Ricarda Huch - Deutsche Geschichte

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Ricarda Huch widmete sich seit den 1910er Jahren der italienischen, deutschen und russischen Geschichte. Ihr Hauptwerk zur deutschen Geschichte entstand zwischen 1934 und 1947 und umfasst sowohl das Mittelalter als auch die Frühe Neuzeit.Diese Sammlung fasst in neuer deutscher Rechtschreibung erstmalig alle 3 Bände zusammen:Band I – Römisches Reich Deutscher NationBand II – Das Zeitalter der GlaubensspaltungBand III – Untergang des Römischen Reiches Deutscher NationNull Papier Verlag

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Lo­thar war ein tüch­ti­ger Herr­scher. Er er­reich­te, dass so­wohl Böh­men wie Dä­ne­mark in ein Va­sal­len­ver­hält­nis zu ihm tra­ten; die Chro­ni­ken be­rich­ten mit Ge­nug­tu­ung, wie bei der Os­ter­fei­er in Hal­ber­stadt der dä­ni­sche Kö­nig dem mit dem Dia­dem ge­schmück­ten Lo­thar als Le­hens- und Ge­folgs­mann das Schwert nachtrug. Auch in Ita­li­en ver­trat er das Reich wür­dig. Wäh­rend sei­ner Re­gie­rung kam das Zu­sam­men­wir­ken von Kai­ser und Papst, das die Theo­rie ver­lang­te, wie kaum je­mals sonst zu­stan­de. Al­ler­dings be­stand er nicht auf der Rück­ga­be des In­ve­sti­tur­rech­tes, ob­wohl er ein­sah, dass ohne dies Recht eine kraft­vol­le Re­gie­rung nicht mög­lich war, und es des­halb auch for­der­te; al­lein er gab nach, um im ein­zel­nen Fal­le doch selbst­herr­lich zu han­deln. So hielt er das Reichs­klos­ter Mon­te Cas­si­no fest, das der Papst an sich zie­hen woll­te, und setz­te durch, dass der Nor­man­nen­her­zog in Sü­dita­li­en nicht vom Papst al­lein, son­dern vom Papst und ihm ge­mein­sam be­lehnt wur­de. Vor­wer­fen konn­te man ihm, dass er die so­ge­nann­ten Mat­hil­di­schen Gü­ter, ein zer­streu­tes Ge­biet, das sich teil­wei­se mit dem heu­ti­gen To­s­ka­na deckt, vom Papst zu Le­hen nahm, wo­durch der Papst in die Lage kam, den Kai­ser als sei­nen Le­hens­mann zu be­zeich­nen. Er un­ter­ließ nicht, sich in ei­ner In­schrift im La­te­ran­pa­last, die er über dem Bil­de Lo­thars an­brin­gen ließ, da­mit zu brüs­ten. Lo­thar konn­te zu sei­ner Ent­schul­di­gung sa­gen, dass es nur zwei­er­lei gab, ent­we­der Nach­gie­big­keit des Kai­sers in ge­wis­sen Punk­ten, um da­durch Nach­gie­big­keit von sei­ten des Paps­tes zu er­han­deln, oder dau­ern­den Kampf. Per­sön­lich war Lo­thar tap­fer, meist glück­lich im Krie­ge, Fein­den und Be­sieg­ten ge­gen­über so grau­sam, so er­schre­ckend roh, wie es im Cha­rak­ter der Zeit lag, un­er­müd­lich tä­tig, ob­wohl er, als er Kö­nig wur­de, sech­zig Jah­re alt war. Schon krank be­schleu­nig­te der Zwei­und­sieb­zig­jäh­ri­ge sei­ne Rück­kehr aus Ita­li­en, um in der Hei­mat zu ster­ben; aber nur der Tote er­reich­te sie und wur­de in der von ihm ge­grün­de­ten Stifts­kir­che zu Lut­ter, seit­dem Kö­nigs­lut­ter, be­stat­tet. Ne­ben ihm ru­hen sei­ne ge­lieb­te Frau Ri­chen­za, die ihn im­mer be­glei­te­te, sein Schwie­ger­sohn, Her­zog Hein­rich der Stol­ze von Bay­ern, der sein sieg­rei­cher Mit­strei­ter in Ita­li­en ge­we­sen war, und sei­ne Toch­ter Ger­trud.

