Gerade für Frauen ist es oft schwierig, ihre wirklichen Bedürfnisse zu erkennen. „Nur-Mutter-Sein“ wird besonders in intellektuellen Kreisen oft negativ beurteilt. Eine „Powerfrau“ dagegen, die ihre Karriere nicht unterbricht und die Kinder in die Tagesstätte bringt, gilt häufig als schlechte Mutter. Kraftvolle Frauen machen vielen Männern Angst und werden gerne kritisiert, wenn sie allzu viel Temperament und Feuer offenbaren. Eine sehr impulsive Frau, die schon einmal ihrer Wut lautstark Ausdruck verleiht, wird schief angesehen; ein Mann darf eher einmal kräftig auf den Tisch schlagen. Oft haben Frauen selbst Hemmungen, ihren Feueranteil positiv und selbstbewusst zu entfalten.
Die ursprüngliche Wesensnatur eines Menschen wird oft in der Kindheit nicht erkannt. Ein langsames, besonnenes Kind mit hohem Kapha, das mit Terminen von musikalischer Früherziehung bis zum Malunterricht verplant wird, kann nicht die nötige Muße finden, die es naturgemäß braucht. Vielleicht wird es umso verschlossener, je mehr seine Eltern versuchen, es zu motivieren. Umgekehrt verlieren temperamentvolle Kinder, die immer gezügelt und zur Mäßigung ermahnt werden, irgendwann ihren Mut und ihre Leidenschaft.
Über Generationen ist in Mädchen das Vata-Naturell des Schmetterlings gefördert worden. Nett, brav und angepasst sollte eine Tochter sein. Kein Wunder, wenn dieses Kind ängstlich und verunsichert wird und ihre Unbeschwertheit verliert. Umgekehrt dürfte ein Mann, dem als Kind erklärt wurde, dass ein Junge nicht weint, als Erwachsener Probleme haben, seinen Vata-Anteil an Sensibilität und Verletzbarkeit offen auszuleben. Viele Erwachsene sind noch immer stark beeinflusst von diesem Gedankengut, welches sie von Eltern und anderen Menschen aus ihrer Kindheit übernommen haben.
Trotzdem gibt es, unabhängig von ihrer Konstitution, noch immer den „gewissen Unterschied“ zwischen Frauen und Männern. Durch seine Geschlechtshormone, aber auch als subtile Information durch die Evolution des Menschen drückt sich im Mann allgemein etwas mehr Kampfgeist durch erhöhtes Pitta aus, welche Prakriti er auch hat. In einer Frau steckt durch mehr Kapha ein Hang zu materieller Sicherheit und Fürsorge, sozusagen als Prinzip des Weiblichen.
Mit einem feinen Gespür für unsere Wesensnatur öffnen sich die Türen zu diesem ganz einzigartigen Menschen, der wir tatsächlich sind. Wir werden nur dann selbstbewusst unseren Lebensweg gehen, wenn er in Harmonie mit unseren angelegten Energien steht. Das Ayurveda nennt daher als einen zentralen Aspekt für ein glückliches Leben die Selbstachtung, jenes schlichte Gefühl des „Ich bin“, mit dem wir uns so annehmen, wie wir sind.
III. Die sieben Energietypen des Ayurveda
Luftig und beschwingt wie der Schmetterling Elemente:Luft und Äther
Geprägt von den Elementen Luft und Äther, bewegt sich die Vata-Natur unbeschwert wie ein Schmetterling und stets auf der Suche nach Neuem durch die Welt. Ihr geistiges Zuhause sind die Welten der Fantasie und der Träume. Die Vata-Natur ist ausgesprochen kreativ und flexibel, doch fehlen die Ruhe der Erde und die Dynamik des Feuers zum Ausgleich. Daher wird sie schnell nervös und ängstlich und es fällt schwer, ihre wunderbaren Ideen zu verwirklichen.
Die Aufgaben der Vata-Natur bestehen darin, Ausgeglichenheit und Gelassenheit in ihr Leben zu bringen.
Im Allgemeinen zeigt sich die Vata-Konstitution durch einen schlanken Körperbau, der von klein und zierlich bis zu hochgewachsen und schlaksig reichen kann. Diese Menschen haben wenig Körpermasse, deshalb sind ihre Muskeln, Adern und Knochen deutlich zu erkennen. Besonders auf dem Handrücken sind die Venen auffällig sichtbar, bei Männern tritt der Adamsapfel deutlich hervor. Ihre ganze Wesensnatur sind von Leichtigkeit geprägt, daher auch der zarte Knochenbau und die schwach ausgebildeten Muskeln. So kann der Körper sehr zart, fast schon ätherisch erscheinen. Weil die natürliche „Schmierung“ fehlt, knacken und knirschen Gelenke und bilden keine wirkungsvollen Stoßdämpfer. Auch fehlt den Gelenken Stabilität, sodass sie häufig überdehnt sind.
