Ricarda Huch - Deutsche Geschichte

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Ricarda Huch widmete sich seit den 1910er Jahren der italienischen, deutschen und russischen Geschichte. Ihr Hauptwerk zur deutschen Geschichte entstand zwischen 1934 und 1947 und umfasst sowohl das Mittelalter als auch die Frühe Neuzeit.Diese Sammlung fasst in neuer deutscher Rechtschreibung erstmalig alle 3 Bände zusammen:Band I – Römisches Reich Deutscher NationBand II – Das Zeitalter der GlaubensspaltungBand III – Untergang des Römischen Reiches Deutscher NationNull Papier Verlag

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Das sieg­haf­te Auf­tre­ten des Kai­sers in Rom nahm den Papst mehr ge­gen als für ihn ein. Bald ent­stand ge­gen­sei­ti­ge Ver­stim­mung: Fried­rich war ent­rüs­tet, dass der Papst das Kö­nig­reich Si­zi­li­en und das Her­zog­tum Apu­li­en nebst Nea­pel, Amal­fi und Sa­ler­no ohne ihn zu fra­gen dem Nor­man­nen­her­zog Ro­ger zu Le­hen gab; der Papst nahm es übel, dass Fried­rich nichts zur Be­frei­ung des dä­ni­schen Erz­bi­schofs Es­kil von Lund tat, der in Deutsch­land ge­fan­gen­ge­nom­men war. Un­ver­se­hens kam der von bei­den Sei­ten noch zu­rück­ge­hal­te­ne Un­wil­le zu er­schre­cken­dem Aus­bruch. Der Kai­ser hat­te in zwei­ter Ehe Bea­trix von Bur­gund ge­hei­ra­tet und da­durch, dass ihr Va­ter ohne Hin­ter­las­sung von Söh­nen starb, Bur­gund und die Pro­vence er­wor­ben, ein Ge­biet, das zwar zum Reich ge­hör­te, aber mit sei­ner über­wie­gend ro­ma­ni­schen Be­völ­ke­rung sich mehr und mehr los­ge­löst hat­te. Sei­ne Ab­sicht war, es dem Rei­che wie­der en­ger an­zu­schlie­ßen, und er hielt im Jah­re 1157 in der al­ten Bi­schofs­stadt Be­sançon einen Reichs­tag ab, um die dor­ti­gen Ver­hält­nis­se zu ord­nen. Die an­ge­se­hens­ten Her­ren von Bur­gund, der Erz­bi­schof von Vi­enne, der zu­gleich Erz­kanz­ler von Bur­gund war, der Pri­mas von Lyon und an­de­re leis­te­ten be­reit­wil­lig die Hul­di­gung, wie sich über­haupt zeig­te, dass der jun­ge Kö­nig sich be­reits im gan­zen Abend­lan­de An­se­hen er­wor­ben hat­te. Auf die­ser Ta­gung er­schie­nen zwei Ab­ge­ord­ne­te des Paps­tes, Ro­land, Kar­di­nal­pries­ter von San Mar­co, und der Kar­di­nal­pries­ter von San Cle­men­te, und über­brach­ten ein Schrei­ben des Paps­tes an den Kai­ser mit Vor­wür­fen we­gen der Ge­fan­gen­nah­me des Erz­bi­schofs von Lund, die als eine schänd­li­che Un­tat von vie­hi­scher Wild­heit be­zeich­net wur­de, an der der Kai­ser da­durch, dass er sie nicht be­stra­fe, mit­schul­dig sei. Rainald las als Kanz­ler den Brief vor und ver­deutsch­te ihn. Nach­dem der Papst die Lie­bes­be­wei­se auf­ge­zählt hat­te, durch die er den Kai­ser sei­ner vä­ter­li­chen Ge­sin­nung ver­si­chert habe, kam die fol­gen­de Stel­le: »Und es reut uns auch nicht im min­des­ten, in al­lem dei­nen Wunsch und Wil­len er­füllt zu ha­ben, ja, bei dem Ge­dan­ken, was die Kir­che Got­tes und wir selbst durch dich an Vor­tei­len ge­win­nen könn­ten, wür­den wir uns mit Recht freu­en, wenn es mög­lich ge­we­sen wäre, dass dei­ne Herr­lich­keit aus un­se­rer Hand noch grö­ße­re Be­ne­fi­cia emp­fan­gen hät­te.