Langsam fuhr die Zugbrücke hoch.
Die beiden Ermittler hatten sich in Schale geworfen. Küps trug seinen Beerdigungsanzug für alle Gelegenheiten, Brandeisen einen klassischen Smoking mit Kummerbund. Noch bevor er an die eisenbeschlagene Tür des Palas klopfen konnte, schwang sie geräuschlos auf.
Ein Butler von erdgeschichtlichem Alter empfing sie.Offenbar war er stumm. Er nickte und geleitete die Ankömmlinge ins Innere.
Brandeisen hatte schon viele Schlösser gesehen. Doch Fahlenstein setzte allen die Krone auf. In der Halle hingen Gobelins, kunstreich gewirkt und farbenprächtig wie am Tag ihres Entstehens. Komplette Ritterrüstungen zierten die Ecken, poliert und geölt, als stünde das nächste Turnier just bevor. Der Boden bestand aus schwarzem Marmor.
Küps wollte gerade fragen, warum die Wandteppiche schauerliche Folterszenen zeigten. Und warum die Rüstungen große, klaffende Löcher in Brusthöhe aufwiesen – als er ein Geräusch wahrnahm.
Eine Orgel.
Der Butler hatte sich in Luft aufgelöst, also nahmen sie die einzige offen stehende Tür, gelangten in einen schmucklosen, klösterlich anmutenden Gang und folgten den Klängen. Es war das Via Crucis von Liszt, wie Brandeisen sogleich bemerkte, eine musikalische Meditation über die Stationen des Kreuzwegs. Die Halbtonwanderungen der Orgel wirkten einsam und verloren, zerrissen zwischen Kontemplation und dunkler Verzweiflung. Gleiches galt für den Bariton, der in klagendem Tonfall »Ave, ave, crux!« verkündete.
Sie betraten die Kapelle derer zu Fahlenstein. Der Raum besaß nur ein paar schießschartengleiche Fenster knapp unter der Decke und lag im Zwielicht des scheidenden Tages. Kirchlichen Zwecken diente er wohl nicht mehr, da Kreuze und andere christliche Symbole fehlten. Brandeisen bewunderte das gotische Maßwerk, während Küps an seine Ministrantenzeit denken musste und an die Tracht Prügel, als er beim Messweinsüffeln erwischt worden war.
Der Freiherr spielte das Stück zu Ende. Dann stieg er über eine verborgene Treppe von der Orgelempore herab und begrüßte seine Gäste. »Die Herren Gesetzeshüter. Willkommen in meinem Reich!«
Auch er trug einen Smoking. Unter der schwarzen Fliege glänzte ein sternförmiger Orden. Ebenso groß an Wuchs wie der Staatsanwalt wirkte er erstaunlich jung, obwohl er an die neunzig Lenze zählen durfte. Seine Augen waren wach und forschend, die Züge scharf geschnitten. In dem schwarzen, mit Brillantine nach hinten gekämmten Haar zeigten sich allerdings graue Strähnen. Und sein Teint passte zum Familiennamen: fahl wie das Pferd des vierten apokalyptischen Reiters, dem bekanntermaßen die Unterwelt hinterherzieht.
»Welch expressiver Vortrag!« Brandeisen machte einen Bückling. »Liszt ist immer ein faszinierendes Hörerlebnis. Doch kommen die Nuancen des Orgelparts nur durch einen begnadeten Interpreten und ein gutes Instrument voll zur Geltung.«
»Ah, ein Freund der Musik.« Zu Fahlenstein deutete eine Verbeugung an. »Und ein Meister des Kompliments.«
»Gestatten, Brandeisen. Haben Sie Dank, dass Sie uns Ihre wertvolle Zeit schenken.«
Der Freiherr winkte ab. »Die Zeit ist ein endloses Meer. Leider leben nur wenige an ihrem Ufer.« Damit wandte er sich Küps zu. »Dann müssen Sie der Kommissar mit dem grünen Daumen sein.«
»Entschuldigung?«
»Ich weiß alles über Sie, Ihr Ruf eilt Ihnen voraus. Ein Polizist mit Sinn für das Füllhorn der Natur, das ist etwas Besonderes.«
»Na ja …«
»Ich bin gespannt, was ein Fachmann wie Sie zu meinem Mitternachtsgarten sagt.« Mit einer einladenden Geste forderte er die beiden Ermittler auf, die Kapelle zu verlassen. »Das Diner beginnt in einer Stunde. Begleiten Sie mich bis dahin auf einen kleinen Rundgang. Wir haben hier selten Besucher.«
Brandeisen und Küps kamen aus dem Staunen nicht heraus. Das Schloss war wie ein Gemälde, eine dunkle Schönheit, ebenmäßig und elegant, die Handwerksarbeit exquisit. Beim Betreten der einzelnen Räume hatte man den Eindruck, als würden sie nach langem Schlaf zum Leben erwachen und nur zögerlich ihre Kostbarkeiten preisgeben: der Salon mit Louis-XV.-Möbeln, ein Porzellankabinett, das Billardzimmer, die Säbel- und Pistolenreihen der Waffenkammer, eine mit schweren Stoffbahnen verschattete Galerie. Doch im Schein des flackernden Gaslichts war kein Staubkorn oder gar eine Spinnwebe zu entdecken.
