Kafkas Werk lässt sich nicht auf einen Aspekt reduzieren, und doch zeigt schon die Skizze der Grundrisse einiger seiner Werke an, dass sich die erlebte Ohnmacht aufgrund verborgener, ungreifbarer Mächte als das Trauma von Kafkas Figuren erweist. »Unter allen Dichtern«, hat Elias Canetti resümiert, »ist Kafka der größte Experte der Macht. Er hat sie in jedem ihrer Aspekte erlebt und gestaltet.« 251Blumenberg ergänzt, in seinen Kategorien der ontologischen Distanz, Kafkas Romane drückten die » Erfahrung des Inobjektiven « aus: » Das Wirklichste , nämlich das, wovon unser Schicksal im tiefsten bestimmt wird, ist gleichzeitig am wenigsten objektivierbar .« 252Damit aber scheitert das Projekt der Moderne, Wirklichkeit auf Distanz zu setzen und absolute Erkenntnis zu erlangen. Die Endlichkeit gewinnt Oberhand. »Der Mensch ist das Wesen«, heißt es in dem Vortrag »Die Krise des Faustischen im Werk Franz Kafkas«, »das sich an der Welt erschöpft, das Wesen der Vergeblichkeit.« 253Das Goethe-Jahr zum zweihundertsten Geburtstag des Dichters war kaum vergangen, als Blumenberg Kafka als Antipoden des Faust vorstellte: »In Kafkas apokalyptischen Bildern geht das Zeitalter zu Ende, dessen Selbstbewußtsein sich im Symbol der Faustgestalt wiederfand.« 254
Damit nicht genug. Als 1952 aus dem Nachlass der Abdruck eines in seiner handschriftlichen Fassung hundertseitigen Briefes von Kafka an seinen Vater aus dem Jahr 1919 der Öffentlichkeit übergeben wurde, zeigte sich Blumenberg überwältigt: »Dies ist wirklich eines der wesentlichen Dokumente menschlicher Existenz überhaupt!«, 255schreibt er mit selten verwendetem Ausrufezeichen. Noch heute, aus der Distanz von hundert Jahren, beeindruckt der Brief als Selbstanalyse eines schonungslos offengelegten Daseinskonflikts. Es lohnt, einen ausführlichen Blick auf diese Selbstoffenbarung und Blumenbergs Deutung zu werfen, da dieses umfangreichste autobiographische Schriftstück Kafkas Blumenberg dazu dient, sich über wesentliche Motive seiner später entfalteten Philosophie klar zu werden. Seine Kommentare gleichen einem Vorecho auf Kommendes.
»Liebster Vater«, beginnt Kafka seinen Brief, »Du hast mich letzthin einmal gefragt warum ich behaupte, ich hätte Furcht vor Dir. Ich wusste Dir, wie gewöhnlich, nichts zu antworten, zum Teil eben aus der Furcht, die ich vor Dir habe, zum Teil deshalb, weil zur Begründung dieser Furcht zu viele Einzelheiten gehören, als dass ich sie im Reden halbwegs zusammenhalten könnte.« 256Der Brief ist Teil einer Suchbewegung, Worte für jene Furcht zu finden, die ihn verstummen lässt.
Schon das Nebeneinander von Vater und Sohn fiel zu Ungunsten des Kindes aus. Hermann Kafka, zur Zeit der Niederschrift des Briefes 67 Jahre alt, stellt für den Sohn den Inbegriff an »Stärke, Gesundheit, Appetit, Stimmkraft, Redebegabung, Selbstzufriedenheit, Weltüberlegenheit, Ausdauer, Geistesgegenwart, Menschenkenntnis« 257und so fort dar, Franz dagegen war schon als Kind lediglich »ein kleines Gerippe«. 258Der physischen Übermacht des Vaters folgte der Anspruch, die Regeln diktieren zu können. Die Kindheit des Sohnes unter dem Kommando des Vaters war damit vorgezeichnet: »In Deinem Lehnstuhl regiertest Du die Welt.« 259
Der Vater herrschte mit strenger Hand und als ein Despot, unbekümmert von seiner eigenen Willkür, die bis zur Widersprüchlichkeit reichte. Er hielt sich, etwa bei Tisch, nicht an die Gebote, die er selbst erließ. Seine Macht schien daher geprägt durch »das Rätselhafte, das alle Tyrannen haben«. 260Uneinschätzbarkeit ist das Kennzeichen dieser Macht. Auch der junge Franz vergriff sich mitunter im Ton. »Du aber schlugst mit Deinen Worten ohne weiters los«, 261ohne Reue und Zurücknahme. Beistand von der Mutter kam nicht. Für sie, für das Kind das »Urbild der Vernunft«, findet er die Wendung, sie habe die »Rolle eines Treibers in der Jagd« 262eingenommen und ihn somit dem Vater ausgesetzt und zugeführt, anstatt ihn zu schützen. »Dadurch wurde die Welt für mich in drei Teile geteilt, in einen, wo ich, der Sklave lebte, unter Gesetzen, die nur für mich erfunden waren und denen ich überdies, ich wusste nicht warum, niemals völlig entsprechen konnte, dann in eine zweite Welt, die unendlich von meiner entfernt war, in der Du lebtest, beschäftigt mit der Regierung, mit dem Ausgeben der Befehle und dem Ärger wegen deren Nichtbefolgung, und schliesslich in eine dritte Welt, wo die übrigen Leute glücklich und frei von Befehlen und Gehorchen lebten.« 263
