»Aislyn?«, kam nach nur einem einzigen Freizeichen die besorgte Stimme ihrer Mutter.
Verdammt, da stimmte tatsächlich etwas nicht. »Nein, Mrs O’Malley, hier ist Russel. Aislyn und ich waren verabredet, und sie ist nicht gekommen. Ich dachte, sie wäre vielleicht bei Ihnen und hätte die Zeit vergessen.«
Ein besorgtes Seufzen. Dann Mrs O’Malleys belegte Stimme. »Nein. Wir dachten, sie ist bei dir, weil sie gestern Abend nicht nach Hause gekommen ist. Oh Gott, hoffentlich ist ihr nichts passiert!«
Nicht nach Hause gekommen? Aber: »Sie wollte noch zu Jenny und Tom zum Üben für ein Stück, das sie am Montag vorspielen müssen.«
»Was? Nein. Was sagst du denn da? Sie wollte zu dir und den ganzen Abend mit dir verbringen. Dass sie dann auch über Nacht wegbleibt, ist ja nicht ungewöhnlich.« Er hörte das Lächeln in Mrs O’Malley Stimme, bevor sie ernst weitersprach: »Das Vorspielen war doch schon vor zwei Wochen, und das nächste ist erst im Mai.«
Er schüttelte den Kopf. Irgendwo lag hier ein Missverständnis vor.
»Wenn sie nicht bei dir ist, Russel – wo ist sie dann? Und warum meldet sie sich den ganzen Tag nicht?«
Das fragte er sich auch. Und seine Sorgen wuchsen. »Ich frage mal bei Tom und Jenny nach.«
»Tu das. Und du sagst uns Bescheid, wenn du was weißt, ja?«
»Versprochen, Mrs O’Malley. Bis dann.« Er beendete das Gespräch und wählte Toms Nummer.
»Hallo, hallo!«, meldete sich Tom gewohnt flapsig.
»Hier ist Russel. Ist Aislyn bei euch?«
Schweigen. »Eh, wieso?«
Russel hielt das für eine reichlich dumme Frage, die ihn unerklärlich reizte. Er musste sich beherrschen, um Tom keine harsche Antwort zu geben. »Weder ich noch ihre Eltern haben seit gestern etwas von ihr gehört. Sie ist nicht zu erreichen, und das Letzte, was ich von ihr weiß, ist, dass sie gestern Abend zu euch zum Üben wollte.«
Erneutes Schweigen. »Eh, ja. – Ja, wir haben geübt. Bis ungefähr elf. Dann ist sie gegangen und wollte zu dir.«
Russel lauschte Toms Tonfall nach, der ihm das Gefühl vermittelte, dass der Mann log. Oder zumindest nicht die ganze Wahrheit sagte. »Wann ist doch gleich noch das Vorspielen? Mittwoch?«
»Eh … Wieso?«
Russel platze der Kragen. »Verdammt noch mal, du wirst doch wohl wissen, wann euer Vorspielen ist! Aislyn ist verschwunden und angeblich war sie zuletzt bei euch.«
»Was heißt hier ›angeblich‹?«, fuhr Tom auf. »Wenn du mir so kommst, dann leck mich doch am Arsch!«
Er hatte das Gespräch abgebrochen, bevor Russel noch etwas sagen konnte. Russel fluchte unterdrückt und wählte Declans Nummer.
»Russel, was verschafft mir denn zweimal am selben Tag das Vergnügen deines Anrufs?«, meldete sich sein Freund.
»Aislyn ist verschwunden. Und ich fürchte, ihr ist was passiert. Vielleicht sehe ich nur Gespenster, aber …« Er berichtete ihm, was los war. »Und ich habe jetzt leider keine Zeit, die Krankenhäuser abzutelefonieren, um zu fragen, ob sie in einem von ihnen eingeliefert wurde, weil unser Auftritt …«
»Ich mache das«, unterbrach ihn Declan. »Jimmy und ich teilen uns das. Jeder ruft die Hälfte der Kliniken an. Ich gebe dir Bescheid, sobald ich was weiß.«
»Und wenn sie nicht im Krankenhaus ist …«
»Dann frage ich bei der Garda nach, ob sie von irgendeinem Vorfall wissen, in den Aislyn involviert ist«, unterbrach ihn Declan erneut. »Bringt ihr euren Auftritt zu Ende. Ich melde mich, sobald ich was höre.«
»Danke, Dec!« Weil er nicht wusste, was er noch hätte sagen sollen, verabschiedete er sich mit einem kurzen »Slán!« und steckte das Smartphone ein.
Am liebsten hätte er den Auftritt geschmissen und jedes einzelne Krankenhaus in der Stadt abgefahren, um sich persönlich zu überzeugen, ob Aislyn in einem von ihnen lag. Er hatte das Gefühl, irgendetwas tun zu müssen, statt Musik zu machen, während Aislyn vielleicht schon längst etwas passiert war oder sie möglicherweise in akuter Gefahr schwebte. Aber er konnte die Band nicht hängen lassen. Er war der Leadsänger und Sologitarrist, und The Temple Bar hatte die Band in erster Linie wegen seiner Stimme und dem virtuosen Spiel auf den Saiten engagiert. Wenn er sich absetzte, wäre das nicht nur unfair gegenüber den anderen, sondern barg auch die Gefahr, dass das negativ auf die ganze Band zurückfiel. Also blieb er.
