„Ja, es ist fast unheimlich.“
„Könnte ja mit schlechteren Leuten Ähnlichkeit haben, oder?“
Danach blättert Lena in Synnøves Fotoalbum. Darin gibt es Synnøve in jeglicher Form, allein oder zusammen mit anderen. Synnøve im Badeanzug und Synnøve im Regenmantel, aber immer in derselben Positur. Schwerer von-unten-nach-oben-Blick, geblähte Nasenlöcher, ein Lächeln, das viele Zähne zeigt, ein Lächeln, das nie die Augen erreicht. Synnøve, die samstags manchmal schon um sieben ins Bett geht statt auf ein Fest. Lena hat Synnøves Gründe immer für Bagatellen gehalten, sie war mit ihren Haaren oder mit anderen Nebensächlichkeiten unzufrieden, aber jetzt versteht Lena sie. Jetzt versteht sie, daß es nicht leicht sein kann, so hübsch zu sein wie Synnøve. Sie begreift, was das kostet. Synnøve – steinhart und souverän.
Was Synnøve über Stein gesagt hat, war ernst gemeint, aber es ist unmöglich. Er ist von ihr völlig unbeeindruckt. Manchmal gehen sie zusammen ins Kino, tanzen miteinander. Stein bringt Synnøve bis zur Haustür, mehr geschieht nicht. Das erhöht Synnøves Interesse an ihm, und sie glaubt, er verhielte sich so, weil er sie respektiert. Das erzählt sie Lena, und Lena wagt nicht, etwas dazu zu sagen. Sie kennt ihren Bruder. Er ist nicht der Typ, der mit anderen herumspielt.
Eines Abends platzt die Seifenblase. Alle vier sitzen in Lenas Zimmer, Kjell hat den Arm um sie gelegt. Da schlägt Synnøve zu.
„Du, Stein, sollen wir die Turteltauben nicht allein lassen? Wir gehen rüber zu mir, ich hab’ ein paar neue Platten, die wir hören können.“
„Okay“, sagt Stein, und Lena hört den Unwillen in seiner Stimme.
Lena sitzt wie auf glühenden Kohlen, Kjell grinst.
„Du brauchst keine Angst um deinen Bruder zu haben. Der kann schon auf sich selber aufpassen. Außerdem hat er wirklich kein Interesse. Er sieht dasselbe wie ich.“
Lena hat das Gefühl, Synnøve verteidigen zu müssen. „Sie ist nicht so, wie ihr denkt.“
„Ist sie das nicht?“ grinst Kjell.
Stein ist schon bald wieder da, allein. Er grinst, aber Lena sieht, daß er verlegen und wütend ist.
„Teufel auch“, sagt er. „Gehen wir, Kjell?“
„Die Stimme der Vernunft“, lacht Kjell mit neugierigen Augen. „Schlafenszeit für kleine Mädchen.“
Sie hört sie auf der Treppe lachen, und kaum ist die Tür hinter ihnen ins Schloß gefallen, da steht auch schon Synnøve in ihrem Zimmer. Eine Synnøve, die sie noch nie gesehen hat. Ihr Gesicht ist wutverzerrt, ihre Tränen strömen. „Ja, jetzt bist du wohl zufrieden, was? Hast du gehört, wie sie gelacht haben? O Gott, ich bring’ ihn um, ich bring’ ihn um, weißt du das?“
„Himmel, was hat er dir denn getan?“
„Getan? Getan?“ weint Synnøve hysterisch. „Gegrinst hat er. Weißt du das? Dieser Mistkerl, den du zum Bruder hast, hat über mich gegrinst! Und ich hab’ mir eingebildet, ich wär’ in ihn verliebt!“
„Aber ich hab’ dir doch gesagt, Synnøve, daß das keinen Zweck hat. Ich hab’ dich gewarnt. Oder etwa nicht?“
„Halt die Fresse! Ich weiß, was los ist. Ich bin nicht gut genug für ihn. Du hast ihm gesagt, wo ich herkomme, nicht wahr? Ich bin nicht gut genug für diesen Snob, bin nicht gut genug für deine feine Familie!“
„Synnøve, was redest du da! Was soll ich denn gesagt haben? Du glaubst doch wohl nicht, wir wären etwas Besseres als du?“
„Du lügst. Du hast ihm gesagt, wie arm wir zu Hause sind.“
„Synnøve, hör auf mit dem Quatsch!“
„Die Mühe kannst du dir sparen. Und bist du vielleicht was Besseres? Wie lebst du denn überhaupt? Du lebst, als wärst du schon verheiratet, oder? Und wenn das die feinen Familien von dir und Kjell wüßten? Wie? Nein, ihr könnt euch doch alle zum Teufel scheren. Du, dein Bruder, der ganze Dreck. Das seid ihr nämlich, Dreck, scheinheiliger Mist!“
„Synnøve“, flüstert Lena. „Bitte!“
„Bitte!“ äfft Synnøve sie höhnisch nach. „Scheiße!“
Wie gelähmt sitzt Lena da, als die Tür hinter Synnøve zugeschlagen wird. Stein hat Synnøve an ihrer empfindlichsten Stelle getroffen. Zum erstenmal in ihrem Leben hat Synnøve erlebt, daß ein Junge sie abgewiesen hat. Lena kennt sie gut genug, um zu wissen, daß sie das nie vergessen und daß sie, Lena, dafür bezahlen wird.
