„Für dich ist wohl gar nichts schwer, Synnøve, oder?“
„Ich hab’ jedenfalls gelernt, daß ich den Problemen nicht hinterherlaufen darf, aber wir reden jetzt von dir. Wenn das so ist, Lena, dann darfst du nicht. Du mußt an dich selber denken. Ihm darfst du einfach nicht glauben. Du mußt damit rechnen, daß er auch nicht mehr weiß als du.“
„Wie machst du es denn?“
„Bin ausgewichen, wenn das ging. Und er durfte nie kommen, wenn er in mir war. Auch mit Kondom nicht. Die Dinger können Löcher haben, weißt du das? Ich kenn’ eine, die dadurch schwanger geworden ist. Du darfst nicht, Lena.“
„Glaubst du, mit mir stimmt was nicht, Synnøve?“
„Vielleicht, aber ich kenn’ noch mehr, denen es so geht wie dir. Bist du mal beim Arzt gewesen?“
„Spinnst du? Zu wem sollte ich denn wohl gehen? Zu Kjells Vater etwa? Zum Schularzt hier? Hältst du mich denn für blödsinnig?“
„Du kannst doch in die Stadt fahren?“
„Und woher soll ich das Geld nehmen? Außerdem trau’ ich mich nicht. Dann muß es eben so weitergehen.“
„Mit Kjell?“
„Ja, jedenfalls damit.“
„Sag ihm das doch und sieh dann weiter.“
„Verflixt, warum muß denn alles so schwierig sein?“
„Ja, das ist eine gute Frage, Lena. Du kannst ja versuchen, nein zu sagen, wenn er das nächstemal fragt, ob es schön für dich ist.“
„Hast du das schon mal gemacht?“
„Nein. Nein, natürlich hab ich’s nicht gemacht. Das geht nicht, dann glauben sie bloß, mit uns stimmt was nicht.“
„Synnøve, woher weißt du eigenlich so viel?“
„Weil ich gelernt hab’, Lena. Weil ich Augen und Ohren aufsperre, weil ich das hier benutze, verstehst du“, sagt sie und klopft mit einem Fingerknöchel an ihre Schläfe. „Und dann hab’ ich ja meine Schwestern vor Augen. Beide haben früh geheiratet. Mein Bruder und seine Frau waren erst achtzehn. Jetzt sitzen sie da mit den Kindern und haben kein Geld. Mein Bruder muß im Winter auf dem Bau arbeiten und im Sommer auf dem Hof helfen. Er und Turid haben eine Mansarde für sich, sonst sind sie immer mit meinen Eltern zusammen. Armes Mädchen. So ähnlich geht es auch meinen Schwestern. Aber sie sind ja selber dran schuld. Mir tun sie nicht leid. Sie sind wie meine Mutter. Haben einfach keine Energie.“
„Aber magst du deine Geschwister denn nicht?“
„Mögen? Doch, schon, aber ich komm’ mir so ganz anders vor. Begreifst du das? Die einzige Ähnlichkeit zwischen uns ist, daß wir aus demselben Bauch gekommen sind.“
„Synnøve! Jetzt redest du häßliche Sachen, pfui Spinne, wie häßlich. Daß du sowas sagen kannst, wo du doch weißt, daß deine Eltern sich abplacken, damit du zur Schule gehen kannst! Deine Geschwister vielleicht auch.“
„Hab’ ich darum gebeten, auf diesem blöden Hof geboren zu werden? Das ist sowieso gar kein Hof, das ist höchstens eine Hütte. Kannst du dir vorstellen, wie das ist?“
„O ja, ein bißchen weiß ich schließlich auch Bescheid.“
„Du! Wo dein Vater einen Laden hat. Bei euch zu Hause ist es sicher schön, Bücher im Regal, feine Möbel, alles sauber. Bei euch riecht’s bestimmt nicht nach dem Dreck von schmutzigen Stallstiefeln, Lena? Oder?“
„Doch, das kommt auch vor.“
„Quatsch. Und dann bist du mit dem Sohn vom Arzt zusammen. Du weißt ja gar nicht, wovon du redest. Mein Vater arbeitet im Winter auf dem Hof, meine Mutter schuftet sich mit allem anderen ab. Sie sieht aus wie 70, ich schäm’ mich, mit ihr zusammen unter die Leute zu gehen. Weißt du, wie schlimm das ist? Aber ich werd’ nicht so. Niemand wird mir mein Leben kaputtmachen, kein Kerl, niemand.“
„Gehst du deshalb nicht mit irgendwem, fest, meine ich?“
„Ja, das ist es ja. Ich will nicht. Ich finde, es gibt wichtigere Dinge, als an einem hängenzubleiben, der nicht vorwärts kommen kann.“
Lena sieht das harte Gesicht an, findet es einen Moment lang fast häßlich. Synnøve bemerkt ihren Blick und lächelt. Ihr Gesicht glättet sich, ist wieder hübsch.
