Und Neger ...
Also, da muß doch irgendwo ein Fehler unterlaufen sein, glaube ich. Vielleicht so: als Gott seine Grosse Strafe verteilte, erklärte er seinen Unterlingen, wie sie zuwege gehen sollten, und da sagte er wahrscheinlich etwas ähnliches wie:
„Und die Strafe soll nur jene treffen, deren Seelen ganz schwarz sind, die Sünder mit dem allerfinstersten Gewissen ...“
Er drückt sich ja meistens so undeutlich und verschwommen aus. Und die Unterlinge, die Unterlinge, die wie üblich vor sich hindösten, während der Alte quasselte, die glaubten, er hätte „die Schwarzen und die Sünder“ gesagt. Und dann gingen sie ans Werk und hätten fast ganz Afrika ausgelöscht.
Das war ein echter Schnitzer!
Aber Aids oder nicht, dachte ich – in Stockholm gibt es sie, in Stockholm gibt es Sie, dort gibt es eine Frau, eine Frau für mich.
In Stockholm gibt es Tante Agnes, sagte eine spöttische Stimme, und Tante Agnes – das klingt wie eine alte Zimtziege aus einem Lore-Roman.
Ja, das finde ich auch. Aber ich kann nichts dafür – die Schwester meiner Mutter heißt nun mal Tante Agnes.
Nein, natürlich heißt sie nicht Tante Agnes, sondern nur Agnes. Aber da sie meine Tante ist, wird es eben so, man nennt sie Tanteagnes, als wäre es ein einziger Name.
Sie wohnt in Karlavägen, mitten in der hochgestochenen Gegend von Östermalm, wenn ich mich nicht irre. In der Nähe von Karlaplan hat sie eine große Vierzimmerwohnung in einem Eckhaus. Und in einem dieser vier Zimmer sollte ich also einquartiert werden.
Ich hatte sie erst dreimal getroffen. An die beiden ersten Male konnte ich mich nicht erinnern, damals war ich nämlich so klein, daß ich kaum sprechen konnte. Das dritte Mal war vor fünf oder sechs Jahren, da haben wir sie in Stockholm besucht. Damals kam Tante Agnes mir schrecklich alt vor, aber das lag wahrscheinlich daran, daß ich selbst noch schrecklich jung war. Die Jüngste war sie selbstverständlich nicht mehr, immerhin ist sie sieben Jahre älter als meine Mutter.
Natürlich war es ziemlich peinlich, daß ich bei Tante Agnes wohnen mußte. Aber es war immerhin Stockholm. Und in Stockholm wartete ein neues Leben auf mich – A Brand New Life.
Dort würde alles anders werden, davon war ich überzeugt. Ich würde den lahmarschigen Jungen hinter mir lassen, in den mich das Zombiekaff verwandelt hatte, und mit ihm auch all die Zombies, die dort lebten. Wenn ich das alles erst mal hinter mir hätte, würde es mir sehr viel besser gehen. A new career in a new town, wie Bowie einmal sagte.
Doch, natürlich hatte ich das auch schon gehört – daß man vor sich selbst nicht fliehen kann. Davon war ich allerdings nicht restlos überzeugt. Und außerdem hatte ich das ja gar nicht vor – ich wollte zu mir selbst fliehen, so war das. Und ich mußte es wenigstens testen. Vielleicht würde es mir in Stockholm ja genauso mies gehen, aber ich war davon überzeugt, daß es viel mehr bringen würde, mich im Big Burger am Stockholmer Stureplan bekotzt zu fühlen als vor Börjes Grill daheim am Marktplatz.
Schlimmer konnte es auf jeden Fall nicht werden.
Die ersten Anfälle, oder wie man es sonst nennen soll, bekam ich im Herbst des Jahres, bevor ich den Bettel hinschmiß.
Das muß echt superdämlich ausgesehen haben. Hätte ich mich selbst sehen können, hätte ich bestimmt zynisch und roh über mich gelacht. Also, das sah so aus: Mitten im Gewimmel (so wimmelig, wie es in diesem Kaff eben werden konnte) auf unserem Einkaufsboulevard numero uno latschte ich vor mich hin. Es war ein Samstagvormittag, ein dumpf herbstfarbener Samstag im Oktober. Und da ging ich und schlenkerte mit einer Einkaufstüte.
Und dann, ganz plötzlich, erstarrte ich. Irgendwie wurde ich mitten in einem Schritt gelähmt. Mit einem Fuß in der Luft blieb ich stehen und bekam einen totalen blackout. Ich kauerte mich hin, als würde ich wahnsinnig frieren oder als hätte ich einen Krampf, und dann kniff ich die Augen zu und versuchte, die Arme tröstend um mich selbst zu schlingen.
