Gleiches gilt für den Oranje, der im Süden des Landes fließt und auf 500 Kilometern Länge die Grenze zu Südafrika bildet. Er ist der zweitlängste Fluss des südlichen Afrikas und hat eine herausragende Bedeutung für die geomorphologische Gestalt der namibischen Küste und der Wüste Namib. Denn er transportiert gewaltige Mengen von Sand aus dem Inneren des Kontinents über seine Mündung hinaus in den Atlantischen Ozean. Nun trägt der Benguelastrom die Sandmassen weiter in Richtung Norden, und der ständig vorherrschende Südwestwind treibt den Sand vom Meer in Richtung Küste. Dort sammelt er sich zu Dünen, wodurch die Küstenzone beständig verbreitert wird. Die Verschiebung der Küstenlinie ist auch der Grund dafür, dass man teilweise weit im Landesinneren der Namib auf Schiffswracks trifft.
Und der Wind weht den Sand ohne Unterlass tiefer in die Namib hinein, wo er sich zu immer gewaltigeren Dünen auftürmt. Deshalb bezeichnet man den Oranje-Fluss auch als den „Vater der Namib“. Doch genug der Theorie. Machen wir uns endlich auf den Weg und begeben wir uns mitten hinein in die fantastische Welt der Wüste Namib!
Zur Abrundung Ihrer Eindrücke finden Sie viele Fotos aus Namibia auf meiner Website www.almutirmscher.de.
Willkommen in Namibia!
An dieser Stelle finden Sie in meinen anderen Büchern stets auch eine Begrüßung in der Landessprache. Doch welche sollte ich dieses Mal wählen?
Neben der Amtssprache Englisch existieren in Namibia noch Oshivambo (fast 50 Prozent der Namibier sprechen diese Sprache), Nama / Damara, Afrikaans, diverse Kavango- und Khoisan-Sprachen, Otjiherero und Deutsch. Private sowie einige staatliche Schulen dürfen teilweise in diesen Sprachen Unterricht erteilen, mitunter werden sie in bestimmten Regionen auch von den Behörden verwendet. Und zusätzlich zu den genannten existieren auch noch etliche Minderheitensprachen. Die meisten Namibier sprechen zwei oder drei Sprachen.
Namibia ist eben ein Vielvölkerstaat – eine bunte Regenbogennation, in der Menschen vielfältiger Ethnien beheimatet sind.
Die Wüste der Farben – zwischen den größten Sandbergen der Welt
Langsam schwindet die Dunkelheit, bleiches Grau tastet sich zaghaft über den östlichen Horizont. Es enthüllt die Konturen der flockigen Wolkenschicht, die den Himmel bedeckt. Die weite Ebene, an deren Rand wir uns befinden, und die zackigen Gipfel der Bergketten in der Ferne wirken wie schlaftrunkene Traumgebilde, die in der heraufdämmernden Wirklichkeit erst langsam erwachen. Ganz allmählich schält das Licht gleich neben uns die Konturen eines erhabenen Berges aus der nächtlichen Finsternis. Je heller das blasse Morgenlicht heraufzieht, desto stärker erwehrt sich dieser Berg dem allgegenwärtigen Grau. Von finsterem Anthrazit über drohend düsteres Rostbraun wechselt er sachte zu einem noch matten Lachsrot. Nun erkennen wir, dass der Berg aus nichts als Sand besteht. Und seine immer intensiver erstrahlende Farbe gemahnt zur Eile. Höchste Zeit, weiterzufahren, tiefer hinein in das sandige Herz der Wüste Namib.
Unser Ziel ist Sossusvlei, eine der schönsten Landschaften im Namib-Naukluft-Nationalpark. Die Zufahrt dorthin befindet sich in Sesriem, einer kleinen Siedlung am Fuß der Naukluft-Berge, und ist durch ein Tor verschlossen. Wer nicht in einem Wüstencamp am Parkeingang nächtigt, wo manchmal Ausnahmegenehmigungen erteilt werden, der darf erst bei einsetzendem Sonnenaufgang gegen Entrichtung einer Gebühr in den Nationalpark hineinfahren, und sobald die Sonne am Abend unter den Horizont sinkt, muss er ihn wieder verlassen haben.
Der Weg ins Sossusvlei ist jetzt nicht mehr lang. Schon finden wir uns in der offenen Weite eines tellerflachen Tals, umringt von den Geschwistern jenes Sandbergs, der uns im Morgengrauen empfing. Kolossale Dünen türmen sich rings um uns auf, wohin unser Auge auch reicht.
