„Aber warum tust du’s dann?“
„Weil’s dazu gehört.“ Synnøve schneidet eine Grimasse.
Sie streckt ein langes Bein aus. Wackelt mit dem nackten Fuß unter der engen Hose. Spreizt braune Zehen mit rosa Nagellack, streckt den Fußrücken, betrachtet ihr Bein, lacht leise. „Aber alles vorher finde ich verdammt toll!“
„Vorher? Wieso denn?“
„Daß er mich mag, verstehst du. Daß er meinen Körper toll findet, daß er mich gut findet. Sehen, wie blöd er sein kann. Bist du jetzt schockiert, oder was?“ lacht Synnøve und springt auf, streckt die Arme zur Dekke. Lena betrachtet den schönen Körper in hautenger, schwarzer Hose und weißem, engem Rollkragenpullover voller Mißgunst. Sie könnte die Einlagen auch aus dem BH nehmen. Synnøve braucht keine.
„Okay, Lena. Keine Panik. Mit Kjell, meine ich. Aber er soll sich vorher ein bißchen anstrengen. Das ist ein guter Rat. Ich weiß, wovon ich rede!“
„Blöde Kuh“, lacht Lena matt.
Aber das Gespräch mit Synnøve hat sie verstört.
Im dunklen Kinosaal scheinen sie und Kjell ganz allein zu sein. Sie spürt den rauhen Stoff seiner Tweedjacke an ihrer Wange, als er den Arm um ihre Schultern legt. Spürt, wie seine Finger auf der bloßen Haut zwischen Pullover und Jeans spielen. Manchmal küßt er sie vorsichtig auf die Wange, zupft sie am Ohrläppchen, und wie immer läuft bei seinen Berührungen ein Schauer durch ihren Körper. Die Stimmung im Saal, die Musik, das Geschehen auf der Leinwand, alles verstärkt diese Gefühle, ihre Gefühle für ihn. Sie ist hilflos verliebt, steckt voller Empfindungen, mit denen sie nicht umgehen kann.
Sie sehen den Film über Glenn Miller, und um sie herum kocht der Saal. Der Film wird schon den dritten Abend gegeben, und die meisten sehen ihn auch zum dritten Mal. Sie kommen, um die Musik zu erleben: In the mood, String of pearls , Gene Krupa am Schlagzeug, Louis Amstrong mit Basin Street Blues , und sie weinen in der Schlußszene zusammen mit June Allyson, die Glenn Millers Frau spielt.
Engumschlungen verlassen sie das Kino, sie und Kjell, wortlos, einfach nur zusammen. Ab und zu bleiben sie stehen, küssen sich, stehen still, ganz nah. Sie spürt seinen schnellen Atem an ihrem Gesicht. Und engumschlungen gehen sie weiter. Die Klänge von Moonlight Serenade brausen durch ihren Kopf, nein, nicht im Kopf, überall in ihr, in den Nerven, unter der Haut; der Haut, die von Kjells Händen so warm ist.
Leise schließen sie Kjells Tür auf. Umarmen sich noch im Mantel, küssen sich. Vorsichtig hilft er ihr aus der Jacke, dann lächelt er schnell, sucht im Plattenstapel, und Moonlight Serenade erklingt im Zimmer, in ihr, bis zu den Fingerspitzen.
Engumschlungen liegen sie auf dem Sofa, sie sieht sein Gesicht über sich, sieht die dunklen Schatten, die über sein Gesicht jagen, ehe er das Licht löscht. Seine Hände suchen ihren Körper, ihre Hände wollen ihn abwehren.
„Nein, Kjell!“
„Doch, Lena, doch!“
Es ist schon oft so gewesen, aber trotzdem ist es heute anders. Alles ist an diesem Abend anders. Sie will, an diesem Abend will sie, und ihre Hände streicheln zaghaft seinen Körper, er hilft ihren Händen und sie finden sich zurecht, und als sie die weiche, weiche Haut berührt, wird ihr ganz warm und sie ist froh über das dunkle Zimmer.
„Kjell?“
„Ja, Lena, ich hab’ dich lieb, Himmel, du machst mich verrückt!“
Sie kämpfen mit den engen Kleidungsstücken, bis sie nackt daliegen und sie seinen harten Körper über ihrem spürt. Als er in sie hineinkommt, schluchzt sie und schließt ihre Arme hart um ihn.
„Lena, o Lena, du weißt ja nicht ...“, aber er verläßt sie wieder.
„Kjell, was ist los?“ fragt sie ängstlich.
