Als nächstes erläutert Blumenberg in seinem Methodenaufsatz die Leitidee moderner Methodologie, das forschende Individuum disziplinieren und das Feld des wissenschaftlichen Zugriffs abstecken zu wollen. Im Grunde arbeitet die wissenschaftliche Methode mit einer doppelten Verobjektivierung: Auf der einen Seite sorgt die strenge Methode für eine Homogenisierung der Gegenstandswelt, mit der es die Theorie zu tun haben will. Descartes etwa reduzierte alle Substanzen auf geistige und ausgedehnte, wodurch der nichtgeistige Objektbereich auf quantifizierbare Gegenstände eingegrenzt wurde. Diese Art von methodisch geschaffener Homogenität stellt eine Vorentscheidung darüber dar, was mit den Mitteln einer Methode überhaupt als Erkenntnisgegenstand erscheint. »Hierin liegt die spezifische ›Selektion‹, die den Wirklichkeitsbegriff der Neuzeit entscheidend bestimmt; sie konstituiert sich aus ›Heraus-Sehen‹ und ›Über-Sehen‹. In ihr präformiert sich die Welt zum ›Gegenstand‹ der Naturwissenschaft, zum Herrschaftsfeld der Technik«, 175heißt es schon in der Habilitationsschrift.
Zum anderen soll auch der Bereich des Subjektiven homogenisiert werden: »Die ›Vernunft‹ als Träger des Erkenntnisprozesses ist zwar ›Subjekt‹, aber sie ist nicht ›subjektiv‹.« 176Dadurch werden »Individualität und Geschichtlichkeit … zu gleichgültigen und reduzierbaren Momenten«. 177Erst so lässt sich die Fiktion eines umfassenderen Erkenntnissubjekts erzeugen, dem die vielen Individuen zugeordnet sind: »Die Methode integriert die Vielheit der Funktionäre der neuen Wissenschaft im Prinzip zu einem Subjekt, indem sie ihre Erkenntnistätigkeit so einrichtet , daß sie von ihnen wie eine einzige geistige Aktion vollzogen wird, als ob sie aus einem einzigen Intentionszentrum gesteuert würde.« 178
Blumenberg weigert sich, als Philosoph zum Funktionär einer methodisch geleiteten Wissenschaftsidee degradiert zu werden. Dazu wahrt er Abstand zu allen etwaigen Forderungen nach Auskünften über seine Methode. Nicht von Ungefähr verzichtet er selbst in seinen Hauptwerken auf zusammenhängende Darstellungen seines philosophischen Vorgehens. Wer darin nur Unfähigkeit zur methodischen Präzision vermuten möchte, verkennt den philosophischen Streitwert, der mit dieser Unterlassung markiert wird. Blumenberg unterläuft moderne Methodenerwartungen, um die Philosophie, die älter ist als die Ausbildung eben jener modernen Vorgehensbestimmungen, vor einer Verkümmerung zu schützen.
Für diese Intention gibt es bereits ein äußerliches Merkmal, das dem Druckbild seiner Bücher eigen ist: In seinen Monographien hat Blumenberg die herangezogenen Zitate niemals in Anführungsstriche gesetzt. Zitierte Passagen sind stets kursiviert. Das führt zu einer organischeren Einbettung des Herangezogenen in den eigenen Textfluss, ist aber vor allem ein historisierender Vermerk: In alten Büchern – zum Beispiel dem Dictionnaire historique et critique von Pierre Bayle, in seinen maßgeblichen Ausgaben in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts erschienen – finden sich Zitate stets auf diese Art markiert. Blumenberg folgt dieser alten Druckweise, um seine Schriften – bei aller Aktualität – in die Tradition zu stellen und sie so schon optisch von modernen Theorieansprüchen abzusetzen. Ein weiterer Beleg für die hohe Kongruenz von Sinn und Form in Blumenbergs Philosophie.
Der Wille zur Originalität, der sowohl für die stilistische Brillanz als auch für Umständlichkeiten und Gespreiztheiten seiner Texte verantwortlich zeichnet, ist daher als philosophischer Widerstand gegen eine vornehmlich am Ideal der Naturwissenschaften orientierten Wissenskultur zu begreifen. Der von Blumenberg gepflegte Personalstil, der oft als eine literarisierende Sprache wahrgenommen wird, wehrt sich gegen die Entsubjektivierung der Theorie durch strikte Methodik und strenge Wissenschaft. Blumenberg setzt seinen Individualitäts- und Originalitätsanspruch gegen die Fiktion einer von allem Subjektiven gereinigten Theorie. Seine Texte sind bis in die Überschriften hinein oft auf Anhieb als Texte dieses Autors auszumachen. Man sollte also die Stilblüten seiner stets um Unverkennbarkeit bemühten Diktion nicht allein als eine literarische Ambition werten, die sich der Philosoph zusätzlich zum Gedachten geleistet hat. Wer meinte, man könne, solle oder müsse doch Blumenbergs literarisierende Denkweise bis auf die in ihr enthaltenen ›Argumente‹ und ›Thesen‹ entkleiden können, übersieht, dass bereits die Form dieses Denkens als Sprache im Personalstil Ausdruck einer philosophischen Positionierung ist. Daher geht in der sprachlich spröden Form der Handbuchartikel, die sich einzelnen Aspekten der Philosophie Blumenbergs widmen oder Werke paraphrasieren, Wesentliches verloren. Was Blumenberg denkt, ist von der Weise, wie er es denkt, nur um den Preis der kruden Reduzierung zu trennen. Etwas von ihm ausführlich Erzähltes kann eben nicht formelhaft zusammengefasst werden, ist doch – dem ursprünglichen Methodenbegriff zufolge – das Erzählen keine beliebig verkürzbare Denkform, einem Gegenstand zu folgen.