Inmitten der ebenen Talsenke ragen die toten Äste eines gestorbenen Baumes wie ein düsteres Mahnmal gegen die mächtigen Wogen des Sandmeers. Und dieser stille Ozean der Dünen erwacht nun unter dem morgendlichen Spiel des Lichts zu einem einzigartigen Ballett der Farben. Schon öffnet sich die Wolkendecke, zaghafte Finger aus Sonnenstrahlen streichen über die sandigen Hänge und zaubern orange leuchtende Flecken in das noch dumpfe Rostrot. Sie sind wie das leise Flirren der ersten Töne einer Wagnerschen Ouvertüre.
Und ganz wie in der Ouvertüre setzt mit kraftvollem Crescendo unvermittelt das Orchester ein, als die Sonne schließlich die Herrschaft an sich reißt und die immer schmächtiger werdenden Wölkchen ihres Platzes verweist. Geradezu bombastische Akkorde komponiert sie im Wechselspiel mit den Dünen der Namib. Grell erglühen die Sandberge in den fantastischsten Nuancen von rostigem Rot über Lachsrosa bis Orange, scharf zeichnen sich ihre geraden Kanten vor den morgendlichen Schatten ab. Mitten in dieser bewegten Oper aus Farben verharrt nur das Skelett des einsamen Baumes ganz still. Fast möchte man meinen, es sei der Dirigent, vor Überwältigung erstarrt im Angesicht der grandiosen Pracht.
Die orangeroten Sanddünen sind es, die die Namib berühmt gemacht haben und meine Reiselust weckten. Und sie halten ihr Versprechen. Je nach Sonnenstand changieren ihre Farben in den intensivsten Tönen. Am bemerkenswertesten – und am fotogensten – präsentieren sie sich im frühen Morgenlicht oder später am Abend. Doch auch als die Sonne rasch über den Dünenkämmen emporsteigt und vom inzwischen wolkenlosen Azur auf uns hinunterglüht, spüren wir ungebrochen die Faszination dieser farbigen Wüste.
Obwohl das Sandmeer der Namib, das von der UNESCO seit 2013 als Welterbe gelistet wird, eine sagenhafte Fläche von 31.000 Quadratkilometern einnimmt, besteht die Namib doch nicht nur aus solch imposanten Dünen. Da gibt es auch endlose fahlweiße Ebenen, erhabene Bergzüge, tiefe Schluchten und zerklüftete Canyons.
Den nördlichen Teil der Namib beherrscht die Skelettküste, die sich vom Delta des Flusses Kunene an der Grenze zu Angola bis zur Mündung des Ugab-Riviers auf etwa 500 Kilometern Länge südwärts erstreckt. Der Benguelastrom tobt mit teilweise rasender Geschwindigkeit vor dieser Küste entlang, was schon vielen Schiffen zum Verhängnis wurde. Davon zeugen Hunderte von Wracks, von denen viele, wie schon erwähnt, dank der ständigen Anlandung neuer Sandmassen inzwischen tief im Landesinneren zu finden sind. Nicht nur das ist schaurig, auch das Schicksal der Schiffbrüchigen verlief hier tragisch. Konnten sie sich an das vermeintlich sichere Land retten, so fanden sie sich doch tatsächlich in nichts als einem Sandmeer des Todes wieder. Hier gibt es kein Wasser und weit und breit niemanden, der ihnen hätten helfen können. Sie verdursteten jämmerlich, und ihre Skelette sowie die ihrer Schiffe sind es, die der Küste ihren Namen gaben. Die Buschleute bezeichnen sie als „das Land, das Gott im Zorn erschuf“.
Weiter südlich, von der Mündung des Ugab über Swakopmund und Namibias bedeutendsten Seehafen Walvis Bay, türmt sich die Namib zu reizvollen Dünen in pudrigem Rosa. Im weiteren Verlauf nach Süden und Osten weiten diese sich zu einem enormen Sandmeer aus, das sich wiederum bis zur Hafenstadt Lüderitz erstreckt, die 400 Kilometer südlich von Walvis Bay liegt. Hier beginnt das ebenfalls zur Namib gehörende Sperrgebiet, das bis zum Fluss Oranje an der südafrikanischen Grenze reicht.
Die berühmten farbigen Dünen im gewaltigen Sandmeer der Namib sind kaum zugänglich. Es gibt zwei Möglichkeiten. Die eine besteht im Besuch des privaten Naturschutzgebiets der Tirasberge zwischen Lüderitz und der winzigen Siedlung Helmeringhausen, die rund 100 Kilometer von der Küste entfernt und 400 Kilometer südlich von Windhoek in der Wüste liegt. Helmeringhausen wurde 1919 von einem Sauerländer gegründet, der es nach seinem Heimatdorf benannte. Es besteht aus gerade mal acht Häusern mit kaum mehr Einwohnern. Doch weil es weit und breit nichts anderes gibt, kommt Helmeringhausen eine große Bedeutung als Versorgungsposten und touristischer Stützpunkt zu.
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