Ah, hier, Christian Morgenstern. Wie so viele hat auch er über die Rose gesungen.
Oh, wer um alle Rosen wüßte,
Die rings in stillen Gärten stehen –
Oh, wer um alle wüßte, müßte
Wie im Rausch durchs Leben gehen.
Oder das schmale Bändchen hier, von Vita Sackville-West über ihren Garten in Sissinghurst Castle. Einmal war ich dort, in Kent, mit Rogiers Mutter Rita zusammen, herrje, das war in den Sechzigern.
Wir trugen große Sonnenbrillen und kurze Röcke und kicherten und genossen den ersten und einzigen Urlaub im Ausland, nachdem zu Hause, wie wir wussten – oder ahnten wir es nur? – Mann und Haus und Kind und eine Zukunft voller Arbeit auf uns warten würden. Ich weiß nicht, wie es kam, aber wir sind später beide nicht mehr gereist. Rita traf ihren Franzosen und bekam Rogier, als er schon wieder fort war. Und ich, ich blieb meinen Rosen treu.
Reynolds Holes A book about Roses war einer der ersten Bestseller überhaupt. Der Mann war Geistlicher, aber er hat nicht übertrieben. Betreten Sie den Rosengarten, wenn das erste Sonnenlicht auf dem Tau glänzt, und genießen Sie mit dankbarer Freude einen der schönsten Anblicke auf Erden. Klingt das für Sie banal? Ich verstehe jedes Wort, das er schreibt. Ich fühle die Wahrheit darin. Dankbare Freude. Ja, die habe ich in meinem Garten mein Lebtag lang empfunden.
Das muss ich sagen, ich muss es Rogier erklären. Es war nie etwas anderes im Spiel als Dankbarkeit, Demut und Freundschaft.
»Du hast meine Mutter umgebracht.« Er hielt sich nicht lange mit Überleitungen auf, als er endlich kam. Fast pünktlich, nur ein klein wenig zu spät, damit ich begriff, wie die Machtverhältnisse zwischen uns verteilt waren. Er beachtete das Glühen der orangefarbenen »Westerland« nicht, nicht das füllige Spiel der »Auguste Renoir«. Sein Blick versenkte die Aquarelle und Porzellanbouqets, die rosenbestickten Servietten und Spitzendecken in einem Abgrund aus Verachtung und früh einsetzender Dämmerung. Ich war froh, dass es so rasch dunkel wurde.
»Ja«, erwiderte ich. Ehrlich zu sein war die einzige Möglichkeit, ihn noch zu verblüffen, ihn innehalten zu lassen, damit er mir zuhörte. Die Pacht, dachte ich. Die Pfändung. Irgendwie mussten wir auf diese Themen kommen. Doch vor der Erlösung lag das Geständnis. Es sollte mir nicht schwerfallen. Ihm brannte nach all den Jahren bei dem Gedanken an Rita noch das Herz. Meines war so kalt wie meine Altfrauen-finger.
»Ja«, gab ich also zu. »Das stimmt. Ich habe sie getötet.« Ich machte eine Pause, da er aufzuspringen drohte, um sich auf mich zu stürzen. Die Stille bewirkte Gott sei Dank, dass er zu sich kam und sich wieder in den Sessel fallen ließ. In seinem Gesicht war Wut. Aber auch ein stiller Triumph. Nach all den Jahren bekam er endlich recht. Und ich gab ihm das Geschenk, nach dem er sich so lange gesehnt hatte. Gab, um etwas zurückzuerhalten.
»Sie wusste, dass sie sterben würde. Sie hatte Schmerzen und sie hatte Angst, dass es noch mehr werden würden. Mehr, als sie ertragen könnte.« Meine arme Rita. Gleich der Rose welkt sie hin? Nein, sie welkte in Blut und Schweiß und Kot. Schmerz und Gestank und Ekel waren ihre Begleiter.
Er widersprach. »Sie war immer so tapfer. Sie hat jeden Tag gelächelt. Sie hat mir am Vortag versprochen, wir würden wieder in den Garten gehen.«
»Das hat sie für dich getan, Rogier.« Ich schüttelte den Kopf. »Sie wollte nicht, dass du verzweifelst, das war alles.«
»Du meinst, meine Mutter hat mich angelogen? Du … Du hast keine Ahnung. Maman und ich waren so vertraut, wie zwei Menschen nur sein konnten.«
Ich schaute aus dem Fenster. Die Spiegelung verbarg meinen Garten. Man sah nur uns in unseren Sesseln, den Teetisch dazwischen. Ihn groß, aufrecht, von der Seite, mich von vorne, fast verschwunden zwischen den Kissen, kaum mehr vorhanden, zerknittert, schuldig, hässlich.
Das war ich nicht immer. Rita und ich, wir waren einst wie meine Rosen, weich und duftend und schön. Wir prangten in Schönheit und wußten es nicht.