„Zum Henker mit dir, Lena. Jetzt hast du mich zum Reden gebracht. Aber du verrätst niemandem etwas, ist das klar? Übrigens hätte ich eigentlich Lust auf Stein“, lächelt sie. „Ich glaub, der will was erreichen. Will er sich nicht um einen Platz in Zahnmedizin bewerben?“
„Dumme Kuh. Bei Stein gibt’s keine Hoffnung. Der geht zu Hause mit einer. Übrigens ein nettes Mädchen. War auf der Handelsschule. Dieses Jahr hilft sie ein bißchen bei uns im Laden aus, und sie lernt Sprachen, Korrespondenz. Nicht schlecht, finde ich.“
„Und ansonsten dreht sie Däumchen und wartet auf ihn?“
„Nehm’ ich an.“
„Wir werden sehen“, grinst Synnøve, und ihre Augen funkeln.
Nein, Lena wird aus Synnøve nicht klug. In vieler Hinsicht ist sie ihr eine Stütze, aber vieles von dem, was sie sagt, verstört Lena. Synnøve weiß so viel, nicht nur über Jungen, Lena lernt viel von ihr. Synnøve bringt Lena bei, ihr Haar so zu tönen, daß es dunkler wird und glänzt. Sie bringt ihr bei, sich zu schminken, vorsichtig nur, damit Kjell sich nicht aufregt. Er findet Mädchen, die sich zu stark schminken, vulgär. Und Lena lernt, ihre Kleider anders zu tragen. Einen Schal fesch zu binden, ihre Haare anders zu kämmen, in diesem Bereich gibt es fast nichts, was Synnøve nicht weiß. Sie hat eine Schublade voller Zeitungsartikel mit guten Ratschlägen für alles, was mit Kleidern und Aussehen zu tun hat.
Synnøve verbringt viel Zeit mit ihrer Körperpflege. Benutzt die Höhensonne. Bräunt nach und nach ihren ganzen Körper. Vierzehn Tage mit Sonne, vierzehn Tage ohne. Lena darf die Höhensonne leihen, wird aber nur rot und schält sich. Sie gibt auf.
„Du bist so ungeduldig“, meint Synnøve.
„Ich hab’ nicht solche Haut wie du!“
„Quatsch. Das ist die reine Willensfrage. Mir ist’s zu Anfang auch nicht anders gegangen.“
Für Lena ist es nur anstrengend. Sie schafft es nicht. Und Synnøve macht abends auf ihrem Zimmer Gymnastik. Lena findet schon das Schulturnen mehr als genug. Einmal vertraut Synnøve ihr an, daß ihre goldenen Haare eigentlich aschblond sind. Sie hat sie schon mit 14 getönt. Sie zupft sich die Augenbrauen, entfernt Haare, immer soll irgend etwas noch besser werden. Lena begreift das nicht. Synnøve hat das doch nicht nötig, sie ist auch ohne das alles schön genug. Sie hat einen Kasten voller Cremes und Schminksachen aller Art. Wenn sie morgens verschlafen hat, herrscht Katastrophenstimmung. Lena stürzt mit zerzausten Haaren und schlaftrunkenen Augen aus dem Haus. Synnøve schwänzt lieber die erste Stunde, als bei ihrer Morgenkosmetik zu pfuschen.
Eines Tages durchwühlt Lena Synnøves Schminksachen.
„Meine Güte, wie kannst du dir das alles bloß leisten?“
„Die Frage ist doch einfach, was dir wichtig ist. Manchmal das Essen ausfallen lassen, Aufschnitt, unnötige Sachen.“
Unten im Kasten liegt ein Stück Karton. Es ist ein Bild von Lauren Bacall, vollgekritzelt mit Pfeilen und Strichen. Lena wird es heiß. Sie fühlt sich wie ein Voyeur am Schlüsselloch, der Synnøve beim Ausziehen beobachtet hat. Denn nun weiß sie, mit wem Synnøve Ähnlichkeit hat, begreift auch, daß sie sich beim Schminken an diesem Bild orientiert. Der grüne Lidschatten, die goldenen Haare, der schwere Blick, die Art, wie sie ihre Wangen einsaugt. An der Wand hängt ein großes Foto desselben Gesichts. Lena starrt es schokkiert an. Himmel, Synnøve ist wirklich tüchtig. Die Ähnlichkeit ist unverkennbar, fast schon unangenehm.
„Du, Synnøve, weißt du, mit wem du Ähnlichkeit hast?“
„Nein? Mit wem denn?“
„Mit der da“, sagt Lena und zeigt auf das Bild.
„Wie witzig“, meint Synnøve leichthin. „Weißt du, das hat mir auch mal einer gesagt, als wir zusammen im Kino waren. Findest du das wirklich?“
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