Dem literarischen Nihilismus auf der Spur
Hans Blumenberg hat die Bühne der akademischen Publizistik als Stilist betreten. Man übersieht es leicht, denn der Anfang des ersten von ihm veröffentlichten Aufsatzes »Die sprachliche Wirklichkeit der Philosophie«, 1947 im zehnten Heft der Hamburger Akademischen Rundschau erschienen, ist durchaus sperrig. 218Er beginnt mit einem Satzungetüm: »Wer heute im wachen und verantwortlichen Bewußtsein, daß bei der Erwerbung ebenso wie bei der Erweiterung der Erkenntnisse seines Fachgebietes die Fragen einer ersten und allgemeinen Grundlegung unseres Erkennens und unseres Weltverhältnisses überhaupt nicht als unbeachteter und unbearbeiteter Block liegen gelassen werden dürfen, die Bemühung philosophischer Klärung und die Auseinandersetzung mit der bis auf die Gegenwart geleisteten Ausarbeitung dieser Probleme auf sich nimmt, stößt auf einen nicht selten entmutigenden Widerstand, eine Sperrigkeit des philosophischen Gedankengutes, die nur zu häufig von den Entmutigten als Exklusivität oder Esoterik des philosophischen Denkens gedeutet werden.« 219Kein Lektorat, so scheint es, hätte einen solchen Satz durchgehen lassen dürfen. Er ist zu lang, wirkt gestelzt und überfordert die Aufmerksamkeitsspanne des Lesers. Also ein verkrampfter Anfang? Eine ungelenke Formulierung eines noch gerade mit seiner Dissertation beschäftigten Jungakademikers? Kaum etwas weist auf den späteren großen Stilisten hin, auf den Essayisten und Träger des Sigmund-Freud-Preises für wissenschaftliche Prosa. Dabei führt dieser Eröffnungssatz bis in seine Form hinein präzise vor, was er behauptet: Der sprachliche Duktus der Philosophie – so die gebotene Diagnose – grenzt nicht selten an Unverständlichkeit. Terminologie und Ausdrucksweise erzeugen eine Exklusivität, die den nichtkundigen Leser ausschließt. Die Mühen, die man als Leser mit Blumenbergs erstem veröffentlichten Satz hat, gleichen der Anstrengung, philosophischen Argumentationen zu folgen. Form und Aussage kommen bereits gleich zu Beginn bei Blumenberg zur Deckung.
Sein erster öffentlicher Beitrag fragt nach den Möglichkeiten und Notwendigkeiten philosophischer Sprache. Gegenüber der Kontinuität einer philosophischen Tradition, die trotz grundlegender Wandlungen ihres Denkens kaum begriffliche Neubildungen kenne, hebt Blumenberg die »Eruption begrifflicher Bildungen« 220in neuerer Zeit hervor. Man mag dabei an Heidegger denken, dessen Philosophie von Sein und Zeit – wie sich bereits gezeigt hat – nicht zuletzt ein Sprachereignis darstellt: Die Rede vom ›In-der-Welt-sein‹, vom ›Dasein‹, vom ›Existenzial‹, vom ›Sein zum Tode‹ diene, so Heidegger, der »Auflockerung der verhärteten Tradition«, um den »ursprünglichen Erfahrungen« 221Ausdruck verleihen zu können. Doch Blumenberg kommt in seiner ersten Publikation nicht auf Heidegger zu sprechen, sondern hebt Husserl hervor, dessen deskriptive Phänomenologie durch »Wortbildung Sacherklärung anzuregen« unternehme: Soll das Phänomen also beschrieben und sprachlich erfasst werden, »so kann man auf den Ausgangsbegriff nicht mehr einfach zurückgreifen«, vielmehr werden Ausdrücke, »die zu Beginn der Untersuchung zur Bezeichnung des Phänomens genügen, im Verlaufe derselben ›fließend und vieldeutig‹«. 222Die Trägheit und Schwere einer in ihrer Traditionalität gefangenen Sprache gilt es zu überwinden, um jene Unmittelbarkeit der Erfahrung nicht preiszugeben, die Blumenberg und seine Generation umtreibt.
