Ricarda Huch - Deutsche Geschichte

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Ricarda Huch widmete sich seit den 1910er Jahren der italienischen, deutschen und russischen Geschichte. Ihr Hauptwerk zur deutschen Geschichte entstand zwischen 1934 und 1947 und umfasst sowohl das Mittelalter als auch die Frühe Neuzeit.Diese Sammlung fasst in neuer deutscher Rechtschreibung erstmalig alle 3 Bände zusammen:Band I – Römisches Reich Deutscher NationBand II – Das Zeitalter der GlaubensspaltungBand III – Untergang des Römischen Reiches Deutscher NationNull Papier Verlag

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Hein­rich, der sei­ne hohe Ge­stalt und sein blon­des Haupt vor dem häss­li­chen klei­nen Mönchs­papst ge­beugt hat­te, blieb im Her­zen un­beug­sam. Wäh­rend der Papst im ge­hei­men die Krö­nung des Ge­gen­kö­nigs be­trieb, trat er als recht­mä­ßi­ger Kö­nig auf und hoff­te auf einen Waf­fen­sieg über die Geg­ner. Ru­dolf fiel in der Schlacht und wur­de in Mer­se­burg be­gra­ben; schon vor­her hat­te Hein­rich einen treu­en An­hän­ger, den Gra­fen Fried­rich von Bü­ren, zum Her­zog von Schwa­ben er­ho­ben und dem bis da­hin in be­schei­de­nen Ver­hält­nis­sen le­ben­den jun­gen Mann sei­ne Toch­ter Ag­nes zur Frau ge­ge­ben. Nach­dem Gre­gor den Kö­nig von Neu­em ex­kom­mu­ni­ziert hat­te, er­klär­te Hein­rich auf ei­ner Synode in Bri­xen mit meh­re­ren Bi­schö­fen in maß­lo­ser Spra­che und un­ter un­ge­heu­ren Be­schul­di­gun­gen Gre­gor für ab­ge­setzt und Bi­schof Wi­bert von Ra­ven­na zum Papst. Dann zog er nach Ita­li­en, er­kämpf­te sich den Ein­zug in Rom, wo ein Teil der Be­völ­ke­rung ihm an­hing, und ließ sich von Wi­bert zum Kai­ser krö­nen. Gre­gor wäre ver­lo­ren ge­we­sen, hät­te er sich nicht den Bei­stand der Nor­man­nen ge­si­chert ge­habt, die in Un­ter­ita­li­en nach Ver­drän­gung der Grie­chen und Sa­ra­ze­nen ein Reich ge­bil­det und vom Papst zu Le­hen ge­nom­men hat­ten. Wie einst die Päps­te bei den Fran­ken Schutz ge­gen die Lan­go­bar­den ge­sucht hat­ten, so such­ten sie jetzt ge­gen die zu Nach­barn ge­wor­de­nen Deut­schen Schutz bei den neu ein­ge­drun­ge­nen Bar­ba­ren, die ihre Erobe­rung gern durch die Aner­ken­nung von sei­ten ei­ner recht­mä­ßi­gen Macht stütz­ten. Ob­wohl Hein­rich be­deu­ten­de Er­fol­ge er­run­gen hat­te, ging in Deutsch­land und in Ita­li­en der Kampf wei­ter. Die großen grund­sätz­li­chen Ge­gen­sät­ze, die aus­ge­spro­chen wa­ren, zo­gen wie weit­hin sicht­ba­re Fah­nen An­hän­ger an sich und zwan­gen je­den, Par­tei zu neh­men. Streit­schrif­ten wur­den ge­wech­selt, die zwar la­tei­nisch ver­fasst wa­ren, de­ren In­halt sich aber doch auch un­ter den Lai­en ver­brei­te­te.

