Das Mädchen, das ich heiraten will, hat er gesagt; und sie lächelt und verspürt eine verwunderte Freude.
Livs Brautstrauß besteht aus roten Treibhausrosen.
Lena kann in der Kirche den zitternden Strauß auf Livs Schoß sehen, ihre Hände, die ihn hart umklammern. Über die Lehne des Brautstuhles baumelt ein Seidenband, an dessen Ende ein Hufeisen aus Myrten befestigt ist, hin und her, hin und her.
„Erfreut euch, liebe Seelen ...“
Lena friert, denn sie weiß Bescheid. Liv war ihre beste Freundin, bis Lena das Dorf verlassen hat. Sie kennt Livs Träume. Für Liv war es unmöglich, das Gymnasium zu besuchen. Ihre Eltern konnten sich das nicht leisten. Liv beneidete Lena, ließ aber nicht den Kopf hängen. Sie war ein munteres Mädchen und wußte, was sie wollte. Das vierjährige Lehrerseminar war ihr Ziel, aber dafür mußte sie 17 sein. Das würde sie dann selber schaffen, sie konnte dann ein Studiendarlehen bekommen. Als Lena aufs Gymnasium ging, hatte Liv bereits vom Seminar die nötigen Unterlagen erhalten. Sie war eifrig, im Winter wollte sie sich auf die Aufnahmeprüfung vorbereiten. Und das mit Erling ... Er war, wie so viele andere, hinter ihr hergewesen, aber Liv hatte die Sache nie ernstgenommen. Das weiß Lena. Hauptsächlich hat es ihr wohl geschmeichelt, daß er schon erwachsen war. Erling, der nie ein Buch aufmacht, der im Bus nach Festen in anderen Dörfern grobe Witze erzählt, Erling, der keine Musik mag. Und Liv geht in die Kirche, nur um die Musik zu hören.
„Erfreut euch, liebe Seelen,
ein Wunder ist geschehen,
von Engel zu erzählen ...“
Und Lena betrachtet den zitternden Brautstrauß, das baumelnde Band.
Die Hochzeit wird bei Erling zu Hause gefeiert. Im Brautzimmer ist der Gabentisch aufgebaut. Tassen und Schüsseln, Hausrat aller Art. Lena sieht, wie Liv die Rolle der erwachsenen Hausfrau übernimmt, wie sie in einer Schar von Frauen am Tisch steht, die alles befühlen. Kundige Hände, die Tücher und Läufer auseinanderfalten, der kurze Blick auf die Unterseite einer Tischdecke, um festzustellen, ob alles ordentlich verarbeitet ist.
Sie bleiben eine Weile allein. Liv läßt sich auf einen Stuhl plumpsen, wirft die hochhackigen Schuhe beiseite, die an ihren geschwollenen Füßen einen roten Rand hinterlassen haben. Sie streckt sich aus, lehnt den Kopf zurück, schließt die Augen. Ihre Arme hängen schlaff über die Armlehnen. Das glänzendweiße Taftkleid betont eher, wie es um sie steht, als es zu verbergen. Liv war genauso dünn wie Lena. Ihr rundes Kindergesicht ist blaß und angespannt, rote Flecken zeigen sich an Hals und Wangen.
„Bist du erschöpft, Liv?“
„O Gott, ich wünsch’ mir so sehr, alles wär’ schon vorbei!“
„Du? Du und Erling, ich hätte nie geglaubt ...?“
Liv sieht sie trotzig an. „Erwähn’ das nicht, hörst du? Ich hab’ den gekriegt, den ich haben wollte, das ist alles. Hast du das gehört, Lena?“ Und ihre Augen sind blank.
„Liv, bei mir kannst du doch ehrlich sein?“
„Ehrlich? Und was kann das wohl helfen?“
In diesem Moment kommt Erling mit einer Schar von Kameraden hereingestürmt. Liv springt auf, steigt in die Schuhe, zieht Kleid und Schleier gerade.
„Hier sitzt ja die Braut. Du kommst jetzt besser mit, die Jungs wollen den Brauttanz, weißt du“, sagt Erling.
„Ich mußte mich bloß einen Moment hinsetzen.“
„Du mußt aufpassen, daß sie nicht schon vor der Hochzeitsnacht erschöpft ist“, witzeln die anderen.
Erling tritt hinter Liv, legt seine großen Hände um ihren Bauch. „Ach, die härteste Arbeit ist schon getan, nicht wahr, Liv?“ grinst er. „Sie ist handfest, Jungs, oder? Wirklich was zum Anfassen.“
Liv lacht, muß sich an diesen groben Scherzen beteiligen, aber Lena sieht ihre Augen, das glühende Gesicht. Keiner der Männer ist nüchtern. Erling ist über seinem weißen Kragen rot und verschwitzt. Lena sieht seine hohen Geheimratsecken. Sie sieht die großen Hände auf Livs Bauch, denkt an seinen behaarten Körper, den sie beim Baden gesehen hat, an seine groben Ausdrücke, wenn er von Frauen redet ...
