»Ich dachte … du würdest …« Stern brach ab. Dass sein Enkel bei der Suche gern dabei gewesen wäre, war ihm natürlich klar. Aber da hätte er möglicherweise Spuren vernichtet, deshalb war es Stern gelegen gekommen, dass Tobias geschlafen hatte. »Weißt du was? Du bekommst trotzdem einen Sheriffstern, schließlich hast du mich auf diese Spur gebracht. Ich hab den Aktenkoffer schon geholt, und er scheint wertvolle Hinweis zu enthalten«, sagte er stattdessen.
»In echt?« Tobias schien das Ablenkungsmanöver nicht zu durchschauen, und wenn doch, war ein Sheriffstern als Entschädigung für ihn wahrscheinlich mehr als genug.
»Echt.« Stern ließ sich auf den Fahrersitz fallen.
»Versprichst du mir das mit dem Stern?« Tobias hatte sich abgeschnallt, quetschte sich durch den Spalt zwischen den Vordersitzen und streckte seinem Großvater die Hand entgegen.
»Ich verspreche es.« Stern schlug ein und staunte wieder einmal darüber, wie er sich von einem Kind zu derartigen Aussagen überreden ließ. Wo sollte er in Österreich einen echten Sheriffstern auftreiben? Österreich war nun wirklich alles andere als der Wilde Westen. Wenngleich ihn jetzt, wo er darüber nachdachte, auch die Tötungsmethode – Anseilen auf Schienen, Enthaupten und Gliedmaßen entfernen – ein wenig an diese Epoche im 19. Jahrhundert westlich des Mississippis erinnerte.
»Was ist in dem Aktenkoffer?«, wollte Tobias wissen.
»Ach, lauter so Anwaltskram. Den sollen sich meine Kollegen genauer ansehen.«
»Was ist ein Anwalt?«
»Ein Anwalt ist einer, der dich vor Gericht vertritt und dafür sorgt, dass du zu deinem Recht kommst«, antwortete Stern, betätigte den Blinker und reihte sich in den Verkehr ein, wohl wissend, dass diese Erklärung nur zum Teil zutraf. Manche Anwälte waren weitaus mehr damit beschäftigt, die Wahrheit unter den Teppich zu kehren und ihre Mandanten so schadfrei wie möglich zu halten, wenn diese gegen das Gesetz verstoßen hatten. Darüber konnte er aufgrund seines Jobs genügend Zeugnis ablegen.
*
Als Stern und Tobias wieder im Landeskriminalamt ankamen, fand der Chefinspektor sein Büro verwaist vor. Melanie? Wohin war die Zwölfjährige verschwunden? Panik keimte in ihm auf.
»Du wartest hier«, sagte er zu Tobias und eilte über den Flur zum Büro seiner Kollegen. Auf halbem Weg machte er kehrt, kam zurück, packte Tobias an der Hand und schleifte ihn hinter sich her. Nicht, dass der Junge ihm auch noch verloren ging. Im Büro der Kollegen saßen nur Mirscher und Kolanski und starrten auf ihre Bildschirme. »Habt ihr Melanie gesehen?«
Die Beamten verneinten.
»Wo ist Grünbrecht? Vielleicht weiß sie, wo …« Stern machte ein paar unbeholfene Gesten, die ausdrücken sollten, was er nicht aussprechen wollte. Nämlich, dass er nicht wusste, wo sich die Schutzbefohlene befand, die unter seine Obhut gestellt worden war.
»Keine Ahnung, wo Grünbrecht steckt. Vor einer halben Stunde war sie noch da«, antwortete Kolanski, der die Vermisstenanzeigen durchackerte.
»Hier!« Stern stellte den Aktenkoffer auf Mirschers Schreibtisch. »Den haben Tobias und ich gefunden. Wenn wir Glück haben, gehört er unserem Opfer und wir wissen endlich, wer er ist. Lasst ihn und den Inhalt von der Spurensicherung auf Fingerabdrücke und DNA-Spuren untersuchen.«
»Ja, Chef«, sagte Mirscher, stand auf und schickte sich an, mit dem Koffer das Büro zu verlassen.
»Und du weißt sicher nicht, wo Grünbrecht ist?« Stern hielt seinen Kollegen am Arm zurück und sah ihn eindringlich an. Schließlich waren die beiden miteinander verlobt, da könnte man doch meinen, dass er wüsste …
»Nein, Chef. Ich spioniere ihr nicht hinterher. Aber ich kann sie für dich anrufen, wenn du möchtest.«
»Danke, das mach ich schon selber.« Stern zog sein Handy aus der Jackentasche und wählte Grünbrechts Nummer. Nach nur zweimaligem Läuten hob die Gruppeninspektorin ab.
»Grünbrecht, wo stecken Sie?«, fragte Stern ohne Begrüßungsfloskel.
»Die Frage sollte wohl eher lauten, wo Sie stecken«, parierte Grünbrecht eine Spur zu scharf.
