Verkehrschaos, Autoabgase, Essensdüfte aus Restaurants und Hamburger-Buden, Theater, Plakate, Gesichter, Kleider, Zeitschriften, Landkarten, Schreibmaschinen, Schuhe, echte südschwedische Mettwurst, Goldschmuck, Biographien, Schallplatten, Teppiche aus der Türkei, Kaffeeduft aus Konditoreien, Pfeifen und Tabakpäckchen, Kristallvasen, Uhren, Bücher, Schmuck, Frauen – Frauen.
Die Frauen.
Die Frauen, die Mädchen, die Mädchenfrauen. Frischgewaschene lange Haare, verwaschene Jeans, weiße T-shirts, Sweatshirts, Röcke, der Rhythmus, die schaukelnden Hinterteile, die prallen Hüften und Brüste. Die Lippen – alle Nuancen von Rot, glänzendes Rot, halboffene Münder, lächelnde Münder, redende Münder, Zungenspitzen und Zähne.
Motorräder, die offene Tür einer Bäckerei, Aktentaschen, blanke Schuhe, gekieste Parkwege, Staßenlampen, Verkehrsampeln, Hotelportiers, die auf Trillerpfeifen blasen, und ein Taxi, das vorfährt, der Fahrer, der herausspringt, die Tasche des Reisenden nimmt und sie in den Kofferraum stellt.
Schließlich wurde ich müde. Ich nahm ein Taxi. Jetzt stellte sich heraus, daß ich in die ganz verkehrte Richtung gegangen war, wir fuhren nämlich denselben Weg wieder zurück, bevor wir in Straßen einbogen, die ich noch nie gesehen hatte.
Völlig ausgepumpt saß ich hinten im Taxi. Meine Augen verschlangen gierig alles, was sie draußen zu sehen bekamen. Ich war hungrig, sehr hungrig und sehr glücklich. Nicht froh oder so, nein – glücklich.
„Meinst du damit, daß du dich okay fühlst?“ hätte Bengt gefragt.
Keine Spur. Glücklich zu sein, ist etwas ganz anderes. Das Wort ist ja leider so mißbraucht und verwässert worden, daß es inzwischen nicht mehr das bedeutet, was es eigentlich bedeutet. Wenn man glücklich ist, pulsiert das Blut in einem völlig einmaligen Rhythmus, die Muskeln und Glieder beginnen schwach zu vibrieren, und die Zunge fühlt sich leicht trocken an.
Ich war glücklich, und ich war geil, ohne geil zu sein. Also, damit meine ich, mein Schwanz lag schlaff an seinem Platz, aber trotzdem vibrierte mein ganzer Unterleib, als ob ich so unerhört geil werden könnte, wie ich es noch nie zuvor gewesen war.
Als das Taxi vor dem Hauseingang in Karlavägen hielt, tropfte meine aufgekratzte Stimmung von mir ab. Mir war klar, daß ich jetzt Tante Agnes treffen würde, und die würde sich wohl nicht so ohne weiteres in diesem geilen, glücklichen feeling unterbringen lassen. Aber das war nicht so schlimm.
Ich bezahlte den Taxifahrer und gab ihm zehn Kronen als Trinkgeld. Das schien er mit gemischten Gefühlen aufzunehmen. Er nahm den Schein mit spitzen Fingern entgegen – wahrscheinlich glaubte er, daß ich ihn geklaut hatte. Typisch ...
Also, eines weiß ich ganz bestimmt – ich möchte nie im Leben „erwachsen“ werden. Das erscheint mir nämlich schrecklich trist und öde. Die einzigen Vorteile sind, daß man mehr Geld verdient, jede Menge Wein und Bier trinken darf und Frauen kennenlernen kann.
Leider finde ich Wein echt zum Kotzen, mir wird schlecht, wenn ich nur daran rieche. Und das ist natürlich weniger gut. Aber eines Tages, eines Tages werde ich lernen, Wein zu mögen, und dann werde ich mir in der Gesellschaft einer schönen, berückenden Frau mit exklusiven Weinen einen angenehm leichten Rausch antrinken.
Tante Agnes war bestimmt nie eine Frau gewesen. Aber sie war trotzdem in Ordnung.
Als sie aufmachte, sah sie mich lächelnd an und sagte:
„Nanu, du bist ja schon wieder gewachsen. Wie lang willst du eigentlich noch werden? Aber komm doch rein, komm rein, du bist ja ganz durchnäßt.“
Und damit trat ich in die große Vierzimmerwohnung, die fast eine Kopie der Wohnung meiner Großmutter war, nur war Großmutters Wohnung viel kleiner. Vielleicht gibt es besondere „Tantenwohnungen“ mit besonderen „Tanteneinrichtungen“?
