Ein paar Tische von uns entfernt saßen die Typen mit den Seitenscheiteln und tranken Bier. Sie lästerten laut über alles und jeden, bis sie von einem Herrn im Anzug zurechtgewiesen wurden, der offenbar der Manager war. Wieder fiel mir der kleine Sommersprossige auf, der sich in der grölenden Gesellschaft sichtlich unwohl fühlte. Er schaute immer wieder verschämt zu Ute rüber.
Aber die hatte nur Augen für das, was sich jetzt auf der Bühne abspielte. Dort waren mehrere junge Männer und Frauen in coolen Sportklamotten aufgetaucht. Mit einem Lächeln wie aus der Zahnpasta-Werbung stellte einer von ihnen sich als „Chrissy“ vor, „euer Surflehrer“. Er war braungebrannt und muskulös, hatte knallblaue Augen und die langen blonden Haare über dem Kopf hochgeknotet.
Ute konnte gar nicht mehr aufhören, ihn mit offenem Mund anzustarren. Sie musste fast gewaltsam von ihrem Stuhl gezerrt werden, als Papa und Mama jetzt zurück zum Campingplatz wollten.
„Ab morgen dürft ihr abends mitmachen“, sagte Mama, „aber jetzt ab ins Bett, das war ein langer Tag heute.“
Wir verabschiedeten uns von Tati, der mit seinem Retsina ganz glücklich schien, und zuckelten zum Campingplatz hinauf.
Papa, Mama und Ute verschwanden im Wohntempel. Und MM, JoJo, Simon und ich zogen weiter zu unserem Indianer-Lager. Wir standen einen Moment unschlüssig vor unserem Zelt, bis Simon mit der genialen Idee kam: „Wir schlafen Hängematte!“
„ In der Hängematte, Alter“, sagte MM und puffte Simon in die Seite. „Siegwart könnte dir mal richtiges Deutsch beibringen …“
Simon grinste bloß. Perfektes Deutsch war nicht sein Ehrgeiz. Auch jetzt, wo er schon ein ganzes Jahr aus Amerika zurück war, produzierte er seine berühmten Ami-Fehler noch in Serie.
Schon bald lagen wir alle in unseren Hängematten. Um uns rum zirpten die Grillen, am Himmel waren Unmengen an Sternen. Keiner sagte ein Wort.
Wir waren erst einen Tag im Urlaub, ging mir noch durch den Kopf, aber es fühlte sich an, als ob es schon eine Ewigkeit wäre. Und damit war ich auch schon eingeschlafen.
4. KAPITEL
In den nächsten Tagen groovten wir uns dann vollends ein ins Ferienleben. Unsere Hautfarbe ging schon Richtung Dunkelbraun, außer bei JoJo, der sich nicht von seiner Ganzkörpermontur trennen konnte. In MMs braunem Gesicht leuchteten ihre meerblauen Augen so, dass ich gar nicht mehr hinschauen konnte. Es war jedes Mal so, als ob ich einen leichten Stromschlag bekäme. Aber das musste sie ja nicht wissen. Sie hatte wahrscheinlich recht, dass es besser war, wenn wir „normale Freunde“ blieben.
Inzwischen hatten wir mit sämtlichen Bewohnern auf dem Campingplatz Bekanntschaft gemacht. Die meisten waren Deutsche oder Österreicher, mit Ausnahme der holländischen Familie, die wir schon am ersten Tag im Swimmingpool gesehen hatten. Die Kinder waren wie die Orgelpfeifen, das kleinste noch ein Baby, das älteste ein Junge von vielleicht 16 Jahren. Auch außerhalb des Pools hatten sie immer Sachen in orange an – der holländischen Nationalfarbe, wie uns JoJo aufklärte („Weiß doch jeder, der Fußball guckt“). Zu allem Überfluss hatten alle acht auch noch orangene Haare, ungefärbt. Die ganze Familie sah aus, wie man sich eben Holländer so vorstellt: Die Mama, Britta, hatte blonde Haare und eine Stupsnase, der Papa war zwei Meter groß. Eines der Mädchen hieß Leonie und lief mit einem Eimerchen rum, in dem sie einen toten Fisch herumtrug, den sie jedem zeigen musste. „Fisch slaapt!“, sagte sie dazu.
Papa war inzwischen seinen Verband los und hatte nur noch ein Pflaster um den Daumen. Er hatte sich mit dem Platzwart angefreundet, der sich mit dem Namen „Evangelos“ vorgestellt hatte und in dem hellblau gestrichenen Häuschen gleich neben dem Eingangstor zur Straße wohnte. Wir hatten ihn „Koala“ getauft, wegen den Haarbüscheln in den Ohren. Papa und der Koala unterhielten sich in einer merkwürdigen Mischung aus Altgriechisch und Englisch, vor allem aber mit Händen und Füßen. Papa war ganz beglückt, über den Koala einen „authentischen Einblick ins Leben der Griechen“ zu gewinnen, wie er sich ausdrückte. „Authentisch, von griechisch authentikos, echt“, kam natürlich gleich noch hinterher.
