Nachdem wir in der Empfangshalle eingecheckt hatten, wären wir am liebsten gleich zum Strand gezogen, aber nein – „Erst werden die Zelte aufgebaut!“, kam die Ansage von Papa.
Der Campingplatz lag etwas abseits vom Feriendorf auf einer Anhöhe über dem Meer. Man konnte ihn über einen gepflasterten Fußweg erreichen. Obwohl es nur zwei- oder dreihundert Meter waren, kamen wir in der Nachmittagshitze doch ziemlich ins Schwitzen. Papa zog eine Art Gestell mit zwei Rädern hinter sich her, auf das er das Monster-Zelt gespannt hatte, das es bei Aldi im Angebot gegeben hatte. Ich war ja mal gespannt, was da nachher zum Vorschein kommen würde. Angeblich ließ sich darin sogar ein Raum für Ute abtrennen. Das Zelt bestand laut Beschreibung aus „Hightech-Leichtbau-Materialien“, aber gefühlt wog es immer noch eine halbe Tonne.
Simon hatte auch ganz gut zu schleppen: er trug das Familienzelt, das uns die Böttgers netterweise geliehen hatten, und dazu noch vier Hängematten, die ebenfalls von Simons Familie stammten.
MM hatte nur eine Sporttasche dabei. Die meisten ihrer Sachen waren in Tatis großem Koffer, mit dem er in sein superschickes Appartement mit Balkon abgezogen war. In dem wohnte ja offiziell auch MM. Sie hatte Tati aber angebettelt, sie mit uns auf dem Campingplatz wohnen zu lassen, und er hatte tatsächlich zugestimmt – und dabei einen Finger auf den Mund gelegt.
Ute zog einen Rollkoffer in Pink hinter sich her, den sie sich von Melanie ausgeliehen hatte, und nörgelte über die Hitze.
JoJo hatte einen Rucksack auf, der mindestens so groß war wie er selber. Und genauso breit. Um den Inhalt machte er ein großes Geheimnis. „Meine Ausrüstung“ – mehr wollte er nicht verraten. Na ja, wir würden ja bald sehen.
Der Campingplatz bestand aus einer ziemlich vertrockneten Wiese, auf der einzelne Kiefern standen. Ich hatte eigentlich erwartet, dass er voll mit Zelten wäre, aber mehr als zehn waren nicht zu sehen, dazu zwei oder drei Wohnwagen und ein verrosteter VW-Bus. Offenbar war unser Finanzproblem nicht so weit verbreitet.
Wir wurden von einem dicken Griechen in Badelatschen in Empfang genommen, der so was wie der Platzwart sein musste. Er war ungefähr in Papas Alter und hatte keine Haare auf dem Kopf, dafür umso mehr in den Ohren. Er strahlte übers ganze Gesicht und bedeutete uns mit vielen Worten und Gesten, dass wir uns selber einen Platz aussuchen konnten.
Mama und Papa wollten ihren „Wohntempel“ (wie Papa das Aldi-Monster inzwischen getauft hatte) in der Nähe des Waschhauses aufbauen. Er lag originalverpackt zwischen den Kiefernzapfen. Papa suchte schon hektisch nach der Aufbauanleitung. Die Sache mit dem Wohntempel konnte aber noch ein bisschen dauern, Aufbauanleitung hin oder her. Papa ist nicht gerade für seine praktischen Fähigkeiten berühmt. Jedenfalls war das erste Problem, wie man das Zelt überhaupt aus der Verpackung rausbekam, noch lange nicht gelöst.
Ute saß maulend auf ihrem pinken Koffer und fand es „megabescheuert“, dass sie bei den Eltern schlafen sollte. „Die Jungs und MM haben ihr eigenes Lager und ich bin wieder die Kleine“, jammerte sie. „Bist du ja auch“, tröstete ich sie. Was ich mir aber besser verkniffen hätte. Sie konnte sich kaum mehr einkriegen.
Wir ließen sie zetern und machten uns auf die Suche nach einem guten Lagerplatz. Möglichst weit weg, soviel war schon einmal klar. Man braucht schließlich ein bisschen Privatleben, gerade in den Ferien.
„Hier und nirgendwo anders“, sagte JoJo, als wir am äußersten Ende angekommen waren, wo die Felsen anfingen, hinter denen das Meer lag. Es war wirklich der perfekte Platz: Auf der einen Seite hatten wir die Aussicht aufs Meer und zum Campingplatz hin waren wir durch eine Gruppe von Bäumchen und Gebüsch vor neugierigen Blicken geschützt.
Beim Aufbauen unseres Zelts war JoJo mal wieder ganz in seinem Element. Nicht etwa, dass er wirklich mit angepackt hätte – zu solchen niederen Tätigkeiten ließ er sich nicht herab. Nein, er musste Regie führen. Als Weltexperte für alles war er natürlich auch Weltexperte fürs Zelten.