Nun ist Blumenberg nicht zu einem Schöpfer neuer Begrifflichkeiten geworden. Und die frühe Rede von der ›Ursprünglichkeit‹, die sich im späteren Werk verliert, ist nicht ohne suggestive Kraft. Gelegentlich spricht Blumenberg anfangs auch von »autochthoner Auslegung« 223und vom »autochthonen Phänomen«, von der »originären Bedeutsamkeit « der Geschichte, die in das »lebendig-gegenwärtige Erfahrungsganze« 224hineinreiche. Mit Heidegger gesprochen, denkt Blumenberg eine ›Eigentlichkeit‹ der Geschichtlichkeit, die uns als Geschick ereilt und der wir uns zu stellen haben, wenn wir uns nicht in die ›Uneigentlichkeit‹ eines bloß traditionell durchbuchstabierten Selbstverständnisses flüchten wollen. Die existenzielle Emphase der Rede von der Ursprünglichkeit, die mit systematischer Unschärfe erkauft zu sein scheint, mag rügen, wer nicht vor der Not steht, unfassliche Erfahrungen bewältigen zu müssen.
Um der Sprachnot nicht zu erliegen, hat sich Blumenberg der Literatur anvertraut, zuerst als Leser, dann als Rezensent und Essayist. In etlichen Vorträgen, deren Manuskripte erhalten geblieben sind, und in Feuilletonbeiträgen unter anderem für die Düsseldorfer Nachrichten und die Bremer Nachrichten hat Blumenberg – zum Teil unter dem Pseudonym ›Axel Colly‹ – sich mit der Literatur von Jean-Paul Sartre, Ernst Jünger, Paul Claudel, Graham Greene, Hans Fallada, Aldous Huxley, Jules Verne, William Faulkner, Henry James, Marcel Proust, Ernest Hemingway, Thomas Mann und anderen auseinandergesetzt. In kleinen Beiträgen, in denen er etwa der Zeitnot der Studenten nachgeht, nach der medizinischen Auswirkung von Kopfschmerztabletten, Schlafmitteln und Vitaminpräparaten fragt, sich zur Mode der neuen Taschenbücher und der Comics äußert, an den 750. Todestag von Moses Maimonides und an den 200. Jahrestag des Erdbebens von Lissabon erinnert, übt sich früh der Essayist. Ein Teil dieser Aufsätze, Rezensionen und journalistischen Fingerübungen sind inzwischen veröffentlicht. 225Sie erlauben einen Einblick in die Versuche des jungen Blumenberg, »dem Repräsentativen« seiner Welt »auf die Spur zu kommen«, 226wie es in einem Brief an Alfons Neukirchen von der Feuilleton-Redaktion der Düsseldorfer Nachrichten heißt.
Die philosophischeren Gegenwartsanalysen dieser schriftstellerischen Miniaturen laufen unter einem Stichwort, das inzwischen die Patina einer verblassten Emphase angenommen hat, aber seinerzeit als Fluchtpunkt der Selbstverständigungen auszumachen ist: ›Nihilismus‹. »Jede geschichtliche Epoche«, führt Blumenberg dazu aus, »steht auf einem Boden von Gewißheit, der für sie fraglos und selbstverständlich gültig ist und von dem her alles Wirkliche, Echte, Verbindliche als solches seinen Bestand hat. Treten nun aber im Zentrum des Bewußtseins Erfahrungen auf, die sich mit dem bis dahin fraglosen nicht vereinigen lassen, so kommt es zu einer Krise der fundamentalen Wirklichkeitsgewißheit, und diese Krise wird um so umfassender und akuter sein, je bedrängender und unabweisbarer jene Erfahrungen sind. ›Nihilismus‹ ist der Name der universalen und radikalen Krise der Gewißheit überhaupt.« 227Insofern für den jungen Blumenberg die Neuzeit als Epoche mit dem Willen zu absoluter, methodisch-wissenschaftlich abgesicherter Gewissheit identisch war, ist mit dem Scheitern dieses Projekts die Epoche selbst fragwürdig geworden. Es gibt keinen tragenden geschichtlichen Boden mehr, auf dem sicher zu stehen man voraussetzen kann. Die Destruktion eines geschichtlich vermittelten Selbstverständnisses teilt Blumenberg mit seiner Generation: »Das Mark des elementaren Selbstvertrauens ist uns angefault.« 228
In der expressiven Kraft der Literatur findet Blumenberg, was er in der Philosophie vermisst. Für ein Verstehen von Wirklichkeit, das die »ruinanten Erfahrungen des letzten halben Jahrhunderts« aufzufangen habe, biete die »moderne Kunst und Dichtung die adäquatesten Ansätze ; sie ist der philosophischen Analyse fast überall weit vorausgeeilt und hat Phänomene und Probleme sichtbar gemacht, an die sich das Denken nur allmählich heranzutasten vermag«. 229Ich möchte den Einfluss der Literatur auf den jungen Blumenberg an zwei Beispielen schlaglichtartig beleuchten. Aus der Fülle der Lektüren und Besprechungen ragen zwei Autoren heraus: Ernst Jünger und Franz Kafka.
Читать дальше