„Also gut.“ Das mit dem Feingefühl hatte mich auf eine Idee gebracht. „Klar darf sie Melanie mitnehmen, aber ich bin nun mal auch in der Pubertät, jedenfalls so gut wie. Ich bring es einfach nicht übers Herz, von meinen Freunden nur einen mitzunehmen. Sollen die anderen denn zu Hause bleiben? Wenn, dann müssen alle mit.“
„Aber meinst du denn wirklich, dass Mariekje …“
Gut, da hatte sie wahrscheinlich recht, MMs Mutter würde ihre Tochter nie und nimmer zusammen mit Jungs verreisen lassen. „Aber Simon und JoJo auf jeden Fall!“
Mama schaute zu Papa. „Was meinst du? Ist doch eigentlich ein vernünftiger Vorschlag, Reinhard, oder?“ Damit war die Sache eigentlich schon geritzt. Es kommt bei uns nicht so oft vor, dass Papa anderer Meinung ist als Mama.
In dem Moment kam Ute wieder ins Zimmer gestürmt, in Tränen aufgelöst. Sie hängte sich Mama an den Hals, als ob sie am Ertrinken wäre. „Melanie kann nicht mitkommen, ihre Eltern lassen sie nicht!“ Mehr konnte sie vor lauter Schluchzen nicht sagen.
„Aber weißt du was, Ute?“, sagte Papa mit einem Augenzwinkern, das offenbar tröstend gemeint war. „Vielleicht kommt ja Simon mit.“
Böser Fehler. Er hatte es offenbar noch nicht mitgekriegt oder wieder vergessen. Mama schaute ihn beschwörend an und gab ihm einen Stoß in die Rippen.
„Simon ist mir so was von egal!“, brach es auch schon aus Ute heraus. Und schon hing sie wieder schluchzend an Mamas Hals.
Das Aus für Utes heiße Liebe zu Simon war gerade ein paar Wochen her. Und war, ich muss es gestehen, ganz und gar meine Schuld. Ich hatte es einfach nicht mehr mit ansehen können, wie der arme Simon von Ute regelrecht verfolgt wurde, er tat mir echt leid. Aber auch mit Ute konnte es so nicht weitergehen. Sie hatte nichts anderes mehr im Kopf als ihren „Saisai“, es war einfach nicht mehr normal. An einem schönen Sonntagabend sagte ich ihr dann klipp und klar, dass ihr Saisai rein gar nichts von ihr wolle und nur zu lieb sei, ihr das offen ins Gesicht zu sagen. „Merkst du denn nicht, dass du ihn nur nervst? Jetzt komm mal auf den Teppich!“ – So ungefähr. Es hatte jedenfalls gewirkt. Und zwar schlagartig. Drei Tage lang verkroch sie sich in ihrem Zimmer und hatte vermutlich pausenlos Melanie am Telefon, dann kam sie mit der Mitteilung wieder heraus, dass sie sich Simon „aus dem Herz gerissen“ hätte, und dass da jetzt eine große Wunde klaffte, die sich wohl nie, nie, nie wieder schließen würde und dass Simon für immer und ewig die „Liebe ihres Lebens“ bleiben würde, und sie auf ihn warten würde – lebenslänglich! – bis er so weit sei. Bis dahin würde sie keinen – wirklich keinen! – anderen „Mann“ auch nur mit dem Arsch anschauen, sondern geduldig warten, bis sie in ihrer gemeinsamen Liebe vereint seien. So sprach sie ein paar Tage lang. Mama war schon so verzweifelt, dass sie Ute zum Psychologen schleppen wollte. Aber dann wurde sie langsam wieder normal – soweit man bei einem Mädchen, das viel zu früh in den Strudel der Pubertät gezogen wurde, von normal sprechen kann.
Ute war inzwischen auf Mamas Schoß eingeschlafen. Mama streichelte ihr durchs Haar. „Große Ereignisse werfen nun mal ihre Schatten voraus“, sagte sie und schaute lächelnd von Papa zu mir: „Das wird ein Traumurlaub!“
2. KAPITEL
Wunder geschehen auch heute noch
Tja, und ein paar Wochen später fing der Traumurlaub tatsächlich an – und zwar in der absoluten Traumbesetzung: ohne Melanie, dafür mit allen meinen Freunden. Und zwar wirklich allen, MM inklusive. Ja, Wunder geschehen auch heute noch.
Das MM-Wunder hatte allerdings ein Weilchen auf sich warten lassen. „Das erlaubt meine Mutter niemals“, hatte MM sofort gesagt, als ich ihr zum ersten Mal von unseren Ferienplänen erzählte. Und damit natürlich recht gehabt. „Du hast wohl einen Vogel! Mit drei Jungs !“, beschied ihr ihre Mutter kurz und knapp. Jungs sind für sie etwas, von dem Mädchen unbedingt fernzuhalten waren. Ganz besonders ihre Tochter. Sie stellt sich was weiß ich vor, was sonst passieren würde.