Immerhin lenkte die Konzentration auf die Musik ihn davon ab, ständig an Aislyn zu denken. Doch je weiter der Abend fortschritt, desto schwerer fiel ihm das. Nur seine Routine und dass er alle Stücke im Schlaf spielen und singen konnte, rettete ihn mehrfach vor groben Patzern. Er war mehr als froh, als der Auftritt endlich zu Ende war. Noch bevor er die Gitarre einpackte, nahm er sein Smartphone und kontrollierte, ob Declan oder Aislyn selbst angerufen hatte. Seine Hoffnung wurde ebenso enttäuscht wie seine Befürchtung.
Die geballt über ihn hereinbrach, als die Eingangstür geöffnet wurde und Declan in Begleitung von Jimmy hereinkam. Declans mitfühlender Gesichtsausdruck brüllte ihm das Schlimmste entgegen. Russel schüttelte den Kopf. Das durfte nicht sein. Das konnte nicht sein! Er flehte Declan mit Blicken an, ihm zu bestätigen, dass alles in Ordnung sei, dass Aislyn wohlauf war, dass sie sich nur einen Tag Auszeit genommen hatte und er sie morgen wieder im Arm halten werde.
Declan legte ihm die Hand auf die Schulter. Das tat auch Jimmy.
»Heute Nachmittag wurde beim Hafen eine Leiche gefunden.« Declans Stimme klang wie aus weiter Ferne. »Es tut mir so leid, Russ, aber es ist Aislyn.«
Russel schüttelte den Kopf. »Das ist sie nicht. Das kann sie nicht sein.« Hatte er das tatsächlich gesagt?
»Sie muss noch offiziell identifiziert werden. Und ich habe mir gedacht, dass du sie sicherlich wirst sehen wollen. Die Nachtschicht in der Rechtsmedizin erwartet uns. Wenn du willst.«
Er nickte. Er musste Aislyn sehen. Musste sich persönlich davon überzeugen, dass sie es war. Sonst würde er das nie glauben können. Aislyn konnte einfach nicht – tot sein. Und schon gar nicht heute. Das Datum konnte doch nicht verflucht sein und Gott nicht so niederträchtig sein, ihm ein zweites Mal an einem zwanzigsten März das Liebste zu nehmen, was er hatte. Er ging zur Tür.
»Ich kümmere mich um deine Sachen«, hörte er Jimmy sagen.
Russel ging zu seinem Wagen, aber Declan hinderte ihn daran, ihn aufzuschließen. »Du fährst am besten mit uns. Deinen Wagen kannst du später noch abholen.«
Russel wollte zu Aislyn. So schnell wie möglich. Deshalb verzichtete er darauf, sich mit Declan darüber zu streiten, dass er sehr wohl in der Lage war, mit seinem eigenen Wagen zu fahren. Er folgte ihm. Als sie Declans Wagen erreichten, lud Jimmy Russels Gitarre in den Kofferraum und hielt ihm die Beifahrertür auf. Russel stieg ein und betete, dass Declan sich irrte und die Leiche nicht Aislyn war. Nicht Aislyn. Nicht Aislyn. Nicht …
Er bekam nur am Rande mit, dass der Wagen hielt, Declan irgendwann später mit einem Pförtner sprach und Russel durch endlos scheinende Gänge zur Leichenhalle geführt wurde. Dort erwartete sie eine Frau im grünen Kittel, der er seinen Ausweis vorzeigen musste.
»Sind Sie ein Verwandter der Toten?«, fragte sie.
»Er ist der Verlobte«, antwortete Declan, als Russel kein Wort herausbrachte. »Russel O’Leary.«
Die Frau sah ihn mitfühlend an. »Sind Sie sicher, dass Sie sich die Tote ansehen wollen?«
Russel nickte. Sie öffnete ein Schubfach, rollte eine Bahre heran und zog den Schlitten aus dem Fach auf die Bahre. Unter einem weißen Tuch lag etwas, das ein Mensch sein könnte oder auch nicht. Die Frau trat ans Kopfende und fasste das Tuch zu beiden Seiten. Sie blickte Russel an.
»Bereit?«
Nein, war er nicht. Aber wenn er sich der Realität nicht stellte, würde er keine Ruhe finden. Er nickte. Das Tuch wurde zurückgezogen und gab den Blick auf ein bleiches Gesicht frei, das von roten Haaren umrahmt war. Nicht Aislyn! Denn die Tote sah vollkommen fremd aus. Doch auf den zweiten Blick und auch auf den dritten und alle weiteren ließ sich nicht leugnen, dass die Frau Aislyn war. So bleich, kalt und fremd sie auch aussah, da war kein Zweifel möglich.
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