Die ita­lie­ni­schen Bi­schö­fe wa­ren dem Kai­ser im All­ge­mei­nen an­häng­li­cher als die deut­schen. Vie­le von ih­nen wa­ren Deut­sche, al­lein der scharf­sin­nigs­te und fol­ge­rich­tigs­te un­ter ih­nen, Ben­zo von Alba, scheint ein Sü­dita­lie­ner, viel­leicht grie­chi­scher Ab­kunft ge­we­sen zu sein. Er brach­te die An­sich­ten der äl­te­ren Bi­schö­fe, die nicht dar­an zwei­fel­ten, dass der Kö­nig das recht habe, die Bi­schö­fe ein­zu­set­zen, in eine zu­sam­men­hän­gen­de Theo­rie. Da die Bi­schö­fe vom Kö­ni­ge welt­li­che Le­hen emp­fin­gen, schul­de­ten sie ihm Ge­hor­sam, be­glei­te­ten sie ihn doch auch wie an­de­re Va­sal­len auf sei­nen Feld­zü­gen als An­füh­rer der Kriegs­leu­te, die sie ihm zu stel­len hät­ten. Da nun alle Bi­schö­fe ein­an­der gleich sei­en, sag­te Ben­zo, ste­he auch der Papst un­ter dem Kai­ser, und wenn er den Papst nicht ein­set­ze, so dür­fe doch we­nigs­tens ohne sei­ne Zu­stim­mung kein Papst kon­se­kriert wer­den. Über dem Kai­ser ste­he nur Gott, ver­gli­chen mit dem Kai­ser wä­ren alle Kö­ni­ge der Erde nur klei­ne Pro­vinz­kö­ni­ge. Da­mit die­se mys­ti­sche Kö­nigs­macht eine ir­disch si­che­re Grund­la­ge be­kom­me, mach­te Ben­zo den merk­wür­di­gen Vor­schlag, eine all­ge­mei­ne Steu­er zu er­he­ben, die den Kai­ser in den Stand set­zen wür­de, Be­am­te an­zu­stel­len und Söld­ner zu un­ter­hal­ten, so­dass er von sei­nen Le­hens­leu­ten un­ab­hän­gig wür­de. Das Bei­spiel für eine sol­che Ein­rich­tung fand er in Un­ter­ita­li­en, wo ähn­li­che Ein­rich­tun­gen aus der rö­mi­schen Zeit sich er­hal­ten hat­ten. Kaum hät­te ein der­ar­ti­ger Vor­schlag in Deutsch­land un­ter Deut­schen ge­macht wer­den kön­nen, die jede Auf­la­ge von Steu­ern als einen un­er­träg­li­chen An­griff auf die Rech­te des frei­en Man­nes be­trach­te­ten. Vi­el­leicht er­klärt sich auch dar­aus, dass die Idee des zen­tra­li­sier­ten Staa­tes sich in Ita­li­en er­hal­ten hat­te, die An­häng­lich­keit der ita­lie­ni­schen Bi­schö­fe an den Kai­ser.

Ei­ner der nam­haf­tes­ten Ver­fech­ter des Kai­ser­rech­tes in Deutsch­land, Wal­ram von Naum­burg, such­te auch dem Papst ge­recht zu wer­den. Ei­nig­keit zwi­schen Kai­ser und Papst müs­se herr­schen, sag­te er, da bei­de über das Reich ge­setzt wä­ren, in die welt­li­che Herr­schaft aber habe der Papst sich nicht zu mi­schen. Der Kai­ser sei un­ab­setz­bar, dem Papst be­stritt er das Recht, die Un­ter­ta­nen vom Treu­eid zu lö­sen und da­durch eine Spal­tung her­bei­zu­füh­ren. Die Be­stim­mung des Paps­tes, der Nach­fol­ger Chris­ti zu sein, wur­de her­an­ge­zo­gen, um ihm das Ent­zün­den von Krie­gen zum Vor­wurf zu ma­chen.