Heute ist das nurmehr Kitsch, damals war es so selbstverständlich, dass wir nicht darüber nachdachten. Nie, nie war die Zeit, da wir es schätzten. Da wir darauf bestanden, auch glücklich zu sein. Erst, als es zu spät war. »Schau mich an«, hatte sie gesagt, als sie dalag, aufgedunsen von den Medikamenten. »Da habe ich immer darauf gehofft, dass endlich ein bisschen Leben … und jetzt … nein, schau mich nicht an. Hilf mir.«
Und ich habe geholfen. Habe ihre Hand gehalten, bis alles vorbei war. Wir brauchten nicht mehr zu reden.
»Ich gab ihr den Eisenhut«, sagte ich. »Es hat keine Stunde gedauert. Der Mohnsaft hat es ihr leichter gemacht.«
Rogier hieb mit der Faust auf die Lehne. »Wie oft flehte ich den Arzt an, eine Autopsie zu machen. Aber alle haben mich behandelt wie einen Idioten. ›Ihre Zeit war gekommen.‹« Höhnisch ahmte er den Ton der Frauen nach, die ihn damals zu trösten suchten. »Und erst der Pfarrer: ›Gott hat sie zu sich genommen, mein Sohn.‹ Mein Sohn, pah.« Er spuckte beinahe aus. »Ich war ihr Sohn. Sie war alles, was ich hatte. Und du hast sie ermordet.«
Ich schwieg. Sollte ich ihm sagen, dass ich Rita geliebt hatte und sie mich? Die Pacht, schoss es mir durch den Kopf.
»Und du hast es nicht das erste Mal getan, nicht wahr? Und nicht das letzte Mal.« Er legte einen Ordner auf den Tisch. Wo hatte er den gehabt? Unter der Jacke, in der Tasche? Ich musste besser aufpassen. Er war so viel größer, so viel stärker als ich. Ich hatte nur meine Stimme und den Rest meines Verstandes. Wenn das hier funktionieren sollte, musste ich mich zusammenreißen. Rogier gehörte das Haus, ihm gehörte der Grund, bis hin zu der bröckelnden Ziegelmauer hinten, die mich von den Streuobstwiesen abschloss. Und von Ritas Heim. Am Fuß dieser Mauer habe ich eine Kaskadenrose gepflanzt, und Katzenminze für Schneeweiß, die dort gerne in der Sonne lag.
»Miau.« Meine alte Weiße wollte hinaus. Ich hievte mich aus dem Sessel, überließ Rogier dem Blättern in seinen Akten, die er zusammengetragen hatte, all die Jahre, gehegt, gepflegt, geharkt, gemulcht, gedüngt mit Hass. Was war mir da herangewachsen? »Geh, Alte«, flüsterte ich. Sie verschwand hinaus in die Nacht, die um fünf schon begonnen hatte. Es war kalt.
Als ich zurückkam, zitterte ich.
»Du brauchst das nicht, Rogier«, sagte ich und wies auf die Papiere, ehe ich die Arme verschränkte und die kalten Finger unter die Achseln steckte. So sah er auch mein Zittern nicht. »Ich habe dich eingeladen, um dir alles zu erzählen. Und das werde ich tun. Weil du ein Recht darauf hast«, sagte ich, als ich seinen überraschten, aber auch misstrauischen Blick bemerkte. »Weil ich bald sterben werde. Und weil ich eine Bitte an dich habe.«
Er lachte, es war nur ein kurzes Schnauben. »Du hast Angst, dass ich dich aus deiner Hütte jage, alte Hexe.« Rogier nickte. Dann lehnte auch er sich zurück. »Also, lass mal hören.«
So begann ich meine Erzählung. Begann mit meiner Mutter, in den Jahren während des Krieges, die, schwanger geworden von einem Mann, der auf Urlaub von der Ostfront nur für wenige Tage da war, ihr Kind abtrieb. Damit ihr die anderen, die schon da waren, nicht verhungerten. Pfingstrose nimmt man dafür. Von ihr habe ich es gelernt. Half später so einer jungen Nichte, half mir selber. Alfons war untröstlich, als das Kind abging. Geschah ihm nur recht. Einem, der mich schlug, dem trug ich kein Kind aus.
»Die Reste sind alle im Garten begraben«, sagte ich. Sagte nicht, dass ich sie manchmal sah, mein Schwesterchen mit den Riemchenschuhen, die statt ihrer ich auftrug in den Vierzigern und Fünfzigern. Margits Kleines, deren Geschwister später, als die Zeit für Kinder reif war, Holzclogs trugen und durch meinen Garten tobten. Und mein eigenes Kind. Seltsam, so habe ich eigentlich nie an den Fötus gedacht. Es war immer Alfons’ Junge, sein Stammhalter, für den er schon im zweiten Monat Fußballschuhe gekauft hatte. Aus den Augenwinkeln schaute ich in die leere Ecke am Regal, da konnte ich sie sehen, verdreckt, zerknautscht, mit geknotetem Schnürsenkel, darüber die grün verschmierten kleinen Schienbeine.
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