In diesem Beispiel der Aufsuchenden Sozialen Arbeit beginnt diese ohne größere Vorplanung. In einem Stadtteil einer mittelgroßen Stadt, der wegen des relativ hohen Ausländeranteils, der vielen Sozialhilfeempfänger, die dort leben, und einer sich konstituierenden Drogenszene als »schwierig« gilt, sollen über »Straßensozialarbeit« in präventiver Absicht Kontakte mit Jugendlichen aufgebaut und sozialpädagogische Angebote entwickelt werden. Die Probleme dieses Stadtteils unterscheiden sich aber von der Quantität her wesentlich von denen in manchen Großstädten mit ausgebildeten Drogen-, Kriminalitäts- oder Armutsszenen. Einer Entwicklung in diese Richtung soll durch offene Jugendarbeit vorgebeugt werden.
Die Arbeiterwohlfahrt stellt eine Sozialpädagogin kurz nach deren Studienende zunächst befristet auf ein Jahr für dieses Arbeitsfeld ein. Hier stellen sich gleich wieder eine Reihe von Fragen: Ist das, was geplant ist, mit dem Begriff »Straßensozialarbeit« prägnant umschrieben oder sind nicht andere Konzepte wie die netzwerkorientierte Gemeinwesenarbeit erfolgversprechender? Kennen Mitarbeiter des Trägers oder die Sozialpädagogin alternative Konzepte und die jeweils relevanten spezifischen Methoden? Ist dieses Arbeitsfeld einer Berufsanfängerin ohne grundlegende Weiterbildung zuzumuten? Kann in einem solchen sensiblen Bereich einfach »irgendwie« begonnen werden, ohne Gefahr zu laufen, dass die Arbeit von vornherein auf große Widerstände stößt (bei möglichen Klienten, aber auch bei konkurrierenden Institutionen)? Muss diese Tätigkeit nicht von Anfang an langfristig angelegt sein? Stehen der Sozialpädagogin angemessene Instrumente der Netzwerkanalyse zur Verfügung oder wird sie dabei von MitarbeiterInnen der Arbeiterwohlfahrt unterstützt? Sind Selbstevaluationsverfahren bekannt und in welcher Form werden sie angewendet? Ist die Tätigkeit der Sozialpädagogin in das Evaluationssystem des Trägers integriert? Steht ihr von Beginn an Supervision zur Verfügung? usw.
In dem Praxisbeispiel ist die Sozialpädagogin auf den Straßen des Stadtteils unterwegs, »mischt sich unters Volk«, stellt Kontakte her, macht sich bekannt, hört sich um und macht vorsichtig Angebote. Oft ist aber im weiteren Verlauf auch ein schnelles Reagieren gefragt. Da gibt es Ärger auf einem Spielplatz. Anwohner rufen die Polizei, weil sie sich von Jugendlichen, die sich dort abends treffen und Musik hören, gestört fühlen und weil dabei angeblich auch Drogen die Runde machen. Da die Sozialpädagogin sich vor Aufnahme ihrer Arbeit bei vielen Institutionen und auch bei der Polizei vorgestellt und über ihre Arbeit informiert hat, verständigt die Polizei sie, ohne selbst in Erscheinung zu treten. Es gelingt ihr, mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen, wobei deutlich wird, dass nach ihrer Ansicht von einem Drogenkonsum keine Rede sein kann, wenn einige der Jugendlichen auch leicht angetrunken waren. Als Ergebnis des Gesprächs sollen gemeinsam andere Möglichkeiten für die Treffs der Jugendlichen gesucht werden, wobei diese lautstark monieren, dass es im ganzen Viertel kein Jugendzentrum gibt. Hier schließen sich wieder einige Fragen an: Wie kann die Kooperation mit der Polizei begründet werden? Hat die Sozialpädagogin genügend Kenntnisse, um zu entscheiden, ob ein Drogenkonsum bzw. ein Drogenmissbrauch vorliegt? Schätzt sie den Alkoholkonsum als Drogenkonsum ein? Wie kann die Einrichtung eines Jugendzentrums von ihr gefördert werden? Sind politische Aktivitäten dabei sozialpädagogisch zu vertreten? usw.