Die An­hän­ger des Paps­tes be­rie­fen sich auf das Recht des Vol­kes, den Kö­nig zu wäh­len, was das Recht, ihn ab­zu­set­zen, in sich schlie­ße. Der Chor­herr Ma­ne­gold von Lau­ten­bach be­leuch­te­te das Ver­nunft­ge­mä­ße die­ses Rech­tes, in­dem er dar­auf hin­wies, dass je­der Ver­stän­di­ge einen Schwei­ne­hir­ten, der die Her­de nicht hü­te­te, son­dern ver­kom­men lie­ße, mit Schimpf und Schan­de da­von­ja­gen wür­de; wie viel mehr müs­se man mit ei­nem un­taug­li­chen Kö­nig auf­räu­men. Gera­de für das Kö­nig­reich dür­fe man nicht einen be­lie­bi­gen Ty­ran­nen oder Schuft be­stel­len, son­dern einen, der durch Adel und in­ne­ren Wert her­vor­ra­ge. Durch Ty­ran­nei bre­che der Kö­nig den Ver­trag, der für sei­ne Ein­set­zung maß­ge­bend ge­we­sen sei, das Volk sei ihm kei­ne Treue mehr schul­dig.

Ty­ran­nei und Will­kür war­fen an­de­re Bi­schö­fe dem Papst vor, wenn auch die meis­ten nicht so weit gin­gen, den Pri­mat des Paps­tes zu leug­nen. Sie hiel­ten es aber für eine un­er­hör­te Neue­rung, dass der Papst sich in die bi­schöf­li­chen Di­öze­s­an­rech­te ein­mi­schen und sie wie Knech­te ein- und ab­set­zen wol­le, wie sie über­haupt Gre­gors Theo­rie, dass der Papst durch sein Amt hei­lig und un­fehl­bar wer­de, ab­lehn­ten. In ei­ner von Hein­richs Schlach­ten kämpf­ten sech­zehn Bi­schö­fe auf sei­ner Sei­te.

Das Selt­sa­me und Ent­schei­den­de ist nun aber, dass auch die treu­en An­hän­ger des Kai­sers vor ih­rem Tode den Frie­den mit der Kir­che such­ten, so­weit sie sich nicht schon frü­her be­kehrt hat­ten. Gera­de über die Deut­schen hat­te die Kir­che mehr Macht als der Staat. Wohl war auch die Per­son des Kö­nigs in mys­ti­sche Vor­stel­lun­gen ein­ge­taucht und über die Ebe­ne des Ir­di­schen er­ho­ben; aber sein Wal­ten ver­knüpf­te sich doch nicht so mit dem See­len­le­ben der Men­schen wie das der Kir­che, die das Kind tauf­te, dem Er­wach­se­nen das Abend­mahl, dem Ster­ben­den die letz­te Weg­zeh­rung reich­te und mit ihm be­te­te. Alle Ge­dan­ken und Ge­füh­le, die über das Ir­di­sche und All­täg­li­che hin­weg der ewi­gen Hei­mat zu­streb­ten, wa­ren mit der Kir­che ver­bun­den; die blieb un­an­ge­tas­tet, was für Vor­wür­fe auch ge­gen die Pfaf­fen er­ho­ben wer­den moch­ten. Dach­te doch der Kai­ser selbst nie­mals dar­an, das Papst­tum als sol­ches an­zu­grei­fen, war er doch viel­mehr im­mer ge­neigt, wo sich die Mög­lich­keit der Ver­söh­nung zeig­te, die Hand dazu zu bie­ten, und nie war er zu stolz, um sich vor dem rö­mi­schen Bi­schof wie vor Gott in den Staub zu wer­fen. Ob­wohl die Kai­ser sich im ein­zel­nen Fal­le das Recht nah­men, den Papst ab­zu­set­zen, strit­ten sie ihm grund­sätz­lich nie das Recht ab, von ih­nen die Ehr­furcht zu ver­lan­gen, die der Sohn dem Va­ter schul­dig ist.

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