„Du, Vater, ich möchte dir etwas sagen! Nichts auf der Welt ist so schön wie zu Hause zu sein.“
„Meinst du das, Lena“, lacht er verlegen. „Nein, es ist wohl nicht immer so leicht. Ist es sicher nicht, nein.“
Freundinnen, alles, was früher wichtig war, war in diesem Herbst so weit weg. Nun freut sie sich darauf, sie wiederzusehen. Als sie mit den anderen Mädchen am zweiten Weihnachtstag zu einem Plauderstündchen beim Fest im Jugendheim sitzt, während sie darauf warten, daß der Tanz richtig in Gang kommt, erzählt sie munter von der Schule, ihrem Zimmer, gibt Anekdoten wieder. Plötzlich fällt ihr das Schweigen auf. Und sie sieht alles, Neid, Widerwillen, Feindseligkeit, aber auch Bewunderung. Sie wird warm, hektisch, das will sie nicht. Sie ist doch noch dieselbe, auch wenn sie aufs Gymnasium geht? Fieberhaft plappert sie weiter. Sie müssen doch auch erzählen, wie geht es ihnen, was machen sie? Nein, sie haben nicht so viel zu erzählen. Ingrid arbeitet in der Stadt im Haushalt, Kari auch. Astrid arbeitet in einem Laden, geht abends zur Handelsschule, da gibt’s nicht so viel zu erzählen. Sie bauen eine Mauer zwischen Lena und sich. Das tut weh, das tut schrecklich weh. Es ist eine Erleichterung, daß Kjell kommt und sie auffordert.
Auch hier ist sie also nur mit Kjell zusammen. Sie tanzen miteinander, nicht mit den anderen, und sie gehen, bevor das Fest zu Ende ist. Zum erstenmal läßt Lena beim Fest im Jugendheim den letzten Tanz aus.
Sie gehen zu Kjell nach Hause, und zum erstenmal betritt Lena unter solchen Umständen sein Haus. Sie ist auch früher schon hier gewesen, aber dann hatte immer ihre Mutter sie geschickt. Sie hat die feinen Zimmer voller Ehrfurcht betrachtet. Sie kennt Kjells Eltern, kennt seine Mutter und kennt sie doch nicht. Sie ist eine Arztfrau, und Lena hat sie mit derselben Ehrfurcht betrachtet wie das Haus. Kjells Mutter und ihre Mutter sind Mitglieder in denselben Vereinigungen. Sie besuchen sich ab und zu, aber an ihrer Mutter, wenn sie mit Kjells Mutter sprach, hat sie dasselbe gesehen, was sie heute abend an ihren Freundinnen bemerkt hat.
Im Flur zögert sie, ist geniert und ängstlich. „Geht das denn überhaupt, Kjell?“
„Warum sollte das denn nicht gehen? Hast du Angst vor Mutter? Die beißt nicht. Hat bloß Angst, daß ihr Kronprinz an ein Luder gerät. Reg’ dich ab. Ich hab’ von uns erzählt. Große Begeisterung.“
Kaum stehen sie im Wohnzimmer, da erscheint auch schon Kjells Mutter in Morgenrock und Pantoffeln. „Nein, wie schön, daß ihr so früh kommt. Hier zu Hause ist es gemütlicher, was? Ich hab’ so viele schreckliche Dinge über diese Feste gehört, nur Betrunkene und Krach, sagen alle.“
„Ach Mutter! Du hast doch nicht auf uns gewartet? Du bist einfach hoffnungslos.“
„Ich geh’ gleich wieder ins Bett, lieber Kjell, aber ich habe euch ein paar Brote gemacht, und im Kühlschrank findest du kaltes Bier.“
„Ja, schön, Mutter, und du kannst wirklich ganz beruhigt schlafen gehen. Hier werden keine Katastrophen passieren“, grinst er.
„Aber Kjell!“ Sie lächelt Lena zu. „Er ist eben so, nicht wahr? Und du bist ja erwachsen geworden. Weißt du, sein Vater und ich, wir finden das so schön, daß ihr beiden jungen Leute euch gefunden habt.“
Lena ist schrecklich heiß, und sie wird rot. Flehend blickt sie Kjell an.
„Nun hör bloß auf, Mutter. Lena wird ja ganz verlegen, siehst du das nicht?“
Sie lacht und klopft Lena auf die Wange. „Du brauchst doch nicht verlegen zu werden, meine Liebe. Es ist wirklich nur schön, ein junges Mädchen zu sehen, das noch rot werden kann.“
„Sie ist nicht so schlimm, wie sich das anhört“, sagt Kjell.
Lena sitzt auf dem tiefen Sofa, sieht sich im großen Zimmer um. So hat Kjell gelebt, mit Parkettfußboden, schönen Teppichen, Klavier, feinen Möbeln, Bildern, Kunst an den Wänden.