Schließlich dient der Originalitätsanspruch seiner Texte dazu, das Funktionärsverständnis moderner Fortschrittslogik und -methodik zu unterlaufen. Niemand kann Blumenbergs Philosophie fortsetzen, weiterschreiben, seinen Stil ohne epigonale Peinlichkeit kopieren oder kultivieren. Damit bleibt dieses Werk situiert, geschichtlich und biographisch verortbar, individuell und unverkennbar. Das trifft freilich auch auf andere Philosophien zu, es ist kein Alleinstellungsmerkmal. Aber Blumenberg hat dieses Prinzip auf die Spitze getrieben. Es wäre undenkbar, dass er einen Aufsatz im Rahmen eines Autorenkollektivs verfasst und seinen Eigenstil in einem dafür notwendigen Maß zurückgenommen hätte, um gemeinsame Thesen zu präsentieren. Lexikonartikel mit der ihnen eigenen Verpflichtung auf stilistische Zurückhaltung stellen bei Blumenberg eine Ausnahme dar. 179
Die Betonung der Personalität mag zu Anhängerschaften verleiten, denen Blumenberg sich durch Unnahbarkeit und Rückzug aus der Öffentlichkeit vorauseilend entzogen hat. Überhaupt gilt es, angesichts der starken personalen Färbung seiner Philosophie, ein drohendes Missverständnis abzuwehren: Das Philosophieren im Personalstil verteidigt eine Theorieform gegen die Entsubjektivierung der modernen wissenschaftlichen Methode, aber das heißt nicht, dass es folglich um die philosophierende Person zu gehen habe. Wer diesen Irrtum vermeidet, hat viel für die Lektüre der Werke Blumenbergs gewonnen.
Auch den Gegenstandsbereich philosophischer Erkenntnis will Blumenberg nicht vorschnell methodisch begrenzt wissen. Geradezu provokativ weitet er das Feld der Gegenstände philosophischen Denkens, wenn er Gedichte in seine Reflexionen einbezieht, Glossen zu Anekdoten schreibt, Briefe und Tagebücher zu gleichwertigen Quellen neben den Hauptwerken der herangezogenen Autoren erhebt. Darin liegt das Überraschungsmoment für den Leser begründet: Hier schreibt einer über Themen, die im Erwartungsraster des ›Wissenschaftsbetriebs‹ im Allgemeinen und der Philosophie im Besonderen nicht vorkommen: etwa über die Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach, über Anekdoten und überhaupt über Figuren der Geistesgeschichte, die der Disziplin der Philosophie fernstehen. Wer fügt schon einem philosophischen Buch Kapitel über Sigmund Freud, James Joyce oder Adolf Hitler ein, ohne Psychologe, Anglist oder Historiker zu sein? Wer schreibt schon über Technik, ohne sich als Ingenieur oder Technikhistoriker ausweisen zu können? Wenige.
Blumenberg ist der Preis zu hoch, den das Ideal einer Wissenschaft zu zahlen bereit sein muss, um den Erkenntnisgewinn als gemeinsam getragene Fortschrittsgeschichte zu entwerfen: »Der Anspruch der ›reinen‹ und autonomen Selbstverfügung der Vernunft über ihren Grund und Anfang erwies sich als gebunden an die konsequente Destruktion des tragenden Bodens der geschichtlichen Existenz des Menschen, der eben gerade darin ›menschlich‹ ist, daß er nicht ›ex nihilo‹ leben kann.« 180Da er nicht ›aus dem Nichts‹ leben kann, ist der konkrete Mensch als Individuum stets lebensweltlich eingebunden und in eine geschichtliche Situation eingebettet. Dieses Leben aber bedarf angesichts seiner Endlichkeit und seiner Zeitknappheit der philosophischen Orientierung im Hier und Jetzt. Der unendliche Wissenschaftsfortschritt habe eine »blinde Automatik« 181hervorgebracht, für die nichts gleichgültig sei, aber alles beliebig zu werden drohe. Das philosophische Denken soll gegen die Engführungen moderner Methodisierung geschützt und » fundamentaler im Ansatz und umfassender in der Zielsetzung« 182gehalten werden. Daher betreibt Blumenberg Philosophie als ein spezialisierter Generalist. Wenngleich er das Philosophieren für so begründungsunbedürftig hält wie ein Gedicht, er also Theorie um der Theorie willen zu betreiben sucht, handelt es sich im Rahmen einer diskreten Anthropologie doch um eine Philosophie in pragmatischer Absicht. Freilich nicht im Sinne einer vorzuentwerfenden Praxis, wohl aber als Form der Selbsterhaltung und Selbstbehauptung des Menschen in seiner jeweiligen Daseinssituation. Kann die Philosophie, fragt er in der Habilitationsschrift, »sich je von dem Selbstverständnis unseres Daseins so ablösen und sich in dem Universum wissenschaftlicher Gegenständlichkeit genügen, ohne ihren Ursprung und damit den Boden ihres Sinnes preiszugeben«? 183
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