In den ersten Wochen nach Weihnachten sind sie abends nicht mehr so oft zusammen. Kjell macht die Schule dafür verantwortlich, während ihr Unruhe und Nervosität das Konzentrieren unmöglich machen. Stundenlang kann sie mit einem ungeöffneten Buch auf dem Sofa liegen, der Musik im Radio lauschen, die Decke anstarren, untätig. Sie vermißt ihn immer, wenn er nicht da ist. Manchmal hat sie Angst, daß er sie nicht mehr will, daß alles zwischen ihnen zu Ende ist, aber in den Pausen, wenn sie zusammen essen, wenn sie mit anderen zusammen sind, ist er derselbe. Sie sieht die Wärme in seinen Augen, spürt die Sicherheit, wenn er sie an sich drückt.
„Es geht gut, Lena, nicht? Bin ich vielleicht nicht tüchtig?“
Für kurze Zeit fühlt sie sich wieder sicher, froh, aber wenn sie allein ist, kehren Unsicherheit, Sehnsucht zurück. An den Wochenenden besuchen sie öfter als früher Feste, tanzen miteinander. Sie spürt die gute Kameradschaft, die sie verbindet. Spürt Wärme im Körper, wenn sie tanzen. Sie spürt, daß er sie will, spürt seine Erwartung, aber jetzt hat sie keine Angst; sie bereut, daß sie nicht eher mit ihm geredet hat.
Am schwierigsten ist es, wenn sie allein miteinander sind. Sie sieht, daß es ihm schwerer fällt als ihr, sie hat ihn nie so geliebt wie in dieser Zeit. An einem Samstagabend liegen sie auf dem Sofa. Sie liegen schon seit Stunden da, schwitzend und erschöpft, vollständig angezogen. Ihr Gesicht ist wund, ihre Lippen sind geschwollen, ihr Körper brennt, aber dennoch genießt sie es, seinen Körper an ihrem zu fühlen, ist froh, weil sie so zusammensein können, fühlt sich sicher, weil er sie nicht dazu drängt, weiterzugehen. Es ist so schön, sie hat ihn unglaublich lieb. Da schiebt er sie weg.
„Geh jetzt, Lena.“
Sein Gesicht ist nicht wiederzuerkennen, fremd. Er setzt sich auf, stützt seine Stirn auf die angezogenen Knie. „Du sollst gehen, hörst du?“
„Was hab ich denn getan?“
„Was du getan hast? Bitte, geh.“
Ihr ist schlecht. Mit steifen Fingern zieht sie ihren Mantel an, setzt sich zu ihm aufs Sofa. „Ich kann doch nicht einfach so gehen? Du mußt doch sagen, was los ist?“
„Es tut weh, Lena. Verstehst du das denn nicht? Es tut so verdammt, verflixt weh.“
„Ich kann doch nicht gehen, wenn dir etwas weh tut, das mußt du doch einsehen“, sagt sie weich. „Mir tut es auch weh.“
„Lena“, sagt er verzweifelt. „Du begreifst gar nichts.“
„Doch, Kjell, das tu ich.“
„Wenn du mich liebst, Lena, dann geh jetzt. Wir reden morgen über alles.“
„Hast du mich denn lieb? Jetzt weiß ich wirklich nicht, was ich glauben soll.“
„Ob ich dich lieb habe? Aber begreifst du denn nicht, gerade das ist doch so schlimm! Sonst könnte ich mir diese Hölle ersparen!“
Sonntagvormittag lernt sie, ruhig und sicher. Als er sie zum Essen abholt, gleitet sie still in seine Arme. Er hält sie von sich ab, erstaunt über ihre Augen, die ihn anstrahlen.
„Lena, ich hatte solche Angst, ich könnte dich gestern erschreckt haben.“
„Mich erschreckt haben? Aber Kjell, wo ich mich doch so schrecklich gefreut habe!“
„Gefreut?“
„Ja, ich liebe dich, Kjell.“
Er versteckt sein Gesicht in ihren Haaren. „Mein dummes, komisches Mädchen.“
Sie halten einander an den Händen. Der Schnee knirscht unter ihren Stiefeln, eine blasse Februarsonne hängt tief am Himmel.
„Ich bin so froh“, singt sie und schlingt die Arme um ihn, vergräbt ihr Gesicht an seinem Hals. „Ich bin so froh, weil ich den besten Jungen auf der Welt habe!“
Er lacht, und von seinem Atem wird ihr Nacken naß und kalt.
Nach dem Essen sitzen sie in seinem Zimmer. Er hat von Zuhause einen Kuchen bekommen. Mit Kuchentellern und Kaffeetassen sitzen sie einander gegenüber auf dem Sofa, wie immer, wenn sie sich unterhalten. Sie reden über alles Mögliche, sie hat das Gefühl, ihm ganz nah zu sein. Von der Kälte draußen sind ihre Wangen heiß und rot, und sie zieht den dicken Pullover aus. Sitzt im Schneidersitz in ihren Jeans, in dünnem weißen Pullover da, im Pferdeschwanz ein rotes Band, sie spürt seinen Blick.
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