Das muß ganz einfach umwerfend komisch ausgesehen haben.
In Wirklichkeit war es alles andere als komisch – es war echt beschissen.
Das erste Signal war ein Stich in die Magengrube, und dann drückte irgendein abgefeimter Sadist mir einen Riesenstein mit scharfen Spitzen und Kanten in die Innereien. Der besagte Stein war ein Mühlstein, der mit raffinierter Langsamkeit begann, mich innerlich total zu zermalmen.
Ich fühlte mich einsam. Fürchterlich einsam. Total verlassen und total ausgeliefert. Gleichzeitig wurde mir ein großes schwarzes Tuch aus Trauer umgehängt.
Ich trauerte ganz einfach um mich selbst.
Und nicht genug damit, ich bekam außerdem eine Wahnsinnsangst. Angst vor dem Tod und Angst vor dem Leben, Angst vor Menschen und Angst vor Einsamkeit ...
Ich war fest davon überzeugt, daß ich auf der Stelle sterben würde.
Das tat ich aber nicht. Mit übermenschlicher Anstrengung gelang es mir, die Augen zu öffnen und mich aufzurichten. Verwirrt lief ich davon und spürte, wie alle hinter mir hergafften.
So war es beim ersten Mal. Danach kam es immer häufiger vor, daß ich von ähnlichen Anfällen psychischer Übelkeit niedergeknüppelt wurde. Es war ganz schön bekackt. Bald raste ich aus, dachte ich, bald verwandle ich mich in einen lallenden Idioten, oder ich bekomme einen Tobsuchtsanfall und werde lebensgefährlich. Bestimmt bin ich reif für die Klapsmühle, demnächst kommen sie und holen mich und fangen an, mit der Zwangsjacke vor mir herumzuwedeln.
Gleichzeitig überkam mich das Gefühl, daß alles – Tout, wie es auf französisch heißt – völlig sinnlos war. Die Schule war die reine Pest und völlig wertlos, mir war klar, daß es diese Einrichtung nur gab, damit man nicht in der Stadt herumlungerte und anfing, lästige Fragen zu stellen.
Ich haßte die Stadt und die engen Straßen, wo das Leben zäh an einem vorüberfloß, ungefähr wie brauner, klebriger Sirup. Pfui Spinne.
Ich haßte mich selbst, wagte meinem Blick im Spiegel nicht mehr zu begegnen. Ich fühlte, wie ich mich Tag für Tag auf eine verheerende Katastrophe zubewegte – ich wußte nicht, was, ich wußte nur, daß sie über mich hereinbrechen würde.
Ich bin eben down, dachte ich, das gibt sich.
Es wurde nur noch schlimmer.
Tag für Tag. Schlimmer und schlimmer.
Natürlich hatte ich schon mal was von der Pubertät gehört, aber die hatte ich meiner Ansicht nach bereits erledigt. Ich war der Meinung, die Pubertät sei überstanden, nachdem die Stimme zusammengebrochen war und man zum erstenmal onaniert hatte.
„Onanieren“, das klingt doch echt peinlich, oder?
Und wenn man es statt dessen so ausdrückt:
„Nachdem man zum erstenmal gewichst hat.“
Das klingt ja auch nicht gerade viel besser.
Auf jeden Fall: damit glaubte ich, die Pubertät hinter mich gebracht zu haben, aber ganz so einfach war es vielleicht doch nicht. Na ja, was spielte das schließlich für eine Rolle? Also, ich meine nur, das, was eine Rolle spielte – das, was die Hauptrolle spielte, war ja die Tatsache, daß es mir mit jedem einzelnen Tag beschissener ging.
Ich fand meine Mitschüler unerträglich beschränkt, einfältig und bescheuert. (Das finde ich immer noch, in diesem Punkt hatte ich auf jeden Fall recht.)
Ich fand die Stadt provinziell, spießig und einfach Wahnsinnig öde. (Und das ist sie auch – damit hatte ich also auch recht.)
Ich fand meine Eltern lächerlich und ätzend. An und für sich waren sie wohl recht liebe Eltern, aber was heißt das schon? Konnte man das nicht eigentlich von ihnen erwarten? Ich hatte nicht darum gebeten, auf die Welt kommen zu dürfen, es war schließlich ihre Schuld, daß es mich gab, nicht wahr?
Und ich fühlte mich einsam.
Wahnsinnig einsam.
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