Neben solchen Tätigkeiten, die die Gestaltung des Freizeitbereichs betreffen, geht es aber auch darum, die Jugendlichen bei der Suche nach Arbeit oder nach einer Lehrstelle zu unterstützen. Viele von ihnen beherrschen die deutsche Sprache nur unvollkommen. Sie kamen mit ihren Eltern als Aussiedler aus Russland, als Flüchtlinge aus Bosnien oder als Gastarbeiter aus der Türkei. So gehört zur täglichen Arbeit der Sozialpädagogin auch die Hilfestellung bei Bewerbungen oder auch vorher schon bei den Schularbeiten ebenso wie Vermittlungsgespräche zwischen Eltern und Jugendlichen, wenn etwa Anzeigen wegen Ladendiebstahls vorliegen. Auch die Kontaktaufnahme zum Jugendamt oder zur Drogenberatungsstelle ist hier und da notwendig, wenn eine Jugendliche nächtelang nicht nach Hause kommt und die Eltern die Sozialpädagogin daraufhin ansprechen oder wenn nachts ein Jugendlicher total betrunken von der Polizei aufgegriffen wird und dies der Sozialpädagogin rückgemeldet wird. Auch hier wiederum einige Fragen: Ist die Sozialpädagogin für all diese Probleme zuständig? Wie kann es ihr gelingen, als »verlängerter Arm« der Eltern oder der Polizei den Kontakt zu den Jugendlichen nicht zu verlieren? Gibt es Verfahren, die die Begleitung und Unterstützung der Jugendlichen strukturieren helfen? Ist eine spezifische Methode für diese Tätigkeit ausreichend oder müssen Methoden und Verfahren kombiniert werden? usw.
Aus den beiden kurzen Beispielen lassen sich zusammenfassend Fragen zum methodischen Handeln ableiten. Mit welchen Begründungen handeln die Mitarbeiter der Drogenberatungsstelle und die Sozialarbeiterin so, wie sie handeln? Werden dabei Theorien oder Forschungserkenntnisse einbezogen? Wird die Arbeit in größere Zusammenhänge integriert (Netzwerke, Gemeindeorientierungen, Jugendhilfeplanung)? Nach welchen Handlungsleitenden Konzepten wird gehandelt (Empowerment, Case Management, Erlebnispädagogik …)? Sind die Arbeitsformen (Einzelarbeit, Gruppenarbeit …) und die Interaktionsmedien (Beratung, Unterstützung, Erziehung, Bildung …) reflektiert in die Arbeit aufgenommen? Gibt es so etwas wie eine Situationsanalyse? Wenn ja, mit welchen Verfahren? Wird nach spezifischen Interventionsmethoden gehandelt und wird dieses Handeln evaluiert (Fremd- oder Selbstevaluation)? Ist Supervision für die Beteiligten gegeben? Wenn ja, welche (Einzel-, Gruppen-, Teamsupervision)? Wenn nicht, warum nicht? Werden berufsethische Fragen reflektiert? Fragen über Fragen, die es bei der Betrachtung konkreten Handelns in der Sozialen Arbeit zu beachten und zu beantworten gilt. Genau dazu dienen die Systematik des Orientierungsrasters (
Abb. 3) bzw. die weiteren Ausführungen in diesem Buch.
3 Grundbegriffe und Modelle
Am Alltagsbeispiel des Baus eines Holzschuppens – ein Abenteuer, dem sich Herr S. kürzlich gestellt hat – sollen zunächst einige wesentliche Elemente methodischen Handelns benannt werden.
Für einen professionellen Holzschuppenbauer wäre der Bau eines solchen eine Routineaufgabe, die ihn nicht besonders beunruhigen würde. Für Herrn S. war es ein Problem, das gelöst werden sollte (Routinehandeln vs. Problemlösungshandeln).
Ausgangspunkt war ein unerwünschter Ist-Zustand, dass nämlich das Holz, das Herr S. für seinen Kamin im Herbst und im Winter benötigt, irgendwo und irgendwie im Garten herumlag, meist feucht und längst als Behausung von Kellerasseln in Beschlag genommen (Situationsanalyse).
Der erwünschte Soll-Zustand, das Ziel war es, trockenes, gut abgelagertes und gut brennbares Holz zu bekommen. Um dieses Ziel zu erreichen, gibt es verschiedene Möglichkeiten. So kann das Holz sackweise gekauft werden, Herr S. kann es beim Nachbarn ausleihen oder stehlen. Er kann auch ganz auf die Holzfeuerung verzichten und sich stattdessen einen Öl- oder Gasofen zulegen, frieren oder sich eine dicke Wolldecke kaufen (Basisziel, Methodenvielfalt).
Das erklärte Ziel von Herrn S. war aber der Bau eines Holzschuppens, in der Annahme, dass dann das Holz trocken und ohne Kellerasseln und Tausendfüßler zur Kaminfeuerung verwendbar sein wird, mit den zusätzlichen Folgen, dass der Kamin besser brennt und der Schornstein weniger raucht. Dieses Ziel bzw. diese Ziele sollten unter Berücksichtigung der Randbedingungen, der vorliegenden Verhältnisse (Menge des benötigten Holzes, Zugänglichkeit des Schuppens, räumliche Möglichkeiten auf dem Grundstück, behördliche Vorschriften …) und unter Vermeidung unerwünschter Nebenwirkungen (zu hohe Kosten, Brandgefahr, Ärger mit dem Nachbarn …) erreicht werden (Teilziele, Mehrperspektivität, Hypothesenbildung).
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