Die beiden Beispiele aus den Praktika und aus der Befragung betonen natürlich nur eine Seite der Realität. Auf der anderen Seite gibt es Institutionen, in denen methodenbewusst sozialpädagogisch sehr effektiv gearbeitet wird. Dazwischen liegen viele Tätigkeitsfelder der Sozialen Arbeit, die bezüglich ihres methodischen Handelns mehr der einen oder mehr der anderen Seite zugeordnet werden können.
Die benannten Probleme in der Praxis spiegeln allerdings auch Probleme in der Ausbildung wider. Wenn heute noch, entgegen möglicher besserer Erkenntnis, als die Methoden der Sozialen Arbeit »Einzelfallhilfe«, »Soziale Gruppenarbeit« und »Gemeinwesenarbeit« genannt und gelehrt werden, noch dazu meist ohne intensivere praktische Erprobung, und wenn es bis vor wenigen Jahren noch keine auf einen neueren Stand gebrachten Lehrbücher zum methodischen Handeln gab und wenn »Methoden« lange, zumindest in der universitären Ausbildung, als etwas Anrüchiges erschienen, was es »offensiv« oder auch »alltagsorientiert« zu überwinden galt, dann verwundert es nicht, dass sich methodisches Handeln oft so unreflektiert und unsystematisch in der Praxis spiegelt.
Einen systematischen Zugang zum methodischen Handeln in der Sozialen Arbeit zu finden ist das Hauptziel dieser Einführung, die sich vor allem an Studierende der Sozialen Arbeit und verwandter Gebiete sowie an Professionelle in der Praxis Sozialer Arbeit richtet.
Der Anlass für dieses Buch sind Erfahrungen wie die eben genannten und auch die manchmal erlebte eigene Ratlosigkeit, die sich bei manchen Fragen von Studierenden in Seminaren und in den Sprechstunden einstellte. So ist dieses Buch auch der Versuch, Antworten für diese Fragen zu finden und diesen Antworten eine Struktur zu geben. Dabei waren mir bei der Vorbereitung Studierende und KollegInnen behilflich, insbesondere Kerstin Janßen, Anja Peters, Dr. Henno Wiesner und Michael Zwilling. Ihnen danke ich besonders für die konstruktive Kritik und die kreative Diskussion.
Das düstere Bild, gezeichnet im Vorwort der 1. Auflage, hat sich bezüglich der Bemühungen um eine Systematisierung methodischen Handelns in der Sozialen Arbeit doch etwas aufgehellt. Neben überarbeiteten Auflagen bewährter Lehrbücher (Galuske, B. Müller, von Spiegel) sind weitere Versuche der Systematisierung professionellen Handelns vorgestellt worden (Hochuli Freund/Stotz, P.-U. Wendt), ebenso ein praxisorientiertes Ordnungsmodell (Ehrhard). Zu speziellen Themen können sich interessierte Lehrende, Studierende und PraktikerInnen mittlerweile auf viele neue Angebote beziehen (Busch, Heiner, Michel-Schwartze, Nestmann/Engel/Sickendiek, Pantuček, Schwabe, Seithe, Stadler/Kern u.a). Hinter diese Entwicklung darf methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit weder theoretisch noch in der praktischen Umsetzung zurückfallen, um nicht den Anspruch auf eine Professionalisierung der Sozialen Arbeit zu verlieren. Inwiefern die Ausbildung von Fachkräften der Sozialen Arbeit an Hochschulen unter der Dominanz des Klausurendrucks diesem Anspruch – Verknüpfung von Theorie und Praxis sowie Kompetenzentwicklung – überhaupt gerecht werden kann, ist zumindest fragwürdig, ebenso wie auch eine »Methodenlehre«, über die versucht wird, die heute üblicherweise als »klassisch« bezeichneten Methoden als die Methoden der Sozialen Arbeit abermals einzuführen (Kreft/Müller).
Das Hauptziel der Überarbeitung des Lehrbuches ist das gleiche wie im Vorwort der 1. Auflage formuliert, nämlich einen systematischen Zugang zum methodischen Handeln in der Sozialen Arbeit zu entwickeln. Dazu wurden die Basismodelle überprüft und erweitert sowie in ihrer Wechselwirkung verdeutlicht, rechtliche Fragestellungen mit einbezogen und Ergänzungen in verschiedenen Kapiteln vorgenommen. Die inhaltliche Erweiterung bezieht sich aber vor allem auf die Integration sozial-ökologischer Aspekte in Verbindung mit der Subjektorientierung mit dem zentralen Fokus auf die Interdependenzen zwischen Menschen und ihrer Umwelt.