„Vor allem muss man wissen, wo der Wind herkommt. Nichts ist in diesen Breiten fataler, als wenn man vergisst, die Windseite durch zusätzliche Heringe zu sichern.“
Als das Zelt stand, fing er an, in seinem Rucksack zu kramen, und brachte einen zusammenklappbaren Spaten hervor. Er bestand darauf, dass wir um das Zelt einen Graben ziehen. „Damit leiten wir das Wasser ab, wenn ein Wolkenbruch kommt. In diesen Breiten muss man mit allem rechnen.“
„So ein Spaten ist auf Expeditionen ein absolutes Muss“, dozierte er weiter. „Nicht nur für Wassergräben – auch wenn mal einer in der freien Natur muss. Man darf das nicht einfach liegenlassen, das zieht die wilden Tiere an. Die kommen in diesen Breiten zu Wasser, zu Land und zu Luft.“
„In diesen Breiten“ hatte es ihm offenbar angetan, keine Ahnung, woher er das hatte.
Als nächstes holte er einen Kompass hervor, mit dem er den Stand des Zeltes überprüfte. „Ausrichtung Ost-Nord-Ost, perfekt!“ Was er damit sagen wollte, ließ er aber offen.
Nach und nach kam dann zum Vorschein, was JoJo sonst noch im Rucksack hatte: ein Fernglas mit zwanzigfacher Vergrößerung, ein dreißigteiliges Multifunktionstool, und eine Taschenlampe, deren Kaliber vermuten ließ, dass man damit 300 Meter weit leuchten konnte. Alles vom Feinsten und Teuersten.
Ich bin einer der wenigen, die wissen, wo JoJo das Geld herhat. Jedenfalls nicht von irgendwelchen „erfolgreichen Aktienspekulationen“, mit denen er immer angibt, sondern von seinem Vater. Der war nach der Trennung von JoJos Mutter schon vor vielen Jahren mit einer anderen Frau nach Hamburg gezogen und JoJo hat ihn seither nicht wiedergesehen. Von Zeit zu Zeit schickt er einen Brief, in dem er sich in den immer gleichen Worten nach JoJo erkundigt und klagt, wie wenig Zeit er hat, dass er aber JoJo besuchen kommen wird, sobald er sein aktuelles Projekt abgeschlossen hat. Aber statt des Besuchs kommt dann immer dasselbe: eine wortreiche Entschuldigung und Geld. Viel Geld.
Wir waren, mit Ausnahme von JoJo, schweißgebadet, aber stolz, als unser Zelt endlich stand. Mit den Hängematten drum rum, die wir zwischen den Bäumchen aufgespannt hatten, sah es aus wie ein echtes Indianerlager.
JoJo sicherte den Eingang des Zelts mit mehreren Vorhängeschlössern, dann sagten wir unserem Lager Tschüss und zogen los, um bei Mama und Papa vorbeizuschauen.
Kaum zu glauben, der Tempel war aufgebaut! In voller Pracht, quietschgrün und noch größer und leider auch hässlicher, als ich gedacht hatte.
Im Schatten des Vordachs saß Papa auf einem Campingstuhl und schaute uns unglücklich an. Um seine rechte Hand hatte er einen dicken Verband. „Ich bin mit dem Zelt nicht ganz klargekommen“, sagte er mit einem matten Lächeln.
„Er wollte die Heringe mit einem Steinbrocken einklopfen. Beim ersten ist es passiert …“, seufzte Mama.
Offenbar hatte sie es ganz gut allein geschafft, das Zelt aufzubauen.
Nach einem kleinen Snack mit Wassermelonenschnitzen, die der nette Platzwart vorbeigebracht hatte, wollten wir uns gleich mal das „Dorf“ anschauen – so wurde die Ferienanlage im Prospekt genannt. Auf Mamas Befehl mussten wir Ute mitnehmen. Die verschwand erst einmal im Zelt, um sich mit ihrem Schminkköfferchen stadtfein zu machen. Und auch JoJo war noch nicht bereit. „Keine Expedition ohne geeignete Ausrüstung“, sagte er und stapfte zurück zu unserem Lager.
Als er wiederkam, war er kaum mehr wiederzuerkennen. MM stupste mich an und zischte mir „Nichts sagen!“ zu.
JoJo trug einen Ganzkörperanzug in Tarnfarbe, der voller Reißverschlüsse, Taschen und Schlaufen war, an denen Karabinerhaken und alle möglichen Gerätschaften befestigt waren. Auf dem Kopf hatte er einen überdimensionierten Sonnenhut mit Moskitonetz vorne über dem Gesicht und Nackenschutz hinten. Vor seinem Bauch baumelte das Riesenfernglas. Mit der Sonnenbrille mit blau metallic verspiegelten Gläsern, die unter dem Moskitovorhang hervorstrahlten, sah er aus wie ein durchgeknallter Außerirdischer.
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