»Ist es nicht furchtbar aufwendig, das alles instand zu halten?«, wollte Brandeisen wissen.
»Nicht der Rede wert«, entgegnete der Freiherr. »Heißt es nicht: Tradition verpflichtet?« Er öffnete eine mit Intarsien verzierte Flügeltür und führte seine Gäste in die Bibliothek.
Der Staatsanwalt schnappte schier über. In endlos hohen Zedernholzregalen war hier ein Eldorado des Wissens und der Künste versammelt. Schon ein flüchtiger Blick auf die Buchrücken, etwa auf eine fränkische Rechtsgeschichte des Mittelalters, als Körperstrafen noch eine bewährte, judizielle Praxis gewesen waren, sagte ihm: Wo du bist, will ich bleiben. Und lagen in den Schaukästen nicht Original-Partituren von E. T. A. Hoffmann?
»Möchten Sie ein wenig stöbern?«, fragte zu Fahlenstein.
»Mit dem größten Vergnügen!«
»Dann lassen wir Sie allein. Aber bedenken Sie: Nicht alles, was geschrieben steht, ist für die Augen Sterblicher bestimmt.«
Der Freiherr beschleunigte seinen Schritt, der mehr ein lautloses Dahingleiten war, und brachte Küps zum Wintergarten.
Der Kommissar hatte ein nostalgisches Ambiente erwartet, mit Palmen, Zitronenbäumchen und Rattanmöbeln. Doch fand er sich in einem hochmodernen Gewächshaus wieder: automatisierte Bewässerung, Heizung, Natrium- und Metalldampflampen zur künstlichen Beleuchtung sowie ein Energieschirm, der Wärmeverluste verhinderte und zugleich der Verdunkelung diente. Die Beete befanden sich auf verschiebbaren Rolltischen. Prompt erspähte Küps einen Schwarzkümmel, der gerade in Blüte stand, und nahm ihn näher in Augenschein.
»Schon der Prophet Mohammed schätzte diese Gewürzpflanze«, erklärte zu Fahlenstein. »Schwarzkümmel heilt jede Krankheit – nur nicht den Tod. So ist es überliefert.«
Küps strahlte. Sogleich entdeckte er weitere seltene Kräuter, thailändisches Pfefferblatt, Süßkraut, Weinraute und Gotu Kola, wie auf einem Schildchen vermerkt war.
»Ein Doldenblütler aus Indien. Regelmäßiger Verzehr soll verjüngend auf das Gehirn wirken.« Der Freiherr pflückte ein Blatt und steckte es in den Mund. »Ich gebe davon gern etwas in den Tee.«
»Was soll ich sagen? Respekt!«
»Wir haben auch Pflanzen, die der Gesundheit weniger zuträglich sind.« Sie gingen durch die Kräuterreihen und kamen in die Abteilung der Nachtschattengewächse. »Varietäten der Tollkirsche, Stechapfel, Bilsenkraut. Oder hier, die legendenumwobene Alraune. Ihre Wurzel hat manchmal die Form eines menschlichen Körpers. Sie nur aus der Erde zu ziehen, galt in früheren Zeiten als tödlich.«
Der Kommissar lachte. »Wie ein Hexenmeister sehen Sie mir nicht aus.«
»Ein Gärtner ist auch ein Bewahrer, meinen Sie nicht?« Zu Fahlenstein strich behutsam über die Alraunenblätter und setzte seine Führung fort. »Vermutlich fragen Sie sich, ob ein alter Kauz wie ich überhaupt Verwendung für eine solche Vielfalt an Gewächsen hat. Und wenn Sie es für einen Spleen halten, bekenne ich mich schuldig in allen Punkten der Anklage.« Vor einem weiteren Beet blieb er stehen. »Dies ist mein ganzer Stolz. Die Gattung Capsicum, auch als Paprika, Chili oder Peperoni bezeichnet.«
Chilipflanzen dehnten sich ins Unendliche, mit roten, gelben, grünen, violetten Schoten, in länglicher, bauchiger, konischer Form.
»Wir haben hier die klassische mexikanische Chili beziehungsweise Cayenne. Des Weiteren Kirschpaprika, Piment d’Espelette, Pimenton de la Vera, Habañero, Jalapeño, Thai-Chili, Malagueta aus Afrika. Und natürlich Bhut-Jolokia, die indische Geisterchili. Um nur einige zu nennen.«
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