»Ich? Wieso?« Stern verfiel sofort in Verteidigungshaltung, obwohl er Grünbrechts Vorgesetzter war. Aber er spürte, dass er gut daran tat, seine Kollegin nicht zu reizen.
»Weil Sie ein Kind in Ihrem Büro über mehrere Stunden alleine gelassen haben«, klärte Grünbrecht ihn über den Grund ihrer Verstimmung auf.
»Melanie ist bei Ihnen?«, kombinierte Stern das Fehlen seiner Enkelin mit dem angriffslustigen Gehabe der Kollegin.
»Ja, wir essen gerade Pizza. Verhungern hätten Sie sie nämlich auch noch lassen. Stimmt es, dass die Kids heute lediglich ein Eis zum …«
»Danke, Grünbrecht. Wo seid ihr? Ich und Tobias kommen zu euch«, unterbrach Stern die Kollegin, bevor ihr noch mehr einfiel, was sie ihm vorwerfen konnte. Trotzdem war Stern erleichtert. Er hatte schon gedacht, dass Melanie aus Zorn oder Verdruss abgehauen sein könnte. Wäre ja nicht das erste Mal, dass Kindern in diesem Alter so etwas einfiel und sie es für eine gute Idee hielten, um den Erwachsenen zu zeigen, was sie alles draufhatten. Und der heutige Tag war wirklich nicht sehr angenehm für seine Enkelin verlaufen.
»In der Monte Verde in Urfahr, Hauptstraße. Wir warten«, kam es knapp aus dem Hörer, bevor die Verbindung unterbrochen wurde.
Stern sog die Luft ein. Mara Grünbrecht war anscheinend stinksauer auf ihn.
»Alles okay, Opa?«, fragte Tobias.
»Alles okay. Wir gehen jetzt Pizza essen«, antwortete Stern und drückte die Hand seines Enkels.
Etwa eine halbe Stunde später, nachdem sich Stern und Tobias durch den Abendverkehr auf der Unteren Donaulände und der Nibelungenbrücke gequält hatten, parkte Stern den Wagen in der Hauptstraße in Urfahr nahe der Pizzeria Monte Verde. Tobias sprang von der Rücksitzbank, knallte die Autotür zu und lief in Richtung des Lokaleingangs davon. Er liebte Pizza, das wusste der Chefinspektor. Alle Kinder mochten Pizza. Stern hingegen wäre ein saftiger Schweinsbraten mit Semmelknödel lieber. Dabei dachte er an die Brücklwirtin in Liebenau. Ihr Schweinsbraten war der beste, den er jemals gegessen hatte. Er hatte Maria Brückl bei einem Mordfall kennen und schätzen gelernt, vor allem ihre gutbürgerliche Küche. Vielleicht sollte er mit den Kindern mal einen Ausflug dorthin machen.
Stern und Tobias betraten das Monte Verde. Das Lokal war nicht besonders groß und seit dem letzten Umbau mehr als gut besucht. Der Chefinspektor hielt in dem länglichen Gastraum Ausschau nach Mara Grünbrecht und seiner Enkelin. Weiter hinten entdeckte er die beiden und steuerte auf sie zu.
»Grüß euch.« Stern blieb neben dem Tisch stehen und versuchte, die Stimmungslage zu erkunden.
»Hallo, Opa«, grüßte Melanie gutgelaunt. Sie war schon mal nicht das Problem. Es schien ihr gutzugehen, und ihr dürfte auch die Gesellschaft von Grünbrecht gefallen. Sterns Blick wanderte hinüber zu seiner Kollegin. Die nickte ihm zwar zu, sagte jedoch nichts.
»Habt ihr bereits gegessen?«, fragte er und zog für Tobias einen Stuhl zurecht. Der setzte sich und lächelte Mara Grünbrecht an. Tobias mochte die Gruppeninspektorin. Sie hatte ihn vor nicht allzu langer Zeit mit Blaulicht und Sirene zur Schule gefahren, wo ihm die Aufmerksamkeit der anderen Kinder gewiss gewesen war – ein Highlight im Leben des Neunjährigen, von dem er gerne erzählte.
»Ja, haben wir«, antwortete Melanie. »Wo seid ihr denn so lange gewesen? Wenn Mara mich nicht gerettet hätte, läge ich jetzt tot in deinem Büro, Opa. Ich wäre nämlich beinahe verhungert.« Melanie lachte trotz der ernsten Beschuldigung.
Zu gern wüsste Stern, über was die beiden in seiner Abwesenheit gesprochen hatten. Er hoffte, dass Melanie keine Familiengeheimnisse ausgeplaudert hatte, die Grünbrecht später brühwarm den Kollegen weitererzählte und die er dann bei passender Gelegenheit von ihnen serviert bekäme. Geburtstags- und Weihnachtsfeiern im Kollegenkreis waren dafür berüchtigt, damit auf Lacher-Jagd zu gehen.
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