Wie Vata naturgemäß im ständigen Wandel begriffen ist, schwankt auch das Gewicht einer Person mit dieser Konstitution häufig. Vata kann sich selbst unter einer beachtlichen Leibesfülle verbergen, da so manche Vata-Natur durch zu viel Essen unbewusst Erdung sucht. Doch dann verraten die langen schmalen Hände ihre wahre Konstitution. Das Wort Vata hat seinen Ursprung in „sich bewegen“, und tatsächlich erkennt man Menschen mit dieser Natur an ihrer ständigen Unruhe: Ihr Gang ist unentschlossen, die Bewegungen sprunghaft und unkoordiniert, ihre Händen sind immer beschäftigt und die flinken, kleinen Augen stets „unterwegs“.
Die Haut des harmonischen Vata-Typs hat einen hellen, zarten, fast transparenten Teint. Seine Gesichtszüge wirken fein bis asketisch, doch eher asymmetrisch. Unregelmäßig sind auch seine Augenbrauen und Zähne, die Lippen sind eher schmal. Da das Element Wind, Trockenheit im ganzen Körper verursacht, neigen auch die Haut und Nägel zur Trockenheit und Rauheit. Trocken, dünn und glanzlos sind Haare, häufig mit Spliss und Kopfschuppen. Die Stimme ist dünn und leise. Aufgrund seiner schlechten Durchblutung hat er Probleme mit kalten Händen und Füßen.
Menschen mit Vata-Konstitution haben von allen Energietypen die unregelmäßigste und schwächste Verdauung. Weil sie oft unregelmäßig essen, arbeitet ihr ohnehin schwaches Verdauungsfeuer ungleichmäßig und das Essen wird nicht optimal verwertet.
Bei Vata ist vorwiegend der Sympathikus aktiv, jener Teil des Nervensystems der den Organismus in Stresssituationen mit den entsprechenden Mechanismen reagieren lässt. Er regt die Nebennieren an, produziert Stresshormone, beschleunigt den Herzschlag sowie den Stoffwechsel. Ständige körperliche und seelische Anspannung lässt den Sympathikus dauernd aktiv sein, und langfristig beschleunigt er dadurch den Abbau von Geweben, wie dies bei Vata der Fall ist.
Persönlichkeit und Ausstrahlung
Luftikus oder Traumtänzerin nennen wir wohlgesonnen eine Person, deren Motto die Lebenslust ist und die nach der Devise „Don’t worry, be happy“ die Dinge nicht allzu genau nimmt. So genießt auch die Vata-Natur lieber heute das Leben als auf morgen zu warten. Eher den Kopf im Himmel als die Füße auf der Erde, tanzt sie durch das Leben – wenn möglich, auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig. Gern hält sie sich ein paar Hintertürchen offen, denn sie ist spontan und fühlt sich schnell in ihrem Freiheitsbedürfnis eingeschränkt.
Gleich dem Schmetterling fliegt ein Mensch mit hohem Vata fasziniert von einer Blume zur nächsten; überall entdeckt er verlockende Farben, Formen und Gerüche. So ist er in ständiger Bewegung, sucht die Abwechslung, ohne irgendwo lange zu bleiben. Entsprechend reiselustig ist er und ergreift jede Gelegenheit, um seine Nase in die Welt zu halten. Still sitzen ist eine Qual, deshalb findet er immer gute Gründe, um den Wohnort, den Beruf oder die Partnerschaft zu wechseln.
Sein stets bewegter Geist trägt diesen Menschen in Sphären von Fantasie und Vision, aus denen er mit immer neuen faszinierenden Ideen zurückkehrt. Für deren Verwirklichung hat er aber kaum Zeit und Geduld – stößt doch jede Idee zehn weitere Gedanken an, die er sofort anschauen muss. Damit verkörpert der Vata-Typ bestimmte Klischees: der geniale Erfinder, der zerstreute Professor, ein hochbegabter Musiker, Maler, Schriftsteller, Fotograf, der Denker und Philosoph – Vata ist überall da, wo Kreativität, Inspiration und Fantasie im Spiel sind, wo Weltbilder weit und vielschichtig sind.
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