Er fummelt auf seinem Nachttisch herum. „Wir müssen vorsichtig sein.“
Sie läßt sich zurücksinken, ihr wird kalt, ach Gott, ihr Körper wird kalt und gefühllos, während Kjell weiterfummelt, und sie weiß, was es ist und wird verlegen, würde am liebsten weglaufen. Er wird etwas benutzen, natürlich wird er das, und darüber sollte sie froh sein, aber ihre zurückgehaltenen Tränen schmerzen. Und als er wieder zu ihr kommt, ist es kalt und schmerzhaft, aber es dauert nicht lange, zum Glück dauert es nicht lange. Sie umklammert seinen Rücken und will warm für ihn sein. „Ach Kjell, du weißt ja nicht, wie lieb ich dich habe!“
„Lena, du bist wunderbar, du bist wunderbar!“
Und sie blickt über seine Schulter, sieht im schwachen Schein der Straßenlaternen die Umrisse des Zimmers. Irgendwo an einem kalten Punkt in ihrem Hinterkopf steht eine andere Lena und beobachtet sie. Lena, was tust du?
Er sinkt über ihr zusammen und die Kälte kriecht über ihre Haut und erfüllt sie.
„Kjell, hast du mich lieb?“
„Himmel, Lena, daß du das fragen kannst! Ich liebe dich!“
Als er sie verlassen will, hält sie ihn fest, schluckt ihr Schluchzen hinunter, streichelt den lockigen Kopf, der auf ihrer Brust ruht. „Nein, Kjell, geh’ nicht, noch nicht, bitte.“
„Wart einen Moment“, sagt er. Und als er am Waschbecken steht, wagt sie nicht, hinzusehen, obwohl sie im Halbdunkel nur seinen Schatten sieht. Schnell wirft sie sich ihre Kleider über, sieht, daß er dasselbe tut.
Als er das Licht einschaltet, sticht es in ihren Augen und im ganzen Körper. Er zündet beiden eine Zigarette an, setzt sich aufs Sofa, fährt sich durch die Haare, sieht sie kurz an, lächelt. „War das schön für dich?“
Sie nickt, erwidert sein Lächeln, Meilen scheinen zwischen ihnen zu liegen.
Er blickt sie forschend an und sie schluckt, während ihr vor Angst kalt wird.
„Du, Lena, kann ich dich etwas fragen?“
„Ja, was denn?“ fragt sie mit dünner Stimme.
„Ach, eigentlich gar nichts. Du, morgen müssen wir in die Schule. Ich bring dich jetzt nach Hause.“
„Ja. Ja, das ist vielleicht das beste.“
Aber sie will nicht nach Hause. Will nicht. Er soll sie in den Arm nehmen, lange. Das will sie. Er soll sagen, daß er sie liebhat, soll nah, warm sein, aber sie wagt nicht, das zu sagen, wagt jetzt nicht, darum zu bitten.
„Kjell“, sagt sie, als sie schon ihre Jacke angezogen hat. „Machst du dir was aus mir – immer noch?“
Da zieht er sie hart an sich. „Ja, Lena, das tu’ ich. Du bist mein Mädchen, vergiß das nicht. Jetzt bist du nur noch mein Mädchen.“
„Ja, Kjell, das weißt du doch.“
„Das ist mein Ernst. Weißt du das, Lena?“
Zu Hause in ihrem Zimmer zieht sie sich schnell aus und krümmt sich unter der Decke zusammen. Tränen wallen in ihr auf. Kjell, o Himmel, Kjell. Er hat nichts gesagt, hat nichts dazu gesagt, daß er nicht der erste war. So ist Kjell. Er ist nicht wie andere, das hätte sie wissen sollen. Aber trotzdem – hier, allein unter der Decke, einsam, läßt sie Angst und Enttäuschung freien Lauf, denn es war nicht anders und so darf sie nicht denken. Es darf nicht so sein, nicht mit Kjell.
Vorher, als sie zusammen aus dem Kino kamen, schien alles so richtig zu sein. Es war so richtig. Aber danach war er so fremd und seltsam. Wieder erfüllt sie die kalte Angst. Die Angst, ihn zu verlieren, die Angst vor dem kommenden Tag. Wie wird es sein, ihm in der Schule zu begegnen?
Sie sieht ihn erst in der ersten Pause. Angespannt, mit einem zitternden kleinen Lächeln geht sie auf ihn zu, spürt, wie ihr Gesicht heiß und rot anläuft. Sie hat das Gefühl, allen zu verraten, was zwischen ihnen passiert ist, aber er ist wie immer. Mit derselben Selbstverständlichkeit wie früher legt er ihr den Arm um die Schultern, drückt sie an sich.
„Gut geschlafen?“
Sie schluckt. „Ja. Du auch?“
Und ansonsten ist alles wie vorher. Er sagt nichts, und die Erleichterung verjagt Enttäuschung und Angst. Es war schön. Es war trotzdem anders. Natürlich war es das. Sie ist einfach dumm, dumm und kindisch.
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