Mit der Relativierung des modernen Anspruchs an die strikte Methodik ist der Willkür nicht Tür und Tor geöffnet, aber dem Anspruch, auch die Philosophie habe ›strenge Wissenschaft‹ zu sein, widersprochen. Zwar gebe es für die Philosophie einen Sinn von Wissenschaftlichkeit, der so originär philosophisch sei, dass er gar nicht verleugnet werden könne, aber es gelte doch, sich gegen »die Unterwerfung der Philosophie unter das Ideal der wissenschaftlichen Methoden, Erkenntnischaraktere, der Exaktheit und Strenge« 184zu verwahren. Die Abkehr von dem zeitgenössisch durch Husserl erneuerten Anspruch, auch Philosophie habe strenge Wissenschaft zu sein, ist eine der bedeutendsten, tiefgreifendsten, formprägendsten Richtungsentscheidungen im Denken Blumenbergs. Im Kern ist das von Descartes vorgestellte und von Husserl verteidigte Ideal der strengen Wissenschaft für Blumenberg Inbegriff einer abgesicherten ontologischen Distanz. Es sei offensichtlich, »daß die Idee strenger Wissenschaftlichkeit von ihrer Herkunft am Beginn der Neuzeit her unabdingbar gebunden ist an die Auffassung des Seienden als mögliche pure Gegenständlichkeit, als das aus einer Distanz heraus und über eine Distanz hinweg ›klar und deutlich‹ Erfaßbare«. 185Die von Blumenberg dagegen kultivierte Umständlichkeit seiner Bücher und die vermissbare Stringenz der Argumentation in Hinblick auf ein systematisches Ziel resultieren in der Zurückweisung der kategorischen Verpflichtung auf strenge Wissenschaft. Der Erwartung, Theorie habe ›Ergebnisse‹ als Schlusspunkt methodisch geleiteten Forschens zu erbringen, setzt Blumenberg seine mäandernden Texte entgegen, die zwar lehrreich, aber kaum resümierbar sind. In seinen späten Jahren wird er geradezu provokativ Nachdenklichkeiten kultivieren, von Ergebnis und Ziel ist da längst nicht mehr die Rede.
Damit sucht Blumenberg daran zu erinnern, Philosophie sei zwar in einem unaufgebbar grundsätzlichen Sinn, aber nicht in einer spezifisch modernen Weise Wissenschaft. Das Selbstverständnis der modernen Wissenschaft ist ein geschichtlich bedingtes, historisch gewachsenes und unter eigenen Erkenntnisnöten stehendes. Auch wenn man ihm Gültigkeit attestiert, verleiht man ihm damit noch keine zeitlose Notwendigkeit. Damit wird der Stellenwert der Wissenschaft für das moderne Leben nicht infrage gestellt. Selbst dann, wenn Blumenberg die moderne Wissenschaft mit ihrem Methodenideal gegen die Philosophie überscharf abzusetzen unternimmt, spricht er den zwei Wegen doch auch eine Berechtigung zu: »Aus dieser Antinomie zwischen Philosophie und Wissenschaft ist nicht herauszukommen: das Erkenntnisideal der Philosophie widersetzt sich der Methodisierung, die Wissenschaft als der unendliche Anspruch eines endlichen Wesens erzwingt sie«, aber »diese Trennung war notwendig und legitim«. 186Seine eigene Art zu philosophieren folgt aber dem Ziel, »die Fraglosigkeit aufzubrechen, mit der die Formel ›Philosophie als Wissenschaft‹ hingenommen wird«. 187Was Philosophie ist, hat sie selbst zu bestimmen und sich nicht durch eine Wissenschaftsauffassung vorgeben zu lassen, die sich in ihrer aktuellen Herausbildung kontingenter Bedingungen verdankt. Philosophie »konstituiert erst in ihrem Selbstvollzug, was sie ist und zu sein hat, und mit diesem zugleich, ob Wissenschaft zu Recht und notwendig die Gestalt der Verwirklichung des Gewißheitswillens sein kann«. 188
Für Descartes und vollends für Husserl war, wie sich gezeigt hat, das Bewusstsein die Sphäre unbedingter Gewissheitsbildung. Damit wurde die Geschichte im Sinne metakinetischer Umbrüche ausgeblendet. Blumenberg hat seine voluminösen Relektüren der abendländischen Geistesgeschichte gezielt als ›Bewusstseinsgeschichten‹ bezeichnet, etwa in Die Genesis der kopernikanischen Welt oder Arbeit am Mythos . 189Er spricht ausdrücklich nicht von ›Geistesgeschichte‹, um jeden latenten Hegelianismus einer teleologischen Verlaufsform zu vermeiden. Entgegen dem momentanen Evidenzbewusstsein cartesischer Prägung ist für Blumenberg Philosophie »werdendes« und somit geschichtliches »Bewußtsein des Menschen von sich selbst«. 190Damit ist sie immer auch Ausdruck der Verlegenheit, eben nicht auf Anhieb angeben zu können, was der Mensch ist. Seine Bewusstseinsgeschichten sind lang angelegte, umwegige Antwortversuche auf diese Frage.