Die Rettung kam von Tati – so nennt MM ihren Papa. Genauer gesagt von der Tatsache, dass er so was wie ein halber Grieche ist; sein geliebter Großvater „Babu“ stammt nämlich aus Griechenland. Er ist vor Urzeiten nach Deutschland gekommen, als Tati noch ein kleiner Junge war. Tati spricht sogar noch ein bisschen Griechisch, so erzählte mir MM einmal.
Tatis rettende Idee war: „Wir könnten doch alle zusammen mit den Blohms fahren!“ Sie traf bei seiner Frau aber wohl nicht auf Gegenliebe. „Auf einen Campingplatz ? Im Ernst? Urlaub im Schmodder ?“ Ihre Welt ist eher die der Sterne-Hotels, was von der Inhaberin einer Mode-Boutique vielleicht auch nicht anders zu erwarten ist.
Tati ließ aber nicht locker. Es folgten tagelange Ausein-andersetzungen zwischen MMs Eltern, bei denen es wohl ziemlich hoch herging, wie MM berichtete. Am Ende einigten sie sich aber, und zwar auf die denkbar beste Lösung: Tati würde zusammen mit MM mit uns in den Urlaub kommen, und Frau Marienhoff würde zu Hause bei ihrer Boutique bleiben. Ich habe es ja schon gesagt, Wunder geschehen auch heute noch. Tati musste natürlich hoch und heilig versprechen, dass er immer ein wachsames Auge auf MM haben würde. „Vor allem, dass mir die Kleine um Punkt zehn im Bett ist!“
Bei JoJo war die Sache dagegen reibungslos gelaufen. Als ich ihm den Ferienplan vorstellte, konnte er sich gar nicht mehr einkriegen vor Freude. Er ist seit den Jahren, als sein Vater noch bei der Familie gelebt hatte, nur ein einziges Mal im Urlaub gewesen – als seine Mutter in irgendeinem Preisausschreiben eine Woche Urlaub auf Mallorca gewonnen hatte. Auf meine Frage, ob seine Mutter denn einverstanden sei, dass er mit uns kommt, zuckte er bloß mit den Achseln. So wie MM überbehütet ist, so ist er unterbehütet.
JoJo machte sich gleich begeistert und kompromisslos an die Urlaubsvorbereitungen. Er recherchierte im Internet nach allem, was – seiner Meinung nach – für so einen Urlaub wissenswert sein konnte. Als Weltexperte für alles, der er ja ohnehin schon ist, wurde er dann bald auch Weltexperte für Fluglinien, Wetterstatistiken und griechische Inseln.
Simons Eltern hatten, ganz wie erwartet, keinerlei Einwände. Simons einziges Problem waren seine Tiere. Er hat zuhause im Garten so etwas wie ein Tierkrankenhaus, in dem er alle möglichen Tiere aufpäppelt und versorgt: ausgesetzte Kätzchen, angefahrene Igel und Vögel mit gebrochenen Flügeln. Und dann natürlich das Rehkitz Nala, das auf drei Beinen durch die Welt hoppelt, weil es als ganz Kleines in einen Mähdrescher geraten ist. Wer sollte die Tiere in Simons Abwesenheit versorgen? Seine drei kleinen Schwestern waren zwar sofort Feuer und Flamme, aber er hatte mit deren Tierliebe schon schlechte Erfahrungen gemacht. Die kleine Judith hatte einmal ihre ganzen Süßigkeiten an Nala verfüttert und sie damit fast ins Jenseits befördert. Simons Mutter versprach ihm dann aber hoch und heilig, sich „mit den Mädchen zusammen“ um die Tiere zu kümmern.
Es konnte also losgehen mit unserem Traumurlaub.
3. KAPITEL
Sonne, Sand und Hängematte
„Sieht voll aus wie im Prospekt“, war JoJos erster Kommentar, als wir mit dem Bus vom Flughafen an der Ferienanlage angekommen waren.
Er hatte recht. Vor uns lagen blendend weiß gestrichene Häuschen, die sich um einen weitläufigen, mit roten Terracotta-Ziegeln belegten Platz gruppierten, der von Palmenbäumen beschattet wurde. In der Mitte waren zwei große türkisgrüne Swimmingpools, im Hintergrund glitzerte das Meer, und über allem lachte die Sonne vom blauen Himmel.
„Und, habe ich zu viel versprochen?“, sagte Mama mit einem glücklichen Seufzer und blinzelte mit den Augen.
Читать дальше