Gro­ße Macht emp­fahl da­mals nicht zur Kai­ser­wahl; die Fürs­ten sa­hen des­halb nach Lo­thars Tode von Hein­rich dem Stol­zen ab, der zu­gleich über Sach­sen und Bay­ern ge­bot, und wähl­ten Kon­rad von Stau­fen, den Bru­der des­sel­ben Fried­rich, der sich ge­gen Lo­thar nicht hat­te durch­set­zen kön­nen. Um sei­nes Geg­ners Macht zu min­dern, nahm ihm Kon­rad das Her­zog­tum Bay­ern und gab es sei­nem Halb­bru­der Leo­pold, dem Sohn des Mark­gra­fen von Ös­ter­reich, den sei­ne Mut­ter Ag­nes, die Toch­ter Hein­richs IV., nach dem Tode ih­res ers­ten Man­nes ge­hei­ra­tet hat­te. Nach dem frü­hen Tode Hein­richs des Stol­zen er­neu­er­te Kon­rad den Ver­such, Wel­fen und Stau­fer durch eine Hei­rat zu ver­söh­nen, in­dem er die Wit­we Ger­trud, die be­rühm­te Säch­sin, wie die Chro­ni­ken der Zeit sie nen­nen, mit sei­nem Halb­bru­der Hein­rich ver­hei­ra­te­te. Sie starb schon im fol­gen­den Jah­re an ei­ner schwe­ren Ge­burt und hin­ter­ließ ihr Erbe ih­rem Sohn aus ers­ter Ehe, der wie sein Va­ter Hein­rich hieß und spä­ter der Löwe ge­nannt wur­de.

Kon­rad III. war so­wohl an Lie­bens­wür­dig­keit wie an Er­folg­lo­sig­keit dem frän­ki­schen Kö­nig Kon­rad I. ähn­lich, und auch dar­in, dass er hoch­her­zig ge­nug war, mit Über­ge­hung sei­nes ei­ge­nen, noch im kind­li­chen Al­ter ste­hen­den Soh­nes sei­nen be­reits be­währ­ten Nef­fen, Fried­rich, Her­zog von Schwa­ben, zur Nach­fol­ge zu emp­feh­len. Fried­rich I., der in Ita­li­en, wo seit der Zeit des Ar­mi­ni­us das blon­de Ge­lock der Ger­ma­nen ge­liebt wur­de, den Bein­amen Bar­ba­ros­sa er­hielt, ist ein Sym­bol der Kai­ser­zeit ge­wor­den, ei­ner, des­sen Name für alle steht, viel­leicht des­halb, weil der Mit­tags­hö­he sei­ner Re­gie­rung so bald der Ab­sturz folg­te. Wie die ers­ten Sa­lier wa­ren die Stau­fer ein her­ri­sches Ge­schlecht, streng ge­gen an­de­re und streng ge­gen sich im Er­fas­sen ih­rer kai­ser­li­chen Pf­licht. Die Mög­lich­keit, dass das Reich eine Erb­mon­ar­chie wer­de, in den Au­gen der Fürs­ten und des Paps­tes eine große Ge­fahr, brach­ten sie der Ver­wirk­li­chung nah. Karl den Gro­ßen und Otto den Gro­ßen hat­te Fried­rich I. als Vor­bil­der stets vor Au­gen; was ihn per­sön­lich von ih­nen un­ter­schied, war sei­ne wach­sa­me Selbst­zucht an Stel­le ih­res brei­te­ren, arg­lo­se­ren Sich­ge­hen­las­sens. Fried­rich hat­te nicht den ho­hen Wuchs der Sa­lier, er war nur mit­tel­groß, aber sei­ne Hal­tung war so kö­nig­lich, dass er trotz­dem durch sei­ne Er­schei­nung im­po­nier­te. Das Im­pe­ra­to­ri­sche sei­ner Ge­sin­nung äu­ßer­te sich in sei­nen Mie­nen, die im­mer das Be­wusst­sein der Grö­ße sei­ner Auf­ga­be wi­der­spie­gel­ten. Es mach­te großen Ein­druck, dass er nach der Sal­bung und Krö­nung in Aa­chen, als ei­ner sei­ner Dienst­man­nen, der we­gen ei­nes schwe­ren Ver­bre­chens in Un­gna­de ge­fal­len war, sich ihm zu Fü­ßen warf in der Mei­nung, in die­sem Au­gen­blick auf Ver­zei­hung rech­nen zu kön­nen, ihn ab­wies mit der Be­grün­dung, nicht aus per­sön­li­cher Ab­nei­gung, son­dern um der Ge­rech­tig­keit wil­len sei der Schul­di­ge von sei­ner Gna­de aus­ge­schlos­sen und müs­se es blei­ben; da­mit schi­en er an­zu­deu­ten, dass er sich mehr von der Ge­rech­tig­keit als von der Gna­de wol­le lei­ten las­sen. Stren­ge Beo­b­ach­tung des Rech­tes hat er sich wäh­rend sei­ner gan­zen Re­gie­rung an­ge­le­gen sein las­sen.