« Das Wort Be­ne­fi­cia hät­te Rainald mit Wohl­ta­ten über­set­zen kön­nen; aber er wähl­te das Wort Le­hen. Als Fried­rich das ers­te Mal in Rom war, sah er im La­te­ran ein Bild des Kai­sers Lo­thar, wie er dem Papst den Steig­bü­gel hält, und dar­un­ter einen Vers, der be­sag­te, dass der Kai­ser Le­hens­mann des Paps­tes ge­wor­den sei und die Kro­ne von ihm emp­fan­gen habe. Er hat­te vom Papst die Zu­sa­ge ver­langt und er­hal­ten, dass das Bild mit der In­schrift ent­fernt wür­de. Dass trotz­dem in man­chen Krei­sen Roms, na­ment­lich in der Um­ge­bung des Paps­tes, die Auf­fas­sung be­stand, der Kai­ser emp­fan­ge in Rom Kai­ser­tum und Kro­ne als ein päpst­li­ches Ge­schenk, wuss­te der Kai­ser. In die­sem Sin­ne klang das Wort Be­ne­fi­cia oder Le­hen wie eine Her­aus­for­de­rung, und in den Rei­hen der an­we­sen­den Fürs­ten äu­ßer­te sich laut und hef­tig der Zorn. An­statt den Text des Brie­fes ge­schickt aus­zu­le­gen, rief ei­ner der Le­ga­ten frech in den Lärm hin­ein: »Von wem hat denn der Kai­ser sein Kai­ser­tum, wenn nicht vom Herrn Papst!«, da­mit die Be­deu­tung, die Rainald von Das­sel in das Wort ge­legt hat­te, als rich­tig zu­ge­ste­hend. Der Pfalz­graf von Bay­ern, Otto von Wit­tels­bach, ein be­son­ders treu­er und ver­dien­ter An­hän­ger des Kai­sers, zog sein Schwert, um die Be­schimp­fung des Rei­ches zu rä­chen; der Kai­ser trat so­fort schüt­zend vor die Be­droh­ten und sorg­te da­für, dass sie un­ver­letzt in ihre Her­ber­ge ge­bracht wur­den, be­fahl ih­nen aber, un­ver­züg­lich nach Rom zu­rück­zu­rei­sen. Den gan­zen Vor­gang schil­der­te der Kö­nig den Fürs­ten in ei­nem Rund­schrei­ben, das mit den Wor­ten schloss, er hof­fe, ihre Treue wer­de nicht zu­las­sen, dass die Ehre des Rei­ches, das seit der Grün­dung Roms und Ein­füh­rung des christ­li­chen Glau­bens bis auf die ge­gen­wär­ti­ge Zeit ruhm­voll be­stan­den habe, durch eine so un­er­hör­te Neue­rung und an­ma­ßen­de Über­he­bung ge­min­dert wer­de. »Ich selbst wer­de ohne Wan­ken eher in den Tod ge­hen, als un­ter un­se­rer Re­gie­rung solch einen schmach­vol­len Um­sturz dul­den.« Der Papst hoff­te, we­nigs­tens die geist­li­chen Reichs­fürs­ten auf sei­ne Sei­te zie­hen zu kön­nen; aber er muss­te er­le­ben, dass sie ein­mü­tig zum Kai­ser hiel­ten. Sie teil­ten Ha­dri­an in ei­nem ge­mein­sa­men Schrei­ben mit, der Kai­ser habe ih­nen auf ihr Er­su­chen in ge­zie­men­der Wei­se sei­nen Stand­punkt er­klärt. Zwei Rechts­quel­len gebe es für die Reichs­re­gie­rung, habe er ih­nen ge­schrie­ben, die Ge­set­ze des Kai­sers und das Ge­wohn­heits­recht. Die Schran­ken der Kir­che wol­le er nicht über­schrei­ten, dem Hei­li­gen Va­ter wol­le er gern die schul­di­ge Ehr­furcht er­wei­sen, aber die freie Kro­ne sei­nes Kai­ser­rei­ches hal­te er ein­zig für Got­tes Be­ne­fi­ci­um. Bei der Wahl habe der Erz­bi­schof von Mainz die ers­te Stim­me, dann folg­ten die üb­ri­gen Fürs­ten, die Sal­bung zum Kö­ni­ge ste­he dem Erz­bi­schof von Köln zu, die höchs­te, die zum Kai­ser, dem Papst, was dar­über hin­aus­ge­he sei vom Übel. Er wer­de eher die Kro­ne nie­der­le­gen, als zu ei­ner Er­nied­ri­gung der Kro­ne und zu­gleich sei­ner Per­son sei­ne Zu­stim­mung ge­ben. Der Wie­der­ga­be des kai­ser­li­chen Schrei­bens füg­ten die Bi­schö­fe die Bit­te hin­zu, der Papst möge ihre Schwä­che scho­nen und den Kai­ser be­sänf­ti­gen, da­mit die Kir­che sich der Ruhe er­freue und das Reich sei­nes Ruh­mes ge­nie­ße. An­ders als vor hun­dert Jah­ren Hein­rich IV. führ­te Fried­rich I. das Zep­ter. Ha­dri­an sah sich ge­zwun­gen nach­zu­ge­ben, umso mehr, als er er­fuhr, dass Rainald von Das­sel und Otto von Wit­tels­bach, die feu­rigs­ten Rit­ter der kai­ser­li­chen Ehre, be­reits als kai­ser­li­che Ge­sand­te in Ita­li­en ein­ge­trof­fen wa­ren. Zwei Kar­dinäle muss­ten ein Schrei­ben nach Augs­burg brin­gen, wo der Kai­ser sich auf­hielt, in dem er er­klär­te, dass er das Wort Be­ne­fi­ci­um nicht im Sin­ne von Le­hen, son­dern von Wohl­tat ge­braucht habe.