Adendorf, im Frühjahr 2020 |
Franz Stimmer |
Wer sich über Basisbegriffe der Sozialen Arbeit wie Autonomie, Emanzipation, Bildung, Erziehung … oder eben Methoden im Rahmen etwa von Seminar- oder Examensvorbereitungen oder in der Praxis der Jugendamtsarbeit oder in der Drogenberatungsstelle orientieren möchte, greift als erstes wohl nach einem Lexikon oder Handbuch der Sozialpädagogik und der Sozialarbeit. Wer etwas über »Methoden« erfahren möchte, wird vielfach auch hier die Erfahrung machen, die Oelkers bezüglich der Begriffe »Erziehung« und »Bildung« formuliert hat, dass sie nämlich vage bleiben, dass die Konturen zerfließen, wenn konkret bestimmt werden sollte, was denn genau gemeint ist (vgl. Oelkers 1991, S. 237). Als Folge entstehen daraus Schwierigkeiten zu benennen, was die spezifischen Inhalte sind und wozu denn diese Begriffe – hier »Methoden« oder »methodisches Handeln« – gut sind. Dies betrifft auch die Definition von »Sozialer Arbeit« selbst.
In diesem Buch wird Soziale Arbeit als Oberbegriff verwendet, dem die Begriffe Sozialpädagogik und Sozialarbeit subsumiert werden. Sicherlich ist es so, dass, historisch gesehen, mit den beiden letztgenannten Begriffen zwei inhaltlich unterschiedliche Stränge benannt sind, die aber in der heutigen alltäglichen Arbeit zunehmend nicht mehr zu trennen sind. Die moderne Praxis hat die Historie hier überholt, was nicht ausschließt, dass es dazu andere Meinungen gibt und zudem eine Vielzahl von Versuchen existiert, das Verhältnis von Sozialpädagogik und Sozialarbeit differenzierter zu klären. Es lassen sich zumindest mehrere Variationen einer Zuordnung von Sozialpädagogik und Sozialarbeit finden. Mühlum (1996) hat mehrere Varianten unterschieden:
• das Divergenztheorem (zwei eigenständige Bereiche),
• das Subordinationstheorem (Verhältnis der Über- und Unterordnung),
• das Substitutionstheorem (Austauschbarkeit),
• das Identitätstheorem (völlige Übereinstimmung),
• das Konvergenztheorem (Zusammenwachsen) und
• das Subsumtionstheorem (gemeinsamer Oberbegriff, der die Übereinstimmung bei noch bestehenden (geringen) Unterschieden betont).
Hier wurde die letztgenannte Variante gewählt, allerdings mit einer starken Annäherung an das Identitätstheorem. Das bringt es mit sich, dass das Adjektiv »sozialpädagogisch« oder das Substantiv »Sozialpädagoge« dann auch »sozialarbeiterisch« und »Sozialarbeiter« meint. Bezüglich der weiblichen und männlichen Form wird das Substitutionstheorem bevorzugt, es ist, je nach Formulierung, (fast immer) auch das jeweils andere Geschlecht gemeint. Teilweise wurde als neutrale Formulierung auch »Fachkraft« gewählt ( Kap. 4.5.3). Die genannte diffuse begriffliche Unbestimmtheit bezüglich »Methoden« wurde vielfach bestätigt, so z. B. von Brack noch 1993 (S. 645): »Der Methodenbegriff in der Sozialarbeit – und darüber hinaus in allen agogischen Disziplinen – entzieht sich einer einfachen Definition, vielmehr ist er unklar und vieldeutig.« Es verwundert, dass in einem so wichtigen humanwissenschaftlichen Bereich wie der Sozialen Arbeit die Vorstellung und Benennung dessen, was methodengeleitetes Handeln ist, so lange in Vagheit verharren durfte. Die Gründe hierfür waren und sind sicher vielfältig und müssten auch historisch aufgearbeitet werden. Sie betreffen a.) die Soziale Arbeit allgemein und b.) methodisches Handeln im Besonderen:
Zu a.) gehören beispielsweise
• das Theorie-Dilemma in der Sozialen Arbeit, die ungeklärte Frage, was denn die theoretischen Grundlagen heutiger moderner Sozialer Arbeit sind (Theorienproblem),
• die narzisstische Abwehr einer deutlicheren Bestimmung und Begrenzung dessen, was das Arbeitsfeld Sozialer Arbeit ausmacht (Allzuständigkeitsproblem) und
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