Als er sich auf dem Sofa ausstreckt und sie zu sich hinunterziehen will, wehrt sie sich. „Nein, Kjell, nicht.“
„Wieso nicht? Hast du Angst vor den Alten? Die schlafen.“
Sie streift die Schuhe ab, und sie sitzen sich gegenüber auf dem Sofa. Dann erzählt sie von Liv.
„Ist das nicht schlimm, Kjell?“
„Dumm. Das hätten sie doch vermeiden können. Das ist ihre eigene verdammte Schuld, Lena.“
„Aber begreifst du denn nicht, Kjell? Uns beiden hätte das auch passieren können.“
„Uns beiden? Quatsch. Solche Risiken gehen wir doch nicht ein.“
„Tun wir das nicht?“
„Wovon redest du jetzt?“
„Ich meine bloß, Kjell, daß nichts sicher ist“, sagt sie leise.
„Lena, du bist doch nicht ...?“
„Nein, Kjell, das bin ich nicht, aber das haben wir nicht uns selber zu verdanken. Nenn’ das lieber Glück.“
„Was versuchst du mir eigentlich zu sagen?“ fragt er und sieht sie an.
Sie wagt nicht, ihm in die Augen zu sehen, schluckt. „Können wir nicht versuchen, es zu lassen? Ohne ist es doch auch schön, oder nicht? Ich meine, es ist doch sicher nicht notwendig, daß wir so zusammen sind?“
„Das meinst du doch nicht im Ernst, Lena! Notwendig? Ich versteh’ das nicht. Ich kann doch nichts versprechen, was ich sowieso nicht halten kann!“
„Ich schaff’ das, das weiß ich, Kjell. Ist das für dich denn schwerer?“
„Ja. Das kann ich dir sagen, für mich ist es schwerer. Nenn’ es von mir aus notwendig. Weißt du, warum? Weil ich dich liebe. Ich liebe dich wohl mehr als du mich.“
„Aber davon ist doch gar nicht die Rede! Ich liebe dich doch auch. Das weißt du doch! Ich hab’ Angst, begreifst du das denn nicht? Die Sache mit Liv, die hat mir eine Höllenangst eingejagt!“
„Wenn du das wirklich meinst, dann können wir überhaupt nicht mehr zusammen sein. Dann machen wir besser Schluß.“
„Jetzt erpreßt du mich, weißt du das? Jetzt bist du nicht die Spur besser als damals Stig. Ja, sieh mich ruhig so an, das mein’ ich“, sagt sie und wischt sich die Tränen mit dem Handrücken ab.
„Du weinst doch nicht?“
„Nein“, schnieft sie verärgert. „Nein, ich wein’ nicht. Ich bin wütend. Das ist nicht richtig, daß du dich so benimmst. Es gibt noch mehr, was du nicht verstehst. Meine Mutter, ich könnte losheulen, wenn sie mich nur ansieht. Verstehst du das?“
Er beugt sich vor, nimmt ihre Hände. „Lena, wir versuchen’s. Mehr kann ich nicht versprechen, aber wir versuchen’s, ja?“
Sie preßt ihr Gesicht an seinen Handrücken.
„Kjell“, sagt sie leise. „Ich hab’ gewußt, daß du das verstehen würdest. Weißt du, jetzt hab’ ich dich noch viel lieber als je zuvor.“
„Lena“, sagt er und küßt sie vorsichtig. „Lena, mein Mädchen.“
Er bringt sie durch das dichte Schneegestöber nach Hause.
Von weither, eher wie ein Gefühl, hören sie die Musik im Jugendheim. Sonst ist alles still. Keine Straßenlaternen, nur der Widerschein von vereinzelten Türlampen bricht die grauweiße Dunkelheit. Sie halten einander an den Händen, die Stille ist dicht und seltsam, und wieder hat sie das Gefühl, daß sie ganz allein sind, sie und Kjell, in einem Kreis, in den niemand anders eindringen kann. Lange stehen sie am Hafen. Sie hört das vertraute Glucksen des Wassers an den hölzernen Pfählen der Anlegestellen, spürt den Geruch von See und Tang, vertraute Geräusche und Gerüche, die für sie Zuhause bedeuten. Sie hat dasselbe Gefühl wie an ihrem ersten Abend nach dem Schulfest, aber nun erfüllt sie eine andere Freude. Sie legt ihr Gesicht an seine Brust, der Schnee auf dem zottigen Dufflecoatstoff schmilzt unter ihrer Wange, macht sie naß. Er umfaßt ihr Gesicht mit kalten Händen, sie denkt, daß jetzt alles zwischen ihnen neu anfangen wird.
„Du, Lena“, sagt er ernst. „Was du gesagt hast, weißt du, ich bin froh darüber. Das hat mich beeindruckt, verstehst du das? Es gefällt mir, daß ich Respekt vor dem Mädchen haben kann, das ich heiraten will.“
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