Der abgefahrenste Typ auf dem ganzen Campingplatz aber war der „Rastamann“.
So nannten wir den zerzausten Hippie, der in einem verrosteten VW-Bus hauste, der keine Räder mehr hatte, sondern auf Steinen aufgebockt war. Seine Rasta-Mähne ging bis über die Schultern, dazu hatte er einen ebenso verfilzten, schon grauen Bart, den er auf beiden Seiten des Kinns zu Zöpfchen geflochten hatte. Es war schwer zu sagen, wie alt er war, aber bestimmt war er älter als Papa und Mama, jedenfalls hatte er tiefe Furchen im Gesicht. Außer einer langen bunten Stoffhose hatte er nie etwas an, auch keine Schuhe. Auf der Schulter und auf beiden Unterarmen hatte er Tattoos mit merkwürdigen Mustern und Schriftzeichen und an allen Fingern trug er breite Silberringe.
Meistens saß er im Schneidersitz vor seinem Bus und bastelte Schmuck aus Messing, bunten Steinen und Lederbändchen, den er am Strand den Touristen verkaufte.
Wie sich herausstellte, war er Deutscher. Er hatte uns gleich am ersten Morgen angesprochen, als wir auf dem Weg zum Wohntempel bei ihm vorbeikamen. Am Anfang war er mir, ehrlich gesagt, etwas unheimlich, und den anderen ging es wohl genauso. Aber als wir dann so miteinander sprachen, legte sich das. Er hatte eine warme Stimme und grüne, offene Augen. Er wollte von jedem von uns den Namen wissen, fand „MM“ ziemlich lustig und wollte wissen, wie man zu so einem Namen kommt.
„Wenn man eigentlich Mariekje Marienhoff heißt und die Leute einen Knoten in die Zunge bekommen“, erklärte MM, und wir anderen hielten natürlich die Klappe. Schließlich musste nicht jeder wissen, dass MM am Anfang eigentlich mal für „Mathe Mausi“ gestanden hatte, als MM neu in unsere Klasse gekommen war und wir alle sie für eine Streberin hielten, weil sie schon zwei Klassen übersprungen hatte.
Der Rastamann hieß eigentlich Erwin. Er lebte schon seit Ewigkeiten auf der Insel. Warum er denn nicht zurückgegangen sei, wollte JoJo wissen.
„Ich habe hier doch alles, was ich brauche“, war seine Antwort, „Luft, Sonne, Freiheit.“ Dabei schaute er uns lächelnd an, aber irgendwie wirkte er auch ein bisschen traurig.
„Was wollte denn dieser Hippie von euch?“, fragte Mama mich, als wir am Wohntempel ankamen. Der Frühstückstisch unter dem Vordach war schon gedeckt.
„Nichts, wir haben uns nur ein bisschen unterhalten.“
„Man soll ja nicht nach dem Äußeren gehen, aber ehrlich gesagt, der sieht aus wie ein Junkie.“
„Ein was?“
„Ein Junkie, so sagt man zu Rauschgiftsüchtigen. Also Leuten, die Drogen nehmen, …“
Von Papa kam dazu automatisch: „Junkie von englisch junk, Müll, Abfall.“
Mir war nicht ganz klar, was Drogen mit Müll zu tun haben sollten.
„… also seid besser ein bisschen vorsichtig“, sagte Mama.
„Ja klar. Mach dir keine Sorgen.“ Was soll man sonst sagen zu einer Mama, die sich hauptberuflich Sorgen macht?
Wir machten uns über die Wassermelonenstücke, Pfirsiche und Weintrauben her, die Mama von einem Bauern gekauft hatte, der seinen Stand auf dem Parkplatz vor der Ferienanlage hatte. Außerdem gab es superleckeren griechischen Sahnejoghurt. Das Campingtischchen brach fast unter der Last zusammen.
Als wir schon fast fertig waren, trudelte auch noch Tati ein. Im Lauf der Ferien kam er jeden Tag ein bisschen später, und jeden Tag sah er ein bisschen verwilderter aus. Seit er griechischen Boden betreten hatte, war er kaum noch wiederzuerkennen. Professor Marienhoff, den man eigentlich nur in Anzug und Krawatte kannte, hatte jetzt eine Fischermütze auf dem Kopf, das Hemd vorne offen und einen wilden Stoppelbart im Gesicht. Und in den Fingern ein kleines Kettchen aus Perlen, an dem er ständig rumspielte. Zum typischen Griechen fehlte nur noch, dass er das Rauchen anfing.
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