Sei­ne ers­te Sor­ge ließ es Fried­rich sein, die Spal­tung im Rei­che, die sich im Ge­gen­satz der Stau­fer und Wel­fen aus­drück­te, zu über­win­den. War er doch im Hin­blick dar­auf ge­wählt wor­den, dass er aus der Ehe ei­nes Stau­fers mit ei­ner Wel­fin stamm­te – sei­ne Mut­ter war Ju­dith, Toch­ter Her­zog Hein­richs des Schwar­zen von Bay­ern – so­dass man sag­te, er kön­ne wie ein Eck­stein die Kluft zwi­schen den zwei Häu­sern schlie­ßen. In groß­ar­ti­ger Wei­se führ­te er die Ver­söh­nung da­durch her­bei, dass er sei­nem um sie­ben Jah­re jün­ge­ren Vet­ter Hein­rich, dem Her­zog von Sach­sen, das Her­zog­tum Bay­ern wie­der­gab. Das war des­halb schwie­rig, weil Bay­ern zu­vor dem Mark­gra­fen Hein­rich Ja­so­mir­gott von Ös­ter­reich wie­der ab­ge­nom­men wer­den muss­te, der Fried­richs Halb­bru­der war und kei­nen An­lass zu ir­gend­ei­ner Kla­ge ge­ge­ben hat­te. Nach um­ständ­li­chen Ver­hand­lun­gen glück­te es dem Kö­nig, den Be­sitz­wech­sel ohne Er­re­gung von Feind­se­lig­kei­ten zu voll­zie­hen, in­dem er einen Teil von Bay­ern ab­trenn­te und mit Ös­ter­reich ver­ei­nig­te und die bis­he­ri­ge Mark­graf­schaft zum Her­zog­tum Ös­ter­reich er­hob. Vor der Stadt Re­gens­burg fand im Sep­tem­ber 1157 die in der Fol­ge so be­deu­tungs­vol­le Hand­lung statt: Hein­rich Ja­so­mir­gott ver­zich­te­te auf Bay­ern, in­dem er dem Kai­ser sie­ben Fah­nen übergab, die der Kai­ser sei­nem Vet­ter Hein­rich über­reich­te; von die­sen gab Hein­rich zwei, die die Ost­mark be­deu­te­ten, dem Kai­ser zu­rück, der sie nun­mehr sei­nem Halb­bru­der gab als Zei­chen der Be­leh­nung, nach­dem er die Ost­mark mit den üb­ri­gen ös­ter­rei­chi­schen Graf­schaf­ten zu ei­nem Her­zog­tum Ös­ter­reich zu­sam­men­ge­schlos­sen hat­te. Eine be­son­de­re Be­güns­ti­gung war es, dass Hein­rich Ja­so­mir­gotts Frau an der Be­leh­nung teil­nahm, da­mit die Erb­fol­ge auch in weib­li­cher Li­nie Gel­tung habe. Fried­rich hat­te be­wusst einen Feind, sei­nen Vet­ter Hein­rich, zu ei­nem sehr mäch­ti­gen Man­ne ge­macht, in­dem er dar­auf rech­ne­te, einen mäch­ti­gen und dank­ba­ren Freund zu ge­win­nen. Der groß­mü­ti­ge Ge­dan­ke war klug, wenn der Her­zog von Bay­ern und Schwa­ben sei­ne Macht für den Kai­ser ein­setz­te. Dann stand die ge­sam­te Macht des ge­ei­nig­ten Deutsch­land dem Kai­ser zur Ver­fü­gung.

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