In dieser Anspannung erlebte er die Zeit wie ruhelos aneinandergereihte Bilder: Jedes einzelne von ihnen angefüllt und überladen mit den zehrenden Eindrücken des Augenblicks und jedes doch unfertig angesichts des Erwarteten, des unheimlich Unbekannten.
Die Sonne senkte sich weiter, die Kleidung klebte am Körper, die Sinne fieberten. Es fiel ein Schuss und mit ihm brach ein Feuertoben los, krachend, knallend, reißend. Emil warf sich zu Boden. Er stierte von Angst gelähmt auf die rotbraune, trocken zerfurchte Erde. Mit der linken Hand klammerte er sich an einen abgefallenen Ast, mit der rechten hielt er die Kamera. Er wagte nicht hochzublicken. Mit jedem Schuss presste er sich tiefer in die staubige Erde.
Er wusste nicht, wie lange er dort lag. Irgendwann hatte das Schießen aufgehört, irgendwie hatte ihn das lange bedrohte Abwarten erschöpft. Er hob den Kopf und sah sich um. Alles blieb ruhig. Er stand auf und wagte erste Schritte. Es war, als würde sich das zuletzt gespeicherte Bild in Erinnerung bringen, wie in einem Film, der sich, abgerissen, wieder in Bewegung setzt. Er sah niemanden, nicht die Soldaten, nicht Fremde, niemanden. Nichts war, außer einer betäubend leeren Stille.
Irgendwo mussten die Soldaten doch sein, irgendetwas musste doch zu entdecken sein, Spuren, irgendwelche Spuren. Er ging in verschiedene Richtungen, traf auf eingedrückte Grasmulden, abgerissene Zweige und aufgewühlte Erdflecken.
Plötzlich aber hörte er ein Geräusch, leise und fern, hauchend, stöhnend. Langsam erst, sich seiner Sicherheit vergewissernd, dann schneller, hellwach und ungeduldig, näherte er sich den immer deutlicher werdenden Umrissen. Es war einer der Soldaten, die er begleitet hatte. Seine Jacke war zerfetzt, blutig; auch am Kopf waren blutige Spuren mit dem Schweiß des heißen Tages vermischt. Seine Augen waren weit geöffnet, in die Ferne gerichtet, hilflos, ergeben – aber er lebte, denn langsam zog er seine Hand zum Körper. Emil führte die Kamera vor seine Augen und drückte ab. Er machte ein zweites Bild und ein drittes, ein nächstes, stehend, gebeugt, kniend. Jede Geste, jeden Ausdruck des Sterbenden einfangend. Emil war wie im Rausch, besetzt und besessen von den Zwängen und Kräften seines Inneren. Er fotografierte den Körper, das Gesicht, die Hand, die sich ganz langsam vom Körper löste. Jetzt aber war sie gefallen und er fotografierte den Toten in seiner zurückgezogenen Verlassenheit. Er fotografierte das Blut und erwischte dabei die letzten Strahlen der untergehenden Sonne.
Als das letzte Bild genommen war, besann er sich, nahm seine Kamera und schlich sich ängstlich aber erfüllt zur Stadt zurück.
Mit den Bildern beteiligte er sich später an einem internationalen Wettbewerb. Er gewann den ersten Preis, denn kaum andere Bilder konnten den Schrecken des Krieges so eindrucksvoll und mitfühlend vermitteln. Sein Mut, seine Unerschrockenheit und seine Tapferkeit fanden in besonderer Weise Erwähnung.
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