„War das hier auch geplant?“ fragt sie, als sie sich in die Decke gewickelt haben und wieder hinsetzen.
„Aber sicher“, lacht er. „Aber verdammt, das war eher kalt als romantisch.“
Es ist eine dieser warmen, dunklen Nächte, die im Sommer hier vorkommen. Die Felswand hinter ihnen ist immer noch sonnenwarm. Sie haben die Decke über sich gebreitet und trinken Wein, schmusen, reden. Die kostbaren Stunden rinnen ihnen durch die Finger.
„Kjell, was sagen deine Eltern dazu, daß wir zusammen sind?“
„Die finden das großartig. Mutter findet dich nett und sehr sympathisch, und dann verläßt sie sich auf uns“, äfft er seine Mutter nach.
„Sie sollte uns jetzt sehen!“
„Himmel, dann würde sie einen Anfall kriegen. Ich glaub, sie kann sich einfach nicht vorstellen, daß sowas passiert.“
„Und dein Vater?“
„Der? Der hat mich schon vor langer Zeit zu einem Gespräch unter Männern aufgefordert.“
„Was bedeutet das?“
„Er hat gefragt, ob ich Kondome benutze.“
„Und was hast du gesagt? Was hast du geantwortet?“ fragt sie schockiert.
„Ich hab natürlich ‚ja’ gesagt.“
„Aber was hat er dazu gesagt?“
„Er findet das vernünftig von uns.“
„Kjell! Dann weiß er das ja! Hast du nicht daran gedacht, wie peinlich das für mich ist?“
„Red doch keinen Quatsch, Lena. Er ist realistisch, und außerdem ist er Arzt. Meinst du denn, der hat sich das nicht schon längst gedacht? Meine Mutter, die schwebt in einer Welt, in der im Grunde alles anständig und hübsch ist. Mein Alter lacht bloß darüber.“
„Er lacht über deine Mutter?“
„Ja, aber das ist nicht böse gemeint. Er trägt sie auf Händen. Läßt sie denken, was sie denken möchte.“
„Das ist nicht richtig von ihm.“
„Doch, sicher ist das richtig. Das werd’ ich auch eines Tages machen, dich auf Händen tragen.“
„Und wenn ich das nicht will?“
„Ach, das willst du bestimmt.“
Als sie nach Hause rudern, ist die Nacht dunkel und seltsam. Meeresleuchten glitzert um die Ruder; wenn er sie hebt, funkeln die Tropfen. Das Wasser phosphoresziert um ihre Finger, die sie ins Wasser hängen läßt. Sie sitzt hinten im Boot. In ihr zieht der Schmerz sich zusammen, alles, was sie in diesen Stunden verdrängt hat. Morgen wird er fahren.
„Wir verabschieden uns nicht jetzt“, sagt sie, als er geht. „Ich komm’ an den Bus.“
Aber der Bus weckt sie am nächsten Morgen auf, als er quietschend vor dem Laden anhält. Sie fährt hoch, aber ehe sie richtig wach ist, sieht sie ihn auch schon hinter dem Hügelkamm verschwinden.
Nackt kriecht sie unter der Decke zusammen. Ihr Körper riecht nach Meerwasser. Ihr Kleid hängt zerknüllt über dem Stuhl, fleckig von Salzwasser und Rotwein. Sie reißt es an sich und vergräbt ihr Gesicht darin. Es riecht auch. Es riecht nach Kjell, See und Felsen, Heu und Strandhafer, und sie wirft es in die Ecke. Er ist fort. Vor ihr liegt eine Ewigkeit aus grauen Tagen. Sie wird ihn erst zu Weihnachten wiedersehen.
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