Zur Macht gehört die Strafe. Kafka findet sich vor seinem Vater in einem »Proceß, in dem Du immerfort Richter zu sein behauptest«. 264Die Strafen sind erdrückend, auch ohne Schläge. »Es ist auch wahr, dass Du mich kaum einmal wirklich geschlagen hast. Aber das Schreien, das Rotwerden Deines Gesichts, das eilige Losmachen der Hosenträger, ihr Bereitliegen auf der Stuhllehne war für mich fast ärger. Es ist, wie wenn einer gehenkt werden soll. Wird er wirklich gehenkt, dann ist er tot und es ist alles vorüber. Wenn er aber alle Vorbereitungen zum Gehenktwerden miterleben muss und erst wenn ihm die Schlinge vor dem Gesicht hängt, von seiner Begnadigung erfährt, so kann er sein Leben lang daran zu leiden haben.« 265
Zu den Schlüsselszenen des Briefes gehört eine nächtliche Bestrafung, die sich Kafka eingebrannt hat. »Ich winselte einmal in der Nacht immerfort um Wasser, gewiss nicht aus Durst, sondern wahrscheinlich teils um zu ärgern, teils um mich zu unterhalten. Nachdem einige starke Drohungen nicht geholfen hatten, nahmst Du mich aus dem Bett, trugst mich auf die Pawlatsche«, ein umlaufender Balkon von Häusern zum Innenhof, »und liessest mich dort allein vor der geschlossenen Tür ein Weilchen im Hemd stehn.« 266Er habe einen Schaden davongetragen. »Noch nach Jahren litt ich unter der quälenden Vorstellung, dass der riesige Mann, mein Vater, die letzte Instanz, fast ohne Grund kommen und mich in der Nacht aus dem Bett auf die Pawlatsche tragen konnte und dass ich also ein solches Nichts für ihn war.« 267
Das »Gefühl der Nichtigkeit« 268reicht bis zu der Vermutung, »dass du mich einfach niederstampfen wirst, dass nichts von mir übrig bleibt«. 269Kleine Gesten der Zuwendung, ein Lächeln etwa, konturierten nur die vorherrschende Kälte und Härte, überschwemmten den Sohn aber mit Gefühlen der Dankbarkeit. »In solchen Zeiten legte man sich hin und weinte vor Glück und weint jetzt wieder, während man es schreibt.« 270Die angedeuteten Zuneigungen scheinen so unverdient, dass Kafka präzise ins Unpersönliche wechselt: ›man‹, nicht ›ich‹, weinte. Es ist eine Existenz der Schuld. In der handschriftlichen Fassung des Briefes ist ›Schuld‹ unterstrichen, als einziges Wort neben der Ortsangabe ›Schelesen‹. 271Kafka sieht sich einem Absolutismus ausgesetzt, der ihn aus Ohnmacht verstummen lässt: »ich verlernte das Reden«. 272
In seinem Leben unternahm Kafka gleich mehrere Fluchtversuche. Der erste zaghafte Vorstoß, der Machtsphäre zu entkommen, war die Ablenkung versprechende Mitarbeit im väterlichen Geschäft für ›Galanteriewaren‹. Es gab viel zu sehen und zu tun, doch der Schatten der Despotie holte Franz ein, als er zusehen musste, wie sein Vater mit den Angestellten umging. Über einen lungenkranken Gehilfen sagte er wiederholt: »Er soll krepieren, der kranke Hund«. 273So wurde auch die Geschäftswelt jenseits des Privaten der Familie zum Einflussreich seines Vaters. Auch die Rettung Kafkas in ein praktiziertes Judentum misslang, da der Vater nur Verachtung dafür zeigte. Der erste ernsthafte Fluchtversuch war das Schreiben. Kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs dachte Kafka daran, nach Berlin zu gehen, um dort als freier Autor leben zu können. Doch bis in seine Texte hinein holte ihn die Macht des Vaters ein. »Mein Schreiben handelte von Dir«, bekennt er in seinem Brief, »ich klagte dort ja nur, was ich an Deiner Brust nicht klagen konnte. Es war ein absichtlich in die Länge gezogener Abschied von Dir, nur dass er zwar von Dir erzwungen war, aber in der von mir bestimmten Richtung verlief.« 274Schließlich schlug auch der Versuch fehl, durch Heirat ein eigenes Leben aufzubauen. An seiner Schwester Elli hatte Kafka beobachtet, wie sie durch Ehe und Kinder »fröhlich, unbekümmert, mutig, freigebig, uneigennützig, hoffnungsvoll« 275wurde. Zwei Mal verlobte sich Kafka mit Felice Bauer und entlobte sich wieder. Im Sommer 1919, im Jahr des Briefes an den Vater, hatte sich Kafka mit Julie Wohryzek verlobt, was der Vater mit der Unterstellung kommentierte, sie habe wohl irgendeine ausgesuchte Bluse angezogen, die seinen Sohn bewogen habe, sie heiraten zu wollen. Es gäbe doch andere Möglichkeiten, er würde seinen Sohn sogar begleiten. »Tiefer gedemütigt hast Du mich mit Worten wohl kaum«, schreibt Kafka über dieses Angebot eines Bordellbesuchs, »und deutlicher mir Deine Verachtung nie gezeigt.« 276Mit dem Scheitern der Verlobung mit Julie Wohryzek endete »der grossartigste und hoffnungsreichste Versuch Dir zu entgehn, entsprechend grossartig war dann allerdings auch das Mißlingen«. 277
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