Der Treue sämt­li­cher Fürs­ten si­cher, führ­te Fried­rich ein großes Heer nach Ita­li­en und er­zwang die Un­ter­wer­fung Mai­lands. Sei­ne Stel­lung ver­stärk­te sich noch da­durch, dass der Tod zwei­er Kir­chen­fürs­ten ihm er­mög­lich­te, die höchs­ten Reichs­wür­den mit Män­nern von un­er­schüt­ter­lich reichs­treu­er Ge­sin­nung zu be­set­zen: Rainald von Das­sel wur­de Erz­bi­schof von Köln und ei­ni­ge Jah­re spä­ter Chris­ti­an, der nach Rainald Kanz­ler ge­wor­den war, Erz­bi­schof von Mainz. Dass der mäch­tigs­te welt­li­che Fürst und die bei­den höchs­ten geist­li­chen Fürs­ten, Hein­rich der Löwe, Rainald von Das­sel und Chris­ti­an von Beich­lin­gen, ge­nia­le Per­sön­lich­kei­ten und kai­ser­lich ge­sinnt wa­ren, das war ein Zu­sam­men­strö­men von Kräf­ten, wie es die Mit­tags­zei­ten der Völ­ker zu be­zeich­nen pflegt. So­wohl Mai­land wie der Papst muss­ten sich der Über­macht beu­gen; al­ler­dings aber war es nur ein Zu­rück­wei­chen vor der Ge­walt, kein Auf­ge­ben der An­sprü­che. Un­aus­ge­tra­gen blieb der Streit über die Mat­hil­di­schen Gü­ter, über Si­zi­li­en und Apu­li­en, über die In­ve­sti­tur; der Kai­ser be­klag­te sich, dass der Papst ohne ihn zu fra­gen, Ge­sand­te nach Deutsch­land, der Papst, dass der Kai­ser Ge­sand­te nach Rom schick­te, wo al­les, Leu­te und Re­ga­li­en, ihm ge­hö­re. Da er nach Got­tes An­ord­nung rö­mi­scher Kai­ser hei­ße, sag­te Fried­rich, so wür­de er nur ein Schat­ten­kai­ser mit lee­rem Na­men ohne Be­deu­tung sein, wenn er die Ge­walt über die Stadt Rom aus der Hand lie­ße. Als Ha­dri­an im Jah­re 1159 im Ster­ben lag, ließ er die Kar­dinäle schwö­ren, nur einen sol­chen Papst zu wäh­len, der den Kampf ge­gen den Kai­ser zu Ende füh­re; so we­nigs­tens sag­te und glaub­te man. Die Kar­dinäle wa­ren ge­teil­ter Mei­nung: die­je­ni­gen die den Frie­den woll­ten, wähl­ten Ok­ta­vi­an, der sich als Papst Vik­tor IV. nann­te, die Geg­ner des Kai­sers je­nen Ro­land, der den ver­häng­nis­vol­len Auf­tritt auf dem Reichs­ta­ge zu Be­sançon her­bei­ge­führt hat­te; er hieß als Papst Alex­an­der III. Fried­rich hielt es für rich­tig, sich nicht selbst für einen Papst zu ent­schei­den, son­dern ein Kon­zil zu be­ru­fen; in Din­gen, die Gott be­trä­fen, sag­te er, ste­he ihm kein Ur­teil zu, aber er habe das Recht, Kon­zi­li­en zu be­ru­fen, wie Kon­stan­tin, Theo­do­si­us, Karl und Otto ge­tan hät­ten. Per­sön­lich bei­woh­nen tat er dem Kon­zil, das in Pa­via statt­fand, nicht. Nach lan­gen Un­ter­su­chun­gen und Zwei­feln er­klär­te sich die Ver­samm­lung für Vik­tor; die Ver­wer­fung Alex­an­ders wur­de da­mit be­grün­det, dass er sich dem Kon­zil nicht ge­stellt habe, dass er sich of­fen als Reichs­feind zei­ge, in­dem er sich mit Mai­land und Si­zi­li­en ver­bün­det habe, wo­durch die Zwie­tracht zwi­schen Kai­ser­tum und Pries­ter­tum ver­ewigt wer­de. Da die lom­bar­di­schen Städ­te im Au­gen­blick wehr­los wa­ren, blie­ben dem schis­ma­ti­schen Papst Alex­an­der nur zwei Mäch­te, auf die er sich stüt­zen konn­te: das Nor­man­nen­reich Si­zi­li­en und Frank­reich.

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