich werden, dass die Arbeit in diesen Bereichen zwar eine wichtige Grundlage für subjektorientiertes Handeln bildet, dass sie aber ein spezialisiertes Wissen und Können voraussetzt, das nicht – im Sinne des Allzuständigkeitsproblems – so nebenbei in der Sozialen Arbeit zu bewältigen ist. Natürlich kann die Soziale Arbeit in Kooperation mit den anderen Professionen zentrale Beiträge leisten. Die Forschung in der Sozialen Arbeit ist als Spezialgebiet natürlich auch für Sozialpädagoglnnen relevant und deren Ergebnisse sind wiederum von der klientenbezogenen Praxis aufzunehmen und reflektiert umzusetzen, sie steht aber nicht im Zentrum dieser Praxis. Diese Abgrenzungen machen deutlich, wie notwendig Kooperation und Teamarbeit in der Sozialen Arbeit sind, um klientenbezogenes methodisches Handeln erfolgreich zu gestalten. Sie dienen hier aber auch dazu, den Themenbereich dieses Buches sinnvoll zu begrenzen. Gegenstand ist im Wesentlichen subjekt- bzw. klientenorientiertes methodisches Handeln (zu den Begriffen Kap. 4.5) in der Sozialen Arbeit. Methoden der Planung und Organisation sowie Forschungsmethoden werden nur randständig thematisiert.
Historische Fakten zur Methodenentwicklung werden unter »Klassische Methoden« knapp beschrieben ( Kap. 9.4). Hierzu liegen die umfassenden Arbeiten zur Geschichte der Sozialen Arbeit von C. W. Müller (2009) und W. R. Wendt (2016) vor, in denen auch die drei »Klassischen Methoden der Sozialarbeit« – Einzelfallhilfe, Gruppenarbeit und Gemeinwesenarbeit – ausführlich gewürdigt werden. In den »Theorien der Sozialen Arbeit« von Engelke u. a. (2009) wird ein historischer Überblick mit vielen methodischen Verweisen angeboten.
Inzwischen kann – im Gegensatz zu den 1970er und 1980er Jahren – bezüglich der Methodenliteratur doch auf eine ganze Reihe von Veröffentlichungen zurückgegriffen werden, die sich mit Handlungsleitenden Konzepten und Interaktionsmedien ( Abb. 3) differenziert auseinandersetzen und zum Teil schon in mehreren Auflagen erschienen sind. Hierzu gehören u. a.: Herriger (1997/2010) (Empowerment), Wendt (2016) (Case Management), Bullinger/Nowak (1998) (Soziale Netzwerkarbeit), Noack (1999) (Gemeinwesenarbeit), Sieckendiek u. a. (1999) und Nestmann u. a. (2007) (Beratung).
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