Tante Agnes hatte in der Küche gedeckt und fragte, ob ich gleich essen oder lieber vorher noch Kakao trinken wolle?
Es gelang mir, ein Stöhnen zu unterdrücken.
„Eine Tasse Kaffee wäre sehr schön“, sagte ich mit freundlicher Lassie-Stimme.
Tante Agnes unterbrach sich mitten in einem Lächeln, sah leicht verlegen aus und nickte dann energisch.
„Aber natürlich, natürlich.“
Dann saßen wir da in ihrer blitzblanken Küche und tranken ihren gelinde gesagt labbrigen Kaffee. Die Aussicht war nicht ganz so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Was man sah, war ein kleiner viereckiger, asphaltierter Hof mit einem einzigen mickrigen Baum.
Aber Tange Agnes’ Zimtschnecken waren ganz große Klasse.
Ich versuchte alle Fragen freundlich zu beantworten.
Eigentlich – während ich so dasaß und quasselte, war ich mächtig enttäuscht. Tief enttäuscht. Aber, okay, klar, Tante Agnes war echt in Ordnung, in jeder Beziehung, nur – sie war eben meine Tante. Und irgendwie hatte ich das Gefühl, als hielte sie mich dadurch daheim fest. Sie war Familie, und ohne es zu wollen, übertrug sie dieses erstickende Gefühl, das ich doch unbedingt hatte loswerden wollen. Tante Agnes nahm meiner ganzen Befreiungsaktion die Spitze, machte sie zu einer halben Sache, und ich hasse halbe Sachen. All or nothing muß es sein, all or nothing.
Nach ausführlichen Anweisungen und Wegbeschreibungen nahm ich nach dem Kaffee einen Bus zum Bahnhof zurück. Ich holte meinen zweiten Koffer und trabte dann den ganzen Weg nach Östermalm zu Fuß – und diesmal fand ich den Weg ganz ohne Probleme.
Während des Spaziergangs ließ die Enttäuschung nach.
Eine halbe Sache war schließlich besser als gar keine Sache, dachte ich. Vielleicht sollte ich nicht immer so verdammt kategorisch sein. All or half or nothing, wäre vielleicht vorzuziehen. „All or nothing“ hätte ja bedeutet, daß ich weiterhin im heimatlichen Zombiekaff hätte rumhängen müssen, statt hier die Stockholmer Straßen lang zu latschen. Also mußte auch eine halbe Sache in gewissen Situationen relativ akzeptabel sein.
Abends blieb ich noch ein Weilchen vor dem Fernseher sitzen, dann gähnte ich und sagte, jetzt wolle ich auspakken und ins Bett gehen.
„Ja, du wirst ganz schön müde sein“, sagte Tante Agnes. „Komm, ich mach dir gleich das Bett.“
„Nicht nötig“, wandte ich ein, „das kann ich selbst machen.“
„Nein, nein, laß nur, das mach ich schon.“
Sie schaltete den Fernseher aus, holte Leintücher und Kissenbezüge hervor und begann herumzuwirtschaften. Ich durfte gar nichts tun.
Nach vielem Hin und Her und freundlichen Erkundigungen, was ich zum Frühstück wolle und wann ich geweckt werden wolle, ging sie schließlich und schloß die Tür hinter sich.
Ich lehnte mich dagegen und atmete aus.
Das Zimmer lag abwartend in der Dämmerung vor mir. An strategischen Punkten waren kleine Lämpchen mit irren Schirmen aufgestellt. Auf einem Tischchen neben einem Bücherregal ohne Bücher stand ein altertümliches Radio. Die Regale waren mit zahllosen kleinen Keramikund Glastieren gefüllt – Hunde, Katzen, Giraffen, Löwen, Krokodile, Pferde – und nochmals Hunde.
An den Wänden hingen ein paar Bilder mit grellen Farben, die mir nichts sagten. Ein Bild oberhalb des Radios fing allerdings meinen Blick ein, weil es nicht gemalt war, sondern ein gerahmtes, vergrößertes Schwarzweiß-Foto.
Das Bild war recht vergilbt, und die beiden Mädchen, die dort an einem Zaun lehnten, mußten vor langer Zeit jung gewesen sein. Sie lachten entspannt in die Kamera, und neben der einen war ein Fahrrad zu sehen. Hinter ihnen breitete sich eine urschwedische Wiese aus, und der Himmel war von bauschigen weißen Wolken bedeckt.
Ich trat näher hin und glaubte, bei einem der Mädchen Tante Agnes’ Gesichtszüge zu erkennen. Als ich eines der Lämpchen näher hinschob, erkannte ich, daß es gar nicht Tante Agnes war – es war meine Mutter. My Lord, dachte ich stöhnend, muß man jetzt auch noch seine eigene Ahnfrau an der Wand haben!
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