Die Geschichtlichkeit der Geschichte ist damit gewahrt. Blumenberg hat wiederholt betont, es gebe keine ›ewigen Fragen‹, die die Philosophie zu beantworten suche. »Geschichtlichsein ist das ursprüngliche In-Frage-stehen«, daher ist dann auch »alles Fragen ursprünglich geschichtlich«. 191In den Paradigmen zu einer Metaphorologie von 1960 heißt es, es gebe Fragen, die wir »nicht stellen , sondern als im Daseinsgrund gestellte vorfinden«. 192Man mag an der heideggerisierenden Rede vom ›Daseinsgrund‹ Anstoß nehmen, aber sie wahrt die Einsicht der frühen Jahre, dass alles Philosophieren auf dem metakinetisch beweglichen Grund der jeweiligen geschichtlichen Situation geschieht, auf dem wir uns vorfinden, den wir aber nicht gewählt haben und nicht haben wählen können.
Damit deutet sich bereits an, dass die Zurückweisung einer Flucht in die Gewissheit auch Auswirkungen auf Blumenbergs Hermeneutik der Geschichte hat – dazu später mehr. Doch schon in der Habilitationsschrift markiert Blumenberg die Notwendigkeit einer Philosophie der Geschichte, die in den klassischen Formen der Geschichtsphilosophie oder der Historik nicht aufgeht. Die klassische Geschichtsphilosophie, das zeigte sich schon, unterstellt dem Geschichtsverlauf eine Zielgerichtetheit und arbeitet dazu mit dem Verweis auf die Kontinuität ihrer Antriebe. Geschichte als der »bloße Vorlauf auf die je aktuelle Gegenwart des Denkens« 193sucht metakinetische Umbrüche zu vermeiden oder in eine Gesamtentwicklung zu integrieren, so oder so aber auf Distanz zu setzen. Entgegen geschichtsphilosophischer Entwicklungsvorstellungen richtet Blumenberg daher sein Augenmerk eben auf jene »paradigmatischen Situationen der Geistesgeschichte«, 194in denen sich die Erfahrung ursprünglicher Geschichtlichkeit Bahn gebrochen hat.
Nun könnte man meinen, der Historismus des 19. Jahrhunderts habe Blumenbergs Reflexion auf die Geschichtlichkeit der Geschichte schon vorweggenommen. Mit Blick auf seine späteren quellengesättigten Werke wird Blumenberg davon sprechen, er habe »den Vorwurf des ›Historismus‹ immer als ehrenvoll empfunden«. 195In der Habilitationsschrift aber überwiegt die Abwehr der historischen Methode als Vergegenständlichung des Gewesenen zu historischen ›Tatsachen‹, die kausal miteinander in Verbindung gesetzt werden. Das »Werden der historischen Wissenschaft ist nicht das Werden des Sinnverstehens von Geschichte; es kann sein Gegenteil sein«. 196Dabei droht die Überführung des ehemals geschichtlich Andrängenden in distanzierte Verstandenheit. Als Gegenstand historischen Interesses wird die Geschichtlichkeit der Geschichte nicht angemessen verstanden. »Wie es ›eigentlich gewesen‹ ist, das bleibt gerade in der strengen gegenständlichen Bindung an die ›Tatsachen‹ verschlossen.« 197Blumenberg wird in seinen späteren Studien zur kopernikanischen Wende seine Hermeneutik der Geschichte formvollendet ausführen. »Mir erscheint als das aufregende geschichtliche Problem dieser Epochenwende«, führt er dort aus, »gerade nicht die Erklärung des Faktums der Leistung des Kopernikus oder gar die Versicherung ihrer Notwendigkeit , sondern die Begründung ihrer bloßen Möglichkeit am Ende desjenigen Zeitalters, das durch das geschlossenste dogmatische System der Welterklärung geprägt worden war.« 198
Die Relativierung des Anspruchs der historischen Methode, allein anhand von Fakten die Dynamik der Geschichte nachzeichnen zu können, lässt Blumenberg seine Philosophie der Geschichte von einer reinen ›Rezeptionsgeschichte‹ absetzen. Immer wieder stellt er Bezüge zwischen Autoren, Texten und Positionen her, ohne dass für diese Verbindungsstiftung ein Rezeptionsverhältnis nachgewiesen werden kann. Daher haben seine Metaphernbücher wie Schiffbruch mit Zuschauer oder Die Lesbarkeit der Welt mit ihrem Durchgang durch die Geschichte der Leitmetaphern der abendländischen Geschichte etwas leicht Schwebendes, von einem Quellenfund zum anderen, ohne sich der Strenge und angestrebten Vollständigkeit einer rezeptionsorientierten Toposgeschichte zu unterwerfen. Noch den dabei mitunter auftretenden Eklektizismus der Quellenauswahl mag man als Abwehr jenes Anspruches ansehen, den eine historische Forschung prinzipiell zu erheben hat. In den Kategorien der ontologischen Distanz droht die Rezeptionsgeschichte zu jener Oberflächengeschichte fugenfreier Kontinuität zu verkommen, die die metakinetischen Einbrüche im geschichtlichen Hintergrund überblendet. »In allem, was eine vorwiegend literarisch-quellenkritische Forschung unter dem Titel der › Rezeption ‹ zusammengefaßt hat, ist eine unausdrückliche Sorge bemerkbar, die Kontinuität des Welt- und Selbstverständnisses zur Antike nicht durchbrechen und abreißen zu lassen, die großen Denker der Vergangenheit als ›auctoritates‹ nicht zu verlieren.« 199
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