In den ersten Tagen redet Synnøve nicht mit ihr. Sie gehen nicht zusammen in die Schule, besuchen sich abends nicht mehr. Schließlich wird Synnøve wieder so wie in der ersten Zeit, überlegen, streitsüchtig, immer bereit zu spitzen Bemerkungen. „Na, wie geht’s dem Ehepaar? Sehen wir bald ein Ergebnis?“
Synnøve hat sich in der Schule einer besonderen Clique angeschlossen. Einer Clique, in der alle akzeptabel aussehen, tüchtig sind, die richtigen Kleider haben und überhaupt alle Voraussetzungen erfüllen, um populär zu sein. Wenn Lena ihnen begegnet, hört sie in ihrem Rücken ihr Lachen. Was Lena Synnøve erzählt hat, sickert durch, und sie bereut bitter, sich Synnøve dermaßen ausgeliefert zu haben. Ihre Klassenkameradinnen berichten ihr über den Klatsch, vieles ist gelogen, aber sie kann sich nicht dagegen wehren. Die Gerüchte kommen auch Kjell zu Ohren, und er ist wütend auf Lena, weil sie Synnøve so viel erzählt hat. Als ihn die Gerüchte über Stig erreichen, explodiert Kjell.
„Pfui Teufel, wie konntest du bloß so dumm sein!“
„Ich konnte doch nicht wissen, daß sie so gemein ist! Ich dachte, sie wäre meine Freundin.“
„Deine Freundin!“ schnaubt Kjell. „Weißt du, manchmal bist du so kindisch, daß es nicht zum Aushalten ist. Meinst du vielleicht, ich hätte das nicht gewußt? Das über dich und dieses Schwein? Ich hab’s aus seinem eigenen Mund gehört, Lena, als wir noch nicht zusammenwaren. Ich hab’ darauf gewartet, daß du das von selber erzählst. Du hast vielleicht gedacht, ich wär so blöd, daß ich das nicht begreife, was? Daß ich dich für eine Jungfrau gehalten habe? Aber dieser verdammten Kuh hast du alles erzählt, und nun weiß es die ganze Schule. Langsam hab’ ich genug, mehr als genug.“
„Heißt das, du willst Schluß machen?“ fragt sie mit steifen Lippen.
Er zuckt die Schultern. „Ich weiß nicht, Lena. Vielleicht.“ Und dann läßt er sie stehen.
Sie macht Synnøve schwere Vorwürfe, aber die streitet alles ab. Lena friert, als sie ihre kalten, zufriedenen Augen sieht.
„Zieh mich bloß nicht in deine Angelegenheiten hinein. Wenn du dumm genug gewesen bist, um mir alles zu erzählen, hast du es sicher auch anderen gesagt. Außerdem sind doch wohl noch mehr Leute aus deinem Dorf hier auf der Schule? Meinst du vielleicht, die wüßten das nicht? Hör bloß auf, das Unschuldslamm zu spielen, das ist doch unanständig, oder?“
Es hat keinen Zweck, gegen Synnøve zu kämpfen. Sie könnte mit gleicher Waffe zurückschlagen, erzählen, was Synnøve ihr anvertraut hat, aber sie kann sich nicht aufraffen, zu diesen Mitteln zu greifen. Außerdem würde ihr das auch nicht helfen. Würde ihr Kjell nicht zurückgeben.
Mehrere Tage hindurch geht er ihr aus dem Weg. Schließlich traut sie sich nicht mehr in die Schule. Als sie zwei Tage zu Hause geblieben ist, kommt er. Sie weint in seinen Armen, und er streichelt ihre Haare, drückt sie an sich. „Du mußt verstehen, Lena, ich wollte unbedingt Schluß machen. Du hast mich so enttäuscht, verstehst du das?“
„Ja, Kjell“, weint sie, „und das tut mir so schrecklich leid. Kann alles wie früher sein, was meinst du?“
„Ich weiß nicht, Lena. Vielleicht nicht. Vielleicht doch.“
„Es muß einfach möglich sein, Kjell. Ich weiß sonst nicht, was ich tun soll. Wenn alles wieder gut wird, dann werd’ ich dir nie mehr wehtun, dich nie mehr enttäuschen, das versprech’ ich dir, hörst du?“
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